17.08.1950

SOLINGENHöchstens die Ramschbuden

Siebzig Jahre lang nagelte Solingens ältester Scherennagler Richard Tillmanns Millionen von Scheren zusammen. Da war eine so gut und scharf wie die andere, und sie fanden alle ihre Abnehmer in Südafrika wie in Britisch-Malaya und in den Staaten.
Altmeister Tillmanns hätte sich mit seinen 84 Jahren schon längst zur Ruhe gesetzt und Jüngere an seine Brotstelle herangelassen, wenn die Solinger Jungens nach dem Kriege nicht alle Lust verloren hätten, Schleifer, Härter oder Reider (Zusammensetzer von Messern) zu werden.
"Sollen wir auch noch am Daumen lutschen, wenn alle naselang die Fabriken stillstehen", zogen sie aus der Nachkriegsabsatzkrise die Konsequenzen und gingen lieber bei Bauhandwerkern in die Lehre. So kam es, daß Solingen heute noch 245 vakante Lehrstellen nachweisen kann. in der Schneidwarenindustrie. Während anderswo die Schulentlassenen keine Lehrstätte finden, steht in der Klingenstadt eine Gemeinschaftslehrwerkstätte leer.
Nur Senior Tillmanns und andere unentwegte Heimarbeiter wollten es nicht glauben, daß ihre Zunft zum Aussterben verurteilt sei.
Sie haben recht behalten. Dreitausend Arbeitslose kamen im letzten Quartal wieder in Lohn und Brot. Noch im April stand die Klingenstadt mit elf Prozent beschäftigungslosen Arbeitern und Angestellten auf dem Gipfel der Arbeitslosenkurve in ganz Nordrhein-Westfalen.
Seit in Sheffield und Birmingham, den Zentren der britischen Schneidwarenkonkurrenz, und auch in der New Yorker Cutlery wieder Seitengewehre und Operationsbestecke für Militärärzte hergestellt werden, bekamen die Solinger von Woche zu Woche mehr Aufträge für den zivilen Bedarf der westlichen Welt.
"Wir haben im verflossenen Halbjahr an gangbaren Schneidwaren bereits mehr exportiert als im ganzen vergangenen Jahr", rechnet der Registrator des Warenabsatzes im Fachverband der Schneidwarenindustrie, Assessor Heinz Grammann, vor. Das waren 1949 für 21 Millionen DM bei einer Gesamtausfuhrquote der Bundesrepublik von 3,296 Milliarden DM.
"Auf den Preis allein kommt es dabei nicht an, sondern ausschließlich auf die Qualität der deutschen Handwerksarbeit", sagt Heinz Grammann. "Allein sie bringt uns wieder ins Geschäft, nachdem wir uns während des Krieges vom Weltmarkt abmelden mußten."
Nach diesen ökonomischen Gesichtspunkten stellten auch Solingens Vertreter auf der am 7. August angelaufenen 1. internationalen Messe in Chikago ihre Musterkollektionen für die Ausstellungsvitrinen am Navy Pier zusammen. Sieben Fabrikanten flogen von Düsseldorf in die Stadt der Mammutschlachthäuser.
Die Solinger müssen sich dort mit der französischen Konkurrenz von Thiers, Noget, Landres und St. Remies sowie mit den britischen und italienischen Stahlwarenfirmen auseinandersetzen. Sie haben ein Aequivalent für die verschlossenen Absatzmärkte im Osten und Südosten bitter nötig.
In Warschau, Prag und selbst in Dresden oder Halle säbeln die Hausfrauen mit robusten Einheitsmessern volkseigener Produktion die Schnitten von den Brotlaibern, wenn sie keine echten Solinger Brotmesser mehr haben.
"Dabei hätten wir die besten Verkaufschancen gerade im Osten, wenn man uns nur freie Hand ließe", opponiert Solingens Gewerkschaftsleitung. Sie wurde von den Kommunisten im Sturm erobert, als die Briten 1947 den Besatzungsdaumen auf die Schornsteine der produktivsten Solinger Fabriken hielten.
Auch J. A. Henckels' Zwillingswerk, renommierteste Weltfirma, hatte Produktionsverbot. Sie stand zeitweise sogar auf der Demontageliste - nicht weil schon im Dreißigjährigen Krieg die berühmten Heerführer wie Wallenstein, Tilly und Gustav Adolf Solinger Schwerter trugen, die heute in den Museen von Madrid und Wien hängen, sondern - "aus Konkurrenzgründen", sagen DGB-Böcklers unerwünschte Kommunisten.
"Dann kam die JEIA und machte den Solingern das Leben schwer. Und als wir dann selbst die Initiative ergriffen und nach Leipzig zur Herbstmesse fuhren, um einen großen Interzonenauftrag fertig zu machen, funkte uns Frankfurt dazwischen."
Die damals noch amtierende DWK (Wirtschaftskommission der Ostzone) hatte die ersten Lieferungen im Re-Export gleich nach Südamerika weiterverfrachtet, um dafür Fleisch für die Intelligenzpakete heranzuholen.
"Lassen wir die alten Geschichten ruhen", wischt Dr. Paul Beckmann, Seniorchef des Zwillingswerks, die Schweißperlen fort. Er will nicht mehr an die Flaute erinnert werden und weist lieber auf alte Weltausstellungsdiplome und vergilbte Stiche mit Abbildungen von Prunksäbeln, die Firmen-Ahnherr Johann Abraham Henckels vor 200 Jahren herstellte.
Die Zwillinge sind nicht nur Symbol der verfeinerten Fabrikationsmethoden eines Großbetriebs, sondern auch der hochwertigen Handwerksarbeit, mit der Solingens Absatz steht und fällt. Selbst das moderne Zwillingswerk beschäftigt noch 80 Heimarbeiter. Sie arbeiten aber nicht mehr zu Hause in ihren Kotten, sondern in einer besonderen Halle bei J. A. Henckels.
Da aber Solingens Jugend sich enttäuscht von dem Handwerk ihrer Väter und Großväter abwandte, ist der Heimarbeiterstamm stark überaltert. "Wenn wir wieder groß in den Export steigen, fehlen uns erst recht die Kräfte", bangen die Fabrikanten. Deswegen sahen sie sich schon in den Demontagebezirken von Salzgitter nach Jungen um.
"Die Exportaussichten werden zusehends günstiger, Solingen kommt wieder", lockt auch das Arbeitsamt. Heinz Grammann registriert alle Auftragsregungen in dieser lohnintensiven Industrie *) wie ein Seismograph. "Die Schweiz nimmt wieder gut ab, obwohl auch sie eine eigene Schneidwarenindustrie aufgebaut hat. Holland, Südafrika, Iran, USA, Kanada und Südamerika gehören zu den traditionellen guten Kunden, wenn auch die Regierungen oft den Hunger nach Solinger Stahlwaren durch das Nadelöhr der Importlizenzen fädeln.
"Als Bremse wirken vor allem in USA die hohen Zölle, die Solinger Waren oft um 30 bis 40 Prozent verteuern. So stellt sich ein Dutzend Solinger Rasiermesser für den amerikanischen Importeur auf 25 Dollar und damit um 7 Dollar teurer als gleichgeartete amerikanische Erzeugnisse. Trotzdem greifen die Amerikaner, die es sich leisten können, nach Solinger Fabrikaten.
Die Solinger können die alten Positionen aber nur dann annähernd wieder zurückgewinnen, wenn alle harten Beschränkungen fallen. Dazu gehört auch die Dollarklausel, die den Export nach zahlreichen Staaten hemmt. Die Dänen z. B. sind so sparsame Haushälter geworden, daß sie sich allenfalls noch besondere chirurgische Instrumente in Solingen bestellen, Rasierklingen und Taschenmesser machen sie sich in Arhus und Friedericies selbst."
Während Vater Tillmanns und all die anderen alten Schneidwarenhandwerker Stück um Stück für die bereitstehenden Exportkisten fertig machen, warten die Schneidverbandsstrategen mit ihren rund 16000 Arbeitern auf die ersten Erfolgsmeldungen
aus Chikago. Mögen sie auch noch so günstig ausfallen, ein großer Teil des früheren Exportvolumens von 1938 wird als Lücke offenbleiben.
Trotzdem: Der Silberstreif am Horizont über dem bergischen Land an der Wupper ist nicht mehr wegzuwischen. "Die Qualitätsindustrie wird sich behaupten. Kaputtgehen werden höchstens die Ramschbuden. Um sie ist es aber auch nicht schade, denn sie sind Solingens Weltruf heute abträglicher denn je", sagt Grammann.
Dieser Vorwurf trifft in erster Linie die sogenannten Verleger. "Das sind Leute, die haben das Hauptbuch ihrer "Firma" in der Jackentasche. Das ist ihr Notizbuch, und die ganze Firma besteht nur aus einer Schreib- und Packstube", schimpft Rasierklingenfabrikant Carl Herder.
"Für die prostituieren sich gewisse Heimarbeiter. Ritsch ratsch werden die Klingen fertiggemacht und mit einem Attraktionsartikel, Kugelschreiber, Taschenmesser, Rasierkreme oder so was Ähnlichem gekoppelt. Obwohl diese Verkaufsmethode durch die Zugabeverordnung vom 9. 3. 32 unter Strafe gestellt ist, stören sich viele Anklagebehörden nicht daran. Der betrogene Teil sind die Käufer, denn sie kriegen nicht das, was ihnen die Verpackung verspricht.
Die Rasierklingenfabrikanten haben es heute besonders schwer, kommentiert der Fachverband Sie hängen nicht drin in dem sich anbahnenden Export-Boom. Amerika als Land der Gilette kauft den Solingern hiervon wenig ab - höchstens besonders feine Klingen der bekanntesten Marken.
Die Rasierklingenebbe der ersten Nachkriegsjahre ist in ihr Gegenteil umgeschlagen, seit die Stahlwerke nach der Währungsreform ruckartig ihre gehorteten Edelstahlreserven abstießen. Soviel westdeutsche Bärte gibt es gar nicht, um die angestauten Klingenreserven der Massenproduktion in absehbarer Zeit zu verbrauchen.
[Grafiktext]
FÜR EINE TONNE KOHLE ZAHLTE DÄNEMARK
BUTTER BACON
1938 10 Kg 12 Kg
1947 20 Kg 30 Kg
1950 26 Kg 35 Kg
[GrafiktextEnde]
*) Aus einer Tonne Edelstahl (Einkaufspreis 3000 DM) lassen sich für 80000 DM Rasiermesser herstellen.

DER SPIEGEL 33/1950
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