13.07.1970

ROHSTOFFE / ANTIMON-KRISESchwer zu orten

Über 3000 Jahre lang waren die Chinesen der Welt wichtigster Lieferant von Antimon. Jetzt stoppte Pekings Mao den Verkauf des Elements.
"Dies kann", so klagte das US-Wirtschaftsmagazin "Business Week", "katastrophale Folgen haben."
In der Tat trifft der Pekinger Verkaufsstopp die Antimon-Verarbeiter der Welt hart. Denn etwa ein Viertel der gesamten Weltförderung (1969: rund 60 000 Tonnen) stammt aus chinesischen Bergwerken.
Das weißlich glänzende Metall, das bereits im Altertum für kosmetische
* In der Bleiindustrie Jung & Lindig GmbH, Hamburg.
Zwecke verwendet wurde -- so betörte Ahabs Weib Isebel die Israeliter mit Lidschatten aus Antimonschminke -, ist heute ein wichtiger Rohstoff für die Rüstungsindustrie geworden: Militärische Objekte sind nach einem Anstrich mit Antimon schwerer zu orten, Antimonverbindungen bilden die Grundlage von Explosivstoffen.
Aber auch für zivile Zwecke wird Antimon immer häufiger gebraucht. Das spröde, leicht pulverisierbare Erz ist zur Herstellung von Autobatterien, Transistoren, Letterntypen und Tuben unerläßlich. Ein weiterer Anwendungsbereich ist die Medizin, wo Antimon für kreislaufstärkende Arzneien verwendet wird, Schon im Mittelalter pflegten sich Mönche mit Antimonpulver nach anstrengendem rasten anzuregen. Damalige Namensdeutung: anti-monos -- gegen das Alleinsein.
Nach dem chinesischen Exportstopp schnellten die Preise sofort in die Höhe. Noch im letzten Jahr kostete ein Pfund Antimon rund fünfzig Cent. In der vergangenen Woche war es nicht unter 1,70 Dollar zu haben.
Halten die Chinesen den Exportstopp auch in Zukunft aufrecht, wird der Antimon-Preis unweigerlich weiterklettern. Denn die nach China wichtigsten Anbieterländer Südafrika, Bolivien und Mexiko sind nur in begrenztem Umfang lieferfähig.
China-Experten des Pentagon deuten den Antimon-Exportstopp der Chinesen als Hinweis auf einen bevorstehenden Krieg mit der Sowjet-Union. In der Tat hatte China den Verkauf von Antimon erstmals nach den Schießereien am Ussuri eingeschränkt.
Japanische China-Kenner hingegen tippen auf wirtschaftliche Gründe: "Die Chinesen", so erklärte ein Experte in Tokio, "werden wieder ins Geschäft einsteigen, wenn ihnen die Weltmarkt-Preise hoch genug sind."

DER SPIEGEL 29/1970
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