10.08.1950

EULENSPIEGEL / FESTSPIELEDer alte Herr lebt noch

Möllns Bürger müssen pappimitierte Stadttore passieren, wenn sie ins Rathaus wollen. Mit ihnen wurde der 600jährige Backsteinbau als stilechte Freilichtkulisse garniert, für die "Festspiele des Nordens", das Möllner Eulenspiegel-Spiel. Bürgerschaftsvorsteher Rudolf Marcellus Michelsen (63, CDU-Parteibuch, Getreidegroßhändler, Präsident dieser Berufsorganisation) möchte nämlich seine lauenburgische 16000-Seelen-Stadt Mölln zum "geistvoll-humorigen Oberammergau" machen.
In Mölln ist Eulenspiegel 1350 gestorben. Nicht umsonst. Heute noch verzeihen die Möllner sich ihre kleinen und großen Unzulänglichkeiten verständig lächelnd mit einem "He lewet noch, de oole Herr!" Er lebt noch, der alte Herr.
R. M. Michelsen wollte ihn leibhaftig in Möllns Mauern haben. Durch ein alljährlich wiederkehrendes Festspiel. Er fuhr nach Oberstdorf zu Carl Zuckmayer, und der war bereit, den Festspiel-Autor zu machen. Unter Vorbehalt: "Es muß mich anwehen."
Als Zuckmayer Weihnachten 49 erkrankte, hatte es noch nicht geweht. Michelsen sah für die 600-Jahr-Festspielwoche schwarz, weil Zuckmayer telegraphierte, er werde vermutlich erst zur Tausendjahrfeier fertig.
Der Eulenspiegel-Stadtvater überlegte. "Dann ein Gäste-anziehender Hauptdarsteller!" Telegramm an Günther Lüders, Städtische Bühnen Düsseldorf: "Uebernehmen Sie Eulenspiegelrolle?" Am nächsten Morgen war das gekabelte Ja da.
Das Angebot hatte in eine weiche Seelenstelle Lüders' gepiekt. Schon vor sechzehn Jahren vertraute der damalige "Etappenhasen-Held" seiner Schwester in Lübeck als Zukunftswunsch an: "Ich möchte einmal Till Eulenspiegel spielen."
Weisenborn und andere Autoren, die sich bisher an dem niederdeutschen Volksnarren dramatisch versuchten, entsprachen nicht der Lüderschen Auffassung. Für ihn ist Eulenspiegel das, was die Sagen überliefern. Aehnlich wie Shakespeares Narren, aber doch nicht genau so. Nicht Narr eines Herrschers, sondern des Mannes auf der Straße.
"Einen Einsamen in der Masse", wollte Lüders, "der einen schwarzen Fleck sieht, darauf tippt und, wenn man das nicht fühlt, zusticht und sagt: Ein Loch hat jeder, aber darauf aufmerksam gemacht sein und trotzdem darauf stinken, das darf man nicht."
Den Autor für solch eine Eulenspiegel-Auffassung hatte Lüders am direkten Düsseldorfer Draht. Den 36jährigen Wolf von Niebelschütz, den Dichter des umfänglichen Romans vom "Blauen Kammerherrn" (siehe Spiegel Nr. 31/49). Nachts um 1 Uhr rief Günther Lüders den Freund von der Fatty-Künstlerbar aus an.
Obwohl bei Niebelschütz "nachts um 1 Uhr Vormittag ist", war ihm bei diesem Telefonat nicht ganz wohl. "Ich mußte frech schwindeln" - nämlich daß ihm der Eulenspiegelstoff ein Begriff sei. Es war ihm keiner. Bis er das Volksbuch von 1515 durchgeackert hatte.
"Die Historien sind absolut undramatisch", fand er und war davon noch überzeugt, als er auf Möllner Stadtsäckelkosten drei Tage lang örtliche Inspirationsluft geschnuppert hatte. Am vierten Tag wirkte sie. "Ich hab's!" Damit fuhr er ab.
Dann knotete Wolf von Niebelschütz zwölf Nächte lang Historie an Historie auf den roten Faden: Till Eulenspiegels Wahl zum Bürgermeister und sein Tod im Arm der Mutter. In 2000 ungereimten Versen. Ungewollt symbolhaft: Ein ganzes Leben ist vor Gott nur ein Tag. Eine Komödie in einem Aufzug.
Aus diesem einen 135-Minuten-Aufzug mit Vorspiel und Epilog können nun täglich 900 Festspielgäste auf Schmalspurholzbänken vor dem Möllner Rathaus Eulenspiegel-Lebensweisheit im Konzentrat ziehen ("Witz ist Mut vor Gott, vor den Menschen und vor sich selber"). Mit einigen Textlängen, im Kraftton des 14. Jahrhunderts.
Wolf von Niebelschütz hatte, schon auf Obersekunda gelernt, daß dies eine der rauhesten Zeiten war, und erkannte: "Eulenspiegel war ein waschechter derber Kerl seines Jahrhunderts". Also: "Mußte ausgesprochen werden, was heute Schweinerei sein könnte, wenn es nicht als dramaturgisch notwendig verfädelt wäre."
Wolf von Niebelschütz verfädelte dramaturgisch die herzhaftesten Ausdrücke, er vermied genau, sie reißerisch aufzupfropfen. Deshalb konnten selbst die Uraufführungs-Repräsentationsgäste lachen. Manchmal wurde auch geschwiegen. Denn es wurden Wahrheiten gesagt.
Diesen Eulenspiegel hat von Niebelschütz Freund Lüders auf den Leib geschrieben. Und ihn daran gebunden: "Er darf nur von Lüders gespielt werden".
Lüders hatte sich mit Textbuch und Gründgens-Oberspielleiter Ulrich Erfurth in Richtung Flensburg auf Urlaub abgesetzt. Bei Segelfahrten auf der Flensburger Förde studierten sie gemeinsam den tiefsinnigen Schalk - "die ersehnte Rolle meines Lebens" sagte Lüders.
Elf Laien-Partien wurden mit Möllner Bürgern besetzt. Mit ihnen, einigen Dutzend mittelalterlich kostümierten, ortsansässigen Volksschargen, der Massenkomparserie und den sechs Bühnen-Professionals wurde acht Tage lang auf und vor Möllns Rathausstufen geprobt.
Auf dem guten, alten, buckligen Kopfsteinpflaster des Rathausmarktes verknackste Günther Lüders sich den Fuß. Er war trotzdem der leibhaftige Eulenspiegel 1950, von Beifall umrauscht. Für Bürgerschaftsvorsteher Rudolf Marcellus Michelsen war das ein schönes Pflaster auf die wunde Seele.
Er hat 37000 DM Festspielkosten zu verschmerzen. Von der Kultusministervakanten schleswig-holsteinischen Landesregierung hatte Mölln einen Zuschuß erwartet. Finanzminister Professor Gülich machte ganze 2000 DM für die "Festspiele des Nordens" locker.
36000 DM legten Möllns Geschäftsleute auf den Spendentisch. Davon sind schon 6000 DM für Bildhauer Karl Heinz Gaedkes Eulenspiegel-Brunnen abgezweigt. Der soll im September festlich enthüllt werden. Bis dahin sitzt der bronzene Eulenspiegel in einem Rathauszimmer respektlos auf einem Amtstisch. Er hat, von Bildhauer Gaedke unbeabsichtigt, etwas Aehnlichkeit mit Günther Lüders.

DER SPIEGEL 32/1950
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