27.09.1950

OSTHANDELWo das Geschäft aufhört

Fünf Wochen nach dem Ueberfall auf Südkorea erinnerte sich der britische Generalstab an Englands zweitgrößte Maschinenfabrik Craven Brothers in Stockport. Die Antwort aus Stockport ließ es in London allen Beteiligten kalt den Rücken herunter rieseln: Craven Brothers sind bis 1952 mit sowjetischen Aufträgen eingedeckt und können für die britische Rüstung kaum ein Faß Maschinenschrauben liefern.
Diese Pointe hatte Winston Churchill für seinen Wochenendspeech am 26. 8. gerade noch gefehlt. Die Lieferungen von einer Million Pfund, in die sich die Sowjetunion und Polen teilen, beträfen ausgerechnet schwere Werkzeugmaschinen für die Panzerfertigung, funkte der Alte in den Aether.
Nicht genug damit, Craven Brothers müssen vertraglich die Inspektion der Herstellung durch sowjetische Abnahme-Ingenieure gestatten; mit anderen Worten: Spezialtrupps der GPU gehen in Englands Rüstungswerken am hellichten Tag spazleren.
Ein Wochenende später antwortete Clemens Attlee Winston Churchill. Attlee sagte ungefähr: "Jain."*) Worüber sich Mr. Joseph Greenwood, Geschäftsführer von Craven Brothers, derart ärgerte, daß nun auch er auspackte:
"Die Regierung hat doch selbst alles getan, um uns zum Russen-Export zu ermutigen. Wenn die Regierung heute Schwierigkeiten mit ihren Lieferfristen hat, dann ist das doch nur die Folge von jenen enormen Mengen an Arbeit und Material, die England für die Ausweitung des sowjetischen Schwermaschinenparks aufwenden muß."
Am Wörtchen "muß" knüpfte Londons "Times" an und erinnerte die Streitenden an den Handelsvertrag, den England mit der Sowjetunion hat. Nach dem liefert der Kreml Futtermittel und Grubenholz nach England und bezieht dafür Maschinen. Auf diese Maschinen pocht der Kreml.
So sagte die "Times", was Attlee nicht konnte: wird der britisch-sowjetische Handelsvertrag zerrissen, dann ist der nächste Schritt die Blockade des Ostens. Und damit macht die Welt einen Siebenmeilenschritt zum Weltkrieg III.
Die Geschäfte von Craven Brothers mit dem Kreml wirkten jedoch so alarmierend, daß am vergangenen Montag nicht der Sprecher der Opposition, Oliver Lyttleton, sondern Attlees Handelsminister Harold Wilson beantragte, "daß Großbritannien die Ausfuhr gewisser von der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten bestellten Werkzeugmaschinen solange einstellen wird, bis festgestellt worden ist, ob sie für das britische Aufrüstungsprogramm oder das der Atlantikpakt- und der Commonwealth-Nationen benötigt werden."
Rote Ohren. Vor 25 Jahren hätte diese Debatte im Berliner Reichstag geführt werden können. Den ersten Fünfjahresplan Stalins hat noch die Ruhrindustrie installiert. Allein zur Abwicklung des Papierkrieges mietete der Kreml damals das Palais der Viktoria-Versicherung in Berlins Lindenstraße 20-25 (da paßte das preußische Finanzministerium etwa zwanzigmal hinein).
Es hat solche Debatten auch in Berlin gegeben; wenn Neuköllns SPD-Abgeordneter Franz Künstler die Rednertribüne bestieg, wurden Reichswehrminister Otto Geßler die Ohren schon vorher rot Aber seit England von Deutschland die Werkstatt für Osteuropa übernahm, hat das Unterhaus die Plage, jenes alte Rätsel zu lösen, wo das Geschäft aufhört und die Politik anfängt.
Dabei ließ London aber die Tür noch offen, indem es erklärte, "gleichzeitig den Handel zwischen Großbritannien und Osteuropa aufrechtzuerhalten." Den Türspalt zum Osten, durch den heute die westdeutsche Kaufmannschaft bei Helmstedt lugt, will auch Hamburgs GEFO (Gesellschaft für Osthandel), die sich im Obererdgeschoß
des Chile-Hauses vor vier Monaten etabliert hat, kräftig weiteröffnen.
Wobei für Deutschland die Lage ungleich komplizierter ist als für England. Deutschland verlor nicht nur seine Ostmärkte, es hat dazu noch einen gespaltenen Binnenhandel.
So argumentiert die GEFO: "1936 gingen von Westdeutschland für 4,1 Milliarden Mark Güter über die Elblinie nach dem deutschen Osten. Im ersten Halbjahr 1950 waren es noch für 220 Millionen DM. Aufs Jahr umgerechnet also bestenfalls 10 Prozent. Umgekehrt lieferte einst Ostdeutschland zwei Fünftel seiner Erzeugnisse nach dem Westen."
Auf der These vom Primat des Binnenhandels fußt die GEFO. In der Tat erreichte die Größe des Ost-West-Handels über die Elbe (4,1 Mrd. RM) 1936 nicht einmal der deutsche Export: er kam auf 3,2 Milliarden Mark. Deutschlands Import betrug 1936 gar nur 2,7 Milliarden Mark.
Die über 120 in der GEFO zusammengeschlossenen Handelshäuser interessieren sich nur für Realitäten: "Statt nun über die Elblinie wieder den Handel aufzubauen, sinnen Ost wie West nur darüber nach, wie jeder seinen Außenhandel erweitern kann."
"Heinrich Rau läßt Koks und Stahl in den Ostblockstaaten kaufen. Für einen Posten Erze, den er in England bekam, gab er für den Westen auf Abruf liegendes Grubenholz nach England. Worauf sich der Ruhrbergbau revanchiert und den Einbau von Eisen- bzw. Betonstützen forcieren will. Da sagen wir Kaufleute: so geht es nicht."
Die GEFO-Unterhändler fahren in die Löwenhöhle: "Setzen Sie sich einmal einen Abend ins Gästehaus der Ostleute und hören Sie sich dort das babylonische Sprachgewirr an. Dort hören Sie alle Sprachen vom breiten Louisiana-Amerikanisch bis Chinesisch. Dort am Thälmannplatz in Berlin, dem früheren Wilhelmplatz, da entsteht heute die große Warenbörse des Ostens."
"Glauben Sie doch nicht, daß der arme Osten den stolzen Westen unbedingt braucht. Wenn der Osten sich keinen Kaffee kaufen kann, dann gibt es eben keinen Kaffee. Und der Wirtschaftsraum zwischen Kattowitz und Pilsen ist durchaus in der Lage, den Wiederaufbau der demontierten Ostzone durchzuführen."
Die Elbe versandet. Hamburg lebt vom Handel. Der GEFO-Kreis will nicht einsehen, warum Hamburg auf der Berliner Ostbörse nicht vertreten sein soll. "Es ist doch so: was nicht über Helmstedt-Marienborn rollt, läuft heute via Kopenhagen, Antwerpen oder London."
"Ist das nicht ein Blödsinn?" fragte Ost-Handelsminister Dr. Hamann die GEFO-Unterhändler, als sie einen 10-Millionen-DM-Vertrag perfekt machten. Dabei erzählt dann Hamann: "Wir brauchen Bettfedern-Reinigungsmaschinen. Die sollen aus dem Westen kommen. Aber seit 4S Monaten warten wir auf die Liefergenehmigung irgendeines Amtes. Inzwischen haben wir Angebote aus England vorliegen. Das Londoner Haus ist bereit, sofort zu liefern."
Die GEFO-Männer, die sich beim Wort "Politik" die Ohren zuhalten, haben noch mehr Argumente: seit Menschengedenken werden die Steine für die Uferbauten an der Elbe aus Sachsens Steinbrüchen bezogen. Die Elbe selber trägt die Steine billig nach Hamburg. Bonn lehnte jedoch ab. Die Steine mußten aus Süddeutschland bezogen werden. Dabei versandet die Elbe langsam aber sicher.
Auf der Leipziger Herbstmesse hat die GEFO für 4S Millionen DM Fische verkauft und den Cuxhavener Fischern etwas Luft verschafft. Ihr Fernziel sind aber nicht Gelegenheitsgeschäfte, sondern die Abwicklung von Global-Verträgen, die, wenn möglich, unabhängig von den staatlichen Interzonen-Kompensationen laufen. Einen 10-Millionen-Global-Vertrag hat die GEFO schon sicher in der Tasche. Es steht nur die Genehmigung der Bonner Verwaltungsstellen aus.
Da bieten die roten Herren der alten Magdeburger, Dresdner und Chemnitzer Facharbeiter u. a. an:
* Nahrungsmittelmaschinen 500000 DM
Textilmaschinen 1250000 "
Polygraphische Maschinen 500000 "
Holzbearbeitungs-Masch. 500000 "
Industriearmaturen 250000 "
3000000 DM
* 960 Schreibmaschinen 600000 "
Kameras, Ernemann VIIb, Kino-Exakta, usw. 100000 "
Medizin-Mechanik 360000 "
Elektrotechnik 200000 "
4260000 DM
* Milchsäure, 200 t 410000 "
Kaliumferrocyanid, 20 t 27000 "
Calciumkarbonat, 30 t 7000 "
Kalisalpeter, techn. doppelt. raff. 98/100 %, 200 t 116000 "
Kresol DAB 4 (33 % Metagehalt) 30 t 13500 "
Orthokresol, rein krist., 30 t 19500 "
techn., 30 t 15000 "
Paraffin, weiß, 0,5 % Oelgehalt, 750 t 510000 "
div. Chemikalien 500000 "
5878000 DM
* Damenstrümpfe 200000 "
250000 Scheuertücher 100000 "
5000 qm Teppiche 150000 "
70000 qm Gardinen 200000 "
50000 Pelzfelle, zugerichtet (in erster Linie Kanin) 250000 "
100000 qm Tischbelag (Wachstuch) 350000 "
20000 Hüte 110000 "
7238000 DM
Diese Liste wird im Westen einiges Brustkeuchen verursachen, meinen die Hamburger. Beim eiligen Treppensteigen in Bonn. Und zwar bei denen, die im Windschatten der Poltik diesseits der Elbe Industrien aufgezogen haben, die einst eine Domäne Ostdeutschlands waren. Denen droht jetzt der rote Handel. Für alle Autarkisten der Welt hat Alfred Weber sein klassisches Werk "Ueber den Standort der Industrien" offenbar umsonst geschrieben.
Wie recht der greise Alfred Weber behalten hat, erlebt die Welt an der Wiedergeburt des deutschen Handels mit Osteuropa. "Ganz langsam, aber doch merklich, gleitet der Handel mit Osteuropa wieder in seine alten, natürlichen Bahnen", stellte man im Kölner Wirtschaftswissenschaftlichen Institut der Gewerkschaften fest. Vor dem Weltkrieg II gingen 18 Prozent des deutschen Exports nach Osten. Nach dem Sturz ins Nichts steht die Bundesrepublik 1950 wieder bei knapp 8 Prozent.
Halbasien. Im April 1897 fuhr die letzte Ulmer Schachtel die Donau abwärts. Das waren leichtgebaute 150-Tonner, die in Ulm voll mit Waren gestopft wurden. Ab Wien wurde verkauft Nie ist eine Ulmer Schachtel von der Donaumündung zurückgekehrt. Dort wurde sie abgewrackt und als Brennholz verkauft. Ulm verzichtete auf die Rückgabe der Verpackung. So reich war diese Stadt durch die Beherrschung des Donau-Handels. Was bis Nishni-Nowgorod zu handeln war, besorgte Lübeck. Das Oder-Geschäft machte Breslau.
Kurz vor 1914 schrieb der Arzt François ein Buch über das Leben zwischen Krakau und Czernowitz. Er nannte es "Halbasien". Nach 1914 jedoch ging der halbfeudalistische Osten konsequent den Weg der Industrialisierung.
Nach 1945 übernahm England das deutsche Handelserbe im Osten. Neben Skandinavien und der Schweiz. Nur die Kenner wissen um den treibhausartig gestiegenen Handelsverkehr zwischen Schweden und der Tschechoslowakei. Selbst Frankreich (bis 1914 führend im Kapitalexport nach Rußland) nahm Kurs auf Osteuropa. Seine Bemühungen scheiterten aber; französische Maschinen haben nicht jenen Weltruf wie die aus Oberhausen oder Birmingham.
Seit knapp anderthalb Jahren handelt Deutschland wieder mit Osteuropa, und die erschreckende Schere, die noch Mittsommer 1949 zwischen dem Handel Westeuropas einerseits und dem Westdeutschlands andererseits mit Osteuropa klaffte, beginnt sich langsam zu verengen. Nicht etwa zu schließen. 1948 ging 1,4 Prozent der deutschen Ausfuhr nach dem Ostblock, 1949 = 3,8 Prozent und vom Januar bis Mai 1950 = 7,9 Prozent.
Nur Stoßbedarf. Der Sowjetunion gegenüber befindet sich die Bundesrepublik im Stadium der Haßliebe. Seit Stalin im Kreml herrscht, beträgt der Anteil der Sowjetunion am Welthandel 1 Prozent, er steigt nicht, und er sinkt nicht. Das Außenhandelsmonopol des Kreml ist lediglich ein Instrument des laufenden Fünfjahresplans der Außenhandel dient der Stärkung des Industriepotentials und weniger den Bedürfnissen der Bevölkerung.
Kaufleute berauschen sich an der Weite des russischen Marktes. Was in Gustav Freytags "Soll und Haben" noch Wirklichkeit war, ist heute eine Fata Morgana. Der Sowjethandel kennt nur Stoßbedarf: braucht er wie einst für 120 Mill. Mark US-Traktoren, dumpt er den Weltmarkt mit Korn oder Holz. Braucht er Karusselldrehbänke oder Radialbohrmaschinen, dann ist das ein Stoßgeschäft einer Planperiode, für das der Kreml zur Zeit Englands Maschinenfabriken bis 1952 vertraglich verpflichtet hat.
Oder der Kreml hortet strategische Rohstoffe. Im Juni und Juli kaufte die Sowjetunion in Singapore 40000 t Rohgummi, das wären 240000 t per anno. Die Russen haben nicht eine annähernde Verarbeitungskapazität hierfür. Dazu kauft seit August die Tschechoslowakei täglich 200 t Rohgummi. Ihr ganzer Bedarf im ersten Halbjahr 50 betrug 100 t. Das sind die Stoßgeschäfte des Polit-Büros.
Kaufleute, die sich nicht nervös machen lassen, sitzen am Ballindamm in Hamburg. Es ist überraschend, daß man an der Alster ungefähr so gut wie am Jangtse über Mao Tse-tungs Pläne und Taten im Bilde ist. Am Ballindamm trägt Erfahrung ihre Zinsen: wer vierzig Jahre lang zwischen Shanghai und Szetschuan in Nähnadeln, Teerfarben oder Patronengurten gereist ist, kennt China.
Drei deutsche Firmen hat Mao bereits wieder zugelassen. Und eines Tages wird auch die große Stunde jener Männer kommen, die Hamburgs "Ostasiatischen Verein" bilden. Denn in China geht es um einen der letzten Großmärkte der klein gewordenen Erde, auf dem 450 Millionen hungerige Mäuler wimmeln. Für die nächsten 30 Jahre geht es hier für Deutschland um Milliarden (s SPIEGEL Nr. 13/1950).
Man muß nur gelernt haben, zu warten. Bereits in acht Monaten hat sich Mao Tsetung merklich beruhigt. Und das Rätselraten darum, ob Mao Stalinist ist oder nicht, interessiert am Ballindamm herzlich wenig. Dort weiß man: 450 Millionen Chinesen sind keine Stalinisten.
Mao Tse-tung mußte Rotchina
* die Tempel wiedergeben. Wenn der Chinabauer abends vom Felde kommt, will er seinen Hirsetopf, sein Eheweib, seinen Ahnenkult und seinen Tempel.
* die Schulungsabende wieder einstellen. 400 Millionen Analphabeten interessiert keins der europäischen "ismen".
* Und was für Hamburg am wichtigsten ist: Mao konnte das Außenhandelsmonopol Rotchinas nicht aufrechterhalten.
Mao Tse-tung war klüger als Fritz Selbmann. Der baute 1947, als ihm der Kompensationssumpf bis an die Kinnspitze reichte, 21000 sächsische Großhändler ab. An deren Stelle etablierte er den Staatshandel, der ebenso maßlos ist wie schwerfällig.
Mao merkte bald: blieb er beim Außenhandelsmonopol, dann trug Rotchina für jede Verschiffung von Kanton oder Tientsin bis London oder Hamburg die Verantwortung. Das ging über Mao's Kraft.
So lockerte er sein Außenhandelsmonopol zu einem System staatlicher Erfassungsstellen auf: von dort holt sich der Kaufmann wieder Schweinsborsten, Bettfedern, Holzöl oder Trockenei. Und dieser Kaufmann alter Schule, der noch weiß, was ein Konnossement ist, trägt die Verantwortung für die Ware von Rotchina bis Europa. Und weiß dabei gar nicht, daß Karl Marx je gelebt hat.
Ob rot oder weiß. Es geht doch Mao gar nicht gut: solange China mit Europa handelt, ist die chinesische Handelsbilanz passiv. Es gehört zu den unausrottbaren Irrtümern der Weltwirtschaft, China vorwiegend für ein Land von Reisessern zu halten. In Wirklichkeit ist Reis in China fast eine Delikatesse. Der Landchinese ißt in der Regel Hirse und der Stadtchinese Brot. Reis und Mehl sind riesige Importposten für China. Das größte Bauernland der Erde ist außerstande, sich selber zu ernähren. Treten dazu die Ströme über die Ufer oder dörrt die Sonne ganze Provinzen aus, dann sterben Millionen, ob rot oder weiß.
1950, nach 39 Jahren Bürgerkrieg, ist Honan eine Wüste. Aber aus Honan kam die Seide. Sie kann nicht mehr kommen, weil jeder Landsknechtshaufen, der durch Honan zog, die Maulbeerbäume abhackte und als Lagerfeuer verbrannte.
Seitdem sind die Seidenraupen verhungert und die Seidenspinner - Facharbeiter wie an der Ruhr die Stahlkocher - tot oder irgendwie verreckt. (Ebenso ging Chinas Hausindustrie zu Bruch: Spitzen und Teppiche).
Für jede Stadt, die Mao eroberte, verlor er ein Dutzend Handelshäuser. Jahrelang floß in Strömen das Fluchtkapital der steinreichen China-Millionäre außer Landes. Als Mao am Ziel war, war auch das Geld weg. Das sitzt heute in Hongkong, in Singapur und auf Formosa. Und kann warten.
Auf den Schreibtischen der Hamburger China-Kaufleute stehen kleine Pagoden. Diese güldenen Götzen stehen für 3000 Jahre China. Dazu sagt man am Ballindamm: "Chinas Kaufleute haben unter den Mandschus gehandelt, unter Sun Jatsen, unter Tschiang Kai-schek und sie werden auch mit Mao Tsche-tung handeln."
Allein in der Mandschurei, deren industrielle Ausrüstung noch die Deutschen geliefert haben, gibt es einen Nachholbedarf ohnegleichen. Wenn dort die Schlote wieder rauchen sollen, wird sich Mao um Ersatzteile kümmern müssen. Die gibt es nur in Düsseldorf. "Und was haben wir an Farben nach China geliefert", lächelt Glathe vom Ostasien-Verein. Und nach Düsseldorf und Frankfurt zielen Mao's Beauftragte, nicht so sehr nach Eberswalde oder Halberstadt.
Seit Februar 1950 laufen die Verhandlungen über einen Handelsvertrag zwischen der Ostzone und Rotchina. Ohne Ergebnis. Die Vorbesprechungen dazu fanden in Moskau statt. Damals überreichte der Kreml dem Ost-Außenhandelsminister Georg Handke, der vor 20 Jahren ein kommunistisches Winkelblatt in Frankfurt am Main zusammenklebte, eine Liste mit Waren, die die Ostzone an China liefern soll. Das war eine märchenhafte Liste, vom kompletten Kraftwerk bis zum Arztbesteck war da ungefähr alles drauf.
Georg Handke wäre froh, wenn er neue Siederohre für seine Kraftwerke bekäme. So bestimmte der Kreml: Westdeutschland einbeziehen. Aus jener Ecke stammt der Satz aus der Rede Handkes auf der Leipziger Frühjahrsmesse am 6. 3. 50: "Der Weg zum Osthandel führt über die Deutsche Demokratische Republik."
Kurz nach der Frühjahrsmesse kam die erste 15köpfige Handelsdelegation Rotchinas in Berlin an. Ihr Chef hieß Wu Seng-po. Der sagte immer: Stahl. Stahl suchte Handke aber selber. Da Wu Seng-po seinem Außenhandelschef Li Su-tschu keinen Stahl besorgen konnte, wurde er wieder abberufen.
Immer Stahl. Es kam Ho Liang-tung aus Peking. Der hatte sich schon 1925 auf dem roten Wedding umgesehen und nebenbei an der Humboldt-Universität Berlin zum Dr. jur. promoviert. Aber so fließend deutsch Ho Liang-tung im roten Gästehaus am Thälmannplatz sprach, Stahl konnte auch er nicht auftreiben. Im Mai 50 reiste er ohne Ergebnis von Berlin ab.
Worauf Ulbricht Georg Handke nach Peking in Marsch setzte, um den Handelsvertrag endlich abzuschließen. Wenn Georg Handke sich über den Bedarf Chinas orientieren wollte, dann könnte er sich die Seite 85 des "Overseas trade of the United Kingdom", herausgegeben vom Londoner Board of Trade, ansehen. Dort ist der England-Export nach China via Hongkong belegt. Der betrug 1947 = 12743000 Pfd., 1948 = 20575000 Pfd. und 1949 = 27291000 Pfd. Die Engländer haben eben das, was Mao Tse-tung braucht.
Welche wirtschaftsgeographischen Größenordnungen in Handkes Kopf herumspuken, ersieht man aus seiner Amtseinteilung. In sein Ministerium für Außenhandel hat er für das Referat China einen SED-Mann namens Hermann Ackermann ins Zimmer 40/41 gesetzt (Tel.: 42 00 18, App. 4577). Der gehört aber zur Abteilung "UdSSR'. Danach rangiert China als ein Teil Rußlands.
Während Georg Handke in Peking jedesmal zusammenzuckt, wenn die Tür aufgeht, denn SED-Oberkontrolleur Hermann Matern hat ihm inzwischen ein Parteiverfahren wegen Linienabweichung angehängt, sind im Berliner Villen-Vorort Dahlem einige kleine Veränderungen vor sich gegangen.
Nachdem Tschiang Kai-scheks Monatswechsel über 80000 $ die Chinesische Militärmission in Berlin nicht mehr erreicht, ist sie am 1. 9. 50 nach Paris übergesiedelt. Ihr Haus in Dahlem, Podbielskiallee 62, steht seitdem leer.
Dafür klappern in Berlin-Dahlem, Ihnestraße 72, neuerdings die Schreibmaschinen. Bei der China Industrie & Handelsgesellschaft, Im- & Export, Tientsin-Shanghai-Berlin. Die wollen das Rotchina-Geschäft da in Gang bringen, wo es überhaupt einen Sinn hat: zwischen Hamburg und Köln. Wenn inzwischen der Stahl nicht zu knapp geworden ist.
An Ermunterungen zum Ostgeschäft fehlt es nicht. Am gleichen Montag (18. 9.), als das Unterhaus die Ueberprüfung der britischen Maschinenexporte nach den Oststaaten beschloß, erklärte Marshallplan-Boß Paul Hoffman in Washington, die Intensivierung des Ost-West-Handels sei allein schon im Interesse der wirtschaftlichen Gesundung Westeuropas erwünscht.
Peter Aufschnaiter, österreichischer Diplom-Ingenieur, schrieb aus Indien an einen deutschen Freund: "Besser am Himalaya kämpfen als in Europa sterben." Aufschnaiter, seit kurzem Oberbefehlshaber der tibetanischen Armee (s. SPIEGEL 36/1950), baute nach seiner Flucht aus Indien mit seinem Freund Heinrich Harrer und zehntausend Tanguten in Tibet Straßen. Kanäle und ein Elektrizitätswerk.
Hans Detlev Becker, verantwortlicher Deutschland-Redakteur des SPIEGEL, wurde vom Landgericht Hannover zu 2000 DM Geldstrafe verurteilt. In einem Artikel in Nr. 4/1950 des SPIEGEL war unter Beckers Verantwortung ein Artikel erschienen, in dem ein bei Bundestagsabgeordneten, Zeitungsredaktionen und Rundfunkleuten zirkulierendes "Vertrauliches Memorandum" über den NWDR zitiert wurde. Darin erhoben die von der Staatsanwaltschaft nicht ermittelten anonymen Autoren des Memorandums u. a. Anschuldigungen gegen den früheren Intendanten und Chefredakteur des NWDR Berlin, Hans Erwin Haberfeld, der im Prozeß gegen Becker als Nebenkläger auftrat. Becker berief sich im Verfahren darauf, daß sich der SPIEGEL die zitierten Anschuldigungen gegen Haberfeld nicht zu eigen gemacht habe, sondern im Gegenteil das Memorandum als "Pamphlet" bezeichnete und von dem Inhalt abrückte. Das Memorandum sei einzig zu dem Zweck zitiert worden, in Wahrung berechtigter Presse-Interessen der Oeffentlichkeit die Methoden vor Augen zu führen, mit denen interessierte Kreise anonym um politischen Einfluß auf den Rundfunk und seine Mitarbeiter kämpfen. Das Gericht erkannte trotz dieser Einlassung, der SPIEGEL habe nicht in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt, und sprach Becker wegen Verbreitung des Memorandums der üblen Nachrede schuldig. Gegen das Urteil wurde Revision eingelegt.
[Grafiktext]
PLUS UND MINUS IM OSTEXPORT
DEUTSCHE AUSFUHR NACH OSTEUROPA IN MILLIONEN RM/DM
1949 KEIN EXPORT NACH U.d.S.S.R.
1936 (ALTREICH) 1949 (BUND)
SOWJET-UNION 182,2
POLEN 53 30,2
TSCHECHOSLOWAKEI 139 50,6
RUMÄNIEN 103,6 3,5
BULGARIEN 47,6 2,8
UNGARN 83 59,4
AUSFUHRWERT IN MILLIONEN DOLLAR
1938 1948
SCHWEIZ 34 67
BENELUX 87 173
SKANDINAVIEN 74 235
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
ENGLANDS MASCHINEN - UND ELEKTROEXPORT NACH OSTEUROPA 1937 u. 1949 IN MILL. £.
1949 1937
SOWJET-UNION 7,17 0,98
POLEN 4,24 0,78
TSCHECHOSL. 1,96 0,37
JUGOSLAWIEN 0,66 0,13
[GrafiktextEnde]
*) Jain - einerseits "ja", andererseits "nein" - von Kurt Tucholsky erfundene Vokabel. Scherzhaft gemeint als Ueberschrift für demokratische Leitartikel in der Weimarer Zeit.

DER SPIEGEL 39/1950
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