04.10.1950

USA

Aus Furcht vor Knappheit

Das ist schon kein Boom mehr, das ist ein Superboom. Wir haben nie zuvor so etwas gesehen", zitierte Amerikas "Wallstreet Journal" amerikanische Industrielle zur Wirtschaftslage.

Bis auf die statistisch klein erscheinende Zahl von Amerikanern, die auf Korea bluten müssen, hat der "schmutzige kleine Krieg" fast allen 150 Millionen Menschen, die in den USA leben, den etwas fiebrigen Glanz einer unerwarteten Prosperität gebracht.

In den Straßen der Städte rollen mehr Autos denn je. Die Angstkäufer des Frühsommers führen ihre glänzenden neuen Cadillacs, Pontiacs und Chryslers spazieren. Manche bedauern, daß sie in der ersten Panik dem Verkäufer mit Augenzwinkern eine kleine Extraprämie in die Hand gedrückt hatten, denn es zeigt sich jetzt, daß die erwartete Verknappung vorläufig nicht eingetreten ist.

Trotz Tankbau und Radarherstellung liefern die amerikanischen Fabriken in unverminderter Fülle Limousinen, Eiskästen, Fernsehapparate, Staubsauger und fettvernichtende Punktroller.

Das "Wallstreet Journal" schickte Mitte September seine Reporter in zwölf typische amerikanische Städte. Ihr Urteil: Trotz erhöhter Kriegsproduktion erreicht die Friedensproduktion neue Rekordhöhen. Vergleichszahlen illustrieren diese Feststellung. Im letzten "normalen" Produktionsjahr vor dem zweiten Weltkrieg, 1939, wurden monatlich 239000 Autos hergestellt, im August 1950 nicht weniger als 660000. Die Fabrikanten von Eisschränken schickten 1939 monatlich rund 160000 auf den Markt, im August 1950 beinahe 600000!

Der Krieg in Korea erwies sich für die amerikanische Industrie als ihr bester Verkaufsagent. Wer sich hundertmal den Kauf einer elektrischen Tellerwaschmaschine überlegt hatte, griff jetzt aus Furcht vor Knappheit unbedenklich zu.

In plötzlicher Hamsterwut wurden die unnötigsten Sachen gekauft. Die kompliziertesten Haushaltungsmaschinen zur Erfüllung unkomplizierter Arbeiten fanden auf Raten Käufer. Elektrische Konservenöffner, automatisch sich drehende Bratspieße, raffinierte neue Toaster und Kaffeemaschinen wanderten von den Ladenregalen in die Küchen.

Sogar die Blumengroßhändler meldeten einen ungewohnten Sommer-"rush". Auf ihrer Jahreskonferenz in Dallas erklärte C. H. Summerlin: "Ich habe jeden Tag Arrangements für sechs Hochzeiten zu liefern. Mehr als je zuvor in meiner ganzen Karriere." Der Krieg war auch Amors bester Verkaufsagent. Im Bemühen, das Datum ihrer Einberufung so weit wie möglich hinauszuschieben, standen die jungen Männer an den Standesämtern Schlange. Die Juweliere, die seit 1946 mit langen Gesichtern herumgelaufen waren, glänzten auf wie 18-karätiges Gold.

Es gab ein paar Skeptiker, die mit dem Bleistift in der Hand errechneten, daß Amerika sich den Luxus riesiger Privatanschaffungen in der Stunde nationaler Not nicht leisten könne. Aber sie fanden wenig Gehör, denn sie hatten seit 1943 immer vor Depressionen und Arbeitslosigkeit gewarnt.

Noch fünf Monate vor Beginn der Koreakrise hatten Statistiker auf die wachsende Zahl von jungen Akademikern hingewiesen und etwas von "intellektuellem Proletariat" gemurmelt. Jetzt hatten alle im Juni frisch vom laufenden Band der Massenausbildung in den Universitäten gekommenen "graduates" in der Industrie oder in den Streitkräften Beschäftigung gefunden. Der alte, fast schon vergessene Ruf: "Wir haben zu wenig Spezialarbeiter!" kommt wieder.

Der Mangel an Arbeitskräften ist die dunkle Wolke am Himmel der Prosperität geworden. Die neue Volkszählung hat zwar ergeben, daß die USA im Jahrzehnt von 1940 bis 1950 die Tendenz zur Rekordproduktion auch bei den Babys nicht verleugneten. Aber Säuglinge kann man nicht an Maschinen setzen. Die jetzt arbeitsfähig werdenden Jugendlichen zwischen 16 und 21 Jahren sind in den Krisenjahren 1929 bis 1933 geboren. Damals überlegten sich viele Familien, ob sie Kinder haben sollten.

Während die jüngste und älteste Altersgruppe, die für Uniform und Overall nicht in Frage kommt, stark anstieg, ist die produktive Mittelgruppe der möglichen Soldaten, Fabrik- und Büroarbeiter zahlenmäßig schwach vertreten.

Die neugeschaffene "National Production Authority" (NPA), rechnete sich aus, von woher die benötigten zusätzlichen Arbeitskräfte kommen könnten. In den Jahren 1940 bis 1943 war das Heer der Beschäftigten um 15,4 Millionen angewachsen.

Diesmal würden beim besten Willen nicht mehr als insgesamt 5 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte mobilisiert werden können. Selbst diese Rechnung ist noch optimistisch. Denn die "Alten" sind heute weniger arbeitsbereit als 1940, weil sie jetzt im Gegensatz zu damals pensionsberechtigt sind. Die Frauen fühlen den Zwang zum Dazuverdienen weniger, seit ihre Männer durchschnittlich bessere Realeinkommen erzielen als 1940.

Ein Anreiz für die 16jährigen und 17jährigen, die in diesem Jahre zu der Arbeiterschaft stoßen, ist ein speziell auf Rüstungszwecke abgestimmtes Ausbildungsprogramm in 15 Schlüsselberufen, das sie vor dem Gestellungsbefehl bewahren kann. Ein von der Regierung unterstütztes Schulungsprogramm, das sich u. a. von Walt Disney hergestellter humoristischer Instruktionsfilme bedient, ist im Anlaufen.

Bisher haben viele Fabriken der USA versucht, den Superboom durch Ueberstunden zu bewältigen. Oft ist die Nachtschicht wieder eingeführt worden. In einigen amerikanischen Städten wie z. B. Amarilla, sieht es heute schon wieder aus wie in den Kriegsjahren. Tag und Nacht sind alle Geschäfte, Restaurants und Kinos geöffnet. Ueberfüllte Hotels vermieten ihre Räume als Schlafstätten dreimal in vierundzwanzig Stunden.

Noch ist der Höhepunkt der durchschnittlichen Arbeitswoche mit 46 Stunden im März 1945 nicht wieder erreicht, aber allmählich kletterte sie vom Maidurchschnitt dieses Jahres (40 Stunden) schon auf 41, 42 und 43 Stunden. In einzelnen Industrien haben die Arbeiter durch rüstungsbedingte, von Washington angeordnete Streichung der üblichen Arbeitsruhe während der Sommermonate und durch Ueberstundenzuschläge seit Korea rund 1000 Dollar zusätzlich verdient.

Aus Furcht vor Teuerung und Verknappung wurde viel davon in Anzahlungen für neue Konsumgüter gesteckt und damit der "Boom" neu angefacht.

Die trügerische Hoffnung der Unternehmer, daß diese zusätzlichen Verdienste die Arbeiterschaft davon abhalten würden, neue Lohnforderungen zu stellen, hat sich nicht bestätigt. Wie jedermann, der über Mangelware verfügt, wollen auch die Gewerkschaften aus der von ihnen verwalteten Ware "Arbeitskraft" Kapital schlagen, so lange es noch geht.

Autofabriken wie Crysler und Ford, sind den zu erwartenden Lohnforderungen zuvorgekommen, indem sie nach dem Muster der "General Motors" Fünfjahreskontrakte schlossen, in denen die Löhne an den Stand des Lebenskostenindexes gekettet sind. Gehen die Preise herauf, so gehen die Löhne automatisch mit nach oben.

In der Konfektionsindustrie und bei den Elektroarbeitern wurde trotz präsidentieller Mahnungen zur Zurückhaltung bereits die Forderung nach einer neuen Lohnrunde (der fünften seit Kriegsende) erhoben.

Die durchschnittlich 10- bis 15prozentige Teuerung - in einzelnen Städten und bei gewissen Artikeln geht sie sogar bis zu 40 Prozent, weil die Detaillisten ihre Preise großzügig nach oben abrunden - gibt diesen neuen Lohnforderungen erhöhte Berechtigung.

Wie immer, wenn der Stahlhelm über den Borsalino zu rangieren beginnt, steht die amerikanische Wirtschaft unter allmählichem Inflationsdruck. Die Einzelhandelspreise liegen schon um 17 Prozent über denen des Vorjahres. Notierungen an der New Yorker Börse erreichten ihren höchsten Stand seit neunzehn Jahren.

Im freiwirtschaftlichsten Lande der Erde sind deshalb Lohn- und Preiskontrolleure im Anmarsch.

Präsident Truman verfügte bereits, daß alle Geschäftsleute ihre Kostenrechnungen und Preislisten aus dem Monat vor Korea aufbewahren und bei Preiskontrollen vorzeigen müssen. Außerdem wurde eine Beschränkung der Abzahlungskäufe angeordnet, die jetzt insgesamt 20 Milliarden Dollar meist ungedeckter Kreditsummen erreicht haben. Das Direktorium der amerikanischen Notenbank arbeitet an weiteren Kreditrestriktionen.

Daß dabei die ökonomische Luftlinie zwischen New York und Bonn nur wenige Kilometer zählt, beweist die vorsichtige Zurückhaltung der Bank Deutscher Länder in der Geldpolitik.

Als erste westdeutsche Kreditbremse gegen ein zu schnelles Wachsen des Wirtschaftsvolumens ordnete der Zentralbankrat die Erhöhung der Mindestreserven aller Kreditinstitute im Bundesgebiet an. Ab 1. Oktober 1950 werden die gesetzlichen Reserven für Sichteinlagen bis zu 15 Prozent und für Termineinlagen bis zu 8 Prozent erhöht.

Das macht Kredite knapper.

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Arbeitsmarkt in USA.

(in Millionen)JULI 1940JULI 1950
Beschäftigte48.961.2
Arbeitslose9.23.2
Nichtarbeitende verheiratete Frauen7.55.5
% der Nichtbeschäftigten46.7%41.5%

DER SPIEGEL 40/1950
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