21.09.1970

„ICH SINGE NICHT VON REVOLUTION“

SPIEGEL: Mr. Jagger, wenn die "Rolling Stones" spielen, kommen Hunderttausende in ihre Konzerte. Mit Ihren Schallplatten erreichen Sie in der ganzen Welt Millionen Menschen. Sie singen von Politik, Protest und Revolution.
JAGGER: O nein, ich singe nicht von Revolution.
SPIEGEL: In Ihrem Song "Street Fighting Man" heißt es: "The time is right tor fighting in the street" -- Die Zeit ist reif, in den Straßen zu kämpfen ...
JAGGER: Aber es heißt dann weiter: "But what can a poor boy do, except sing in a rock'n'roll band" -- Was kann ich anderes tun als singen? Vom Straßenkampf handelt nur der Song.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, daß es reicht, über die Revolution nur zu singen?
JAGGER: Wir tun das ja gar nicht. In Amerika sind die Rock'n'Roll-Bands sehr politisch geworden. Sie äußern sich in ihren Songs sehr direkt zum Vietnam-Krieg. Wenn ich in Amerika bin, fühle ich mich gleichfalls engagiert. Aber wenn ich dann nach Hause komme, nach England, ist alles so ganz anders, so still und friedlich. Wenn man in einer solchen Atmosphäre lebt, hat man einen viel größeren Abstand von den politischen Ereignissen und schreibt ganz anders darüber.
SPIEGEL: Sie singen: "I cant get no satisfaction." Können Sie gegen diesen Mangel an Befriedigung, den Sie der Gesellschaft anlasten, nicht mehr machen als nur Musik? Sie sind ja nicht der arme Junge, der nur in der Rock"n"Roll-Band singen kann. Unterstützen Sie beispielsweise die Gegner des Vietnam-Krieges und andere Protestbewegungen der Jugend?
JAGGER: Ich habe für die großen Konzerte Geld gegeben, die zugunsten der Kriegsdienstverweigerer und der Anti-Vietnam-Bewegung veranstaltet worden sind. Allerdings bin ich kein Marxist-Leninist. und ich möchte auch nicht unter einer kommunistischen Regierung leben müssen. In Amerika halten viele Jugendliche den Marxismus für die einzige Alternative zur bestehenden Gesellschaft. Aber die Amerikaner kennen die Praxis des Marxismus ja nicht aus eigener Erfahrung. Da ist es leicht, solchen linken Strömungen anzuhängen.
SPIEGEL: Die Neue Linke propagiert freilich nicht den autoritären Kommunismus Moskauer Prägung.
JAGGER: Ich habe mich persönlich nie für die Neue Linke interessiert, weil ich viel zu sehr mit anderem beschäftigt war. Außerdem finde ich, daß zum Beispiel die "Black Panthers" eine sehr viel stärkere Kraft sind.
SPIEGEL: Würden Sie dann die "Schwarzen Panther" unterstützen?
* Mit Hermann L. Gremliza, Heinz Daenicke und Siegfried Schmidt-Joos.
JAGGER: Natürlich, aber sie haben mich nicht darum gebeten.
SPIEGEL: Abbie Hoffman, einer der in Chicago wegen Anstiftung zum Aufruhr angeklagten Yippieführer, soll Sie um Geld für seinen Prozeß gebeten haben.
JAGGER: Nein, das stimmt nicht. Er hat mich lediglich gebeten, zum Prozeß zu kommen. Aber das war mir leider nicht möglich. Der Prozeß dauerte über zwei Monate, und ich war nur einen Tag in Chicago. Außerdem: Ich bin kein Amerikaner und weiß viel zuwenig davon.
SPIEGEL: Warum informieren Sie sich nicht über diese politischen Auseinandersetzungen?
JAGGER: Weil ich politisch zu unerfahren bin. Ich mag keine Politiker. Nur wenige Politiker haben genügend Weitblick, um zu erkennen, welche Veränderungen heute vor sich gehen. Wir haben keine Führer. Ich wenigstens wüßte keine. Sie sind alle nur an ihren eigenen Machtpositionen interessiert. Es gibt keine richtigen Staatsmänner mehr. In Amerika, glaube ich, sind sie alle gestorben.
SPIEGEL: Deshalb sehen ja auch so viele Jugendliche in Ihnen ein politisches Vorbild.
JAGGER: Sie können nicht die Führer finden, die sie suchen, und bitten uns daher, die Führung zu übernehmen. Wir aber müssen sie enttäuschen. Wir wollen niemals ihre politischen Führer sein.
SPIEGEL: Sie rütteln Ihr Publikum auf und versetzen es in Ekstase. Sie können Energien freisetzen oder umleiten.
JAGGER: In Amerika und wahrscheinlich auch in Deutschland geht es dem Publikum meistens darum, ein paar nette Stunden zu haben. Manchmal kommt es zu Krawallen und Schlägereien mit der Polizei. Aber unsere Konzerte sind nur ein willkommener Vorwand, gegen die Autorität überhaupt zu revoltieren.
SPIEGEL: Manche Leute behaupten, der Rock"n"Roll selbst sei die Revolution. Er wecke in den Menschen eine neue Spontaneität.
JAGGER: Revolution nein -- Spontaneität ja. Diese Musik gehört zu den wenigen Dingen, die die Jugend in aller Welt verbindet. Wenn ich nur an mich selbst und an meine eigene Jugend denke -- an das Zusammenleben mit meinen Eltern, an die Pläne, die ich hatte, die Dinge, die ich tun wollte, an meine Enttäuschungen in einer Gesellschaft ohne echtes Mitspracherecht ... Der einzelne fühlt sich durch alles frustriert, weil er sich nicht organisieren kann. Wir versuchen, unserem Publikum vorzumachen, wie man sich selbst befreit.
SPIEGEL: Sie sind allerdings wohlhabend genug, Ihr Leben so einzurichten, wie Sie wollen. Der größte Teil Ihrer Fans dagegen muß täglich in die Schule, ins Büro, ans Fließband.
JAGGER: Das Geld hat mich nicht verändert, ich nehm's und geb's aus. Sehen Sie, in Europa haben wir alle genug zu essen. Das Wichtigste ist, daß man zwischen Arbeit und Spiel keinen grundlegenden Unterschied macht.
SPIEGEL: Wie stellen Sie sich das in einer Fabrik vor? Dort kann man nicht den ganzen Tag spielen.
JAGGER: Man braucht ja nicht in einer Fabrik zu arbeiten, wenn man nicht will.
SPIEGEL: Wie bitte?
JAGGER: Man braucht keine Volkswagen herzustellen. Ich brauche keinen Volkswagen. Es gibt viel zu viele Volkswagen. Solange die elementaren Lebensbedürfnisse befriedigt sind, ist alles andere mehr oder weniger Luxus. In Amerika lehnen Hunderttausende die Arbeit am Fließband ab. Sie würden lieber betteln gehen. Ihnen macht es einfach mehr Spaß, zu schneidern, den Acker zu bestellen oder Marihuana anzubauen.
SPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß sich diese Leute mit dreißig nach einem bürgerlichen Leben mit Frau und Kindern sehnen werden?
JAGGER: Nein, das glaube ich nicht. In Amerika fliehen immer mehr aus der City, in Europa dauert das alles etwas länger.
SPIEGEL: Die Verachtung der Konsumgesellschaft äußert sich seit einiger Zeit auch darin, daß immer mehr Jugendliche sich weigern, bei Rock-Konzerten Eintritt zu bezahlen. Sie reißen die Barrieren nieder und dringen ohne Karten ein.
JAGGER: Ich habe nichts dagegen. Es sollte viel mehr kostenlose Konzerte geben. Das Problem dabei ist nur, daß man dazu eine Unmenge Leute braucht, die -- wie die Musiker -- auf ihre Gage verzichten. Wo wollen Sie zum Beispiel 30 Techniker hernehmen, wenn Sie Ihnen kein Geld geben? Hallen, Beleuchtung, Lautsprecher-Anlagen, Transport, Vorverkauf, Ordner -- das alles kostet sehr viel. Bei Freiluftkonzerten müssen auch die nötigen sanitären Anlagen -- Toiletten zum Beispiel -- herbeigeschafft werden. All das ist sehr schwierig und erfordert einen ungeheuren Arbeits- und Zeitaufwand. Wenn jemand 5000 Klosetts spendiert, bin ich bereit, solche Konzerte kostenlos zu arrangieren. Ich habe genug Geld.
SPIEGEL: Bei Ihrem "Free Concert" im Londoner Hyde Park haben Sie allerdings die Welt-Fernsehrechte teuer verkauft. In Altamont, Kalifornien, benutzten Sie die 300 000 Besucher als kostenlose Statisten für einen Film.
JAGGER: Mit unserer Hyde-Park-Veranstaltung haben wir nicht viel, nur etwa 3000 Pfund, verdient. Und ob der Film, für den nicht nur in Altamont, sondern auf der ganzen Tournee gedreht worden ist, jemals erscheinen wird, ist noch längst nicht klar.
SPIEGEL: In Altamont haben Sie als Ordner die kalifornische Hocker-Truppe "Hells Angels" engagiert. Ergebnis: Terror, Brutalität, ein Mord.
JAGGER: Als sie verpflichtet wurden, war ich über 1500 Kilometer vom Ort des Geschehens weg. Das war ein Fehler, ich hätte dort sein müssen. Das Konzert wurde von Leuten in San Francisco organisiert, denen ich völlig vertraut habe, denn ich kannte die Stadt ja nicht. Das war falsch. Wir alle, auch die anderen. Bands aus San Francisco, fühlen uns verantwortlich für die schrecklichen Ereignisse. Die "Hell's Angels" waren zuvor bei allen freien Konzerten in San Francisco als Ordner dabei. Sie benahmen sich hei diesen Konzerten immer sehr nett. Diesmal aber wollten sie den Leuten zeigen, daß sie immer noch die starken, gewalttätigen "Hells Angels" waren, als die man sie früher kannte.
SPIEGEL: Die "Hell's Angels" haben auch Präsident Johnson geholfen, Studentenunruhen in Berkeley niederzuschlagen.
JAGGER: Ja, sie entwickeln sich zu Faschisten. Die San-Francisco-Bands und die Straßen-Kommunen haben jahrelang mit ihnen diskutiert und ihnen LSD gegeben, um sie so zu integrieren. Es half nichts. Das Desaster ist bestimmt nicht allein mein Fehler, aber ich fühle mich in gewisser Weise doch verantwortlich, weil ich das Konzert nicht einfach abgesagt habe.
SPIEGEL: Bei Ihren Konzerten wird Ihnen gelegentlich Musik gestohlen. Unter den Raubpressungen, die derzeit gehandelt werden, befindet sich auch ein illegaler Konzertmitschnitt der "Rolling Stones".
JAGGER: Darüber mache ich mir keine Gedanken, es ist mir gleichgültig. Ich meine nur, das dürfte nicht so teuer verkauft werden.
SPIEGEL: Die Zeitschrift "Rolling Stone" nennt diese Schwarzhändler die "Rock"n"Roll-Befreiungsfront".
JAGGER: Ich halte nichts von Leuten, die ihr Geld damit verdienen, anderen durch die Schlüssellöcher zu gucken. Das gilt für die meisten Journalisten.
SPIEGEL: Für die meisten erfolgreichen Rock-Musiker gilt: Je berühmter sie werden, desto mehr vergessen sie ihr soziales und politisches Engagement. Die "Beatles" begannen als junge Proletarier ...
JAGGER: Sie sind keine Proletarier, sie sind Bourgeois. Fast alle Rock'n'Roll-Gruppen stammen aus bürgerlichen Kreisen.
SPIEGEL: Inzwischen haben die "Beatles" jedenfalls in ihrem Sang "Revolution" die Harmonie mit der bürgerlichen Gesellschaft gefunden. Dylan, der einmal gesungen hat: "The times they are a-changing" -- Die Zeiten ändern sich -, sagt heute: "Meine Lieder haben keine politische Bedeutung." Sie selbst klagten einst: "I can't get no satisfaction". Jetzt sagen Sie Ihren Zuhörern: "You can't always get what you want" -- Du kannst nicht immer kriegen, was du willst.
JAGGER: Nun, auch Sie können nicht immer alles haben, was Sie sich wünschen. Dasselbe gilt für mich. Ich sage damit das gleiche, wie wenn ich behaupte: "I can't get no satisfaction" -- nur anders ausgedrückt. Es ist alles eine Frage der persönlichen Einstellung. Wenn man älter wird und mehr gelesen hat, wenn man mehr weiß, den verschiedensten Einflüssen ausgesetzt ist, schreibt man natürlich differenziertere Texte. Ich denke da zum Beispiel an diejenigen; die in London mit Ho-Tschi-minh-Rufen durch die Straßen zogen. Damals war ich dabei, heute finde ich das einfach lächerlich. Junge Menschen sind nun einmal so naiv.
SPIEGEL: Sie haben ihnen aber nichts Besseres anzubieten.
JAGGER: Ich kann ihnen natürlich keine simple, naive Alternative bieten. Aber Sie haben recht: In gewissem Sinne haben wir uns natürlich geändert. Bob Dylan versucht heute das auszudrücken, was die amerikanische Jugend gegenwärtig interessiert: auf dem Land leben, Nahrungsmittel selbst anbauen und dergleichen. Sie möchten seinem Beispiel folgen und heiraten, eine Familie gründen und ein Haus auf dem Land erwerben. So versucht Bob Dylan der Jugend zu zeigen, wie man leben ...
SPIEGEL: ... und der Realität davonlaufen soll?
JAGGER: Nein, er entflieht ihr nicht, er lebt in der Gegenwart.
SPIEGEL: Tun Sie das auch? Sie sind britischer Staatsbürger. Machen Sie von Ihrem Wahlrecht Gebrauch?
JAGGER: Nein, ich wähle nicht. Ich würde meine Stimme abgeben, wenn etwas zur Wahl stünde. Aber es gibt keine Wahl; es ist, als wähle man zwischen Kinderlähmung und Krebs.
SPIEGEL: Sehen Sie irgendwo in der Welt eine Alternative, für die Sie sich entscheiden könnten?
JAGGER: Oh, diese Frage kann ich wirklich nicht beantworten. Ich habe unter den verstorbenen Staatsmännern Gandhi bewundert. Für Mao empfinde ich Achtung, wie für Lenin, aber ich kann ihn nicht recht beurteilen. Vor den meisten westlichen Politikern habe ich jedenfalls wenig Respekt.
SPIEGEL: Mr. Jagger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 39/1970
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