21.09.1970

ZOGLMANNGibt eine Affäre

Der kleine Mann im Fond des Mercedes 230 Automatic -- Kennzeichen "LEV - RZ 17" -- trieb zur Eile: Sein Kontaktmann, mit dem er zu einem Geheimtreff verabredet war, hatte wenig Zeit.
Um 17.11 Uhr am vorletzten Sonnabend stoppte die eierschalenfarbene Limousine am Zugang des Reihenbungalows Rubensstraße 23 in Bad Godesberg. Fahrgast Siegfried Zoglmann, vom Parteiausschluß bedrohter FDP-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der National-Liberalen Aktion (NLA), stieg aus, sah sich in der stillen Villenstraße sichernd um und ging mit schnellen Schritten hinter seinen beiden Begleitern auf den Flachbau zu. An der Tür empfing ihn mit offenen Armen der Hausherr: Rainer Candidus Barzel, Fraktionschef und Kanzleraspirant der Christdemokraten.
In Zoglmanns Begleitung waren der Wuppertaler Architekt Karl Schneider, Mitglied des NLA-Bundesvorstands und bis Juni 1970 FDP-Landtagsabgeordneter in Düsseldorf, sowie der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Günther Bohme, Abteilungsdirektor bei den Farbenfabriken Bayer in Leverkusen. Barzel mahnte seine Gäste, rasch zur Sache vorzustoßen: "Ich erwarte in 20 Minuten den Ackermann."
Als Dr. Eduard Ackermann, der Pressesprecher der CDU/CSU-Fraktion, kam, "bin ich gleich gegangen", versicherte Zoglmann später. Was die Runde bis dahin erörtert hatte, blieb im dunkeln --
* Zoglmann: "Ich hatte das Bedürfnis, mal von Barzel zu erfahren, was die CDU über den Moskauer Vertrag denkt. Ich möchte am Ende nicht allein auf weiter Flur stehen mit meinen Bedenken. Der Scheel zeigt mir ja die Verhandlungsprotokolle nicht."
* Schneider: "Es war nicht einmal ein politisches Gespräch. Ich kann das Treffen außerdem nicht bestätigen."
Obwohl es mithin bei der Unterredung laut Schneider gar nicht um Politik, laut Zoglmann nur um Ostpolitik ging, wäre es dem NLA-Führer "lieber, wenn darüber nichts bekannt würde. Es könnte ein falscher Eindruck entstehen".
Bei Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, dem stellvertretenden FDP-Vorsitzenden, hinterließ die heimliche Zusammenkunft jedenfalls einen deutlichen Eindruck: "Der Zoglmann ist für die CDU/CSU doch nur interessant, wenn er uns ständig Ärger macht und vielleicht kurz vor den Landtagswahlen im November mit Krach zu denen rübergeht."
Störenfried Zoglmann ("Ich habe schon von 20 CDU-Leuten Angebote bekommen. Ich weiß, daß die mich nehmen wurden") hat gleichwohl "keinen Fraktionswechsel im Sinn". Der Rechtsabweichler, den das nordrheinwestfälische Schiedsgericht der FDP für den 14. Oktober zur ersten mündlichen Vernehmung in Sachen Ausschluß-Antrag des Bundesvorstands in den Düsseldorfer Industrie-Club geladen hat, "will nicht zur CDU und nicht zur CSU gehen, selbst wenn ich ausgeschlossen werde".
Die Union hat auch bereits klargemacht, daß sie die Bonner Macht nicht mit Hilfe einiger FDP-Überläufer zurückgewinnen will. Dennoch ist der Nationalliberale für die Union von Wert: als einflußreicher Verbindungsmann zu den schwankenden rechten Mitgliedern der FDP in der Düsseldorfer sozialliberalen Koalition, als Wahlhelfer in Hessen und Bayern und als Anführer einer rechten FDP-Fronde gegen die Parteispitze. Denn, so Zoglmann, "wenn es in Hessen mit der FDP schiefgeht, mache ich Inventur".
Vorerst muß Zoglmann freilich getarnt vorgehen, denn sogar einstige Freunde observieren ihn genau. So meldete der FDP-Bundestagsabgeordnete Gerhard Kienbaum, selbst ein Partei-Rechter, am vergangenen Dienstag dem Verfassungsminister Genscher, er habe den ehemaligen HJ-Gebietsführer Zoglmann im Steigenberger-Hotel des Bonncenter mit einem "Dr. Naumann" frühstücken sehen, und das sei doch wahrscheinlich der frühere Goebbels-Staatssekretär und Initiator eines Nazi-verdächtigen FDP-Zirkels Anfang der fünfziger Jahre. Doch Kienbaum hatte Zoglmann zu Unrecht verdächtigt. Der Frühstückspartner war nicht Naumann, sondern Dr. Friedrich Neumann, der Vorsitzende der Landesvereinigung der nordrhein-westfälischen Arbeitgeber-Verbände.
Den NLA-Chef mit Sinn für das Konspirative bestärkte Kienbaums Aktion in seinem Argwohn, daß um ihn herum nicht alles mit rechten Dingen zugehe. Ebenso wie der Barzel-Gast Schneider ("Ich traue meinem eigenen Telephon nicht mehr") witterte Zoglmann Überwachung. Nachdem er seinen Verdacht einem Journalisten anvertraut hatte, wurde der rechte Untergrund-Mann am vorletzten Mittwoch vom Dienstherrn des Verfassungsschutzes, Innenminister Genscher, telephonisch verwarnt: "Wenn Sie das weiter behaupten, kann das gefährliche Folgen für Sie haben."
Doch Zoglmann fühlt sich immer noch beschattet. Als der SPIEGEL ihn der Nachricht konfrontierte, er und einige NLA-Getreue hätten sich in der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche um 21.30 Uhr mit CSU-Chef Franz Josef Strauß und dem CSU-Landesgruppenvorsitzenden Richard Stücklen in Bonn getroffen, drohte Zoglmann dunkel: "Das ist dem SPIEGEL zugespielt worden. Da steckt ein ganzer Apparat dahinter. Das werden wir lüften. Dann kann ich Ihnen was erzählen. Das gibt eine Affäre, größer als die SPIEGEL-Affäre."

DER SPIEGEL 39/1970
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Gibt eine Affäre

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