27.09.1950

FISCHPREISE

Stoßgebete zum Himmel

Dr Merck, Geschäftsführer der niedersächsischen Fischeinzelhändler, hielt sich schadlos. Rechtzeitig parierte er die Hausfrauenvorwürfe über gestiegene Fischpreise mit einem Gegenhieb: "Wir Einzelhändler können nichts dafür. Die Fischreeder haben Schuld".

Den Beweis, daß er es ernst meint, blieb Dr. Merck nicht schuldig. Durch eine Ultimativdrohung will er innerhalb von acht Tagen die Fischpreise um 50 Prozent herabdrücken. "Sonst treten schlagartig sämtliche Fischhändler Niedersachsens in den Käuferstreik."

Gleichzeitig adressierte Merck eine Fischhändler-Resolution an die Bundesregierung. Sie soll im Interesse der Fischesser einen preissenkenden Druck auf die Reeder ausüben. Als Begründung punktiert Merck:

* Innerhalb von 14 Tagen sind die Preise für Seelachs um 300 Prozent, für Schellfisch um 250 und für Goldbarschfilet um 160 Prozent gestiegen.

* Die Einzelhandelspreise müssen auf Kosten der Reeder - Abgabepreis für Goldbarsch von 1,20 DM auf 0,60 DM, für Schellfisch von 1,10 DM auf 0,45 DM je Pfund herabgesetzt werden.

* Die Reeder halten die Fischpreise durch eine Beschränkung des Fanges künstlich hoch. 30 Prozent der alten Dampfer sind bewußt aus dem Dienst gezogen worden.

Mercks Punkte lösten bei den Fischreedern eine unbeabsichtigte Wirkung aus: Sie hielten sich ihre Bäuche vor Lachen. Die Vorwürfe der Einzelhändler seien von keinerlei Sachkenntnis gefärbt und würden auch bei der Bundesregierung nicht auf Gegenliebe stoßen, erklären sie.

Dr. Hans Hartmann, Geschäftsführer der Fischdampfer-Reederei-Vereinigung an Hamburgs Großer Elbstraße 141, macht das deutlich. Die Reeder hätten nicht den geringsten Einfluß auf die Preisgestaltung. Seit März 1949 seien die Fischpreise freigegeben und lediglich dem Angebot- und Nachfrage-Spiel überlassen. Grundsätzlich werde jede Fischladung freiwirtschaftlich versteigert.

"Der Reeder stellt seine Fischkisten in die Versteigerungshalle und verständigt den Auktionator. Dann tritt er zurück, dreht Daumen und schickt Stoßgebete zum Himmel, daß ein rentabler Preis erzielt werden möge."

"Gewöhnlich bleiben die Stoßgebete ohne Einfluß," bedauert Hans Hartmann. Er hat Zahlen dafür. Nach einem Hundert-Seiten-Elaborat der Verwaltung für Wirtschaft muß der deutsche Fischreeder im Jahresdurchschnitt 32 Pfennig je Kilo Fisch bekommen, um keine Defizit-Geschäfte zu machen. Mit seiner Auktionspreisliste beweist Hartmann die Theorie von den wirkungslosen Stoßgebeten.

1948 bekamen die Reeder im Schnitt 31,6 Pfennig je Kilo Fisch, 1949 30,3 Pfennig, Januar 1950 28,25, April 21,85, Juni 22,75, Juli 25,32 und August 24,14 Pfennig.

Erst Anfang September gab es plötzlich Auftrieb. "Die Zahl wird über die 32-Pfennig-Grenze steigen," vermuten die Experten. Darüber freuen sich die Reeder, aber sie können nichts dafür. Schuld daran haben die Isländer Fischer. Sie streiken.

Seit acht Wochen können deutsche Importeure deswegen keine isländischen Frischfische einführen, die ohne Streik den Markt reichlich versorgt hätten. Die deutschen Fischdampfer sind wegen der Heringszeit (1. August bis 15. November) saisonüblich zu 70 Prozent auf Heringsfang ausgelaufen. Die restlichen 30 Prozent können nicht so viel Frischfische heranschaffen, wie die Nachfrage erfordert.

Das schlug sich sofort in Dr. Hartmanns Auktionspreis-Liste nieder. Durchschnittserlöse stiegen auf 61,4 Pfennig.

Vorher war schon der bis dahin das fischige Ueberangebot erzeugende Import aus Norwegen, Dänemark, Schweden, Holland und Belgien abgeebbt.

"Es kann keine Rede davon sein, daß wir den Fang durch Stillegung von Fischdampfern künstlich beschränken", verteidigt Dr. Hartmann seine Mitglieder statistisch: Von den 252 Fischdampfern der bundesdeutschen Reedereien liegen zur Zeit nur 16 still.

Die augenblickliche Preishöhe ist den Reedern selbst unheimlich. Sie wissen, daß zu hohe Fischpreise die Hausfrauen für lange Zeit abschrecken. Die gerade wirksam gewordene bundesdeutsche Fischwerbung "Täglich einmal Fisch" hat durch das Preisanziehen einen schweren Schlag bekommen. "Stark schwankende Fischpreise sind unser Tod", formulieren die Reeder drastisch.

Hartmann: "Wir wollen gern jetzt Schellfisch für 32 statt 80 Pfennig abgeben, wenn wir durch einen tragbaren Festpreis von 32 Pfennig in der Frischfischzeit vor einem Absinken auf 20 Pfennig geschützt werden".

Aber die auf Wirtschaftsprofessor Erhards freie Marktwirtschaft eingefuchste Fischpolitik des Bundesernährungsministeriums will von Festpreisen nichts wissen.

Also stecken die Fischdampfer-Besitzer so lange wie möglich die gestiegenen Gewinne ein, die ihnen die gegenwärtige freiwirtschaftliche Konstellation im Zeichen der Fische bietet. Reeder kennen sich auch in Ebbe und Flut der freien Marktwirtschaft aus. Sie wissen, daß in vier, fünf Wochen bei einiger Kaufdisziplin der Hausfrauen sowieso alles vorbei ist.

Denn mit Ablauf der Heringssaison macht die deutsche Fischereiflotte wieder hundertprozentig Jagd auf Frischfisch. Und dann fallen auch die Preise. Dann ist wieder Ebbe.


DER SPIEGEL 39/1950
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