13.09.1950

SKANDAL

Dort hört uns keiner

In Arras ist Jahrmarkt. Das Karussell auf dem Festplatz dudelt zum tausendstenmal das Harry-Lime-Motiv aus dem "Dritten Mann" herunter. Es regnet. Da springt um 20.57 der Untersuchungsrichter Roland Delattre aus einem Fenster im ersten Stock des Hauses, in dem sich unten das Café seines Bruders Charles befindet.

Die kleine nordfranzösische Stadt (31488 Einwohner) ist sofort von dem dramatischen Zwischenfall erfüllt. Der Jahrmarkt ist vergessen.

Erst allmählich lüftet sich das Geheimnis, erst allmählich spricht es sich herum, daß mit dem Fenstersturz über dem Café "Aux Deux Frères" (Zu den beiden Brüdern) ein Skandal vorläufig seinen Abschluß fand, der schon vor über einem Jahr, am 19. Juli 1949, gegen drei Uhr nachmittags begann.

An diesem Tag erschien M. Emile Meresse, Kurzwarenhändler, in der Trésorerie Générale, der Staatskasse von Arras. Er wollte mehrere Staatsschatzscheine von je 1000 Francs kaufen. Der zuständige Abteilungsleiter, M. Deknonckin, der ihn bediente, öffnete den Kassenschrank. Er stutzte, er schreckte zurück. 100 Schatzscheine zu je 100000 Francs fehlten. Das sind immerhin 100 Millionen Francs oder 1,2 Millionen D-Mark.

Innerhalb weniger Tage gelang es der Polizei, wenigstens drei Mithelfer des Kasseneinbruchs zu verhaften. Es wurden festgenommen:

* M. Eugène Dupuis, bisher Kassierer der Staatskasse;

* M. Portié, Vermittler von Rennwetten und fragwürdiger Wechselgeschäfte;

* M. Sciorato, Typ des korsischen Gangsters, früher einmal Barkeeper, seit einem Jahr einer jener vielen Fische, die im trüben Wasser des Nachkriegs-Frankreich herumschwimmen.

Bis dahin war das Ganze nur eine alltägliche Diebstahlsgeschichte. Da wurde bekannt, daß Sciorato und Portié bis zu ihrer Verhaftung die engsten Mitarbeiter des Abgeordneten Antoine de Récy waren. Sciorato diente dem Abgeordneten der gaullistischen Sammlungsbewegung in der Nationalversammlung als Privatsekretär, Portié war sein "Directeur Commercial", sein "Handelsdirektor".

Bei einer neuen Vernehmung gab nun Sciorato zu, wenige Tage vor seiner Verhaftung gemeinsam mit de Récy bei einem Fräulein Meheut eingebrochen zu haben. Sie hätten sich dort gewaltsam Schatzscheine über 10 Millionen Francs zurückgeholt, die sie früher der Dame Meheut anvertraut hätten und die diese dann nicht mehr habe herausgeben wollen. "Eine Million habe ich behalten", gestand der Privatsekretär. "Die anderen neun Millionen hat de Récy in seine Tasche gesteckt."

Damit war aus der Diebstahlsgeschichte ein Skandal um den Abgeordneten de Récy geworden.

Am 3. November 1949 hob die Nationalversammlung die Immunität des Abgeordneten auf. Beim Verlassen des Palais Bourbon wurde de Récy verhaftet.

Aus 1000 Meter Höhe. Als 1940 die Deutschen in Frankreich einmarschierten, diente der Leutnant de Récy in einem Reiterregiment. Er nahm gleich an den ersten Kämpfen teil. Von einer Granate wurde ihm der linke Arm abgerissen. Schwer verwundet kam er in Gefangenschaft, aber er entfloh aus dem Lazarett und war bis zum Ende der Kämpfe in Frankreich Instrukteur an der Kavallerie-Schule von Tarbes.

Nach der Kapitulation entwich er über die Pyrenäen. Die Spanier steckten ihn für einige Monate in das Gefängnis Miranda de Ebro De Récy entkam wieder. Er gelangte nach Algier und wurde Adjutant des Generals Giraud. Dort traf er auch de Gaulle. Er ging zu ihm über und wurde Chef jener Truppe, die man die "Commandos von Frankreich" genannt hat.

Den Einarmigen drängte es zum Einsatz in der Heimat. Aus 1000 m Höhe sprang er mit einem tragbaren Funkgerät über Mittelfrankreich ab. Sein Funkapparat wurde die einzige Verbindung zwischen einer abgesetzten Fallschirmjäger-Einheit und dem Oberkommando in Algier. Während der Invasionskämpfe 1944 erbeutete er gleichsam im Vorübergehen einen Tigerpanzer.

Kaum war Paris befreit, als auch de Récy dort auftauchte und Kabinettschef des Kriegsministers Diethelm wurde. Er blieb es bis zum Kriegsende.

Der bewährte Resistenzler wurde Präsident der "Union des Evadés de France", das ist eine Organisation jener Franzosen, denen es während des Krieges gelang, nach England oder nach Nordfrankreich auszuweichen. So kam er auch in die Politik. Er wurde Generalsekretär der gaullistischen Union, der Vorläuferin des "Rassemblement du Peuple Français". Sein erster Versuch, sich in seinem Heimat-Departement Calvados in die Nationalversammlung wählen zu lassen, schlug fehl. 1946 wurde er dann doch nach einem heftigen Wahlkampf im Departement Pas de Calais (Nordfrankreich) gewählt.

Während dieses Wahlkampfes traf er mit einem gaullistischen Parteifreund namens Jean Dordain zusammen. Das ist eine einigermaßen zweideutige Gestalt. In Arras spielt er den braven kleinen Bürger, er ist Besitzer des Konfektionsgeschäftes "Paris-Vêtements". In Paris sitzt er in der Nationalversammlung und ist Mitglied des höchsten Staatsgerichtshofes. Zu solch hoher richterlicher Stellung konnte er aufsteigen, obwohl er während des Krieges gleichzeitig der Gestapo und der Résistance angehörte und augenscheinlich die eine Partei mit der anderen wechselweise betrog.

Jean Dordain ist auch ein Mörder. Am 10. September 1944, 14 Tage nach der Befreiung von Arras, hat der verheiratete Mann und Vater von drei Kindern eine seiner zahlreichen Freundinnen Jeanne Armand auf offener Straße erschossen. "Sie gehörte der Gestapo an", sagte er lächelnd und steckte den noch rauchenden Revolver ein. Dordain kam vor ein Ehrengericht. Es sprach ihn frei. Ehrenrichter waren ausschließlich alte Kampfgenossen Dordains.

Alle Beziehungen abgebrochen. Nach der Wahl suchte sich der Abgeordnete de Récy wieder von seinem Wahlkumpanen Dordain abzusetzen. Er mußte um so mehr danach trachten, den einigermaßen fragwürdigen Parteigenossen loszuwerden, als er sich selbst sehr bald mit de Gaulles Rassemblement überwarf und eine eigene Parteigruppe zu gründen suchte.

Im Mai 1948 ließ de Récy in der Lokalzeitung von Arras eine Mitteilung einrücken, in der er den Lesern bekanntgab, er habe alle Beziehungen zu Dordain abgebrochen, den er im übrigen für einen Betrüger halte.

24 Tage später folgte eine zweite Anzeige. In ihr erklärte de Récy, Dordain sei nach wie vor sein Freund und besitze sein volles Vertrauen.

Der Grund für diesen plötzlichen und öffentlich bekundeten Gesinnungswandel lag in finanziellen Schwierigkeiten de Récys. Als reicher Mann war er in die Politik eingestiegen. Als der Wahlkampf zu Ende war, waren seine Millionen und die seiner Frau, der Bankierstochter Théobaldine Mirabaud, verbraucht. Dazu ließ sein Geschäft - An- und Verkauf von amerikanischem Heeresgut - erheblich nach. Da wurden ihm eines Tages eine größere Zahl von Rechnungen vorgelegt, die er nicht bezahlen konnte. Als er diesen Rechnungen nachging, mußte er zu seinem Schrecken Jean Dordain als seinen Hauptgläubiger erkennen.

Jetzt blieb de Récy nichts anderes übrig, als wieder mit Dordain zu paktieren. Dordain kam ihm entgegen. "Eines Tages", so berichtete de Récy, "kam Dordain zu mir und schlug mir vor, als Kommanditist in die Gesellschaft 'Arlux' einzutreten, deren Direktor ich war. Ich nahm sein Angebot an. Erst später erfuhr ich, daß die von Dordain eingebrachten neun Millionen Francs aus gestohlenen Schatzscheinen bestanden. Was die Anklage angeht, ich selbst sei an dem Einbruch beteiligt und habe gestohlene Schatzscheine veräußert, so kann ich dazu nur mit den Schultern zucken."

Mit dem Schulterzucken werden sich die Gerichte kaum zufrieden geben. Seit dem 4. November 1949 sitzt de Récy im Untersuchungsgefängnis in Arras. Er wartet auf seinen Prozeß. Er wird noch etwas warten müssen. Die Untersuchung gegen ihn und die Einbruchskomplicen führt Richter Roland Delattre.

Delattre führt auch die Untersuchung gegen Dordain. Die ist ihm gewissermaßen von selbst zugefallen. Dordain hat sich nämlich genau ein Jahr nach dem Einbruch, am 17. Juli 1950, freiwillig der Polizei gestellt. Er wurde sofort eingesperrt.

Kaum hatte Richter Delattre die Akte für diesen zweiten großen Fall angelegt, als er schon eine dritte Akte eröffnen mußte. Der Mord an dem Steuereinnehmer Vaast wurde ihm ebenfalls zur Untersuchung übergeben.

Weil es ihm Spaß macht. Es war am 30. Juli 1950, als M. Vaast, der Steuereinnehmer von Beaurains, einem Vorort von Arras, ermordet aufgefunden wurde. Drei Wochen lang tappte die Polizei völlig im Dunkeln. Dann klärte der Gendarm Leblond diesen dritten Skandal von Arras überraschend auf.

Leblond ist der reichste Gendarm in Frankreich. Er ist mehrfacher Millionär, besitzt eine ganze Anzahl von Bauernhöfen im Norden des Landes und nennt sich auch Eigentümer des Schlosses von Clermont, dessen Wert auf 15 Millionen geschätzt wird. Er hätte es nicht nötig, irgendeinen Beruf auszuüben. Aber er ist Gendarm, weil es ihm Spaß macht, Gendarm zu sein.

Am 23. August 1950 nun traf der reiche Gendarm zufällig in Arras einen M. Demesse, der bis 1947 Polizeiinspektor bei der Kriminalpolizei von Arras gewesen war und dann wegen verschiedener fauler Geschichten entlassen wurde. Darauf war Demesse eine zeitlang Chauffeur Dordains. Wiederholt hatte er auch den Abgeordneten de Récy gefahren.

Der Gendarm ging mit Demesse einen Wacholderschnaps trinken. Aus dem einen wurden zwei, aus den zwei wurden drei. Schließlich waren es ein halbes Dutzend, die Demesse hinter die Binde goß, während der schlaue Gendarm Leblond seine Gläser über dem Abwasch leerte. Das aber merkte Demesse nicht.

Leblond hingegen sah, daß am Trenchcoat von Demesse eine Schulterklappe fehlte, und daß das eben die Schulterklappe sein mußte, die neben dem Bett des ermordeten Steuereinnehmers Vaast gefunden worden war. "Also sag schon die Wahrheit", redete der Gendarm seinen Trinkkumpanen zu. "Komm mit auf mein Büro und erzähl' mir alles. Dort hört uns keiner."

Demesse ging mit und erzählte. Er erzählte, wie er den Steuereinnehmer umgebracht hatte, um irgendwelche Dokumente zu finden. Was für Dokumente er zu suchen hatte, wollte er selbst nicht wissen. "Wer weiß es denn?" fragte der Gendarm. "Das weiß Dapvril, der hat ja die ganze Sache gedeichselt."

Gendarm Leblond glaubte, vom Stuhl fallen zu müssen. Der genannte Dapvril ist der aktive Chefinspektor der Kriminalpolizei von Arras. Er wurde verhaftet. Natürlich stritt er alles ab.

Auch Demesse erklärte alles für unwahr, als er, aus seinem Rausch erwachend, sich im Gefängnis wiederfand. Aber er widerrief umsonst. Das Magnetophon in der Schreibtischschublade Leblonds hatte seine Aussage Wort für Wort festgehalten.

Ich werde verfolgt. Die Folge der Skandale in Arras machte die Pariser Presse mobil. Immer neue Einzelheiten werden bekannt. Aber die gerichtsamtlichen Untersuchungen kommen nicht vom Fleck. Schließlich behaupten die Zeitungen, auf Richter Delattre werde von hoher Stelle ein Druck ausgeübt, damit er den Mordfall Vaast genau so einschlafen lasse, wie vorher die Skandale um de Récy und Dordain.

In der Woche zwischen dem 23. und 27. August kam es zu langen Konferenzen im Justizpalast von Arras. Gendarm Leblond stritt sich mit Untersuchungsrichter Delattre herum. Delattre wurde vor den Landgerichtspräsidenten und den Generalstaatsanwalt zitiert. Der Krach drang aus den Fenstern bis auf die Straße.

Da stürzte Roland Delattre aus dem Justizpalast heraus. Er lief über den Platz, betrat ein gegenüberliegendes Café und schrie: "Ich werde verfolgt, ich habe nur noch wenige Stunden zu leben, man will die Wahrheit ersticken, verbinden Sie mich sofort mit Pariser Zeitungen."

Der Café-Besitzer beruhigt den völlig verwirrten Richter und läßt ihn in das Haus seines Bruders Charles bringen. Da läuft Delattre die Treppe zum ersten Stock hinauf, stellt sich an das geöffnete Fenster und redet zu der sich ansammelnden Menge. Keiner kann genau verstehen, was er eigentlich will. Es fällt der Name Paul Auriol. Das ist der Sohn des Präsidenten der Republik, und von ihm soll Delattre behauptet haben, er habe Schatzscheine im Werte von 60 Millionen Francs für die eigene Tasche verkauft.

Dann folgt der Sprung aus dem Fenster, dann kommen die Wärter des Irrenhauses Lommelet. Dann schließen sich die dichten Türen der Nervenheilanstalt hinter dem Untersuchungsrichter von Arras.

Paul Auriol dementierte energisch. Die Familie Delattre ließ bekanntgeben, sie handele "im vollen Einverständnis mit den vorgesetzten Behörden" des Richters. Die Presse fragte jedoch weiter.

Da wurde am 5. September mitgeteilt, Richter Delattre habe das Irrenhaus verlassen und sei zu Verwandten aufs Land gefahren. Dort war er aber nicht zu finden. Da ermittelten findige Reporter, daß in dem Auto, mit dem der Richter angeblich abgeholt worden war, der Richter gar nicht gesessen hatte. Die Sache war von irgendeiner hohen Behörde inszeniert worden, um die Presse irrezuführen.

Nun veröffentlichte das Justizministerium ein langes Kommuniqué. Sein Inhalt: M. Delattre hat die Klinik von Lommelet verlassen, "um seine Genesung an einem anderen Ort fortzusetzen".

Das Justizministerium fügte hinzu: "Nach dem augenblicklichen Stand des Verfahrens scheint kein Zusammenhang zwischen dem Diebstahl der Schatzscheine und dem Mord an dem Steuereinnehmer Vaast zu bestehen." - In der Wohnung des ehemaligen Abgeordneten und jetzigen Untersuchungsgefangenen de Récy wurden Briefe des im Rausch geständigen Mörders Demesse gefunden.


DER SPIEGEL 37/1950
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