13.07.1970

FORSCHUNG / BARTWUCHSPrinzip Hoffnung

Zwei Jahre lang lebte und arbeitete der britische Forscher einsam auf einem kleinen Eiland. Nur selten unterbrach der Junggeselle sein Robinson-Dasein und fuhr zu seiner Freundin aufs Festland.
Schon bei seinen ersten Wochenend-Trips beobachtete der Forscher einen Nebeneffekt, der seine wissenschaftliche Neugier weckte: Unmittelbar vor und auch während der Besuche schien sein Bart erheblich stärker zu sprießen als während des Aufenthaltes auf der Insel.
Fortan führte der Brite gewissenhaft Buch über seinen Bartwuchs. Nach jeder Rasur reinigte er den Scherkopf seines Philishave-Trockenrasierers und wog die Bartausbeute auf einer hochempfindlichen Waage. Gleichzeitig registrierte er täglich das Ausmaß seiner körperlichen Betätigung, die Schlafdauer, psychische Auffälligkeiten wie etwa Nervosität und schließlich seine sexuelle Aktivität. Die Ergebnisse, die der Forscher nun in dem englischen Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlichte, bestätigten die anfänglichen Beobachtungen des Wissenschaftlers: Der Bartwuchs eines Mannes hängt von seiner sexuellen Erwartung und Aktivität ab.
Zwar wissen die Mediziner seit langem, daß ein Zusammenhang zwischen Bartwuchs und Hormonhaushalt besteht. Das Testosteron beispielsweise, eines aus der Gruppe der sogenannten männlichen Hormone (Androgene), löst in der Pubertät den ersten Bartflaum aus und wird vor allem während des Koitus in größeren Mengen in den Hoden produziert. Daß sich jedoch am "Bartwuchs die jeweilige Hormon-Aktivität des männlichen Organismus leicht ablesen" lasse, wie der britische Bart-Experte nun konstatierte, war den Hormonforschern bislang verborgen geblieben.
Um sicherzugehen, daß die Ergebnisse seiner Forschung nicht nur als Zufallsresultate gelten konnten, machte der Brite einen Kontrollversuch. Er trank an bestimmten Tagen einen Saft, der einige Milligramm künstlicher Sexualhormone, etwa Androsteron und Testosteron, enthielt. Der Hormonsaft wirkte auf den Bartwuchs des Forschers in gleichem Maße wie die gesteigerte Aktivität seiner Hormondrüsen an einem Festlands-Wochenende.
Obschon die sexuelle Aktivität die größte Auswirkung auf den Bartwuchs des Mannes hat, fand der britische Wissenschaftler darüber hinaus noch andere Faktoren, die den Bartwuchs geringfügig beeinflussen können. So vermögen Hitze und schwere körperliche Arbeit den Bartwuchs zu hemmen. Nervosität, Angst, starke geistige Anspannung, erhöhter Alkoholkonsum und häufiges Rasieren lassen den Bart dagegen etwas heftiger sprießen. "Spitzenwerte", so ermittelte der Junggeselle In seiner mönchischen Abgeschiedenheit, erreichte das Wachstum der Stoppeln in einem regelmäßigen Rhythmus täglich zwischen 8 und 13 Uhr.
Der Name des Forschers, der im Auftrage der Cambridge-Universität auf der Insel weilte, blieb entgegen aller Gewohnheit in dem renommierten britischen Fachblatt ungenannt. Das verstehe sich, meinte die "Nature"-Redaktion, angesichts des heiklen Forschungsgegenstandes "von selbst". Immerhin mußte der Autor vorher einem unabhängigen Sachverständigen Rede und Antwort stehen, und ein namhafter Cambridge-Kollege bürgte für die Gewissenhaftigkeit des Bartforschers.
Als "interessantesten Aspekt" seiner Arbeit bezeichnete der Brite die Erkenntnis, daß die Produktion der männlichen Sex-Hormone bereits dann angekurbelt wird, wenn nur die Aussicht auf Beischlaf besteht.
Jeweils am Morgen seines "Jour fix", des Reise- und Koitus-Tages, wies die Milligramm-Messung des bartforschenden Junggesellen eine rund 20prozentige Steigerung des Bartgewichts aus. Und "schon die Anwesenheit einer bestimmten weiblichen Begleiterin" genügte nach den Feststellungen des Briten, "auch ohne Beischlaf" die Stoppeln der Hoffnung schneller wachsen zu lassen.

DER SPIEGEL 29/1970
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FORSCHUNG / BARTWUCHS:
Prinzip Hoffnung

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