Mittwoch, 10. Februar 2010

DER SPIEGEL


19.12.2005

ERFINDUNGEN

Ideenbörse für Tüftler

Von Schmundt, Hilmar

Mittelständler und Großkonzerne nutzen eine neue Form des globalen Outsourcing: Sie schreiben im Internet Geldpreise für Erfindungen aus.

Eigentlich saß Ambros Hügin an jenem Abend nur in seiner Genfer Wohnung und surfte ein wenig im Netz. Er genoss sein neues Leben als Hausmann. Den Job an der Uni-Klinik hatte der 50-jährige Forscher gekündigt.

Unversehens befand er sich nach ein paar Mausklicks in einem Labor inmitten Tausender Erfinder. Auch einen Forschungsauftrag hatte er plötzlich: die Entwicklung einer neuen Methode zum Testen von entzündungshemmenden Mitteln.

Er grübelte, las, experimentierte herum. Dann hatte er das Problem gelöst. Prompt landete auf seinem Konto ein Honorar von 10 000 Dollar. Von wem das Geld stammt, weiß er bis heute nicht.

Für den freiberuflichen Erfinder Hügin war es ein Traum, für die US-Firma Innocentive knallhartes Kalkül. Der Name ist ein Kunstwort, in dem "Innovation" mit Anreiz ("incentive") verschmolzen ist. Das Geschäftsprinzip der Ideenbörse ist einfach: Eine Firma sucht nach einer Lösung für ein Problem, das ihre Entwicklungsabteilung allein nicht lösen kann. Sie stellt also ihre Frage mit ein paar Sätzen, Formeln oder Grafiken auf der Website von Innocentive (www.innocentive.com) dar und lobt ein Preisgeld aus, zwischen 10 000 und 100 000 Dollar.

Insgesamt 80 000 Tüftler interessieren sich für das Herumknobeln an den hier gestellten Aufgaben; wer die beste Lösung hat, bekommt die Belohnung, die anderen gehen leer aus. Der Auftraggeber bleibt dabei anonym, um Firmengeheimnisse zu schützen. Im Gegenzug verlangt die Börse vom Fragesteller eine Gebühr.

Seit ihrer Gründung im Jahr 2001 expandiert die Tüftlerbörse kräftig. Ursprünglich war sie eine Ausgründung des Pharma-Riesen Eli Lilly. Zu den Kunden zählen sogar konkurrierende Konzerne wie BASF, Novartis, Nestlé oder der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble, der in den vergangenen drei Jahren den Anteil von externen Produktideen von 20 auf 35 Prozent steigern konnte.

"Wo früher jede Forschungsabteilung vor sich hin werkelte, wird heute zunehmend die sogenannte Open Innovation entdeckt", sagt Frank Piller, der am MIT bei Boston in einer eigens zu diesem Thema eingerichteten Wissenschaftlergruppe forscht. Hochspezielle Detailfragen, für die es im eigenen Haus keine Fachleute gibt, würden so kostengünstig "outgesourct" an die Daniel Düsentriebs in aller Welt.

"Oft sind die Leute, die ein Produkt benutzen, die besten Fachleute, einfach durch ihren täglichen Umgang", ergänzt Cornelius Herstatt von der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Der Medizintechnik-Hersteller Ethicon zum Beispiel sammle in seiner Deutschland-Filiale bei Hamburg systematisch per Internet die Erfahrungen von Chirurgen, um ihre Verbesserungswünsche zu berücksichtigen.

Rasch findet die Offene Innovation neue Anhänger, vom Autobauer BMW über die japanische Einzelhandelskette Muji bis hin zur Modelleisenbahnfirma Roco. So setzt sich das Prinzip der begeisterten Hobby-Entwickler durch, mit dem schon Bette Graham punktete. Als Sekretärin war sie eher mittelmäßig, denn sie vertippte sich ständig. Doch dann hatte sie eine geniale Idee, damals in den Fünfzigern: eine Korrekturflüssigkeit ähnlich wie Tipp-Ex. Ihre Erfindung wurde zum Verkaufsschlager, der Konzern Gillette übernahm 1979 das Geschäft, und die ungeschickte Sekretärin starb als Multimillionärin.

"Am weitesten ist die Offene Innovation heute in der Sportartikelbranche verbreitet, wo über die Hälfte der neuen Geräte von besonders engagierten Kunden stammt", sagt Piller und nennt ein paar Beispiele: Skateboards, Mountainbikes, faltbare Tretroller.

Je schnelllebiger ein Markt, desto fruchtbarer ist die Offene Innovation. Die Chicagoer Firma Threadless zum Beispiel druckt T-Shirts mit Erfolgsgarantie: Jeder kann ein Design einreichen, über das die potentiellen Kunden online abstimmen, bevor es produziert wird (www.threadless.com). Wer den T-Shirt-Geschmack der Online-Jury trifft, bekommt dafür ein bisschen Ruhm sowie 1000 Dollar. Für junge Designer bietet der Wettbewerb die Chance, sich einen Namen zu machen. Und Threadless reduziert so die Anzahl der Flops - aber auch die der Mitarbeiter.

Als eine Art Ebay der Ideen folgt die Offene Innovation den Gesetzen der Globalisierung: Auffällig viele Russen und Inder nehmen bei Innocentive teil. Für sie entspricht das Preisgeld teils einem ganzen Jahresgehalt.

Doch die neue Form des Preisdumpings führt auch zu Problemen, wie Piller festgestellt hat: "Einige festangestellte Forscher fürchten anscheinend um ihren Job und überfluten Innovationsbörsen absichtlich mit unlösbaren Aufgaben, um die Konkurrenten im Netz zu frustrieren."

Auch die starre Vertragspolitik sorgt bisweilen für Unmut: "Alle Rechte am geistigen Eigentum an eine anonyme Firma abzutreten, wie es oft geschieht, ist schon sehr gewöhnungsbedürftig", sagt etwa der Privatforscher Hügin aus Genf.

Dennoch jobbt er weiter im globalen Ideenlabor. Kürzlich hat er wieder 20 000 Dollar bekommen, weil er geholfen hat, Joghurtkulturen haltbarer zu machen. Aber seine besten Ideen behält er künftig für sich: Demnächst will er ein eigenes Patent anmelden. HILMAR SCHMUNDT



DER SPIEGEL 51/2005
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