17.08.1970

KOMPONISTEN / E.T.A. HOFFMANN

Neugier erregt

Eine Oper, glaubte er, "könnte das Glück meines Lebens machen". Und wenn schon sein Name in der Welt berühmt werden sollte; dann "nicht anders als durch eine gelungene musikalische Komposition".

Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann (1776 bis 1822), der seinen dritten Vornamen in Huldigung an Mozart durch Amadeus ersetzte, hat sich seinen Ruhm nicht als Tonsetzer erworben. Baudelaires, Poes" Dostojewskis Lob und alle posthume Verehrung gelten dem Schriftsteller E. T. A. Hoffmann. Daß jenes hagere, zappelige Männchen, das, vom Alkohol illuminiert, in seinen phantastischen Geschichten, Märchen und Romanen mit viel Ironie eine groteske Nachtwelt voller Gespenster und Doppelgänger beschwor, auch komponiert hat, Ist kaum bekannt.

Da Hoffmanns 85 Kompositionen, darunter geistliche und weltliche Vokalwerke, Klavier- und Kammermusik, eine Symphonie, acht Opern und 22 weitere Bühnenmusiken, so gut wie vergessen sind, ist nur noch sein literarischer Einfluß auf die Musikgeschichte erkennbar: Seine Rezensionen und musikalischen Schriften haben einen neuen Maßstab für Musikkritik und -schriftstellerei gesetzt. Robert Schumann nahm die Hoffmannsche Phantasiefigur des Kapellmeisters Johannes Kreisler zum Thema seiner Klavier-Phantasien, Opus 16, Richard Wagner den "Meister Martin" zu einer Vorlage für die "Meistersinger". Jacques Offenbach schrieb eine Oper auf "Hoffmanns Erzählungen", Paul Hindemith seinen "Cardillac" nach dem "Fräulein von Scuderi",

Um die Jahrhundertwende, als man begann, Hoffmanns literarisches Werk kritisch zu edieren, als Briefwechsel und Tagebücher erschienen, erregte auch seine Musik Neugier -- allerdings nur kurz: Komponisten und Dirigenten wie Busoni, Pfitzner und Bruno Walter, die vom Autor der "Elixiere des Teufels" Musik im Stil von Berlioz erwarteten, wandten sich rasch wieder ab und verkannten damit die musikhistorische Position des Komponisten Hoffmann.

So ist es bis heute. "Unter den bedeutenden deutschen Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts", klagt der Musikwissenschaftler Gerhard Allroggen, sei Hoffmann "immer noch der am wenigsten bekannte".

Und da "wir durch unsere historisch ausgerichtete Musizierpraxis gelernt haben, Zeitstil und Personalstil zu trennen, und geneigt sind, das Persönliche eines unbekannten Meisters auch dort aufzuspüren, wo wir ihn im Geleise des uns allzu Bekannten wähnen", sieht Allroggen für Hoffmanns Musik eine "reelle Chance".

Im Regensburger Bosse Verlag publiziert Allroggen fürs erste einen Katalog von Hoffmanns musikalischen Werken. Der Mainzer Verlag B. Schott's Söhne will ab Jahresende ausgewählte Hoffmann-Kompositionen herausbringen. Die Schallplatten-Industrie wartet mit einem Harfenquintett und einem Klaviertrio auf (Schwann VMS 1001; 16 Mark). In Wuppertal wurde kürzlich wieder die "Undine" herausgebracht, jene Oper, die 1816, fünf Jahre vor Webers "Freischütz", im Königlichen Schauspielhaus Berlin Premiere hatte.

"Das ganze Werk", hat Carl Maria von Weber diese erste deutsche romantische Oper gerühmt, sei "eines der geistvollsten, das uns die neuere Zeit geschenkt hat".

Dreizehnmal wurde die Oper mit großem Erfolg nachgespielt, dann jedoch brannte das Königliche Schauspielhaus, das Requisitenmagazin ging in Flammen auf, und fortan trat Hoffmann als Komponist nicht mehr in Erscheinung.

Dennoch: Im längsten Teil seines kurzen Lebens (er wurde 46 Jahre alt) hat E. T. A. Hoffmann sein "Sach aufs Komponieren gestellt", obwohl da noch eine andere Sache war, die mit seinem Traum vom "Reich des Unendlichen" nicht übereinstimmen wollte -- sein Juristenberuf, den er aus "Überzeugung der Notwendigkeit" ergriff.

Mit 13 hat Hoffmann, ein Kind aus zerrütteter Ehe (der Vater, "ein Mann von vielem Geist, aber unordentlichen Neigungen", die Mutter hysterisch, ein pedantischer Onkel Otto zog ihn groß), zu komponieren begonnen. Mit 16 bezog er die Universität Königsberg; mit 24 war er Assessor in Posen -- ein Assessor, der Kanteten schrieb, der Goethes "Scherz, List und Rache" vertonte und im übrigen das wurde, "was Schul-Rektoren, Prediger, Onkels und Tanten liederlich nennen".

Ein ordentliches, ein geradlinig verlaufendes Leben hat er nie geführt. Kaum hatte er seine Laufbahn als Komponist verheißungsvoll begonnen, kaum war er als Jurist zum Rat befördert worden, da machte er sich -- denn Zeichner war er schließlich auch -- durch böse Karikaturen auf Offiziere der Posener Garnison mißliebig, Hoffmann wurde 1802 ins Provinznest Plock versetzt.

Und er war gerade zwei Jahre, von 1804 bis 1806, Regierungsrat in Warschau, Hauptstadt der damaligen Provinz Süd-Preußen, als ihm neues Mißgeschick widerfuhr. Hoffmann hatte mit dem Singspiel "Die lustigen Musikanten" auf einen Text von Clemens Brentano reüssiert, er hatte seine Symphonie geschrieben und einer neugegründeten musikalischen Gesellschaft als Sekretär, Bibliothekar, Dirigent und zweiter Präsident gedient, da kam Napoleon und jagte die preußische Verwaltung davon.

Hoffmann, 31 Jahre, vorzeitig gealtert und leberkrank, von Fieberschauern, Brechreiz und Husten gequält, ging nach Berlin und hungerte sich als Zeichner durch. "Ich mag dir meine Not nicht schildern", schrieb er einem Freund; "sie hat den höchsten Punkt erreicht."

Und in einer Zeitungsanzeige bot er sich an als ein Tonsetzer, "der in dem theoretischen und praktischen Teil der Musik völlig erfahren ist, selbst bedeutende Kompositionen geliefert und bis jetzt einer wichtigen Musikalischen Anstalt als Direktor vorgestanden hat": Hoffmann wünschte, "da er seinen Posten durch den Krieg verlor, bei irgendeinem Theater oder einer Privat-Kapelle als Direktor angestellt zu werden".

1808 war er am Theater in Bamberg. Aber er hatte nun einmal kein Glück. Als Dirigent mißfiel er dem Orchester, als Hauskomponist blieb er ohne Erfolg. Außerdem war das Theater abgewirtschaftet und machte bald Bankrott. Hoffmann ernährte sich als Gesanglehrer.

"In der höchsten Not den alten Rock verkauft, um nur fressen zu können", notierte er 1812. Es war die "böseste Zeit aller bösen Zeiten", eine "Unglückszeit acherontischer Finsternis". Doch es war auch die Zelt, in der Hoffmann sich zum Schriftsteller mauserte. 1809 veröffentlichte die "Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung" seine Erzählung vom "Ritter Gluck". Hoffmann erkannte: "Meine literarische Karriere scheint beginnen zu wollen."

Dennoch, aufs Komponieren mochte Hoffmann, ab 1813 Musikdirektor in Leipzig und Dresden, ab 1816 Kammergerichtsrat in Berlin, auch dann nicht verzichten, als die "Fantasiestücke in Callots Manier" dem Literaten große Huldigungen eingebracht hatten.

Aber der "Gespenster-Hoffmann" war mittlerweile ein vielgefragter und hochbezahlter Autor geworden (und ein gutbesoldeter Beamter dazu). Er verdiente viel Geld, aber gab noch mehr aus. Als er 1822 starb, hinterließ er ein Erbe, das seine Witwe zurückwies -- es bestand nur aus Schulden. Er hinterließ aber auch -- neben einer unvollendeten Erzählung und anspruchsvollen literarischen Plänen -- eine angefangene komische Oper nach Calderons "El Galan Fantasma"; sie sollte sein größtes Werk werden und die "Undine" an Wirkung noch übertreffen.

Auf seinem Grabstein steht: "Ausgezeichnet im Amte, als Dichter, als Tonkünstler, als Maler".


DER SPIEGEL 34/1970
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