Von Hage, Volker
Fünf Jahre ist es her, dass der Kölner Schriftsteller Dieter Wellershoff, damals im 75. Lebensjahr, den besten Roman seiner Jahrzehnte umspannen- den literarischen Laufbahn veröffentlichte und damit verdienten Erfolg und späten Ruhm einheimste. Mittlerweile ist "Der Liebeswunsch" - mit Barbara Auer, Jessica Schwarz und Tobias Moretti in den Hauptrollen - verfilmt worden, der Film soll im nächsten Jahr in die Kinos kommen.
An dem großartigen Erzählwerk gefiel vor allem die Leichtigkeit, mit der Wellershoff zwischen den Personen und ihren Perspektiven wechselte, die Souveränität, mit der er neben männlichen Figuren die Frauen zu Wort kommen ließ, ja ihnen und ihrer Wahrnehmung besondere Aufmerksamkeit schenkte. Unvergesslich etwa die Figur der Studentin Anja, deren Wunsch nach unbegrenzter Liebe sich zu einem Drama bis hin zur Selbstauslöschung steigert.
Nun hat Wellershoff, 80, es noch einmal gewagt und präsentiert einen umfangrei-
chen Prosareigen aus dem Alltag der Liebe - mit all ihren Überraschungen und Gewohnheiten, Demütigungen und Glücksmomenten: "Das normale Leben"**. Versammelt sind Episoden, kurze Skizzen und längere Erzählbögen, die thematisch eine zwanglose Einheit bilden.
Und wieder sind die Darstellung und die Stimmen der Frauenfiguren besonders überzeugend gelungen. Fast unheimlich etwa, wie die Heldin in der Erzählung "Das Sommerfest", einer der beiden längsten des Bandes, von ihren Ängsten und vagen Vorahnungen eingeholt wird.
Sie ist seit langem mit Rudolf verheiratet, einem erfolgreichen, mit Aufträgen überschütteten Innenarchitekten und begeisterten Golfer. Beunruhigt ist die Ehefrau, weil sie ihre jüngere Schwester Evelyn, die zu Besuch kommt, zum Sommerfest des Golfclubs am Abend mitnehmen
möchte und nicht recht weiß, ob ihrem Mann das auch genehm ist.
Rudolf, so glaubt sie, habe Vorbehalte gegen die Schwägerin, die sich weder im Beruf noch in der Liebe als besonders ausdauernd erwiesen hat, in allem das Gegenteil ihrer Schwester. Doch auf dem Fest, wo Rudolf als Turniersieger ausgezeichnet wird, blamiert Evelyn sich ganz und gar nicht, sondern betört im Gegenteil die Gesellschaft mit Charme und Munterkeit. Als sie mit der Band auch noch ein sentimentales Lied über die Liebe improvisiert, fliegen ihr vollends die Herzen zu.
Ihm habe die Botschaft gefallen, sagt ein Tanzpartner zur Heldin, dass Liebe etwas Einfaches und Leichtes sei. "Aber ist Liebe denn etwas Leichtes?", fragt sie zurück. "Eher nicht", gibt der andere zu. Doch während ihre Schwester gesungen habe, "konnte man es glauben".
Schnelle, prägnante Wortwechsel streut Wellershoff wohldosiert in seine präzisen Beschreibungen von Stimmung und Ambiente, von Lärm und Licht. Doch dann lässt er das Bild jäh wechseln: Die Heldin braucht frische Luft, zieht sich in den Park des Golfclubs zurück - und bemerkt ein einzelnes Paar, geht aber schnell weiter. Sie will, was sie ahnt, nicht sehen, und was sie sieht, nicht zur Kenntnis nehmen. Lange nachdem Rudolf und die beiden Schwestern heimgekehrt sind, mitten in der Nacht, als alle längst schlafen sollten, erwacht die Heldin, und das Bett neben ihr ist leer. Sie sucht ihren Mann vergeblich im Bad (ist ihm schlecht geworden?), in der Küche - und endlich kommt sie nicht umhin, das Unglaubliche zu denken: Er hat sich zu seiner Schwägerin ins Gästezimmer geschlichen.
Es sind Augenblicke der Verlorenheit, die Wellershoff mit Unerbittlichkeit zu schildern weiß: Eine andere Ehefrau pflegt ihre demente Schwiegermutter in der Hoffnung, ihren Mann so an sich binden zu können ("Wann kommt Walter?"); eine Kunststudentin, Geliebte eines verheirateten Mannes, genießt die öffentlich präsentierte Zuneigung eines Kommilitonen, ohne sich ihrem Liebhaber entziehen zu können ("Graffito"); ein älterer Mann sitzt im Wartezimmer eines Arztes und muss sich eingestehen, dass er sich die Liebe nicht mehr zutraut ("Der Rückzug").
In der Titelgeschichte besucht ein ebenfalls alternder, geschiedener Sachbuchautor zum letzten Mal sein Apartment an der Ostsee, das ihm in der Vergangenheit als Liebesnest gedient hat - nun, nach einem Infarkt, den er überlebt hat, zieht es ihn noch einmal hierher zurück, er lässt sich von einer früheren Geliebten besuchen (die ihm gesteht, bald heiraten zu wollen, aber nicht ihn). "Er war ein alter Mann", heißt es, "der auf Abruf lebte."
Literatur, die etwas tauge, hat Dieter Wellershoff in seinem überaus lesenswerten Essaybuch "Der verstörte Eros" (2001) geschrieben, könne gefährlich sein für den Leser, "weil sie ihn mit Erfahrungen konfrontiert, die er in den Routinen und Begrenzungen seines alltäglichen Lebens gewöhnlich zu vermeiden sucht". Und so geht es dem Leser auch mit diesem Spätwerk, diesen meisterlichen Erzählungen. VOLKER HAGE
DER SPIEGEL 51/2005
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