24.08.1950

AQUARELL / MALEREIKnoop traute sich nicht

Bei Frau Bekker-vom Rath im "Frankfurter Kunstkabinett" war man aufs lebhafteste erstaunt, als Aquarell-Maler Willy Knoop seine Bilder vorführte. "Daß es so etwas in Wasserfarben gibt!"
Das war Mitte Juni. Jetzt stellt man Willy Knoop dort aus.
Ein paar Tage später im Juni sprach Knoop bei "Kunstwerk"-Herausgeber Waldemar Klein in Baden-Baden vor. Klein, nach zweistündigem Gespräch: "Wie kommt es nur, daß man Sie gar nicht kennt?"
Und Knoop: "Ich habe mich nie getraut."
Und das, obwohl er mit sehr gewichtigen Presseurteilen aus dem letzten Jahr aufwarten kann. An der Spitze die Würdigung der "Neuen Züricher Zeitung". Darin heißt es:
"Wann immer er 'entdeckt' wird, ob jetzt, ob in Jahren, ob vielleicht erst nach seinem Tode - die Kunst des Aquarells ist in diesem Jahrhundert nirgends sicherer und überzeugender gemeistert worden."
Zur Zeit dieser Veröffentlichung war Knoop immerhin schon 61 Jahre alt. Die Schweizer Zeitung erinnerte an das Schicksal van Goghs.
Geboren ist Knoop in Lütjenburg in Ostholstein, 1888. Dort lebt er heute auch. Dazwischen liegen bewegte Etappen.
Aeltester von fünf Geschwistern, Sohn eines Maurers. Schreiberlehrling in der Heimatstadt, Marine, auf See bis nach Ostasien und in die Südsee. Nach dem Krieg beginnt er zu malen, Autodidakt. Es folgen Lern- und Hungerjahre in Bremen, Hamburg.
Da er kein Geld für Oelfarben hat, malt er mit Wasserfarbe. Er merkt bald, daß er besser zeichnen muß, legt die Farben aus der Hand und zeichnet nur noch, jahrelang.
Erst dann taucht er den Pinsel wieder in die Wasserfarbe, merkt, daß er weitergekommen ist, und merkt, daß mit Wasserfarbe viel mehr auszudrücken ist, als gemeinhin angenommen wird, und rührt seitdem keine Oelfarbe mehr an. Und bekommt im "Dritten Reich" Malverbot.
Zusammen mit seiner Schülerin Margarethe Schellbach, Malerin und Kunstgewerblerin, die er später heiratet, geht er mit bescheidenen Mitteln 1936 nach Jugoslawien. Dort malt er, bis die Vorwehen des Krieges ihn nach Wien spülen. Hier wird er im Kriege Postfacharbeiter und arbeitet sich schnell in eine leitende Stellung herauf. Als er so weit ist, läßt er sich beurlauben. Um zu malen.
In Graz riskiert Januar 1944 jemand eine Ausstellung, seine erste. Obwohl bereits am zweiten Tag die Gestapo den Laden dicht macht, hat er ein halbes Dutzend Bilder verkauft.
Am Semmering erwartet er das Kriegsende. Sein Haus brennt ab, sein gesamtes bisheriges Werk wird vernichtet.
1946 kehrt er nach Lütjenburg zurück, nachdem ihn drei Jahre zuvor die früheren Machthaber nach kurzem Aufenthalt ausgewiesen hatten. Es dauert lange, bis man Wohnraum für ihn hat. Schließlich zieht er mit Frau Margret in sein Geburtshaus in der Plöner Straße 15 ein. Ein adoptiertes kleines Kind kommt hinzu.
Auf der Straße lachen den 1,52 Meter großen Maler die Kinder aus. Die Lütjenburger spotten über den "verrückten Maler".
Es dauert einige Zeit, bis Knoop wieder zu malen beginnt. Margrets Kunstgewerbe trägt vor der Währungsreform den Haushalt. Dann entsteht ein Bild nach dem anderen.
Zum 60. Geburtstag gibt Gottfried Sellos "Galerie der Jugend" in Hamburg Knoop eine Gelegenheit zum Ausstellen. Die Ausstellung fällt gerade vor die Währungsreform.
Dann wird es düster. Das Kunstgewerbe geht nicht mehr, kein Mensch kauft Bilder, Knoop geht stempeln. 92 DM im Monat bekommt er. In der Freizeit angelt er. Am Malen hat er keine Freude mehr.
In Dr. Traute Simmanks Buchhandlung am Marktplatz in Lütjenburg sieht ein Journalist der "Neuen Züricher Zeitung" Knoops Bilder, die da öffentliches Aergernis erregen. Ihn ärgern sie durchaus nicht, im Gegenteil, er fragt nach dem Maler. Knoop zeigt ihm seine Bilder, und zwei Wochen darauf erscheint jener Artikel in Zürich.
In Schleswig-Holstein wird man aufmerksam. Die Zeitungen schreiben über ihn. Die Kieler Kunsthalle stellt ihn im Oktober aus.
Lütjenburgs Bürgermeister Stellmachermeister Maack, bei Eröffnung der Ausstellung anwesend, kauft für die Stadt Knoops Selbstporträt für 300 Mark. - Und die Stadt hängt das Bild in ihren Sitzungssaal.
"Tun Sie doch etwas für Knoop", sagt Landesdirektor Wormitt aus dem holsteinischen Volksbildungsministerium zu Maack. "Geben Sie ihm die Zeichenlehrerstelle - zeichnen kann er." Lütjenburgs 1000 Schulkinder haben keinen Zeichenlehrer.
Bürgermeister Maack sagt zu, einen Antrag zu stellen. Es würde die Stadt 100 DM monatlich kosten, 8 Mark mehr als Stempelgeld, denn Kiels Volksbildungsministerium würde wie üblich einen Zuschuß zahlen. Mit rund 300 DM im Monat wäre Knoop wirtschaftlich gesichert.
Als Maack mit diesem Plan nach Lütjenburg kommt, erhebt sich Widerspruch. Ein Elternbeirat tagt: "Unsere Kinder sollen nicht zeichnen lernen, wie Knoop malt". Der Antrag nach Kiel geht nie ab.
Man bietet Knoop nur eine bessere Wohnung an, da er kein Atelier hat. Sie soll 80 Mark im Monat kosten. "Wovon soll ich sie bezahlen, wenn ich die Zeichenlehrerstelle nicht bekomme?" fragt Knoop. Er wohnt noch heute ohne Atelier und malt nachts im Wohnzimmer.
Aber er verkauft wieder Bilder. Eines an den Bundestag für 400 DM, zwei nach England, vier an das Land Schleswig-Holstein und zwei an die Stadt Kiel. Kaum hat er das erste verkauft, meldet er sich vom Stempeln ab.
Aber um leben zu können, müßte er im Monat ein Bild verkaufen. Die Rechnung geht schwer auf, auch wenn die ersten Privatkunden kommen. Er muß sich August 1950 wieder zum Stempeln melden.
Die Stadt Lütjenburg feiert ihr 675jähriges Bestehen und erwähnt auch Knoop in ihrer Festschrift: "Von den freischaffenden Künstlern ist besonders Willy Knoop zu erwähnen, dessen eigenwillige Kunst sich weithin Anerkennung errungen hat." Eigenwillig. Lütjenburgs Kinder haben immer noch keinen Zeichenlehrer.
Immerhin: Schleswig-Holsteins Volksbildungsministerium machte ihn zum unbezahlten Referenten für bildende Kunst im Landeskulturverband, obwohl weiland Minister Kucklinski einst tadelnd zu Knoop gesagt hatte: "Herrgott, wie kommt das, daß Sie so klein sind?"
Außerhalb Lütjenburgs hat sich Knoops Ruf schnell verbreitet. In Bremen stellte er im Juni aus. Frankfurt folgte im Juli. Die Kunstvereine in Stuttgart und Hannover, die Kunsthalle in Recklinghausen, die "Galerie der Jugend" in Hamburg sind für die Zukunft vorgemerkt.
Die Kritik greift tief ins Vokabularium der Anerkennung. Sie rühmt Knoops Meisterschaft der Aquarelltechnik, gibt seinen Bildern, ihrer Leuchtkraft und Ausdrucksstärke den "Rang des ganz Außerordentlichen", sie erinnert an Nolde, Rohlfs, Heckel, Beckmann, sie spricht von einem künstlerischen Phänomen.
Als Knoop in Bremen ausstellt, sagt Radio Bremen in einem ausführlichen Vortrag: "Wer zum erstenmal ein Bild von Knoop sieht, der muß sich zunächst erst deutlich machen, daß es Wasserfarbenmalerei ist, was er hier sieht. Denn auf den ersten Blick erkennt man, daß hier Wirkungen erzielt und Gefühle ausgedrückt wurden, wie man sie bisher nur von der Oelmalerei kannte. In Knoops Bildern liegt eine Farbenpracht, wie sie bisher im Aquarell nicht erreicht wurde."
"Ich glaube, daß dies alles nur ein Geringes ist, neben dem, was in der Wasserfarbe noch zu entdecken ist", sagt Knoop selbst. Bei einem Mokka, den er trinkt, um sich nachts beim Malen wach zu halten.
Sorgen macht sich Knoop nicht. "Wenn es uns schlecht ging", sagt er, "dann wußte ich, daß wir dann später das Gute um so viel stärker empfinden würden". Der Maler Willy Knoop in all seiner Einfachheit und seiner Kompromißlosigkeit hat einen großartigen Humor. Sein Brief ans Finanzamt, das ihn wegen der Soforthilfe mahnte, bezeugt es:
"Ich kann Ihnen erklären, daß ich alles das nicht habe, was ich gern möchte, und was Ihnen von Nutzen sein könnte. Wir sind 1945 von den Russen befreit worden, und zwar von allem. Vermögen und Kapitalien haben wir seither nicht erwerben können. Grund und Boden besitzen wir nur in den Blumentöpfen auf der Fensterbank.
"Alles, was wir besitzen, sind eigene Kunstwerke, die nach zahlreichen Pressestimmen internationalen Kunstwert besitzen, aber was nutzet dieser, wenn er nicht realisiert werden kann?!
"Und noch etwas besitzen wir: Humor (der aber, wie ich gerüchtweise weiß, steuerfrei sein soll), von dem ich Ihnen gern etwas zugute kommen lassen möchte, denn ich weiß um ein freudloses Dasein. Ich grüße Sie mit dem Wunsche, daß ich bald Ihr steuerkräftiger Willy Knoop sein werde!"
In der Frankfurter "Abendpost" schreibt Hans Mühlfelder: "Das Selbstbildnis Knoops zeigt das etwas verschüchterte Gesicht eines Mannes, der sich irgendwie ein bißchen vor dem Berühmtwerden fürchtet. Man muß ihn gerne haben."

DER SPIEGEL 34/1950
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