13.07.1970

POPMUSIK / KAISERZirpt lustig

Die Schallplattenindustrie, hat er geschrieben, sei skrupellos, verlogen und dumm. Unter dem Etikett "Underground", so wetterte er noch vor kurzem, "verscherbeln deutsche Plattenfirmen abgestandene Schnulzen".
Jetzt ist er selber unter die Plattenmacher gegangen: Rolf-Ulrich Kaiser, 27, ein Journalist aus Köln-Dellbrück dient neuerdings als Produzent und Berater der Berliner "Hansa Musik Produktion GmbH", die einen Teil ihrer Aufnahmen über "Metronome" vertreibt.
Im Juni legte die Firma die ersten fünf von Kaiser betreuten Langspielplatten mit "Popmusik aus deutschen Landen" vor. Sie sind attraktiv verpackt und rotieren unter der Marke "Ohr". Und damit sie sich gut verscherbeln lassen, hat sich die "Metronome"-Werbeabteilung auch einen passenden Slogan ausgedacht: "Macht das Ohr auf", steht auf jeder Plattentasche, jedem Pressetext und jedem Prospekt.
Doch wo Rolf-Ulrich Kaiser das Ohr aufmacht, ist nur selten Gutes zu hören. "Für mein Programm", sagt er, "suche ich mir Musik, mit der ich kommunizieren kann." Und er kommuniziert nun einmal am besten mit Klippversen und banalem Polit-Rock.
Auf seinen Platten ertönt milder Meditationsklang, elektronischer Sakralmusik-Verschnitt und bestenfalls passabler Beat. Am meisten aber propagiert Kaiser die politischen Kalauer vom "Floh de Cologne" ("Die oberen Zehntausend, sie haben keinen schöneren Arsch") sowie das "Plamplabbalaplam" des Ruhrpott-Bänkelsängers Bernd Witthüser: "Das Grab ist tief und stille und schauderhaft sein Rand."
Solche Ladenhüter, dazu mancherlei Einfältiges, Vulgäres, Obszönes und Triviales aus Amerika, preist der einstige Veranstalter der "Essener Song-Tage" (SPIEGEL 41/1968), dem die "FAZ" damals "größenwahnsinnigen Dilettantismus" bescheinigt hat, nun schon lange als "Gegenkultur der neuen Leute".
Im "Stern", in "Twen" und in "Underground", in Rundfunksendungen und gut einem halben Hundert Journalen und Tageszeitungen landauf, landab singt er seinen Kehrreim: "Der Untergrund ist tatsächlich existent,"
Er existiert überall, wo Kaiser ihn aufspürt und damit Geschäfte macht: in seinem Verlagsunternehmen "Kinder der Geburtstagspresse" (Anzeigentext: "Super-Verlag des deutschen Underground")" das US-Sexblätter für 25 Cent importiert und für 5,50 Mark pro Exemplar weitergibt; in seinen meist gleichlautenden Artikeln, die er in großem Stil vertreibt; In seinen Büchern, die voller Fehler sind.
So schreibt er den "Rolling Stone Blues", von dem die "Stones" ihren Namen abgeleitet haben, im "Buch der neuen Pop-Musik" einmal (richtig) Muddy Waters und einmal (falsch) Chuck Berry zu. Der "frühere Eisenbahnarbeiter" Brian Auger, den er mit den "Rolling Stones" auftreten läßt, war weder bei der Bahn, noch hat er je mit dieser Beatband gespielt. Das englische Ensemble "Jethro Tull" heißt bei Kaiser einmal "Tethro Tull" und einmal "Jethro Tall". Und was er über die Musik mitteilt, ist durchweg von erheiternder Art: "Das zirpt lustig und flötet verführerisch und wird von einem fröhlichen Blues-Rhythmus untermalt."
Er weiß es nicht besser. Kaiser hat eben mehr Talent fürs Merkantile als Sachkenntnis und musikalischen Geschmack." Ich habe", so bekannte er einmal, "rechtzeitig den Folksong-Zug erwischt, dann den Pop- und Underground-Zug, und den nächsten Zug werd' ich auch rechtzeitig erwischen,"
Er hat ihn schon. Jetzt fährt Rolf-Ulrich Kaiser bei den Plattenherstellern mit.

DER SPIEGEL 29/1970
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