29.11.1950

HOMOSEXUELLE

Eine Million Delikte

<DIGASXML_ASV> <!--spaltennummer 3 --> <P>Von 7500 in Frankfurt lebenden einwandfrei gleichgeschlechtlich veranlagten Männern und von den Tausenden, die zu beiden Geschlechtern neigen, zum größten Teil aber verheiratet sind und nur mit Frauen geschlechtlich verkehren, wurden in einer plötzlichen Aktion der Staatsanwaltschaft bis 25. November über 700 von der Frankfurter Kriminalpolizei vernommen. Staatsanwalt Dr. Thiede hat 140 Anklagen erhoben. </P> <P>Zwei Frankfurter Juristen, Strafverteidiger, versuchten zunächst, tiefere Hintergründe dieser Aktion zu ergrübeln: </P> <P>* Rechtsanwalt Dr. Erich Schmidt-Leichner: "Jahrelang hat der Staatsanwalt geschwiegen, obwohl er wußte, was geschah. Jetzt führt er plötzlich durch schlagartigen Einsatz eine Aktion durch, um das sattsam bekannte Exempel zu statuieren. In dem Verfahren sind notorische Strich-Jungen die Kronzeugen. Die menschliche Bilanz der Verfahren werden wir erst später ziehen können, wenn wir die Selbstmorde, die vernichteten Existenzen und die vielleicht 150 Jahre Gefängnis der ersten Prozesse addieren." </P> <P>* Rechtsanwalt Ernst Wahl: "Es mag dahingestellt bleiben, ob es eine Sache des reinen Zufalls ist, daß die Intensivierung der Strafverfolgung gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr unter Männern mit der Bonner Debatte um die Remilitarisierung zusammenfällt." </P> <P>Es ergaben sich für die Frankfurter Juristen folgende Gesichtspunkte für die Auslösung der Aktion: </P> <P>* Bevölkerungspolitische Rücksichten (Soldaten-Nachwuchs), </P> <P>* Außenpolitische Erwägungen (Cliquenbildung, Erpressung an gleichgeschlechtlich veranlagten Beamten), </P> <P>* Ethische Gründe (Keuschheitsgebot für die Jugend und Reinhaltung der Ehe im religiösen Sinn). </P> <P>Oberstaatsanwalt Dr. Kosterlitz: </P> <P>* "Es ist überhaupt keine Aktion, die Prozesse wurden ausgelöst durch unsere Vernehmungen innerhalb einer Jugendgemeinschaft."*) </P> <P>Roger Baldwin, Präsident der American Civil Liberty Union, sprach zu Beginn der Aktion gerade - mit Bundespräsident Heuss - auf einer Kundgebung für Bürgerrechte in der Paulskirche, hörte von den Prozessen und kritisierte: "... unverständlich, daß derartige Verfahren um unbescholtene, erwachsene Personen im 20. Jahrhundert noch möglich sind", fuhr straks nach Bonn und klopfte bei Ministerialrat Egidi vom Innenministerium an. Ergebnis: Bonn habe die Aktion nicht gestartet, sie sei "Made in Francfort". </P> <P>Amtsgerichtsrat Dr. Romini: </P> <P>* "Ich wende mich ja nur gegen die gewerbliche Unzucht, die Verführung Jugendlicher und gegen die Erpressung. Bei allen Verhandlungen, die ich bisher geführt habe, waren derartige Delikte vorhanden." Er habe nichts dagegen, wenn sich gleichgesinnte Partner in ihren Wohnungen geschlechtlich verbinden, soweit es die öffentliche Ordnung nicht störe. Aber in der Frankfurter Taunusanlage seien Fremde von jungen Menschen belästigt worden. Das ginge zu weit. </P> <P>Amtsgerichtsrat Dr. Kurt Romini vom Schöffengericht, der zu Großdeutschlands Zeiten als Frankfurter Staatsanwalt auch häufig Unzuchtsachen bearbeitete und </P> <FUS>*) Frankfurter Nerother-Kreis.</FUS> <P> <!--seitennummer S. 8 --> <!--spaltennummer 1 --> scharfe Anklagen nach <sz>sect</sz> 175 und dem 1935 eingeführten <sz>sect</sz> 175a nebst allen heute weiterbestehenden Verschärfungen.*) erhob, befindet sich in einer Zwickmühle, die er nach Ansicht der Strafverteidiger selbst nicht erkennt. Denn während seines Wirkens im Dritten Reich war es das Interesse jedes Angeklagten, nicht als gleichgeschlechtlich zu gelten. Sobald er gestand, waren ihm der Weg ins Konzentrationslager (rosa Dreieck auf der Brust) und irgendwann einmal die Kastration sicher. </P> <P>Jetzt stehen dieselben Angeklagten vor ihrem ehemaligen Staatsanwalt und bekennen ihren "unwiderstehlichen Naturtrieb" - behaupten also wahrheitsgetreu das Gegenteil von damals und können somit Richter Romini nicht überzeugen. </P> <P>Wollen sie aber den Nachweis ihrer homosexuellen Veranlagung durch Benennung eines medizinischen Sachverständigen erbringen, so wird das nach Betrachtung der bisherigen Fälle als unerheblich für die Urteilsfindung angesehen und der medizinische Sachverständige durch die Sachkenntnis vom alten Fachmann Richter Romini ersetzt. </P> <P>Oder die Angeklagten bezeichnen sich wie im Dritten Reich als heterosexuell, dann stehen sie als ausschweifende Lüstlinge vor Gericht, die zur Abwechslung, gegen ihre natürliche Veranlagung, Männer lieben. </P> <P>Der betroffene Frankfurter Schriftsteller Horst Kraazberg möchte dem Amtsgerichtsrat Romini erst einmal den Bericht des amerikanischen Sexualforschers Professor Dr. Alfred C. Kinsey vorhalten: </P> <P>"Der vielfach bestehende Eindruck, daß sexuelle Ausschreitungen, wie etwa übertriebene Onanie, vorehelicher und außerehelicher Geschlechtsverkehr, homosexuelle Betätigung, in allen Fällen Psychosen und abnorme Persönlichkeiten hervorrufen, beruht nur darauf, daß diejenigen Personen, die sich wegen derartiger Dinge an die Aerzte um Rat wenden, darüber aufgeregt sind. </P> <P>"Es gibt keinen wissenschaftlichen Grund, gewisse Formen der Sexualbetätigung als an und für sich in ihren biologischen Ursprüngen 'normal' oder 'abnormal' zu betrachten. Man sollte sie vielmehr als 'gewöhnlich' und 'ungewöhnlich' bezeichnen. </P> <P>"Die heutigen wissenschaftlichen Klassifikationen sind aber fast identisch mit den theologischen Klassifikationen und den moralischen Forderungen, die das englische Recht im 15. Jahrhundert aufgestellt hat. Die heutige gesetzliche Umschreibung von Sexual-Akten als zulässig und natürlich oder als widernatürlich beruhen nicht auf Tatsachen, die von Biologen festgestellt oder von der Natur selber gewonnen wurden, vielmehr sind von Laien, Juristen und Männern der Wissenschaft uralte Gesetze als letzte Quellen der moralischen Bewertung für eine ganze Anzahl von Dingen übernommen worden ..." </P> <P>Der Kinsey-Report hat die "Eingabe an die gesetzgebenden Organe in Bonn, betreffend <sz>sect</sz><sz>sect</sz> 175 und 175a StGB" ausgelöst. Das "Institut für Sexualforschung", die Forschungsstelle der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, hatte im Rahmen eines großen Fachkongresses in der </P> <FUS>*) <sz>sect</sz> 175 (1) Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft. (2) Bei einem Beteiligten, der zur Zeit der Tat noch nicht 21 Jahre alt war, kann das Gericht in besonders leichten Fällen von Strafe absehen. Als schwere Fälle werden nach <sz>sect</sz> 175 a. mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren bestraft: Unzucht unter Männern mittels Gewalt oder Drohung, bei Dienst-, Arbeits- oder Unterordnungsverhältnis durch Verführung von Personen unter 21 Jahren oder mit den Merkmalen der Gewerbsmäßigkeit.</FUS> <P> <!--spaltennummer 2 --> Frankfurter Chirurgie einen medizinischjuristischen Arbeitskreis beauftragt, zum Problem der <sz>sect</sz><sz>sect</sz> 175, 175a Stellung zu nehmen. Fachwissenschaftler der deutschen Universitäten und der Kaiser-Wilhelm-Institute sitzen da zusammen, die Direktoren der Landesheilanstalten, die Gerichtsmediziner, Psychiater usw.: Universitätsprofessor Dr. Friedrich Giese (Oeffentliches Recht), Universitätsprofessor. Dr. Wiethold (Gerichtsmedizin), Universitätsprofessor Dr. Zillig, Dr. Freiherr von Gebsattel, Oberlandesgerichtsrat Dr. Leß, Strafrechtslehrer Dr. Dr. Preiser und andere. </P> <P>Das Institut fordert: </P> <P><B>"Erstens.</B> Paragraph 175 StGB ist angesichts der Artikel 2, Ziffer 1, und Artikel 3, Ziffer 1-3, des Bonner Grundgesetzes folgenden Bedenken unterworfen: </P> <P>* Die in Artikel 2, Ziffer 1. Grundgesetz gewährleistete freie Entfaltung der Persönlichkeit umfaßt auch die geschlechtliche Freiheit, doch bleibt zu prüfen, ob der Straftatbestand gegen das Sittengesetz verstößt. Eine maßgebliche Feststellung könnte nach dem heutigen Verfassungsrecht der Bundesrepublik im Rahmen des richterlichen Prüfungsrechts durch das Bundesverfassungsgericht herbeigeführt werden. </P> <P>* Die Gleichheit vor dem Gesetz, Gleichberechtigung von Männern und Frauen sowie das Verbot der Benachteiligung wegen des Geschlechts gemäß Artikel 3, Ziffer 1 bis 3, zwingt den heutigen Gesetzgeber zu der Alternative: entweder die homosexuelle Betätigung der Frau gleichfalls unter Strafe zu stellen oder <!--spaltennummer 3 --> aber die Strafbarkeit der Homosexualität des Mannes aufzuheben. Auch hier könnte im Streitfall das Bundesverfassungsgericht die maßgebliche Entscheidung treffen. </P> <P><B>Zweitens.</B> Die Vorschrift des <sz>sect</sz> 175a StGB wird durch die vorerwähnten Grundrechtbestimmungen des Grundgesetzes nicht berührt. Dem Bundestag wird empfohlen, </P> <P>* die Paragraphen 175, 175a einer gründlichen Neugestaltung zu unterziehen. Es muß davon ausgegangen werden, daß die Homosexualität unter Erwachsenen nicht strafwürdig ist. Es bedarf nur eines strafrechtlichen Schutzes in folgenden Sonderfällen: </P> <P>a) Gewaltanwendung oder Gewaltandrohung. </P> <P>b) Mißbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses. </P> <P>c) Verführung durch Ausnutzung geschlechtlicher Unerfahrenheit von unbescholtenen minderjährigen Personen. </P> <P>d) Gewerbsmäßige Unzucht. </P> <P>In den Fällen a) und b) ist grundsätzlich auf Zuchthaus zu erkennen, bei den Fällen c) und d) auf Gefängnis. </P> <P>Der Tatbestand der Erregung öffentlichen Aergernisses ist bereits nach Paragraph 183 StGB strafbar. Dieser Entschließung lag ferner ein Gutachten von Generalstaatsanwalt Dr. Bader aus Freiburg zugrunde, das zum gleichen Ergebnis kam." (Bader ist der Direktor des Instituts für Kriminalistik und Strafvollzugskunde und der Herausgeber der Deutschen Rechtszeitschrift.) </P> <P>Soweit die Eingabe nach Bonn. </P> <P>Kinsey geht noch einen Schritt weiter und stellt auch die summarischen Unterteilungen: </P> <P>* heterosexuell (andersgeschlechtlich), </P> <P>* homosexuell (gleichgeschlechtlich), </P> <P>die für Staatsanwalt Dr. Thiede und seine Kollegen gelten, auf den Kopf und schlägt eine siebenstufige Skala vor: </P> <P>* Grad 0: ausschließlich heterosexuell, </P> <P>* Grad 1: vorwiegend heterosexuell, nur gelegentlich homosexuell, </P> <P>* Grad 2: vorwiegend heterosexuell, aber mehr als nur gelegentlich homosexuell, </P> <P>* Grad 3: gleichermaßen heterosexuell und homosexuell, </P> <P>* Grad 4: vorwiegend homosexuell, mit seltenen, durch konventionelle Vorstellungen bedingten Schuldgefühlen, die zu gelegentlichen heterosexuellen Handlungen führen, </P> <P>* Grad 5: homosexuell, allerdings nicht zum vollen Bewußtsein mit den sich daraus ergebenden Konsequenzen für den ganzen Lebensbereich gelangt. </P> <P>Erst Grad 6 gilt bei Kinsey als "ausschließlich homosexuell". </P> <P>Die Frage, wie viele Homosexuelle es gibt, könne man überhaupt nicht beantworten, da man sich zunächst darüber einigen müsse, meint Kinsey, welche der Gradstufen als homosexuell zu betrachten seien. </P> <P>Aber der Frankfurter Oberstaatsanwalt Dr. Kosterlitz fragt: "Was soll ich denn machen? Die Gesetze sind noch nicht verändert." </P> <P>Bis 1933 sei die gegenseitige Selbstbefriedigung (Onanie) nicht strafbar gewesen, nur die beischlafähnliche Betätigung unter Männern. Auch die Erhöhung der Altersgrenze auf 21 Jahre bei jungen Männern, im Gegensatz zu 14 Jahren für junge Mädchen, bei der Anwendung des Begriffes "Verführung Minderjähriger" sei nicht seine Erfindung, ebensowenig wie die trotz des Grundgesetzes ungleiche Behandlung von Männern und Frauen. (Der gleichgeschlechtliche Verkehr unter Frauen ist nicht verboten.) </P> <!--seitennummer S. 9 --> <!--spaltennummer 1 --> <P>Bei den Frankfurter Prozessen hat sich aus den Plädoyers der Anwälte Dr. Willy Lafontaine, Dr. Erich Schmidt-Leichner, Dr. Alf Block, Dr. Paul Haag, Dr. Werner Vellenzer und Hans Eigel, weiter aus dem Verlauf der Prozesse- und endlich aus dem Ergebnis der ersten Nachkriegstagung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung in Frankfurt folgendes Bild ergeben: </P> <P>* Die gleichgeschlechtlich veranlagten Männer in Frankfurt umfassen sämtliche sozialen Schichten. Besondere Neigung zur Kriminalität ist nicht festzustellen. Allerdings zwingt die Strafdrohung für Homosexualität zum Doppelleben, macht lange eheähnliche Beziehungen unter Männern unmöglich, erzeugt neurotische Störungen und Haßgefühle gegen die Gesellschaft, so daß nicht aus Veranlagung, sondern eher aus der Haltung der Gesellschaft den Homosexuellen gegenüber geistige und moralische Störungen gefördert werden. </P> <P>* Die Aktion hat bereits ein halbes Dutzend Selbstmorde verursacht. </P> <P>* Die Polizei bedient sich der sogenannten Strichjungen, um neue Verfahren einzuleiten. Sie werden beispielsweise in Privatautos durch die Stadt gefahren. Dabei geben sie an, welche Passanten im Straßenverkehr ihnen bekannt sind. Das Auto hält, der Betreffende wird festgenommen und vernommen. Außerdem wird er erkennungsdienstlich behandelt. Das heißt, er wird photographiert; das Bild wird dann allen inhaftierten Strichjungen und Denunzianten vorgelegt, bis einer ihn erkennt. </P> <P>* Wenn jemand zugibt, daß er homosexuell frequentierte Lokale besuchte, dann reicht bei Gericht die detaillierte Schilderung eines Strichjungen über ein Erlebnis aus, ihn zu verurteilen. </P> <P>* Es sind Fälle bekannt, in denen derartige Beziehungen an sich homosexuell veranlagter Personen zu bestimmten Strichjungen nicht bestanden. Die "Jungen" erfanden Erlebnisse und erreichten eine Verurteilung. </P> <P>* Der Hauptdenunziant, der 19jährige Strichjunge Otto Blankenstein, gab zu, im Jahre 1950 mit über 200 verschiedenen Männern Verkehr gehabt zu haben. Er ist in etwa 40 Verfahren der Hauptoder der einzige Zeuge. Mit wahrer Begeisterung tritt er als Zeuge auf. Dennoch hat das Gericht abgelehnt, ihn durch den Gerichtsarzt untersuchen zu lassen, obwohl greifbare Anhaltspunkte für geistige Defekte vorhanden sind. </P> <P>* Die Lokale, in denen die gleichgeschlechtlich veranlagten Männer verkehren, sind der Polizei natürlich bekannt. Sie hat sogar das Tanzen von Männern untereinander gestattet. Im einschlägigen, von der Polizei kontrollierten und genehmigten "Kleist-Kasino" kassiert der Steuerbeamte tatsächlich abends am Büfett die Vergnügungssteuer. </P> <P>Die Polizei beschränkte sich zunächst auf die Inhaftierung von Strichjungen, verfolgte dann aber mit behördlicher Gründlichkeit sämtliche Fälle bis in die letzten Verästelungen. </P> <P>So verlor die gegen das Strichjungenunwesen gerichtete Aktion ihren Charakter. Vor Rominis Sonderkammer stehen jetzt bisher unbescholtene Durchschnittsbürger, die mit hohen Zuchthaus- und Gefängnisstrafen belegt werden, während die inhaftierten Strichjungen als glaubwürdige Zeugen das entsprechende Material liefern. </P> <P>So behält Richter Romini nur theoretisch recht. Die Frankfurter Prozesse richten sich zwar auch gegen Strichjungen, verurteilen <!--seitennummer S. 10 --> <!--spaltennummer 1 --> aber unterschiedslos alle Personen, die sich oft nur ein einziges Mal in ihrem Leben mit einem Strichjungen eingelassen haben, so wie ein Heterosexueller gelegentlich einer Dirne auf den Leim geht. </P> <P>Welche Ausmaße diese Prozesse, konsequent durchgeführt, annehmen müßten, ergibt sich aus einer einfachen Berechnung: Bei der Annahme, daß diese Personen sich im gleichen Zeitabstand wie die Heterosexuellen betätigen, kommt man zu fast einer Million Delikten jährlich allein in Frankfurt. </P> <P>Dr. Romini erledigt, wenn es hochkommt, am Tage vier Verfahren, die Tätigkeit der Berufungsgerichte nicht gerechnet. Es würden also in Frankfurt jährlich 800 Rominis knapp ausreichen, der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen und die sich aus der Million Delikte ergebenden Verfahren wenigstens in der unteren Instanz abzuwickeln. </P> <P>Professor Dr. Alfred C. Kinsey: "... damit gewinnt eine gerichtliche Verfolgung so stark den Charakter der Zufälligkeit, daß der Begriff einer gerechten Sühne noch mehr an Gewicht verliert. Die Aburteilung dieser gesamten latenten Kriminalität ist nach den mittelalterlichen Gesetzen verschiedener Staaten in der Welt allein technisch gar nicht möglich." </P> <P>Die Homosexualität ist in den letzten Jahren auch in Holland, Schweden, der Schweiz und Dänemark für straffrei erklärt worden, Strafgesetze haben jetzt nur noch die Sowjetunion (eingeführt zugleich mit den verstärkten Maßnahmen der Wehrhaftmachung, nachdem die Strafbarkeit 1918 abgeschafft worden war), England, Oesterreich und einzelne Staaten der USA. </P> <P>In den angelsächsischen Ländern allerdings wird der nachweisbar so veranlagte Mensch nicht bestraft, sondern wie ein Kranker nur im Falle der Gemeingefährlichkeit untergebracht ("moral insanity" nennen es die Amerikaner). </P> <P>Die ganze übrige Welt bestraft nur die Ausschweifungen: </P> <P>* Erregung öffentlichen Aergernisses, </P> <P>* Unzucht mit Minderjährigen, die verführt wurden. </P> <P>* Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses, </P> <P>* Gewerbliche Betätigung (Strichunwesen). </P> <P>Die gegenwärtigen Frankfurter Prozesse vor dem dafür eingerichteten eigenen Sondergericht geben nur ein schiefes Bild der eigentlichen Problematik, erklären die Rechtsanwälte Dr. Block und Dr. Lafontaine, da eigentliche Freundschaftsverhältnisse bisher kaum zur Sprache gekommen sind. Es handelt sich vielmehr um Prostitution, der Kriminalität und Schmutzigkeit anhängen. </P> <P>Viele der Verhafteten, sonst unbescholtene Menschen, werden als Opfer von Strichjungen und Denunzianten ihrer Veranlagung wegen innerhalb dieser Prozesse zusammen mit dem Abschaum, den es bei beiden Geschlechtern gibt, verurteilt und unglücklich gemacht, folgert das Institut für Sexualforschung </P> <P>Etwa eine Million eindeutig gleichgeschlechtlich veranlagter Männer leben in der Bundesrepublik in der ständigen Jagd durch Polizei und Behörden, sie werden von Verbrechern ausgeraubt und erpreßt. </P> <P>Die Zahl dieser Erpressungen ist nach den Errechnungen der genannten Frankfurter Juristen ungeheuerlich, das erpreßte Geld übersteigt die Grenze von hundert Millionen DM jährlich. Viele erpressen ihre Opfer jahre- und jahrzehntelang wegen eines einzigen Jugend-Deliktes jeden Monat um einen gewissen Betrag. </P> <P>Nun hat die Staatsanwaltschaft am 14. November 1950 der Frankfurter Kriminalpolizei <!--spaltennummer 2 --> wenigstens die Vollmacht erteilt, gegen Personen im Zusammenhang mit <sz>sect</sz> 175 keine eigene Strafverfolgung einzuleiten, wenn sie gegen Erpresser Strafanzeigen erstatten. </P> <P>Betroffener Horst Kraazberg beruft sich dabei auf die Weltgeschichte: "Bedenken Sie, daß weder Alexander der Große noch Kaiser Hadrian, noch Friedrich der Große, Fridtjof Nansen und Alfred Krupp (der sich darob das Leben nahm) wertlose Menschen waren. Es gibt bei uns gewaltige Unterschiede wie überall, und schließlich sind die Dichter Hans Christian Andersen und Oscar Wilde auch nicht weniger wichtig als Staatsanwalt Dr. Thiede." </P> <P>Im Institut für Sexualforschung aber hat man aus den gesamten Erfahrungen folgende Erkenntnisse gesammelt: </P> <P>Freilich ist es für das äußere Stadtbild Frankfurts erfreulich, daß die düsteren Gestalten umgeschulter ehemaliger Schwarzhändler nicht mehr die Taunusanlage bevölkern. Die Aktion hat sie vertrieben oder festgesetzt. Es werden aber nicht die Existenzen dieser Strichjungen vernichtet, sondern die ihrer Opfer. Strichjungen haben keine Existenzen im bürgerlichen Sinne. Sie werden am Tage ihrer Entlassung das gleiche oder ein ähnliches Gewerbe wieder ausüben. Ferner: </P> <P>Zur Zeit könnte jedem Frankfurter Bürger folgendes passieren: Er geht zum Hauptbahnhof, um einen Brief einzuwerfen. Eine verdächtige Gestalt nähert sich ihm und sagt: </P> <P>"Wir kennen uns doch. Sie wissen doch, aus dem 'Moulin rouge'?" </P> <P>"Moulin rouge?" denkt der Bürger nach. </P> <P>Tatsächlich, das hat er mit einem auswärtigen Ehepaar auf einem abendlichen Streifzug durch Frankfurt in der letzten Woche besucht. Aber den finsteren jungen Mann kennt er nicht. Der wird aggressiv: </P> <P>"Zahlen Sie 10 Mark, dann ist die Sache erledigt. Sie haben mich in der Herrentoilette <!--spaltennummer 3 --> angesprochen und gefragt, ob ich mit Ihnen nach Hause gehen will." </P> <P>Der Bürger lacht. Die Kreatur da scheint ihn zu verwechseln. Aber der Düstere droht: </P> <P>"Ich hab 'nen Zeugen, und uns Strichern glaubt das Gericht ja schließlich mehr als einem Belasteten." </P> <P>Der Bürger schüttelt sich und geht nach Hause. Ein Kollege des Düsteren verfolgt ihn und notiert Name und Wohnung. </P> <P>Wenn der Verfolger Pech hat, geht der Bürger in ein Lokal oder zu fremden Leuten. Dann muß ein anderes Opfer herhalten. </P> <P>Das will gleichfalls nicht zahlen und bekommt am nächsten Tage den Besuch von zwei Leuten; der eine ist der Düstere. Sie machen ein detailliertes geschäftliches Angebot: 20 Mark. Weil er sich geweigert hat, am Bahnhof die Hälfte zu zahlen. Dafür, auf Ehrenwort: Ruhe. "Im Weigerungsfall", erklärt der Düstere, "bekommen die Hausbewohner Briefe, und der Chef im Büro wird persönlich aufgeklärt, außerdem die Kriminalpolizei." </P> <P>Der Bürger ist Junggeselle. Das ist schon immer verdächtig. Bei der gegenwärtigen Praxis der Frankfurter Gerichte kann man ihm nicht einmal raten, sofort zur Behörde zu gehen und den Fall anzuzeigen. Er wird also, wie viele seinesgleichen, zahlen; tut er es nicht, so hilft ihm auch die Anweisung von Kosterlitz, die Opfer von Erpressern straffrei ausgehen zu lassen, wenig, denn: </P> <P>* Der Bürger ist als homosexuell verdächtig notiert, und das Double seines Kennkartenbildes, das er seinerzeit bei der Polizei abgeben mußte, steht jetzt im Frankfurter Verbrecheralbum und wird allen Strichjungen und anderen Inhaftierten vorgehalten. </P> <P>Die zeigen dann mit dem Finger drauf: "Den, den und auch den da habe ich im Kleistkasino gesehen, und der da hat mir 10 Mark für eine Nacht angeboten." </P> <P>Ein Geisteskranker, der mit "Jagdschein" <sz>sect</sz> 51 ausgestattet nicht selbst verurteilt werden kann und deshalb um so häufiger Gelegenheit hat, als Zeuge aufzutreten, lebt nach der Feststellung des Instituts seit seiner Jugend mühelos dadurch, daß er über einen Frankfurter Fabrikanten gleichgeschlechtlicher Veranlagung mehr weiß, als es diesem recht ist. Sein Einkommen übersteigt das Einkommen auch des höchsten an diesem Verfahren beteiligten Beamten, des Oberstaatsanwalts Dr. Hans Krafft Kosterlitz. </P> <abbildung><beschriftung><BUP> 140 Anklagen wegen 175</BUP> <BUP> Staatsanwalt <B>Dr. Thiede</B></BUP></beschriftung></abbildung> <abbildung><beschriftung><BUP> Gegen den Strich</BUP> <BUP> Alter Fachmann <B>Romini</B></BUP></beschriftung></abbildung> </DIGASXML_ASV>


DER SPIEGEL 48/1950
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Eine Million Delikte