19.12.2005

ALGERIENDer arabische Patient

Präsident Bouteflika liegt seit Wochen in einem Pariser Hospital. Wie krank ist er?
Als sich Jacques Chirac nach einem leichten Schlaganfall einer Behandlung unterziehen musste, vertraute er sich der Klinik im V. Arrondissement in Paris an. Das Militärhospital Val-de-Grâce bietet Weltklasse-Standard und, ähnlich wichtig, diskrete Behandlung.
Seit dem 26. November hat das Val-de-Grâce einen anderen prominenten Patienten, und wieder herrscht Rätselraten, warum er sich dort aufhält und was ihm widerfährt: Abdelaziz Bouteflika, 68, der algerische Präsident, ist krank - aber wie krank?
Über Grad und Schwere der Maladie spekulieren die Medien, in Frankreich wie in Algerien. Im Internet kursiert sogar das Gerücht, der Staatschef sei Opfer eines Anschlags und längst tot. In Algier wird von heimlichen Zusammenkünften der Sicherheitskräfte gemunkelt, Besucher auf dem Prominentenfriedhof der Stadt wollen Renovierungstrupps am Werk gesehen haben - wie zur Vorbereitung eines Staatsbegräbnisses.
Nach offizieller Darstellung flog Bouteflika vor drei Wochen für "eingehendere Untersuchungen" nach Paris. Neun Tage später berichtete das bislang einzige ärztliche Bulletin von der Operation eines "blutigen Geschwürs in der Magengegend". Die Entourage des Präsidenten versicherte: "Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung."
Wirklich? Bouteflika, sonst stets mit Fotos, Ansprachen und TV-Auftritten in Algerien allgegenwärtig, bleibt verschwunden: keine Interviews am Krankenbett, keine Fernsehaufnahmen vom Rekonvaleszenten im Klinikgarten, keine Besucher. Dabei führt der "Musterpatient" angeblich vom Bett aus die Staatsgeschäfte; in seinem Namen wurden eine Hand voll diplomatischer Depeschen verschickt.
Der abwesende Präsident irritiert nicht nur seine 32 Millionen Algerier, er beschwört zudem eine kleine Regierungskrise herauf: Aus komplizierten verfassungsrechtlichen Gründen kann die Regierung, falls der Staatschef wegen Krankheit seine Amtsgeschäfte nicht wahrnimmt, kurzfristig weder Gesetze noch einen Haushalt verabschieden. Außerdem gibt es keinen designierten Nachfolger für Bouteflika, der seit 1999 über Algerien herrscht.
Die Führungskaste in Algier schwärmte aus, um die Gemüter zu beruhigen. "Kein Grund zur Sorge", sagte Ministerpräsident Ahmed Ouyahia, der selbst gern Präsident werden würde. Sein Gegenspieler Abdelaziz Belkhadem, der Generalsekretär der Regierungspartei, ging weiter in seinem privaten Bulletin: "Der Präsident erfreut sich guter Gesundheit und wird nach seiner Genesung ins Land zurückkehren."
Die Einlassungen der französischen Gastgeber vertieften den Eindruck, Bouteflika befände sich in Lebensgefahr. Außenminister Philippe Douste-Blazy, im Zivilstand Kardiologe, weckte Argwohn mit gewundenen Sätzen: "Die ärztliche Schweigepflicht verbietet es mir zu sagen, wie es Präsident Bouteflika geht. Ich kann nicht sagen, was er hat."
Während den Patienten Grabesstille umhüllt, tobt zwischen der alten Kolonialmacht und der alten Kolonie ein Konflikt um die Vergangenheit munter weiter. Seit kurzem sind die französischen Schulen per Gesetz verpflichtet, die "positive Rolle der französischen Präsenz" vor allem "in Nordafrika" darzustellen. Algerien hielt das für staatlich verordneten Revisionismus und setzte die feierliche Unterzeichnung eines algerisch-französischen Freundschaftsvertrags fürs Erste aus: Vorher müsse Paris, so hatte Bouteflika vor der Abreise ins Hospital noch dekretiert, das Gesetz aufheben.
"Die gesamte französisch-algerische Beziehung zeigt sich bildhaft in der aktuellen Lage", schreibt der konservative "Figaro": "Der algerische Staatschef liegt im Krankenhaus ausgerechnet jenes Landes, von dem er einen Akt tätiger Reue verlangt." STEFAN SIMONS
Von Stefan Simons

DER SPIEGEL 51/2005
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