27.09.1950

SUDAMERIKAUnd die vierzig Räuber

Die Uhrzeit stimmte auf die Minute. Da rollte ein Leichenwagen aus dem Hof des Polizeipräsidiums in Montevideo. Er fuhr mit verhaltener Geschwindigkeit, wie Leichenwagen fahren, quer durch die Hauptstadt Uruguays. Erst am Rande der Stadt, wo die Straße nach dem La Plata-Hafen Carmelo abzweigt, gab der Fahrer Vollgas.
Er hatte Grund, die Fahrt zu beschleunigen. Gegenüber den Kais von Carmelo
auf dem anderen La Plata-Ufer lagen schon die beiden paraguayischen Kanonenboote unter Dampf, die auf die schwarze Fracht des Leichenwagens warteten: Maschinengewehre, Karabiner, Munition. Und am Kai selbst ankerte das Fährboot, das die munitionierten Särge übersetzen sollte.
Sie wurden übergesetzt. Aber das wurde erst Wochen später bekannt. Da stand alles, von der Uhrzeit bis zu den Waffenbergenden Särgen, in der Protestnote, die Paraguays Diktator Morinigo in Montevideo überreichen ließ. Morinigo tat sehr empört. Die Waffen waren nämlich bestimmt gewesen, ihn gewaltsam abzusetzen, und die Kanonenboote hatten im Dienst von Rebellen gestanden, die eben wieder einmal versucht hatten, Paraguay demokratisch umzustürzen.
Uruguays Staatspräsident Luis Battle Berres ließ dementieren. Morinigo gab sich zufrieden. Er mußte sich zufrieden geben. Die Meldung von dem Waffenschmuggel im Leichenwagen stammte gar nicht von seinem eigenen Nachrichtendienst. Sie war ihm von der befreundeten argentinischen Spionagezentrale überlassen worden.
Wieder einige Wochen später wurde in Montevideo der Polizist Ciriaco Rebello Alvarez verhaftet. Seine Papiere wiesen ihn als Polizisten der argentinischen "Transport-Direktion" aus. Dann fand man eine Quittung bei ihm: Für "Reisespesen" hatte er monatlich 1000 Dollars erhalten. Er verschwand still.
Dafür machte die Affäre des Spions, Hochstaplers und Fälschers Robert de la Mark um so mehr Wind. Er ist bereits ausgewiesen worden. Zur Stunde fährt er an Bord des schäbigen französischen Steamers "Kerguelen" nach Europa zurück.
Schon der Name des etwa 50jährigen Abenteurers, der wohl nur auf dem explosiven südamerikanischen Boden so üppig gedeihen konnte, ist umstritten. In den Polizeiakten steht er als Robert de la Mark. Er nannte sich vorzugsweise Robert Henrotin de Santares. Außerdem besaß er Visitenkarten auf den namen eines Prinzen von Bourbon-Parma.
Während des zweiten Weltkrieges arbeitete er als Agent der Vichy-Regierung in Buenos Aires. Das hinderte ihn nicht, seine Nachrichten wechselweise an den Pétain-Botschafter Peyrouton und an den Hitler-Botschafter von Thermann zu verkaufen.
Dann tauchte er im Herbst 1949 in Uruguay auf. In Montevideo ließ er sich als wohlhabender Ingenieur nieder. Er war auch wohlhabend. Wie die uruguayische Polizei ermittelte, konnte er monatlich über 10000 bis 12000 argentinische Dollars (rund 700 US-Dollars) quittieren.
Nach Uruguay war er mit einem Spezial-Auftrag gekommen. Er sollte die argentinischen Emigranten im benachbarten La Plata-Staat überwachen. Einen Namen hatte ihm Buenos Aires besonders ans Herz gelegt: Agustin Rodriguez Araya.
Araya war einst ein Führer der argentinischen Opposition gegen Peron. Er hatte aus Argentinien fliehen müssen, weil er öffentlich peronistische Politiker mit "Ali Baba und den vierzig Räubern" verglichen hatte.
In Montevideo eröffnete er ein elegantes Kellerlokal, "El Refugio", "Die Zuflucht" genannt, eine Mischung zwischen Pariser Café und südamerikanischer Bar, in der sich Tag und Nacht ein Wiener Barpianist und eine laute argentinische Tangosängerin abwechseln. "El Refugio" wurde der Treffpunkt der argentinischen Emigranten.
Durch einen befreundeten Journalisten ließ sich Robert de la Mark mit Araya zusammenbringen. Er gab sich zu dem Zweck als Prinzen von Bourbon-Parma aus und als politischen Emigranten.
Bei der Zusammenkunft zeigte sich der falsche Robert als glänzender Gesellschafter. Er hatte auch die "Prinzessin" mitgebracht, eine Freundin, die in Wirklichkeit auf den gut-bürgerlichen Namen Agapita Gomez hört.
So weit ging alles gut. Der "Prinz" hatte den gewünschten und befohlenen Anschluß an die argentinische Emigration gefunden.
Da wurde die uruguayische Polizei auf ihn aufmerksam. Der "Prinz" wußte sich zu helfen. Er ging zu Araya und bat ihn um seine Hilfe bei der Polizei. Er werde, fing er an zu spinnen, von der Polizei verdächtigt, weil er angeblich versucht habe, eine Masseninvasion von Montevideaner Prostituierten in Arayas Kellerlokal zu organisieren. Das sei natürlich alles Unsinn, wie Araya ja selbst wisse.
Zum Schein ging Araya darauf ein. Er entlastete den "Prinzen" bei der Polizei.
Der "Prinz" wurde immer sicherer. Am französischen Nationalfeiertag, 14. Juli, gab er seinen argentinischen Exilsfreunden ein großes Fest. Zur Unterhaltung der Gäste hatte er aus Buenos Aires ein Tänzerpaar mitgebracht. Französische und chilenische Weine flossen.
In vorgerückter Stunde versuchte Robert seine Gäste zu provozieren. "An den Galgen mit Peron" trank er ihnen zu. Die Gäste schwiegen. Nur den Trinkspruch der "Prinzessin": "Auf glückliche Wiederkehr" erwiderten sie. Agapita wollte am nächsten Tag nach Argentinien fliegen.
Sie kam nur bis zum Flugplatz. Dort warteten schon die Polizisten. In einer winzigen Nylon-Tasche fand man auf ihrem bloßen Körper Roberts Geheiminformationen für den argentinischen Geheimdienst. Darin stand zu lesen, daß Rodriguez Araya eine Verschwörung vorbereite und jeden Morgen um vier Uhr chiffrierte Meldungen über einen Teletipo-Apparat aussende ...
Die "Prinzessin" wurde wieder freigelassen. Dafür wurde der "Prinz" eingesperrt. Bis ihn eines frühen Septembermorgens Polizeikommissar Cooligham an Kai 5 des Montevideaner Hafens sicher geleitete. "Mir geschieht Unrecht. Ich bin nur ein harmloser argentinischer Journalist" jammerte der namenreiche Robert. Bald entschwand die Küste Südamerikas seinen Blicken.
**) Schiiten = eine islamische Sekte, die den Ali, einen Nachkommen der Mohammedtochter Fatima, als den ausschließlich berechtigten Nachfolger des Propheten anerkennt.

DER SPIEGEL 39/1950
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SUDAMERIKA:
Und die vierzig Räuber

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