19.12.2005

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Zieh dich aus, Eva

Von Kneip, Ansbert

Wie evangelische Jugendliche berühmte Nacktmodels wurden

In Stefan Wiests Wohnzimmer sitzen die Russen und verlangen mehr Licht. Wiest schaltet die Neonröhre an, schön sieht das nicht aus, aber wenigstens ist es hell genug jetzt. Er setzt sich hin zum Interview. Russisches Fernsehen, wer hätte das gedacht?

Eigentlich sollte er jetzt woanders sein, im ersten Stock zum Beispiel, wo seine Eltern große Pappbögen zu Versandkartons falten. Pappe vom Stapel nehmen, knicken, Kalender einpacken, weglegen - eine Arbeit zum Blödwerden. Tausend Sendungen müssten sie schaffen, besser mehr, aber der Stapel wird nicht kleiner. Manchmal klingelt das Handy, Kunden beschweren sich: Warum dauert das so lange?

An der Wohnzimmertür hängt ein Zettel: "Jemand vom Deutschlandfunk (oder so) hat angerufen. Meldet sich morgen wieder."

Stefan Wiest, 32 Jahre alt, gelernter Druckereitechniker aus Nürnberg, evangelisch, verheiratet, ein Kind. Ein Amateurfotograf, künstlerisch ambitioniert, vielleicht kein Riesentalent, aber seine Bilder wurden schon ausgestellt, in der AOK-Geschäftsstelle etwa.

Neben ihm sitzt Marina Sidhu, sie ist 21, ihre schwarzen Haare reichen bis zur Hüfte. Wiest stellt sie den Russen als "unsere Eva" vor, denn sie ist es, die er nackt in der Kirche fotografiert hat, und damit ging der ganze Ärger los.

Im April beschlossen die Jugendgruppen der evangelisch-lutherischen Gemeinde Katzwang, ein bisschen Geld zu verdienen - die Jugendräume brauchten einen neuen Anstrich. Jemand brachte die Idee auf, einen Kalender zu gestalten, den könnte man in der Gemeinde verkaufen. Sie selbst würden die Models sein, Szenen aus der Bibel würden sie zeigen, in moderner Form. Und: Erotisch sein sollte der Kalender, ist doch nichts Schlimmes.

Nacktfotos also.

Die fränkische Landjugend hatte im vorigen Jahr so was Ähnliches produziert, drall im Dirndl auf dem Trecker. Studenten hatten sich nackt fotografiert, es gab bereits nackte Volleyballerinnen auf Kalenderblättern, Fußballer, Feuerwehrleute. Es gab den Film "Kalender Girls", warum also nicht auch Marina und Julia und Michael aus Katzwang?

Sie wollten alles richtig machen: Die Eltern wurden informiert, der Pfarrer nach passenden Bibelstellen befragt. Wer unter 18 war, musste die schriftliche Einverständniserklärung der Eltern beibringen.

Ein paar Mitglieder im Kirchenvorstand fanden nackte Frauen in der Kirche anstößig, doch das war die Minderheit.

Und so fotografierten sie: König David, der heimlich eine Frau beim Bade beobachtet, inszeniert als Spanner in der Sauna. Die Hure Rahab, wartend in Dessous in einer Moteltür. Salome trägt Stringtanga und Bodypainting statt ihrer biblischen sieben Schleier.

"Das ist doch sehr schön geworden", sagt der russische Reporter in Wiests Wohnzimmer, und es ist nicht ganz klar, ob er ehrlich sein wollte oder höflich.

Für den 2. Advent war eine Ausstellung in der Kirche geplant. Wiest informierte die Lokalpresse und richtete eine Internet-Seite ein: Bibelkalender.de. Die Jugendlichen überlegten, ob sie nicht zusätzlich eine Anzeige schalten müssten. Womöglich kommt sonst keiner, dachten sie. Der Pfarrer redete mit dem evangelischen Pressedienst und dem "Sonntagsblatt". Am nächsten Tag erhielt er einen Anruf von der "tz" in München. "Wieso interessieren Sie sich denn für unseren Kalender?", fragte der Pfarrer. Er konnte es kaum glauben: München, 150 Kilometer weg.

Dann brach der Internet-Server zusammen. Eine Reuters-Meldung über den Bibel-Nacktkalender war weltweit gelaufen, unter Angabe der Internet-Adresse. Das brachte in drei Tagen sechs Millionen Zugriffe auf die Seite, die gesamte Erstauflage von 2000 Kalendern war verkauft, 12,50 Euro das Stück. Die nächsten 3000 sind auch schon so gut wie weg, vergangene Woche nahm Wiest das Bestellformular vom Netz - noch mehr Kunden können sie nicht verkraften.

Wiest gab Interviews für die BBC, für das kolumbianische Radio und Dutzende deutscher Stationen. Es gab Bestellungen aus Korea, Indien und den USA. Es gab Streit im Kirchenvorstand, Anfeindungen fundamentalistischer Christen und Kritik des katholischen Bischofs. Vergangenen Donnerstag gab die Kirchengemeinde eine Erklärung ab: Niemand habe je die religiösen Gefühle anderer verletzen wollen.

Fernsehteams rückten an. Erst Bayern 3 und das ZDF. Dann ProSieben, Sat.1, RTL, alle filmten das Gleiche: Models, möglichst Frauen, beim Kalenderdurchblättern, der Pfarrer vor der Kirche, die Internet-Seite. Ein TV-Team wollte die Eva-Darstellerin überreden, das mit dem Foto in der Kirche noch einmal nachzustellen. Nackt, versteht sich.

Eva lehnte ab.

Mittlerweile haben sich die Jugendlichen organisiert: König David macht den Pressesprecher, Frau Lot, die Salzsäule aus dem April, kontrolliert die Bankauszüge. Etwa 40 000 Euro wird der Kalender einspielen.

In Nürnberg-Katzwang sind die Models jetzt ein bisschen berühmt, und es scheint, als sei ihnen sogar gelungen, was sie sich am Anfang vorgenommen hatten: Menschen für die Bibel zu interessieren.

Auf dem Gymnasium jedenfalls hat die neunte Klasse ihren Religionslehrer überredet, die Bibelstellen aus dem Kalender im Unterricht zu besprechen. Die Jungs hatten entdeckt, dass Julia aus der 13. die heiße Blonde vom Oktober ist. ANSBERT KNEIP


DER SPIEGEL 51/2005
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