25.05.1970

AUS LEIBERKNÖDELN STEIGT ORGIASTISCHER GESANG

Ein Mädel legte sich vor mir nieder, öffnete die Schenkel und drängelte: "Kommt Komm!" Damit klar war, was sie wollte, sprangen ihr zwei Kerle bei und kommandierten: "Fick sie doch."
Es war, natürlich, nur Theater; freilich, ungewöhnliches Theater. Im "Grünen Gewölbe" der Düsseldorfer Rheinhalle begab sich, was manches heißen kann -- psychedelisches, orgiastisches, rituelles, grausames, therapeutisches oder totales Theater; den Hausmeister erinnerte es auch an "Schweinkram".
Es erinnerte eher an die Off-Off-Kunst des New Yorker "Open Theatre", an das "Living Theatre", ans Psychodrama der Gruppentherapie, und in diesem Genre ist die Düsseldorfer "bühne 70" für Deutschland ein fabelhaftes, sehenswertes Unikum.
Zwanzig Menschen in den Zwanzigern, Hausfrauen, Angestellte, Dolmetscherinnen, Dekorateure, Mannequins, gehören der "bühne" an. Sie ist ein Sproß der Düsseldorfer Volkshochschule, die Leitung liegt in amerikanischer Hand: Der Neger Ernest Martin, 38, ist seit sechs Jahren Truppen-Führer.
Martin, sanft im Umgang, strikt bei der Arbeit, lenkte seine Laienspielschar peu à peu ins Off-Off. Er hat, daheim in New York, Schauspielerei und Psychologie gelernt, wirkte ein wenig beim "Living Theatre" und ermahnt sich gern: "Ernest, sei ernst."
Er ist ein Adjunkt jener Neuen Sinnlichkeit, die "vibrations" und das "electric environment" spürt, mehr auf den Solar plexus hört als auf die grauen Denkzellen, und die mit McLuhanismus und Hippie-Buddhismus zur Unterbewußtseins-Erweiterung kommen will. Ein LSD-Trip, halb Horror, halb Elysium, hatte, sagt Martin, als Schrittmacher fungiert.
Um auch die Sinne der Seinen zu verfeinern, hieß Martin sie in Kleingruppen Psychodrama üben: Entspannen und Meditieren nach Jogi-Weise, Tast- und Kontakt-Übungen, auch Selbstanalysen. Das hat den Amateuren, sagen sie selbst, "sehr geholfen". Sie begrüßen sich mit Küßchen und sind, im Leben wie im Spiel, völlig unverklemmt.
Die Früchte der Séancen hat die "bühne 70" nun in Ihre jüngste Kollektiv-Kreation eingebracht. "Kontakt-Contact" heißt sie, im Untertitel "Die notwendige Schizophrenie", und sie ist, sagt Martin, "ein Angriff auf das Unterbewußtsein des Zuschauers". Ein Sog im Solar plexus stellte sich denn auch ein.
Denn das Spiel, weitgehend wortlos, mobilisiert mächtig atavistische und verdrängte Empfindungen: Archaische Opferungsrituale wechseln da mit sardanapalischer Fleischeslust und terroristischen Aktionen; Alpträume werden wahr, und aus wabernden Leiberknödeln steigt orgiastischer Gesang.
Dieses danteske Inferno zu durchschauen, braucht es schon eines führenden Vergil; Ernest Martin hilft gern aus. Etwa: Um die Multimedia-Reize des heutigen "electric environment" wiederzugeben, verlaufe auch das "Kontakt"-Spiel in simultanen "Multiaktionen"; und "environment flips" (schnelle Milieu-Wechsel) sollten die Sinne schärfen.
So flipt man zunächst vom Alltags-Environment, durch Kinderspiele veranschaulicht, Ins Environment des Unterbewußten: Träume, Ängste, Menschenopfer und Inkarnation werden hier gestaltet. Daraufhin flipt man ins Überbewußte, in Visionäres, rauschhaft Kosmonautisches, in galaktische Harmonie. Martin: "Alle sollen beglückt sein."
Doch dann werden alle wieder "zur Erde geschmissen": Börsenberichte rasseln ab, Martin Luther King muß sterben, heulender Wahnsinn erfaßt die Sphären-Reisenden. Schizophrenie, will Martin sagen, ist in diesem Jammertal "notwendig", will sagen: unausweichlich.
Sozialistischer Optimismus scheint hier nicht am Werk; Martins Trachten, die "innerliche Programmierung des Bewußtseins zu ändern", könnte linken Rezeptionstheoretikern dennoch gefallen. Denn manches sieht man, nach dem Martin-",Kontakt"" tatsächlich anders.
Beispielsweise erkennt man hinterher, daß das willige Mädel an Schizophrenie litt. Und ein Herr, der ihrem Lockruf folgte, war offenbar auch gespalten: Als die kommandierenden Kerle ihm die Hosen abzogen, sank ihm der Mut.
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 22/1970
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