06.12.1950

FINANZKULTUR / TheaterZeuge: Der Senator

Fünfzehn Hundertmarkscheine will Verleger Walter Dorn in Bremens Vahrer Straße 359 auf den Zahltisch der "Theater der Freien Hansestadt Bremen" blättern. "Um mein Wort zu halten." Verleger Dorn hatte vor der Uraufführung des "Promethiden"-Dramas eines bei ihm verlegten Ernst Barnewold die Defizitgarantie übernommen. Barnewolds Bremer Bußtag-Premiere erbrachte dann einen Totalschaden.
"Als der Vorhang fiel - zwei Stunden zu spät - fiel er endgültig. Möglicherweise nicht er allein", schrieb Dichter-Doktor Manfred Hausmann mit spitzester Feder in sein "Weser-Kurier"-Feuilleton. Und Kollege Dr. Werner Wien von den "Bremer Nachrichten" verstand nicht, "wie Intendant Hanke dieses Uraufführungsexperiment mit dem 'Dichter' Ernst Barnewold vor dem Finanzsenator rechtfertigen will."
Das war böser geschrieben, als es sich liest: Jeder Bremer Bürger weiß, daß in diesem Fall von einer Rechtfertigung des Intendanten vor seinem für sein Theater lebenswichtigen Finanzsenator nicht die Rede sein kann. Eher umgekehrt.
Intendant Hankes Nachkriegs-Vorgänger hatten bei Amtsantritt als erstes eingereichtes Manuskript regelmäßig das der Barnewoldschen "Promethiden" vorgefunden. Ebenso regelmäßig ging dieses Manuskript nach nur kurzem Anlesen unter höflichem Hinweis auf die bestehende Notbühnenmisere an den Absender zurück. Das war ein Rechtsanwalt Dr. Nolting-Hauff, damals und derzeit noch Finanzsenator der Freien Hansestadt Bremen.
Die Aera Hanke aber wurde mit der Eröffnung des neuen, eines 1190 Sitzplätze großen Umbau-Theaters eröffnet. Damit entfiel für Intendant Hanke, was den Fall Barnewold angeht, die Ausflucht seiner in diesem Punkte glücklicheren Amtsvorgänger. Obwohl (die Bremer sagen weil) das Verhältnis Hankes zur geldgebenden Finanzbehörde, wie theaterüblich, nicht das allerbeste war, wurde das vom Herrn Finanzsenator wiederholt eingereichte Stück von Hanke angenommen.
Nun ist Ernst Barnewolds "Dramatische Zukunftsschau in neun Bildern", nach Hausmann: "eins der Sekundanerstücke, wie sie zu Hunderten und Tausenden in den Schubladen idealistischer, aber unklarer Jünglinge ein, mit Recht, unbeachtetes Dasein führen". Und nach Dr. Wien scheint das Dutzend der nach 1933 erschienenen Barnewold-Dramen "jener Gattung anzugehören, die sich für Uraufführungen nicht eignet".
Sagt Dr. Wien weiter: "Selbst der Versuch einer ernsten Inhaltsangabe des Stückes scheitert an dessen grotesker Primitivität ... Lest lieber des olien, ehrlichen Hans Dominik "Die Macht der Drei". Weshalb der Weser-Kurier die Frage aufwarf: "Was oder wer hat Intendant Hanke dazu gebracht, gegen seine bessere Einsicht den sowieso nicht eben gefestigten Ruf des Bremer Theaters aufs schwerste zu schädigen?"
Und in der "Zeit" fragt Manfred Hausmann: "Wer ist Barnewold? ... Es bleibt abzuwarten, ob sich die Vermutung bestätigt, der wahre Name des Autors würde das unbegreifliche Verhalten des Intendanten verständlich machen."
Wie um einen Dritten zu decken, bekennt Hanke sich als alleinverantwortlich für die Un-Tat dieser Uraufführung. "Wenn ich in den 16 Jahren meiner Intendantentätigkeit in 45 Fällen mit meinen Uraufführungen Erfolg hatte, so bedaure ich, es mit der 46. nicht gehabt zu haben."
Vor dem Tag der Uraufführung allerdings hörte man es aus seinem Munde anders. Auf den vier Wochen währenden "Promethiden"-Proben konnte er gegen ihre Rollen sturmlaufende Schauspieler nur mit dem Hinweis auf eine "ausgesprochene Zwangslage", in der er sich hierbei befinde, bei der Stange des Stücks halten.
Sagt Hanke: "Ich habe für 400 Menschen zu sorgen. Ich arbeite mit einem städtischen Zuschuß von 800000 DM, das ist nur etwa ein Drittel bis ein Viertel des Zuschusses, der andernorts Theatern gleichen Ranges zugebilligt wird." Träger der Theater der Freien Hansestadt Bremen ist eine halbstädtische Theater-GmbH., den 800000 DM-Zuschuß bezahlt aus dem Stadtsteuersäckel der Finanzsenator Nolting-Hauff.
Der hat nicht nur das Un-Stück eingereicht und seinen Intendanten damit in den Schwitzkasten genommen. Er ist auch der überhaupt einzige Zeuge für die Existenz des Ernst Barnewold. Nolting-Hauff. Urenkel des Dichters der "Phantasien im Bremer Ratskeller" Wilhelm Hauff, ist erwiesenermaßen nicht ohne literarische Ambitionen.
Dafür zeugte sein eben erst gehaltener Vortrag über Stefan George, dafür spricht noch mehr sein Buch "IMI'S", die Chronik seiner Verbannung von Oktober 1944 bis April 1945 in dem KZ-artigen Arbeitslager Farge bei Bremen. Dort will Dr. Nolting-Hauff den in der Literatur völlig unbekannten Dramatiker Ernst Barnewold getroffen haben. Die Akten des Lagers Farge verzeichnen aber den Namen Barnewold nicht.
Resignierend verweigert ein ungezeichnetes Vorwort im "Promethiden"-Programmheft nähere Auskunft über den Autor. "...Die Spuren, die Ernst Barnewold im bürgerlichen Leben zurückließ, sind so spärlich daß jedes hartnäckige Bemühen, zu ihm vorzudringen, uns vermutlich nur in die Irre führen würde."
Diese spärlichen Spuren sind nur in der Aussage des Senators Dr. Nolting-Hauff nachzuweisen. Darauf gestützt, rekonstruiert Barnewold-Verlag Walter Dorn einen ungefähren Lebenslauf:
"Ernst Barnewold wurde um die Jahrhundertwende geboren und entstammt einer mitteldeutschen Beamten- und Kaufmannsfamilie. Er studierte Rechtswissenschaft, Volkswirtschaft und Geschichte. Als er 1933 im Begriff stand, seine ersten Werke zu veröffentlichen, kam die nationalsozialistische Machtergreifung. Wegen seiner Abstammung verfolgt, zog sich Barnewold völlig auf sich selbst zurück. Im Jahre 1944 wurde er verschleppt. Seitdem fehlt jede Nachricht von ihm und seinen Angehörigen."
Weiter in Herrn Senator zu dringen, um nähere Angaben über seinen Leidensgenossen zu erlangen, wäre pietätlos gewesen, erklärt Walter Dorn die ungewöhnliche Lückenhaftigkeit dieser Lebensskizze eines seiner Autoren, dessen Dramen-Dutzend sich komplett in Händen des Senators Dr. Nolting-Hauff befindet.
Man kann nun dieses Daten-Skelett ausfüllen und in den Angaben präzisieren. Etwa so:
* 22. 4. 1902 geboren in Naumburg a. d. Saale.
* Studium der Rechtswissenschaft und Geschichte in Heidelberg und Kiel.
* 1928 Rechtsanwalt in Bremen.
* 1944 Seiner Abstammung wegen verschleppt.
Das sind Daten aus dem Lebenslauf des bremischen Finanzsenators Dr. Nolting-Hauff.

DER SPIEGEL 49/1950
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