04.10.1950

GENERALSTABDer Gefreite schlief

Der Name der Ortschaft ist nicht überliefert. Sie lag im Nordabschnitt, im Raum von Demjansk, und Hitler hatte sie im Winter 1941/42 zur Festung erklärt. Die eingeschlossenen Truppen sollten sie halten, auf jeden Fall, koste es, was es wolle.
Der Ort war nicht zu halten. Die Heeresgruppe wollte räumen lassen. OB Generalfeldmarschall Ritter von Leeb rief das Führerhauptquartier an. Er bekam Halder, Generaloberst und Generalstabschef, an den Apparat. Das Gespräch ist in den Akten erhalten. Es lag auf dem Richtertisch in Nürnberg. Es lautete:
Leeb: "Wissen Sie, Halder, daß man auf diese Weise auch mal ein Korps verlieren kann?"
Halder: "Ja, Herr Feldmarschall."
Leeb: "Wissen Sie auch, daß man auf diese Weise auch mal eine Armee verlieren kann?"
Halder: "Ja, Herr Feldmarschall."
Leeb: "Wissen Sie auch, daß man auf diese Weise den Krieg verlieren kann?"
Halder: "Ja, aber Sie wissen, wie es ist Alles, was wir gelernt haben, ist ja nichts, alle Ueberlegungen und Vorschläge prallen ab wie Wasser, das an die kalte Schulter gegossen wird."
Leeb hat wenig später, im Januar 1942, seinen Abschied genommen. Hitler hat ihn nicht wieder berufen.*) Halder blieb noch - Leeb hatte es ihm dringend ans Herz gelegt - bis zum 24. September 1942. Aber der Generalstab war da schon längst zur Planungs- und Organisationsmaschine ohne Verantwortlichkeit und ohne echtes Recht zum Mitsprechen herabgewürdigt worden. Was er sagte, lief wie Wasser an Hitlers kalter Schulter ab.
Trotzdem wurde der Generalstab in corpore in Nürnberg angeklagt. Er wurde in corpore freigesprochen, weil er überhaupt keine Organisation, keine geschlossene Vereinigung war. "Das Schlagwort für die Weltpresse: Der deutsche Generalstab eine Verbrecherorganisation" ließ sich nicht liefern, mußten sich die Nürnberger Richter von seinem Verteidiger Dr. Hans Laternser sagen lassen.**)
Doch die imaginäre Furcht vor dem sagenhaften deutschen Generalstab blieb. Eine begrenzte deutsche Beteiligung an der West-Verteidigung sei notwendig, erklärte
jetzt nach der New Yorker Konferenz Amerikas Sonderbotschafter Philip Jessup. Aber auf jeden Fall ohne deutschen Generalstab.
"Es gibt eine billige Methode pseudogeschichtlicher Forschung, die Geschichte zum Tummelplatz einer kriminalistischen Jagd nach Schuldigen zu erniedrigen. Die Meistbeschuldigten sind dabei entweder die Juden, die Jesuiten, die Freimaurer oder der preußische Generalstab, je nach Laune. Konfession, Rassezugehörigkeit, Ressentiment oder Parteianschauung". Von dieser "billigen Methode" hält Walter Görlitz nichts. Er hält sich in seiner neuen Geschichte des deutschen Generalstabes*) lieber an Altmeister Leopold von Ranke. Er will ergründen, wie es wirklich war. Er meint, das sei jetzt schon möglich. Er tut das mögliche.
Diesem geheimnisumwitterten Stoff ist Görlitz seit Jahren verfallen. Seit Kriegstagen sammelt er das Material. Dabei war er nie selbst im Generalstab. Er ist Historiker, aus Stettin, und trotz seiner 37 Jahre schon Biograph einer stattlichen Reihe geschichtlicher Persönlichkeiten. Hannibal steht auf seiner Verfasserliste und Stein, Blücher und Stresemann. Wallenstein und auch der englische König Georg V.
Der Generalstab ist sein bisher umfangreichstes Werk. Die überlebenden Generalstäbler haben ihm dabei geholfen, in Gesprächen, durch briefliche Mitteilungen, durch Korrekturen und Ergänzungen. Sie haben ihm gern geholfen, "weil", wie sein Verleger sagt, "seine sachliche und objektive Art auf die ehemaligen Generale einen menschlich guten Eindruck machte".
Wo vom Generalstab gesprochen wird, ist die preußische Militärgeschichte angeschnitten. Er ist ein preußisches Produkt. Er hat von Preußen aus Schule gemacht, überall in der Welt.
Das Preußentum, das den Generalstab formte, ist noch sehr viel enger zu begrenzen. "Das preußische Heer wie der preußische Generalstab als dessen geistig am schärfsten geprägte Erscheinungsform
sind nicht denkbar ohne das ostelbische Junkertum, den preußischen Dienst- und Schwertadel", stellt Görlitz fest. Es sind eigentlich nur ganz wenige Familien, deren Namen in den Ranglisten immer wiederkehren. Im 18. und 19. Jahrhundert stellten etwa die Schulenburg dem preußischen Heer drei Generalfeldmarschälle, einen Generalfeldzeugmeister und 25 Generale, die Kleist 15 Generale, die Schwerin 12, die Borcke 14, die v. d. Goltz und die v. d. Marwitz je 11, die Manstein und die Arnim je 7.
Der Kreis muß sogar noch enger gezogen werden. Es waren nicht die reichen und wirtschaftlich unabhängigen Adelsfamilien, die ihre Söhne in die Armee schickten. Es war vor allem der verarmte, entwurzelte und güterlose Adel, der froh war, in des Königs Rock unterschlüpfen zu können. Von solchem Adel waren Clausewitz und Moltke, Waldersee und Hindenburg und schließlich auch Seeckt. Das war der Adel, von dem Hindenburg in seinen Lebenserinnerungen schrieb, sein Reichtum habe in seiner Bedürfnislosigkeit gelegen. Aber: "Ein derartiges Spartanertum war das Stigma noch jeder Kriegerkaste in der Geschichte der Menschheit".
Das gilt für das ganze preußische Offizierkorps. Der Generalstab nahm jedoch bald eine Sonderentwicklung ein. In ihm zuerst waren wissenschaftlich und technisch versierte Leute vonnöten, Kartographen, Topographen, Landvermesser und später Fachleute für Motorisierung, Fernmeldetechnik und Luftfahrt. Das aber waren Berufssparten, die den echten Junker wenig interessierten. Er hielt lange noch an der "Romantik feudaler Reitergeschwader" fest. Für die technischen Bereiche mußte der Bürger her. Der Generalstab verbürgerlichte.
Schon 1857 überwogen in den topographischen und trigonometrischen Abteilungen des Generalstabs die bürgerlichen Offiziere. 1872 war einschließlich eines Juden fast ein Drittel, 1888 nach Moltkes Abgang fast die Hälfte aller Generalstabsoffiziere bürgerlicher Herkunft. 1914 kamen wohl der Generalstabschef, der Generalquartiermeister und die fünf Oberquartiermeister noch aus den alten preußischen Adelsfamilien, aber von ihren 113 untergebenen Offizieren konnten 69 nicht das Wörtchen "von" ihrem Namen voransetzen.
Ein stärkeres Revirement erlebte der Adel erst wieder in Hitlers Generalstab. Das war zu einem gewissen Grad Reichswehr-Erbe. Dank einer ziemlichen Cliquenwirtschaft im Hunderttausend-Mann-Heer waren 1932 von rund 4000 Offizieren 820 adliger Herkunft. Die Folge: Unter Becks 187 Generalstabsoffizieren 1938 waren 50 Herren vom Adel, obwohl der Adelsanteil im aktiven Offizierskorps auf 10 Prozent gesunken war. Doch: Einen adligen Generalstabschef hat die Großdeutsche Wehrmacht trotz erheblichen Verschleißes nicht mehr gehabt.
Seit seinen eigentlichen Anfängen im frühen 19. Jahrhundert rang der Generalstab um eine Sonderstellung in der Armee. Seine Schöpfer, die Scharnhorst, Gneisenau, Grolman, Clausewitz, taten es nicht allein um der fachlichen Qualifikation willen. Sie wollten für die Führungsaufgaben innerhalb der Armee Persönlichkeiten von unabhängigem Geist und Charakter heranbilden. Trotzdem wurde der Generalstab die Geburtsstätte des rein militärischen Fachmanns. Schließlich war der Generalstäbler nur noch hochqualifizierter "Funktionär eines technischen Apparats" und der Krieg war schließlich die "Domäne der Fachwissenschaft".
Das hatte Folgen. Moltkes "Mehr sein als scheinen", Schlieffens "Viel leisten und wenig hervortreten" und Seeckts "Generalstabsoffiziere haben keinen Namen" waren Pflichtworte zu äußerster dienstlicher Konzentration. Aber sie ließen auch "den Typ jenes militärischen Fachmannes entstehen, der außerhalb seines eigenen Bereichs unsicher und hilflos ward". Und sie führten den Generalstab in eine hoffnungslose Isolierung.
Schlieffen etwa, der schon frühmorgens vor dem üblichen Ritt durch den Tiergarten sinnend vor den Generalstabskarten in dem roten Backsteingebäude am König platz stand, kannte schließlich überhaupt nur noch den Generalstab. Die übrige Welt gab es praktisch für ihn gar nicht mehr. Konsequent hielt er sich auch nicht für befugt, politische Probleme zu erörtern.
Es gibt ein präzises Datum, an dem der preußische Generalstab als eine "neue Potenz in die internationale Politik" einzog: Es ist der 3. Juli 1866, der Tag, an dem die Preußen die österreichische Armee bei Königgrätz schlugen. "Es war der erste große Sieg der europäischen Kriegsgeschichte, der nicht mehr von einem Feldherrn erfochten worden war, ... sondern von dem Chef des höchsten Stabes, dem Leiter der obersten militärischen fachwissenschaftlichen Planungsstelle", von Moltke.
Als vier Jahre später die Preußen abermals ins Feld rückten, meinte Moltke in der Nacht der Mobilmachung gegen Frankreich, er habe nie weniger zu tun gehabt als eben in dieser Stunde. Mit der Präzision eines mechanischen Uhrwerks, einer Maschine, rollten die bis ins einzelne feststehenden Pläne ab.
Das war ein bewunderungswürdiges Erbe. Das war ein gefährliches Erbe. Aus ihm erwuchs das, was nur noch die Plangläubigkeit genannt werden kann. So haben etwa ganze Generationen an den Schlieffenplan geglaubt, sie haben aus ihm ein Dogma gemacht. Er schien ihnen der Weisheit letzter Schluß zu sein, Frankreich in jedem Kriege mit einem Schlag zu Boden zu zwingen.
Als er dann doch nicht funktionierte, waren nur die Verfälschungen durch spätere militärische Dilettanten daran schuld. Daß jedoch der Krieg selbst sich gewandelt hatte, und daß Deutschland niemals in einem Mehrfrontenkrieg bestehen konnte, wollte nach 1918 niemand glauben. Die Lektion mußte in einem zweiten Weltkrieg wiederholt werden.
Den ersten Weltkrieg hat noch einmal der Generalstab geführt. Der "Oberste Kriegsherr", Wilhelm II., verzichtete sofort, er erkannte seine Unfähigkeit. Aber auch sein erster Generalstabschef, der jüngere Moltke, des "Großen Schweigers" nachgelassener Neffe, der im Kreise von Magnetiseuren, Hypnotiseuren und Theosophen Trost vor der Unbill dieser Welt suchte, hatte schon nach wenigen Wochen seine unkriegerische Nervensubstanz verbraucht. Nachfolger Falkenhayn führte seine Divisionen in die Hölle von Verdun. Dann ging das Doppel-Gestirn Hindenburg-Ludendorff auf, vor allem der Stern Erich Ludendorff.
Er war der Prototyp des bürgerlichen Fachmanns. Aber er gewann alle Gewalt, er wollte nicht nur die militärische. Nach ihm wurde der Plan genannt, der etwa die letzten Menschenreserven und die letzten Produktionsmöglichkeiten aus der Heimat herausholen sollte. Er strebte nach weiterer politischer Wirksamkeit, in ihm träumte schon der "totale Krieg". Aber außerhalb seines engbegrenzten Fachbereichs war er trotz aller Arroganz hilflos. Er mußte scheitern.
Nach 1918 war der Generalstab verboten. Hans von Seeckt, die "Sphinx", führte ihn heimlich im "Truppenamt" weiter und machte mit ihm eigene Wehrpolitik. Das war die Zeit, da die Reichswehr auf eigene Faust ein Bündnis mit der Roten Armee einging, da deutsche Offiziere auf russischen Panzern schulten, da russische Munition heimlich in deutschen Ostseehäfen angelandet wurde, da der Chef der Heeresleitung von Hammerstein-Equord offizieller Manövergast in der Ukraine war und Sowjetgeneral Shukow als Gast des Reiches in Berlin die "Führergehilfen-Ausbildung" studierte.
In dieser Luft wuchs ein neuer Typ von Generalstabsoffizieren heran. Wie sie glaubten, heimlich arbeiten zu müssen, gewannen sie Freude an der Heimlichkeit. Sie wurden ohne Absicht in Verschwörung geschult. Es wurde ihnen zur Gewohnheit zu konspirieren und zu illegalen Verbänden, bald der "Schwarzen Reichswehr", bald dem "Stahlhelm", bald der SA, Fühlung zu halten.
Das war aber auch die Luft, aus der Kurt von Schleicher herauswuchs, der Reichswehr-Generalstäbler, der bald in jede Regierungsbildung der Weimarer Republik seine Finger mischte und es für sechs Wochen zum letzten Vor-Hitler-Reichskanzler brachte. Görlitz bedenkt ihn mit dem Prädikat des "bedeutendsten politischen Generals, den der Generalstab hervorbrachte". Er ist trotzdem völlig gescheitert.
Hitler ließ ihn, als er 1934 Röhm nebst Anhang liquidierte, gleich miterschießen. Der wiedererstehende Generalstab schwieg dazu. Er schwieg auch, als unter entwürdigenden Umständen der erste Oberbefehlshaber des Heeres der neuen Wehrmacht, Freiherr von Fritsch, gehen mußte und Blomberg, der erste und einzige Reichskriegsminister eines Deutschen Reiches, verabschiedet wurde. Nur Keitel weinte. Er machte trotz der Tränen und vier abgelehnter Abschiedsgesuche weiter mit, bis zum bittersten Ende.
Görlitz meint, die Armee sei niemals völlig in den totalitären Staat eingefügt worden. Der Generalstab ist es jedenfalls bestimmt nicht. Als ihn der General Ludwig Beck am 1. Juli 1935 offiziell wieder begründen durfte, befand er sich eigentlich bereits im unaufhaltsamen Abstieg. Er tat, was Generalstäbe in aller Welt zu tun pflegen. Er half Divisionen, Korps und Armeen planen und arbeitet den "Sicherungsaufmarsch Rot" gegen den Westen und "Grün" gegen die Tschechoslowakei aus. Ansonsten warnte er. Beck: Jeder Mehrfrontenkrieg übersteigt die Kraft des Reiches. Keitel: Militärische Operationen sind für die neue deutsche Wehrmacht vor 1943 ausgeschlossen.
Er warnte umsonst. Er hat immer umsonst gewarnt. Aber er entwarf trotzdem Operationen, arbeitete Aufmärsche aus, projektierte und verschob auf dem geduldigen Kartenpapier Divisionen, Korps und Armeen.
Er erlebte dann doch noch in dem von der politischen Führung, nicht vom Generalstab gewollten Krieg einige Stunden traditioneller Bewährung. Der Westfeldzug 1940 sah noch einmal in dem präzisen Ablauf des Manstein-Planes einen funktionierenden Generalstab am Werk. Die überraschend angesetzte und eingeleitete Ardennen-Offensive des Dezembers 1944 und selbst der Pommern-Aufmarsch im März 1945 waren die Abgesänge deutscher Generalstabsperfektion. Nur stand damals schon längst nicht mehr genug reale Kraft dahinter.
Es sind vor allem zwei Momente, die den Anteil oder auch Nicht-Anteil des Generalstabes am letzten Krieg bestimmten: Die zunehmende Zersplitterung und Aufteilung seines Arbeitsbereichs und die wachsende Mißachtung und Verachtung, mit der ihn der "Größte Feldherr aller Zeiten" bedachte.
Die Zersplitterung: Seit der Ex-Gefreite Hitler im März 1940 seinen persönlichen Wehrmachtführungsstab den Norwegen-Ueberfall bearbeiten ließ, gab es zwei Heeres-Generalstäbe. Damit setzte das System der sogenannten "OKW-Kriegsschauplätze" ein, etwa Frankreich, Finnland, Afrika, Italien, der Balkan, die sich Hitler mit seinem Führungsstab selbst unterstellte. Der eigentliche Generalstab hatte mit ihnen nichts mehr zu tun. Er war schließlich nur noch für den Osten zuständig. General Warlimont, einer von Hitlers unmittelbaren Gehilfen, hat diesem "Führungschaos im Führerstaat" die Schuld am bösen Ende gegeben.
Die Verachtung: Der Führer fühle sich krank, wenn er nur an seine Generale denke, schrieb Goebbels 1943 in sein Tagebuch. Wie krank mußte er sich erst fühlen, wenn er an seine Generalstäbler dachte, mit denen er ja täglich zusammenkam. Der Bruch datierte aus dem Sommer 40. Der Generalstab wollte im Westen nicht angreifen. Hitler griff an und gewann. Seither sprach er von den "Strohköpfen". Oder von den "bissigen Fleischerhunden", für die er früher die Generalstäbler gehalten habe, und die sich nun plötzlich als ängstliche Taktiker erwiesen.
Hitlers Abscheu nahm pathologische Züge an. Zeitweilig weigerte er sich sogar, General Jodl, dem Chef seines privaten Neben-Generalstabes, den Görlitz "einen der letzten bedeutenden Fachleute aus dem Generalstab" nennt, die Hand zu geben. Den eigentlichen Generalstab nahm er schon gar nicht mehr in sein Hauptquartier auf. Er mußte außerhalb der "Wolfsschanze" sich in den Wäldern um Rastenburg verstecken. Schließlich dachte er sogar daran, den Generalstäblern ihre karmoisinroten Hosenstreifen zu nehmen. Eine Armbinde mit dem Aufdruck "Generalstab" schien es ihm auch zu tun.
Die Situation war völig unhaltbar. Sie blieb jahrelang völlig unhaltbar. Der Generalstab tat so, als ob er noch verantwortlich an der Operation mitwirke. Er hatte gar nichts mehr mitzuwirken. Er belastete sich nur mit dem Odium, Vollstrecker Hitlerscher Befehle und Hitlerscher Wahnsinnstaten zu sein. Beck, ohnmächtig grollend im Ruhestand, sprach vom "Verrat an der Tradition des Generalstabs".
Er hat diesen "Verrat" am 20. Juli 1944 zu tilgen versucht. Mit ihm eine ganze Gruppe von Generalstabsoffizieren: Die Hoepner und Olbricht, Fellgiebel und Stieff, Herfurth und Oster, Mertz von Quirnheim und Freiherr von Roenne und vor allem der Attentäter selbst, Claus von Stauffenberg.
Görlitz attestiert den Empörern einen "sorgfältig vorbereiteten Generalstabsplan". Warum sie dann doch so schnell und hilflos scheiterten, sagt er nicht. Im Ergebnis waren es etwa 150 von insgesamt rund 800 Generalstabsoffizieren, die "den Tod an der inneren Front dieses Krieges der Weltanschauungen fanden".
Mit dem 20. Juli endet eigentlich die Geschichte des preußisch-deutschen Generalstabs. Als Guderian, der neue Chef, am Tage danach sein Dienstzimmer betrat, fand er es leer. Schließlich entdeckte er in der ganzen Generalstabs-Baracke einen einzigen Gefreiten, der das Telefon bedienen sollte. Der Gefreite schlief.
Guderians Vorgänger, den General Zeitzler, hatte Hitler nach vier abgelehnten Abschiedsgesuchen dann seinerseits brüsk entlassen. Nicht einmal das Recht zum Tragen der Uniform blieb ihm.
Guderian fand noch im März 1945 einen Nachfolger: Den General der Infanterie Hans Krebs. Der glaubte damals noch an das Genie des Führers. Er glaubte bis zuletzt.
General Krebs ist in Berlin verschollen.
*) Im OKW-Prozeß wurde Feldmarschall von Leeb am 27./28. Oktober 1948 wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Nach der Urteilsverkündung wurde er entlassen.
**) Dr. Hans Laternser, Verteidigung deutscher Soldaten. Plädoyers vor alliierten Gerichten. Verlag Rolf Bohnemeier, Bonn 1950. 344 Seiten, DM 12,80.
*) Walter Görlitz, Der deutsche Generalstab. Geschichte und Gestalt, 1640-1945. Verlag der Frankfurter Hefte, Frankfurt/M., 720 Seiten. DM 16,80.

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