29.11.1950

BEI DER UFA MACHTE MAN DAS SO ...

KINO - DAS GROSSE TRAUMGESCHÄFT

12 Fortsetzung

Ein großes Verdienst kann Hugenberg in dieser Zeit für sich buchen: Die Versohnung zwischen den Agrariern und den Großindustriellen. Ein Verdienst natürlich nur in seinem Sinne. Er überbrückte den unversöhnlichen Gegensatz zwischen den vorwiegend reaktionären Landwirtskreisen und den national-liberalen Industrieherren. Dieser Bund war künftig ein starker Rammbock bei der Verwirklichung gemeinsamer Ziele.

Die Titel purzelten Hugenberg in den Schoß: 1900 ist er Verbandsdirektor der Raiffeisen-Genossenschaften 1903 Vortragender Rat im Preußischen Finanzministerium 1907 Geheimer Finanzrat.

Mit dreiundvierzig Jahren, 1908, wird er Direktor der Metallbank in Frankfurt und Chef der Metallurgischen Gesellschaft.

Die Spinne. Sein Einfluß wächst. Er versteht es, sich zu dem größten Manager des deutschen Großkapitals emporzuarbeiten. Er hat die Idee des "Ueberseedienstes", einer gemeinsamen Werbezeitschrift der deutschen Industrie. Bald hat sich der Mann mit dem vierschrötigen, spießbürgerlichen Aussehen ein dichtes Netz von Verbindungen geschaffen (zweiter Spitzname: "Die Spinne") Wer in der Wirtschaft einen guten Posten haben will, wer finanzielle Unterstützung braucht, wer nicht weiß, wie er seinen Konkurrenten bekämpfen soll - alle kommen zu Hugenberg, um Einfluß, Geld und Rat zu erhalten.

Krupp ist gut bedient, als er Hugenberg zum Vorsitzenden seines Direktoriums macht (1909) Und Hugenberg ist gut bedient. Denn Krupp ist der ideale Mittelpunkt der westdeutschen Großindustrie. Im Mittelpunkt sitzt jetzt der ehrgeizige Hugenberg.

Hier kann er Geschäft mit Politik mischen Hier kann er sich für großzügige Kredite politischen Einfluß erkaufen. Um Hugenberg bildet sich eine "Wirtschaftsvereinigung". Das ist ein nicht rechtsfähiger Verein von einer Anzahl Mitgliedern, die in ihrer politischen Gesinnung in ein und derselben Richtung feuern: Rechtskurs! Durch direkte oder indirekte Beteiligungen beherrschen diese meist anonym bleibenden Mitglieder bald zahlreiche Unternehmungen von besonderem Wert. Hugenberg ist der Vertrauensmann der Wirtschaftsvereinigung und tritt nach außen als ihre repräsentative Persönlichkeit auf.

So baut sich der schnauzbärtige Mann bedächtig und lautlos ein Wirtschafts-Imperium auf, das in Deutschland ohne Beispiel ist. Sein größter Coup: es gelingt ihm, im Kampf um den Scherl-Konzern den eifrigen Bewerber Mosse abzuschießen So wird das große Verlagshaus nach dem Tode Scherls betont national weitergeführt. Mit dem "Berliner Lokal-Anzeiger", mit dem "Tag", der "Berliner Illustrierten Nachtausgabe", der "Grünen Post" und den anderen Verlagsobjekten mit Auflagen von über 100000 Exemplaren ist der Scherl-Verlag eine Macht in Deutschland.

Aber Hugenberg hat bald noch mehr: Die Vera-Verlagsanstalt GmbH., die Ala-Anzeigen-AG., das Nachrichtenbüro "Telegraphen-Union", Matern- und Korrespondenzdienste und andere Zweigunternehmen.

Alle Unternehmen dienten seinem politischen Interesse. Das Verdienen war ihm nicht so sehr Hauptsache. Zu seinen Wirtschaftsbrüdern sagte er einmal: "Eine große Zeitung kann auf die Dauer ihren Kristallisationspunkt nur in einer Idee finden. Eine Zeitung ist etwas anderes als ein Walzwerk oder eine Stickstoffabrik. An der Zeitung darf kein Geschäftsinteresse kleben."

So billig wie möglich. Mit diesen Gedanken ging Hugenberg auch an die Ufa-Nachfolge heran. So entschied er auf der Sitzung bei Otto Wolff: "Wir wollen die Sanierung versuchen. So ein großes deutsches Kulturinstitut darf nicht untergehen!"

Und er bat Ludwig Klitzsch, sich an der Ufa zu versuchen. Klitzsch konnte sich nicht weigern.

Hugenberg und Klitzsch wußten, daß sie der letzte Versuch der Deutschen Bank zur Rettung der Ufa waren. Schon saßen in Berlin die Kontrolleure der amerikanischen Banken, deren Organisation sich "Price Waterhouse" nannte. Sie waren eifrig dabei, die deutsche Filmwirtschaft eingehend zu untersuchen.

Und dann war da noch ein anderer Punkt. Schon 126 Millionen Mark waren im ersten Jahr des gefährlichen Parufamet-Abkommens aus Deutschland in die Kassen der amerikanischen Filmgesellschaften geflossen. Diese Zahl war so ungeheuerlich, daß Hugenberg sich schwor, mit allen Mitteln den amerikanischen Einfluß auf dem deutschen Markt einzudämmen. Aber sein filmwirtschaftliches Wissen war gering. Deswegen mußte Klitzsch in die Ufa-Bresche springen.

Auch auf diesem Gebiet besaß der Scherl-Chef ja genügend Erfahrungen. Er war einer der maßgebenden Männer gewesen, als man aus nationalen Interessen die Deulig gründete. Klitzsch hatte es schnell verstanden, diese Filmgesellschaft des Hugenberg-Kreises zu einem lukrativ arbeitenden Unternehmen zu entwickeln, ehe er am 1. Januar 1920 Scherl unter seine Fuchtel bekam.

Der Kauf der völlig verschuldeten Ufa war ein großes Wagnis. Also mußte man sie so billig wie möglich kaufen. Ein zähes Feilschen begann. Die Deutsche Bank war entsetzt, als sie hörte, wie wenig ihr die Hugenberg-Gruppe in das leere Säckel rollen lassen wollte. Mehrmals noch liebäugelte Emil Georg von Stauß mit den Boten der Wallstreet. Sie würden ihm eine größere Summe zahlen, das wußte er. Aber der "Deutschen Bank" war es schließlich doch unmöglich, diesen "Landesverrat" zu begehen.

Blieb also immer wieder nur: Hugenberg. Der alte Widersacher aus Weltkriegszeiten blieb der Sieger von 1927.

74500000 Mark hatte die Deutsche Bank als Verkaufssumme im günstigsten Falle errechnet. Aber der Verlust von 28,5 Millionen Mark war natürlich nicht zu leugnen.

Damit lag die Ufa an tiefster Stelle des verlustreichen deutschen Filmgeschäftes. Die Dafu hatte nur eine Million Mark verloren, die Bruckmann-Film 3 Millionen, die Münchner Konkurrentin der Ufa, die Phoebus-Film ganze 12 Millionen Mark.

Am 21. und 23. April 1927 wurden die maßgebenden Beschlüsse über den Besitzwechsel des Ufa-Konzerns gefaßt: Das Aktienkapital wird von 45 Millionen RM auf 16,5 Millionen RM herabgesetzt. Zinsen und Provision werden an die Deutsche Bank nicht gezahlt. Forderungen der Deutschen Bank werden von 23,25 Millionen Mark auf 11,25 Millionen Mark herabgesetzt.

So zahlte die Hugenberg-Gruppe schließlich für den ganzen Ufa-Konzern nur 27750000 Mark. Aber nicht in bar. 11,25 Millionen Mark bekam die Deutsche Bank in sogenannten "Genußscheinen".

Hugenberg sicherte seiner Gruppe die absolute Majorität. Für drei Millionen Mark übernahm er Aktien mit zwölffachem Stimmrecht. Diese Vorzugsaktien und 10,5 Millionen Mark Aktien mit einfachem Stimmrecht sicherten seiner Wirtschaftsvereinigung die unbedingte Führung der Ufa. Hugenberg persönlich besaß fünfzehn Prozent davon, weitere fünfzehn Prozent besaß Ludwig Klitzsch.

König Ludwig. Der Aufsichtsrat der Ufa wurde gründlich umbesetzt. Der neue Vorsitzende hieß natürlich Alfred Hugenberg. Als Sonderbevollmächtigter wurde Ludwig Klitzsch vom Aufsichtsrat delegiert, den Ufa-Vorstand zu leiten.

Nun begann ein scharfes Regiment in der Kochstraße. Dorthin war die Ufa gezogen, nachdem sie das Haus "Vaterland" an Kempinski verkauft hatte. Mit preußischer Sorgfalt führte Klitzsch sein Sparprogramm durch.

Er war ein strenger, aber beliebter Regent. "König Ludwig" wurde er genannt. Der filmübliche Schlendrian hatte in der Kochstraße ausgeschlendert. Pünktlich mußten alle Angestellten bis zum Direktor jeden Morgen beim Pförtner vorbeipassieren. Alles, was sich unter den milden Augen der Deutschen Bank im Betrieb drohnenhaft festgesetzt hatte, wurde hinausgeworfen. Nur der ewige Major Grau blieb von den alten Ufa-Recken im Vorstand über. Die Verwaltung wurde gestrafft. Eine scharfe Produktionskalkulation für jeden Film sollte neue Verluste verhüten.

Jahr für Jahr wurde künftig ein Produktionsprogramm aufgestellt, das von allen Verantwortlichen im Vorstand genehmigt werden mußte. In alten Zeiten war es vorgekommen, daß ein Film mit 800000 Mark Kosten geplant wurde. Dann kalkulierte man ihn auf eine Million Mark. Nach Ablieferung zeigte es sich, daß er 2,2 Millionen Mark gekostet hatte. Statt 60 Tage war man 194 Tage im Atelier gewesen.

Die Ufa hielt nicht hinter dem Berge, welche Dummheiten ihre Vorgänger gemacht hatten: "Auch hatten die konstanten Kosten für die einzelnen Produktionsstäbe teilweise unverantwortliche Höhen erreicht, wenn, um ein besonders krasses Beispiel zu nennen, für eine Produktion jährlich an Unterhaltungsausgaben über zwei Millionen Reichsmark anliefen."

Alle diese Maßnahmen scheinen "König Ludwig" unumgänglich zu sein, wenn der Sanierungsgewinn der Universum-Film-AG nicht wieder in der Hitze der Krise verdampfen sollte. Denn die Hugenberg-Gruppe hatte das Kapital der Ufa von 16,5 Millionen auf wieder 45 Millionen Mark erhöht, also 28,5 Millionen Mark frisches Kapital zugeführt. Mit diesem Geld galt es zu wirtschaften.

Klug zu wirtschaften, denn die Sanierungsbilanz verschleierte, daß die tatsächlichen Verluste der Ufa noch bedeutend größer waren, als öffentlich ausposaunt wurde. Durch eine Ueberbewertung des Filmstocks konnten die Käufer einen mildtätigen Zahlenvorhang vor einige Kapitallöcher der Ufa hängen. Aber schon in den nächsten Jahren gelang es, diesen Schönheitsfehler zu beseitigen.

Für besondere Mühen. Klitzsch pendelte täglich zwischen Scherl und Ufa. In der Ufa stöberte er mit Fleiß und Nachdruck in den alten Büchern. Was er dort fand, war peinlich für die ehemaligen Ufa-Herren. Lange beriet man, ob man den Fall "Siegmund Jacob" an die große Glocke hängen sollte. Aber es hatten zu viele Scherl-Leute Einblick in die Ufa. So ließ es sich nicht mehr vermeiden.

1928 stellte die Ufa im Verein mit der Deutschen Bank Strafantrag gegen ihren eigenen früheren Direktor Siegmund Jacob. Es ging um recht eigentümliche Geschäfte des ehemaligen Verleihchefs. Er hatte bei einzelnen Import-Filmen "für besondere Mühen" bis zu 25 Prozent Provision bekommen. Jacob kaufte wider besseres Wissen ausländische Filme für viel zu hohe Preise, so daß sie ein Verlustgeschäft für die Ufa werden mußten.

Herr Rachmann ist draußen. Sam Rachmann war es, der Jacob die amerikanischen Filme für solche Ueberpreise andrehte. Von Rachmanns Seite aus nicht übermäßig korrekt, aber auch nicht betrügerisch. Jacob dagegen wußte, was er tat. Und was er der Ufa antat.

Die Ufa hatte ihren Schaden mit 1,6 Millionen Mark beziffert. Zunächst versuchte sie ihr Glück mit einer Feststellungsklage in Höhe von 100000 Mark. Ihre Vorsicht war gescheit. Das Gericht wies die Klage der Ufa kostenpflichtig ab. Denn nach dem Zustandekommen der Parufamet-Verträge war der Vorstand durch den Aufsichtsrat der Ufa ordnungsgemäß von den Geschäften entlastet worden. So galt also Jacobs Geschäftsführung als "vom Aufsichtsrat gebilligt".

Nachträglich wurde klar, warum Emil Georg von Stauß den ihm bekannten Skandal totgeschwiegen hatte. Denn die fraglichen Geldanweisungen, die - verschleiert - Jacobs Einkommen beträchtlich vergrößerten, waren mit "Siegmund Jacob" und "Eugen Stauß" unterschrieben.

Eugen Stauß - das war der unadlige Bruder von Emil Georg. Er leitete die Finanzabteilung der Ufa und hatte dennoch Jacobs Trick nicht durchschaut. Ein Familienskandal - das war unmöglich im Hause Stauß. Eugen Stauß ging zu BMW.

Siegmund Jacob mied die Ufa-Räume. Aber von der Filmwirtschaft konnte er nicht lassen. Er, der wegen seines preußischen Aussehens "Friedrich der Große" genannt wurde, lebte in späteren Jahren in Frankreich. Dort ereilte ihn ein tragisches Geschick. Als die Nazis in Paris einrückten, bekam er wie viele Juden in Frankreich SS-Besuch. Durch Zufall war er nicht daheim. Die SS hinterließ die Aufforderung, er solle sich am nächsten Vormittag bei ihr melden. Alle Freunde rieten zur Flucht. Jacob war naiv genug, an nichts Schlimmes zu denken. Er meldete sich und kehrte nicht zurück. Er blieb dort, wo auch Otto Wallburg, der dicke Komiker des deutschen Films, blieb: in Auschwitz.

Sam Rachmann, der Jacob die teuren US-Filme verkaufte, der Emil Georg von Stauß die lebensgefährlichen US-Darlehen besorgte, wollte auch mit den neuen Ufa-Herren Geschäfte machen. Klitzsch saß erst einige Wochen in der Ufa und stieg langsam in die verworrene Materie ein. Da kam sein Vorzimmer-Mädchen und sagte: "Draußen ist Herr Rachmann und möchte Sie sprechen."

Klitzsch kannte Rachmann nicht. Das Mädchen: "Herr Rachmann hat uns verklagt, es geht um ein paar Millionen." Besonders hart war dieser Schlag für "König Ludwig" nicht. Er hatte in den paar Wochen schon genug Ufa-Ueberraschungen erlebt, ihn konnte nichts mehr erschüttern.

Rachmann war ein kleiner, lebendiger Herr, stets mit Melone auf dem Hinterkopf. Mit einem Wortschwall begrüßte er den neuen Ufa-Boß: "Guten Tag, Herr Klitzsch, ich bin der Sam Rachmann, woll'n Se Adler oder Hindenburg?" Ehe Klitzsch den Mund aufmachen konnte, wirbelte der quicke Herr probeweise ein Fünfmarkstück in die Luft. Es kollerte über den Boden. Rachmann rutschte hinterher: "Adler! Ich nehme Adler. Wenn Sam Rachmann gewinnt, zahl'n Se ihm fünf Millionen Mark. Was wollen wir klagen, Herr Klitzsch? Wenn Hindenburg fällt, und Sie gewinnen, na, denn verzichte ich eben auf das Geld!"

Klitzsch hatte sich inzwischen gefaßt. Und benutzte die kleine Rachmann-Pause, sein Gegenüber zu bitten, die Melone abzunehmen. Sam guckte etwas verdutzt, grinste dann und nahm die Melone in die Hand. Aber das änderte nichts.

"Klagen Sie!" Rachmanns Forderung auf fünf Millionen Mark bestand zu Recht. Jacobs letzte Tat innerhalb der Ufa (1926) war, die Verpflichtung zu übernehmen, dem Manager aus New York für fünf Millionen RM amerikanische Filme abzukaufen, für die Rachmann die Exportrechte besaß. Aber die Ufa hatte den Vertrag nicht einhalten können.

Klitzsch wollte sich auf das Hasardspiel Adler gegen Hindenburg nicht einlassen und meinte gottergeben: "Na, dann klagen Sie, Herr Rachmann."

Auf eine Klage mehr oder weniger kam es damals nicht an. Und die Gläubiger gaben sich die Klinke in die Hand, seit die Sanierung der Ufa publik wurde. Allerdings, fünf Millionen Mark waren ein böser Happen. Noch dazu, da im Berlin von 1927 die Redensart im Schwange war: "Wer gegen die Ufa klagt, gewinnt bestimmt!" So hoch wurden die juristischen Fähigkeiten von Hugenbergs Vertrauensanwalt Dr. Sommer eingeschätzt.

Aber Rachmann einigte sich mit Dr. Sommer: "Was braucht der Rachmann die fünf Millionen? Viel lieber will der Rachmann mit der Ufa Geschäfte machen." Er verzichtete offiziell auf seine Klage.

Inzwischen reiste Klitzsch nach Amerika. Er saß am ersten Morgen beim Frühstück in seinem New Yorker Hotel. Da kam ein Telegramm von Sommer: "Rachmann widerruft Verzicht. Gibt an, in jenem Moment nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewesen zu sein." Da war rechtlich nichts gegen zu machen. Aber in diesem kritischen Augenblick war ein Prozeß um fünf Millionen nun doch unerwünscht. Klitzsch war in Amerika, um den Ufa-Hals aus der Parufamet-Schlinge zu ziehen - Was tun?

Klitzsch hatte sich gerade über das Telegramm geärgert, da wurde ihm ein Herr gemeldet. Der Herr heiße Rachmann. "Nanu", wunderte sich der Sachse Klitzsch. Und er beschloß, um die kostbaren fünf Millionen mit den in der Filmbranche üblichen Mitteln zu kämpfen. Er ließ sich verleugnen.

Tag für Tag ließ sich Rachmann melden. Tag für Tag ließ Klitzsch bestellen, er habe aus Berlin erfahren. Rachmann sei verrückt Das täte ihm zwar schrecklich leid, aber mit Verrückten verhandle er nicht.

Wenn Klitzsch hart blieb, dann bedeutete das, daß Sam künftig mit der deutschen Filmindustrie keine Geschäfte mehr machen konnte Das fand der clevere Manager kostspieliger als die lumpigen fünf Millionen Mark. Der geschäftstüchtige Rachmann wurde weich.

Als Klitzsch wieder europawärts dampfte, begrüßte ihn der Melonenmann mit Herzlichkeit: "Herr Klitzsch, ich habe meinen Widerruf widerrufen!" Bei dieser Dampfer-Botschaft fiel Klitzsch ein Stein vom Herzen. Rachmann tätigte künftig noch manches gute Geschäft für die Ufa.

Den Falschen erschossen. Sam war die typische Managerfigur in der internationalen Filmindustrie der zwanziger Jahre. Er reiste von einem Land zum anderen, schaute nur bei den wichtigsten Filmdirektoren hinein, Melone auf dem Kopf, und vermittelte. Er vermittelte Filmexporte, engagierte Schauspieler, half zu Krediten und verdiente dabei prächtig. Weil er bei aller Geschäftstüchtigkeit - mit Branche-Maßstäben gemessen - ziemlich korrekt war, hatte er sich bei den großen Filmgesellschaften beliebt gemacht, und man benutzte den lebendigen kleinen Mann gern als geschickten Vermittler.

Rachmann hörte im New Yorker "Roxy" das 110 Mann starke Kino-Orchester. Und engagierte dem amerikanischen Luxuspalast gleich den Dirigenten vom Pult weg. Der Ungar Ernö Rappé wurde von Sam an den Ufa-Palast am Zoo nach Berlin verkauft.

Sammy war ein umgänglicher Bursche und machte keinen Hehl aus seiner rätselhaften Herkunft. Mit unvergleichlichem Schmunzeln pflegte er zu bestätigen: "Meinen Vater habe ich nicht gekannt." Dafür habe er aber eine gute Ausbildung genossen. Er zog ja mit Zigeunern über die Straßen. Der alte Zigeunerboß ließ einen Waschbären tanzen. Der kleine Sam mußte kassieren.

"Da bekam ich einen Blechteller in die linke Hand, den durfte ich nicht loslossen. Damit ich aber nicht einmal aus Versehen mit der anderen Hand ins Geld griff, fing der alte Zigeuner drei Fliegen. Die mußte ich in die Rechte nehmen und die ganze Zeit in der Faust behalten. Wehe, es war mir nachher eine Fliege fortgeflogen. Da wurde ich windelweich geschlagen!"

Rachmanns nächste Station war ein komisches Tanzduo im Varieté Zusammen mit einem Herrn Mertens, der es dann bis zum Direktor des Berliner "Wintergartens" brachte, später aber ein berüchtigter Speler und Spielhöllenbesitzer wurde.

Der Aufstieg des Blechteller-Sam zu den Filmmillionen war steil. Ein bißchen zu steil schien es manchmal. Einmal fuhr er auf dem Gut Sternhagen von Ludwig Klitzsch gleich mit zwei Autos vor. Bei sich hatte er einen Negerboy in Livree. Klitzsch guckte ihn verwundert an. Aber Rachmann freute sich: "Nu, wenn ich einen Rolls-Royce fahre, werden die Leute sagen, das könne ja jeder. Aber mit zwei Rolls-Royce, da fährt eben nur der Rachmann!"

Die Hand von Ludwig Klitzsch hinterließ bei der Ufa ihre Spuren. Der Wasserkopf der Verwaltung war mitleidlos abgeschlagen. Der Ufa-Betrieb in der Kochstraße arbeitete nach dem Ford-Taylor-System. Die Klingelzeichen für die Pausen schrillten in den Ohren der Direktoren. Alles lief am Schnürchen. Klitzsch hatte aus einer Firma der Lebemänner eine mit minuziöser Pünktlichkeit arbeitende Handelsgesellschaft gemacht. So war die Ufa auf dem Wege der Besserung.

Der finanziellen Besserung. Denn für künstlerische Versuche war zunächst kein Geld vorhanden. Man beschränkte sich auf todsichere Erfolgsstoffe. Die Zeit der großen Monumentalfilme war für die Ufa vorerst einmal vorüber.

Doch Klitzsch war klar, daß alle internationalen Maßnahmen die kranke Ufa nicht zur völligen Gesundung bringen konnten. Solange die Ufa die goldenen Fesseln der Parufamet-Verträge an den Gelenken spürte, konnte sie sich nicht aus der Minusseite ihres Hauptbuches herausarbeiten.

Von Malaya bis Oberbayern. 1927 beherrschte das amerikanische Zelluloid neunzig Prozent des Weltfilmmarktes. Das war kein besonderes Kunststück. Die amerikanische Filmindustrie hatte die Möglichkeit, - damals wie heute - ihre Filme auf ihrem eigenen Markt zu amortisieren. Sie konnte die Streifen zu konkurrenzlosen Preisen auf den europäischen Markt bringen. Dieser unerschütterlichen Position der Hollywood-Immigranten konnten die europäischen Filmländer nichts entgegensetzen. Ihre nationalen Theaterparks waren zu gering, um die Kosten eines Großfilmes im eigenen Lande hereinzuspielen.

In den Zeiten des Stummfilms wäre es möglich gewesen, durch europäische Zusammenschlüsse einen gemeinsamen Wall gegen die Flut des amerikanischen Filmkapitals zu errichten. Aber wie in der Politik, so war es im Film: Die Stärke versprechende Einigkeit blieb aus.

In (abgerundeten) statistischen Zahlen zeigt sich die Lage von 1927 deutlich:

Vereinigte Staaten:

22500 Kinos

106000000 Bevölkerung

47000000 wöchentliche Besucher

Deutschland:

3600 Kinos

63000000 Bevölkerung

6000000 wöchentliche Besucher

Während also in den Vereinigten Staaten etwa 45 Prozent der Bevölkerung, oder fast jeder zweite Amerikaner wöchentlich einmal ins Kino geht, setzt sich 1927 knapp jeder zehnte Deutsche einmal pro Woche vor die Leinwand.

In England sind die Menschen noch kinofreudiger als in den Vereinigten Staaten. Bei einer Bevölkerungszahl von 44 Millionen und 3800 Kinos zählt die Statistik 14 Millionen Besucher pro Woche. Das ist also ca. jeder dritte Brite.

(Fortsetzung folgt.)

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