20.12.1950

TANTIEMEN / RUNDFUNKIn die eigene Tasche

Bei der Mitgliederversammlung der GEMA-organisierten Komponisten, Textdichtern und Verleger*) im Berliner Esplanade-Konzertsaal stand als Punkt 8 auf der Tagesordnung: "Untersuchung des Mißbrauches der Programme durch Rundfunkangestellte und ausübende Musiker mit dem Ziel der Aenderung dieser Zustände."
Eine Kommission von vierzig Autoren, Komponisten und Musikverlegern soll die Luft vor dem Rundfunkmikrophon bereinigen. Sie hat sich, seit Hör-zu-Chef Rhein den Fall Feltz aufgriff (s. SPIEGEL Nr. 51/49) nach Meinung der GEMA ständig verschlechtert.
"Für mich ist Feltz nur ein Symptom", sagt Eduard Rhein. Nach Erfahrung der GEMA ist es heute in den Unterhaltungs-Abteilungen des Rundfunks bereits zur gerngeübten Praxis geworden, daß komponierende oder textdichtende Angestellte das ihnen unterstellte Mikrophon für eigene Tantiemenzwecke mißbrauchen. Der Kreis der betroffenen Sender wächst im Handumdrehen.
"Wir haben absichtlich so viele Mitglieder gewählt", erklärt Texter Willi Dehmel, "damit die Sender nicht etwa einzelne GEMA-Angehörige zu Sündenböcken stempeln können. Es geht uns alle an!"
Uns alle - das sind Komponisten, Textdichter und Verleger. Einer, der alles in einer Person ist, Ralph Maria Siegel, hatte im Dezember 1949 unter der harmlosen Ueberschrift "Wie wird ein Schlager gemacht?" in "Hör zu" den Startschuß zum Fall Feltz abgegeben. Die Vorwürfe gegen Feltz, seine Position als Unterhaltungs-Abteilungsleiter am NWDR auszunutzen, kamen auch nach einer halben Für-Feltz-Erklärung des NWDR-Verwaltungsrates nicht zur Ruhe.
Jetzt wird die Ehe NWDR-Feltz geschieden. Daß damit der Fall Feltz sich erledigt, beruhigt die GEMA nicht. Ihrer Meinung nach hat das Beispiel von Feltz schnell Schule gemacht.
Da ist Ernst Verch, Leiter der Abteilung Tanzmusik bei RIAS Berlin. Vor einem Jahr hatte er noch keinen Namen als Textdichter. Heute kann er als Texter der nicht zuletzt von RIAS propagierten Erfolgsschlager "Geisterreiter", "Adieu, adieu", "Wenn du in meinen Träumen bist" und "Nur die Ruhe kann es machen" gut und gern mit fünfstelligen Ertragsziffern aus Tantiemen rechnen. Zusätzlich zu seinem RIAS-Gehalt.
So sieht die Rechnung aus: In seiner Stellung hat Ernst Verch die Möglichkeit, ausgesprochene Weltschlager erstmals zu hören und zu textieren. Seine durch RIAS schnell populär werdenden Texte sichern ihm einen Verleger.
"Ich habe ja bisher nur 15 Nummern verlegt", entschuldigt sich Verch. "Aber in einem Jahr!" kontert die Gegenseite. "Und dabei so außergewöhnlich viel Treffer gehabt ...!"
Die Gruppe der Beklagten führt gern das Argument "Brotneid" ins Treffen. "Jeder Erfolg zieht die Neider an!"
Erfolg aber hat ein Schlager als musikalischer Massenartikel nur, wenn er wieder und immer wieder gespielt wird.
Und der Rundfunk ist die günstigste Absprungstelle in die Popularität.
Im allgemeinen ist das Brot der Schlagertexter nicht ganz leicht verdient. Die meisten von ihnen können aus den GEMA-Erträgnissen gerade ihr Leben fristen. Wirkliche Schlager, die dann allerdings bis um 10000 DM für den Texter abwerfen können, sind selten. Kurt Feltz, der gleich mit sieben Nummern an der Spitze der GEMA-Erträgnisse steht und nach Schätzungen auf etwa 100000 DM im Jahr kommt, ist ein Ausnahmefall. Gewesen, sagt die GEMA, wenn es so weitergeht.
Denn der Fall Verch steht bei RIAS nicht allein. Da ist ein bislang ziemlich unbekannter Bob Helm, der als Aufnahmeleiter zugleich komponiert und dann in Sendungen wie "15 Minuten mit Bobby Helm" auf die Hörer losgelassen wird. Da ist Peter Manuel, der Angestellter des Schallarchivs, Sänger und Textdichter - meist für Helm - in einer Person ist.
Auch der Leiter des RIAS-Unterhaltungsorchesters, Kurt Gaebel, hat neuerdings seine dichterische Ader entdeckt. Und zu Texten von Verch komponiert auch RIAS-Tanzorchesterleiter Werner Müller mit Vorliebe Schlager. Daß er und Verch es in der Hand haben, ihre und ihrer Kollegen Schlager nach Gutdünken in den Aether zu jagen, liegt auf der Hand.
In München bildete sich das Textdichtertalent von Fini Busch in aller Stille als Sekretärin der Abteilung Tanzmusik des Bayerischen Rundfunks. "Wenn die Geigen leis erklingen" heißt einer ihrer Schlager, deren Musik Abteilungsleiter Quirin Amper schrieb, ihr Chef.
Beim NWDR Hamburg haben die Mitglieder des Tanz-Orchesters Alfred Hause immer mehr ihre kompositorische Befähigung entdeckt. Da ist Tenorsaxophonist Skokann, weiland zweiter Preisträger beim Wettbewerb der Tanzmusikkomponisten. Sein zweitgekrönter Schlager "Halt, bitte bleiben Sie doch stehn" steht gegenüber dem ersten Preis-Schlager "Himmelsleiter" seit Monaten ungleich öfter im Programm.
Guitarrist und Arrangeur Martin Böttcher erzählt mit Stolz, daß bereits dreißig Bänder mit eigenen Kompositionen bespielt sind. Aber auch Posaunist Jack Fuhlisch, Pianist Wilhelm Hausmann, Altsaxophonist Franz Kakerbeck und Solosaxophonist Heinz Mihm sind unermüdlich tätig, das Schlagerrepertoire des Orchesters Hause mit eigenen Kompositionen zu bereichern.
Diese Tanzorchester-eigenen Kompositionen, die in manchen Tanzmusik-Sendungen des NWDR fast die Hälfte des Programms ausmachen, finden an keinem anderen Sender auch nur annähernd so viel Berücksichtigung. Die Musiker bessern damit ihre DM 800 bis 1000 DM betragende Gage beim NWDR ein wenig auf.
Aber daneben rutschen auch vom Tonmeister von Clarmann und Arrangeur Schlenkermann und von Dr. Schneider-Holberg aus Harry Spitzens Musikabteilung Produktionen in die Programme, die an anderen Sendern nicht auftauchen. Es sei denn, daß durch Austausch von Bändern ein wenig nachgeholfen wird.
Darin will die GEMA nun Abhilfe schaffen. "Sie soll drastische Maßnahmen ergreifen", sagt Eric Wallnau, der sich mit den "Regentropfen", "Guitarren spielen auf", "Ganz leis erklingt Musik" und "Du bist meine große Leidenschaft" einen guten Platz unter den nicht funkangestellten Schlagertextern sichern konnte. "Als erstes sollen alle Rundfunkangestellten aus dem sogenannten Schätzungsverfahren ausgeschieden werden."
Bisher erhielt jeder Texter und Komponist zunächst die Gelder, die sich aus der listenmäßigen Abrechnung der Orchester ergeben*). Da die GEMA aber mit unvollständiger Ausfüllung dieser Listen rechnet, wird im allgemeinen ein geschätzter Aufschlag zu dieser Summe hingenommen, der bis zu 20 Prozent zusätzlich betragen kann. Dieser zusätzliche Betrag wird Rundfunkangestellten künftig nicht mehr gutgeschrieben, um damit die benachteiligten Autoren und Komponisten, die freiberuflich tätig sind, zu schützen.
"Weitere Maßnahmen werden folgen", sagt Wallnau. Die GEMA denkt daran, gegen die Autoren, die durch ihr Verhalten die Kollegen geschädigt haben, Konventionalstrafen zu verhängen. Außerdem überlegt man, ob man nicht die englischen Methoden auch bei uns einführen sollte.
Dort kann kein Rundfunkangestellter Mitglied einer GEMA-ähnlichen Organisation sein. Für Komponisten oder Textdichter, die beim Rundfunk angestellt sind, ruht in dieser Zeit die Beteiligung an Tantieme-Erträgnissen.
"Daher hätte sich", folgert Eric Wallnau, "in England ein Fall Feltz mit all seinen Begleiterscheinungen und Folgerungen gar nicht entwickeln können."
*) Die GEMA ist die "Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte", die die finanziellen Interessen der Komponisten, Textdichter und Musikverleger wahrnimmt.

DER SPIEGEL 51/1950
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