19.12.2005

PRESSEAufstand am Alex

Die neuen Eigner des Berliner Verlags haben erstmals ihre Ziele offenbart. Die Rendite soll auf 21 Prozent gepeitscht werden.
Neulich wackelten im Berliner Verlag die Wände. Auf einer Baustelle vor dem Verlagshochhaus am Alexanderplatz zertrümmerte ein Spezialhammer den Asphalt - die Straßenbahn soll neue Schienen bekommen. Doch das Unternehmen ("Berliner Zeitung", "Berliner Kurier") bebt noch aus ganz anderem Grund. Seit Holtzbrinck den Verlag im Oktober an ein Finanzkonsortium um den britischen Investor David Montgomery verkaufte, wartet man gespannt auf dessen Pläne für das Haus.
Jetzt gibt es erste Skizzen. Und der nächste Aufstand am Alex scheint programmiert. Bei einer internen Präsentation trug Geschäftsführer Peter Skulimma einem Dutzend Führungskräften erstmals die "neuen Ziele" vor. Die Vorgaben von Montgomery & Co. bestätigen die düstersten Vorahnungen.
Bei seinen letzten Berlin-Besuchen hatte Montgomery sich noch bemüht, Bedenken zu zerstreuen. Es gehe nicht darum, den Berliner Verlag auszuplündern, sondern um Aufbau und Ausbau.
Doch gleich zu Beginn seines Vortrags enthüllte Skulimma, dass der bislang weitgehend schuldenfreie Verlag nun 95 Millionen Euro Verbindlichkeiten habe. Die neuen Eigentümer steuerten 86,74 Millionen Eigenmittel zum Kaufpreis bei, der so insgesamt bei rund 182 Millionen Euro liegt.
Den Schuldendienst aus Zins und Tilgung trägt der Verlag. Wie der Geschäftsführer weiter referierte, steigen die dafür nötigen Zahlungen von 7,6 Millionen im ersten und 9,3 Millionen im zweiten Jahr bis auf satte 28,5 Millionen Euro in Jahr acht.
Tatsächlich macht der Verlag nach mehreren Sparrunden zurzeit Gewinn - nach üblicher Rechnung dieses Jahr etwa 14,5 Millionen Euro (Ebitda). Doch Heuschrecken sind hungrig, und die Investoren verlangen deutlich mehr. Für 2006 ist das geforderte Plus noch einigermaßen moderat: 2,4 Millionen Euro mehr als die vom Verlag selbst prognostizierten 14,1 Millionen Euro. Für 2007 indes sehen die neuen Eigner einen Sprung auf 23,8 Millionen vor, für 2008 gar auf 26,7 Millionen - das wären 10,4 Millionen Euro mehr, als man im Verlag selbst für möglich hielt.
Mehr als ambitioniert sind auch die Vorgaben zur Rendite. Sie soll von derzeit 12 Prozent stufenweise auf 21 Prozent im Jahr 2008 gepeitscht werden. "Mission impossible", so ein Verlagskenner knapp. Ein Montgomery-Sprecher wollte die Pläne auf Anfrage "nicht kommentieren".
Mit welchen Schritten und Schnitten derartige Höhenflüge zu erreichen sein sollen, darüber war auch in Skulimmas Vortrag nicht sonderlich viel zu hören. Stattdessen präsentierte der Geschäftsführer einen Zeitplan: In den nächsten Wochen sollen Arbeitsgruppen Vorschläge erarbeiten, zum 1. März erwarten die Gesellschafter Bericht.
Apropos Gesellschafter - auch hier gibt es Neues. Neben Montgomerys Firma Mecom (15 Prozent) und Veronis Suhler Stevenson (VSS, 40 Prozent) sind auch der Rentenfonds Canada Pension Plan und die Lebensversicherung New York Life mit gemeinsamen 34 Prozent von der Partie. Beide sind wichtige VSS-Geldgeber.
Zwei Prozent hält Skulimmas Präsentation zufolge Aufsichtsratschef Gerd Schulte-Hillen, neun Prozent sind für das Management reserviert. Um dessen Motivation zu steigern, den Kurs der Investoren mitzutragen, können sie ihre Anteile zu äußerst günstigen Konditionen zeichnen.
Geschäftsführer Skulimma ist dabei. Die Chefredakteure Hans-Peter Buschheuer ("Berliner Kurier") und Uwe Vorkötter ("Berliner Zeitung") wollen sich nicht beteiligen.
Vor Mitgliedern der Geschäftsleitung nannte Vorkötter die Vorgaben nach Auskunft von Teilnehmern "nicht realistisch" und "falsch für das Haus". Das sei "mit ihm nicht zu machen".
Offenbar hat Vorkötter Montgomery und der Geschäftsführung schon nach Abschluss des Geschäfts angeboten, seinen Chefredakteursvertrag aufzulösen. Gegenüber dem SPIEGEL wollte er sich nicht äußern.
Auch Skulimmas Co-Geschäftsführer Oliver Rohloff hat intern zu verstehen gegeben, er werde sich nicht beteiligen. Das wäre ein deutlicher Kommentar, mit dem die Investoren kaum werden leben können: Rohloff ist im Verlag fürs Kaufmännische zuständig. MARCEL ROSENBACH
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 51/2005
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