24.08.1950

BERLINHILFESpielberg, ick kenne Dir

Rund 640000 DM westdeutsche Steuergelder muß Bundesfinanzminister Schäffer von den 10 Millionen, die er dem verschuldeten Berlin zur Wirtschaftsankurbelung pumpte, auf Verlustkonto buchen.
"Der Magistrat hat den Fall der Firma Spielberg-Druckerei der Oeffentlichkeit bisher verschwiegen, weil man den Betrieb nach Möglichkeit lebensfähig erhalten wollte", versuchte der SPD-Stadtrat für Wirtschaft, Gustav Klingelhöfer, sich für einige Unkorrektheiten im Amt zu rechtfertigen.
Getreu kommunaler Verschweigungstaktik ignorierte Gustav Klingelhöfer, der aus Gründen der Biederkeit lange Zeit seine Besucher in Monteurkluft empfing, daß der Westberliner Magistrat vor Krediterteilung an Gustav Spielberg ernstlich gewarnt worden war.
Gewarnt hatte der Leiter des "Berufsverbandes Graphisches Gewerbe", Wilhelm Gründler, gegenüber den Direktionsmitgliedern des magistratseigenen Stadtkontors West, Hoffmann und Rühl, am 11. November 1949. Er hob den Zeigefinger: "Spielberg, ick kenne Dir."
Am 9. Januar 1950 wurde der Magistrat vom Berufsverband schriftlich um eine Rücksprache gebeten. "Es ist uns bekannt, daß ein Kredit von 100000 DM an die Spielberg-Druckerei, Berlin N 65, Oudenarderstraße 14/15, gegeben wurde, für den der Magistrat die Ausfallbürgschaft übernommen hat.
"Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie uns unterrichten könnten, weshalb in diesem Fall unser Wirtschaftsverband nicht auch um seine Meinung gefragt worden ist bzw. von wem die Befürwortung dieses Kredites stammt, da wir ja für alle anderen Kredite die Anzeige zur Gegenzeichnung vorgelegt erhielten."
Klingelhöfer und Genossen rechtfertigten die Subvention von SPD-Mitglied Spielberg mit "grundsätzlichen Erwägungen":
"Bei der Vergebung des Kredites ist aus Gründen des Bankgeheimnisses eine Einschaltung der Verbände nicht erfolgt. Die Verbände zur Unterstützung eines Kreditsuchers durch die Magistratsausfallbürgschaft zu befragen, müssen wir aus grundsätzlichen Erwägungen ablehnen." Gezeichnet Magistratsdirektor Dr.Scholz.
Aus ebensolchen grundsätzlichen Erwägungen hatte sich Druckereibesitzer Gustav Spielberg einflußreichere Bürgen für die Aufbaukredite gesucht als gerade seinen Berufsverband. Aus dem war er bereits am 12. Oktober 1949 ausgeschlossen worden. In der Spielberg-Villa, Berlin-Dahlem, Messelstraße 19, hielt er Dichterlesungen, feierte Feste und gewann im vertraulichen Zwiegespräch die besten Verbindungen.
Bürgermeister, Stadträte und Stadtverordnete fühlten sich geehrt, von Spiegelberg eingeladen zu werden. Besonders häufig waren die SPD-Stadträte Gustav Klingelhöfer und Walter May seine Gäste.
Es muß auch ganz unterhaltsam bei Spielberg zugegangen sein. Denn selbst Oberbürgermeister Ernst Reuter und seiner Stellvertreterin Louise Schroeder wurde gelegentlich eine "italienische Nacht" in der Messelstraße fast zu kurz.
Aber vor allem interessierte sich SPD-Kulturstadtrat Walter May für Spielberg und das von ihm nach der Blockade geplante Berlin-Buch. Ob Spielberg selbst von diesem Prachtobjekt "Preis 100 DM auf Kunstdruckpapier und in Ganzleinen" überzeugt war, ist zweifelhaft. Jedenfalls überzeugte er andere. Und erhielt mit auf dieses nie erschienene Buch vom Berliner Stadtkontor den ersten Notstandskredit von 100000 DM. Der Magistrat bürgte.
Das war um die gleiche Zeit, im August 1949, als die Angestellten der Spielbergdruckerei auf Zahlung rückständiger Löhne beim Arbeitsgericht klagten.
Gustav Spielberg hatte seine eigene Geschäftsmoral. Ursprünglich Stadtreisender für Darmhandlungen und Wurstfabriken, eröffnete er Mitte der 30er Jahre in Berlin NW 7, Neustädtische Kirchstraße 3, eine Großhandlung für Papier- und Bürobedarf. Diese Großhandlung bestand aus einem Handköfferchen und pompösen Firmenbogen. Erst als Spielberg 1938 eine reiche Frau heiratete, konnte er eine Druckerei eröffnen. Aber es war eine bescheidene Quetsche, die es nie über eine Belegschaft von 25 Personen brachte.
Erst neun Jahre später, Mitte August 1947, konnte Spielberg seinen Lebenswunsch erfüllen, Großdruckereibesitzer und Verleger zu werden. Als typischer Entnazifizierungsgewinnler ramschte er eine Anzahl Druckmaschinen zusammen und begann mit einer Belegschaft von 250 Arbeitern. Kurz danach wurde der Chronos-Verlag angegliedert. Wenn bei der Fülle der geplanten Objekte das Geld nicht reichte, wurden die Lohnzahlungen etwas hinausgeschoben.
Ein Vierteljahr nach dem ersten 100000 D-Mark-Kredit erschien bei Spielberg ein Wirtschaftsprüfer des Stadtkontors zur flüchtigen Revision. Da stellte sich heraus, daß Spielberg überhaupt keine Bücher führte. Man setzte ihm daraufhin einen Vertrauensmann der Bank in die Druckerei, der sich um die Bücher, aber nicht um den Betrieb kümmerte.
Als der Magistrat aufgeklärt wurde, geschah nichts. SPD-Genosse Spielberg erhielt weitere Notstandskredite, und auf der Liste der bewilligten ERP-Kredite war er mit 150000 DM vertreten.
Gustav Spielberg deckte seinen Druckereibedarf im Ostsektor, nutzte das Wechselgeschäft West gegen Ost weidlich aus, zahlte aber den Autoren des Chronos-Verlages keine Honorare.
Dafür gingen in der Messelstraße die Feste weiter, und auch der persönliche Aufwand Spielbergs stieg, obwohl oder gerade weil er sich von seiner Frau getrennt hatte. Das blieb nicht verborgen.
Als dann im Juni 1950 die Spielberg-Kredite des Stadtkontors, jetzt Berliner Bank A.G., auf 640000 DM angestiegen waren, kam dem Vertrauensmann der Bank in der Spielberg-Druckerei einiges merkwürdig vor. Eine eingehende Untersuchung stellte fest, daß der größte Teil der Bücher, Lieferscheine, Rechnungen und Zessionen gefälscht war.
Zessionen für etwa 300 00 DM waren dem Stadtkontor gegeben worden, ohne daß es nur nachgeprüft hätte, ob die Firmen, die für Spielbergs Kredite Geld bringen sollten, überhaupt existieren.
Sie existierten nur auf den Briefbogen, die Spielberg in seiner Druckerei herstellen ließ. Eine der fingierten Firmen, unter denen Spielberg seine Falschbuchungen vornahm, hieß "Max Ordnung". Zu Lasten dieser Luftfirma buchte Spielberg Schweigegelder an Mitarbeiter, die wöchentlich überwiesen wurden.
Jetzt mußte selbst die Berliner Bank etwas unternehmen. Sie stellte Konkursantrag. Für die Vorrechtgläubiger, Mietschulden, Steuern, Löhne und Sozialversicherung blieb nicht ein Pfennig übrig. Denn der inzwischen auf 1,34 Millionen angewachsenen Schuldenlast steht als Versteigerungsäquivalent nur ein veralteter Maschinenpark gegenüber. Theoretischer Verkaufswert: höchstens 300000 DM. Praktisch sind die Maschinen kaum abzusetzen.
Bei der ersten Gläubiger-Versammlung hörten dann die Geprellten, die Berliner Bank A. G. sei bereit, der "an sich lebensfähigen" Spielbergdruckerei weitere Kredite zu bewilligen. Allerdings müsse dann der bereits bestehende Gläubigerausschuß um zwei Personen erweitert werden, darunter SPD-Stadtverordneter Keller. Er könne mit seinen Verbindungen zur Stadtverwaltung "den Gläubigern außerordentlich dienlich" sein.
Das Endergebnis der Gläubigerversammlung war ein neuer Kredit der Berliner Bank von 75000 DM an die "lebensfähige Druckerei". Nach der Konkurseröffnung.
Spielberg: "Ich habe kurz nach Stellung des Konkursantrages für mich und meine Familie Unterstützung beim Sozialamt beantragt und ersuche die Gläubiger um eine monatliche Zuwendung von 300 DM aus der Konkursmasse."
Gleichzeitig mit dem Konkursantrag erstattete die Berliner Bank aber gegen Gustav Spielberg Strafanzeige. Diese erfuhr ein merkwürdiges Schicksal. Am 13. Juli bekam die Anzeige beim Generalstaatsanwalt des Landgerichts Berlin den Eingangsstempel. Dann herrschte Schweigen. So vergingen einige Wochen.
Spielberg ging Tag für Tag in seine Druckerei und sprach überall davon, daß er seinen Laden nach einer "Umgründung" wieder übernehmen werde. Aber am 7. August veröffentlichte Westberlins Boulevardblatt "Der Abend", das der CDU nahesteht, den "Fall Spiegelberg".
Drei Tage danach ging beim Betrugsdezernat der Westberliner Polizei die Aufforderung des Generalstaatsanwaltes ein, die Anzeige gegen Spielberg nachzuprüfen. Datiert vom 4. August. Die Kriminalpolizei prüfte die Beschuldigungen so schnell nach, daß sie Gustav Spielberg und seinen Kassierer bereits am 17. August verhaftete. Stadtrat Gustav Klingelhöfer aber spricht von "Brunnenvergiftung" und "Wahlmache".
Der SPD-Magistrat möchte den ganzen Fall Spielberg am liebsten totschweigen. Er kann den ganzen wackligen Berliner Etat über den Haufen werfen. Denn die von Bundesfinanzminister Schäffer angekündigte Bundesbürgschaft von 20 Millionen DM für Westberliner Betriebsmittelkredite ist vom Bundestag noch nicht genehmigt. Der Fall Spielberg wird die Millionenbürgschaft nicht gerade beschleunigen.
*) Franz Neumann, der Louise Schröder hier einen Willkommenskuß gibt, war nicht auf Spielbergs Festen.

DER SPIEGEL 34/1950
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