10.08.1970

GESELLSCHAFT / RAUSCHGIFTHoher Preis

(siehe Titelbild)
Als Zwölfjähriger hatte er angefangen, mit Tabletten, die er sich aus dem Arzneischrank seiner Großmutter nahm. Mit fünfzehn fuhr er nach Schweden und lernte das Haschisch-Rauchen. Ein Jahr darauf wurde der Schüler Mathias Gerson**, Sohn einer Lehrerin, eines Morgens in seinem Zimmer tot aufgefunden -- gestorben an einer Überdosis Polamidon. Er war der erste jugendliche Rauschgift-Tote in der Domstadt Köln.
Fast eine Woche lang blieb im April dieses Jahres in einer Mansardenwohnung in der Hamburger Innenstadt die Leiche des Engländers Gabin Clark unentdeckt -- seine Freunde waren geflüchtet, als sie sahen, daß der Traum-Trip aus der Spritze für den 18jährigen tödlich geendet hatte,
Zwei Tage lang mühten sich Mitte letzten Monats Ärzte an der Münchner Universitätsklinik um den 18jährigen Schüler Franz Seib; zwei andere Jugendliche hatten ihn auf einer Bank am Winthirplatz niedergelegt.
Die Ärzte konnten ihn nicht retten, der Jugendliche starb an einer Überdosis selbstgebrauter Rohopium-Lösung. Vorletzte Woche folgte ihm seine 14jährige Freundin Wilhelmine Förster, sie schluckte 50 Tabletten des Schmerzmittels Rosimon-Neu. Auf einem Zettel stand: "Ohne Rauschgift ist für mich das Leben wertlos."
Noch sind es Einzelfälle, in der ganzen Bundesrepublik bislang etwa drei oder vier Dutzend nicht annähernd
* Rauschmittelsüchtige Jugendliche in Hamburg.
** Die Namen wurden von der Redaktion geändert.
vergleichbar der Rauschgift-Szenerie in den Vereinigten Staaten, wo derzeit allein in New York durchschnittlich jeden Tag ein jugendlicher Heroin-Toter gemeldet wird.
Noch ist es in Westdeutschland weithin der süßliche Duft der in Beat-Kellern und auf Teenager-Partys kreisenden Haschisch-Joints, der die Drogen-Szene prägt -- aber sie ist im Begriff, sich zu verdüstern.
Allenfalls ein oder zwei, in einem einzigen Fall fünf Injektionsspritzen fanden West-Berlins Polizisten noch im letzten Jahr, wenn sie auf einschlägige Teestuben und Diskotheken ("Park", "Dannys Pan") Razzia machten. Vorletzten Monat fanden sie bei einem Einsatz im (kürzlich abgebrannten) "Dannys Pan" 19 Spritzbestecke sowie mehrere Flaschen mit Opium-Lösung. Insgesamt wurden in den ersten fünf Monaten dieses Jahres in West-Berlin 120 Drogenbestecke sichergestellt -- gegenüber nur 48 im ganzen letzten Jahr.
Elf jugendliche Heroin-Süchtige -- die ersten, die das Institut zu sehen bekam -- wurden in den letzten Monaten in der psychiatrischen Klinik der Universität Frankfurt behandelt. In den Bonhoeffer-Heilstätten ("Bonnies Ranch") in Berlin-Wittenau ist die Zahl der jugendlichen Rauschgiftsüchtigen von fünf im Jahre 1968 auf mehr als 50 allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres gestiegen.
Zwar wird reines Heroin, die gefährlichste der Rauschdrogen, in der Bundesrepublik noch nicht in nennenswerten Mengen gehandelt; aber immer mehr Händler versuchen in verborgenen Heimdestillen ("Kommune-Küchen"), aus Morphiumkarbonat und Essigsäure eine heroinähnliche Rauschsubstanz ("H-Tinktur" oder auch "Berliner Tinktur") zu brauen. Allein in Frankfurt starben seit August letzten Jahres vier Süchtige (davon drei Jugendliche) nach Injektion solcher Tinkturen.
Eine "sagenhafte Häufung" von Apotheken-Einbrüchen mit dem Ziel, Betäubungsmittel zu entwenden, konstatierte Kriminalhauptkommissar Heinz Pommerening, zuständiger Referatsleiter im Landeskriminalamt Baden-Württemberg, für das letzte halbe Jahr. Ähnlich in anderen Bundesländern: 1969 gab es in Niedersachsen nur sechs solcher Apotheken-Einbrüche, bis zum 24. Juli dieses Jahres dagegen schon 25. In West-Berlin wurde im vorigen Jahr kein einziger, bis Ende letzler Woche bereits der 71. Apotheken-Einbruch dieser Art registriert. Gestohlen wurden nur Opiate; Bargeld blieb unangetastet.
Vergleichbar zugenommen haben auch Fälschungen und Diebstähle von Rezepten und Rezeptblöcken aus dem Auto oder der Praxis von Ärzten. 127 Fälle dieser Art wurden seit Anfang des Jahres allein in Nordrhein-Westfalen registriert. Innenminister Willi Weyer erließ einen Alarmplan für Arzte und Zahnärzte, der die sofortige Meldung von Rezeptdiebstählen sichern soll.
Drastisch erhöht hat sich im Verlauf dieses Jahres insgesamt die Zahl der Verstöße gegen das Rauschmittelgesetz. So meldete beispielsweise Niedersachsen für das erste Halbjahr 1970 gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres einen Anstieg dieser Delikte um 328 Prozent. In Nordrhein-Westfalen war eine Zunahme um 384 Prozent zu verzeichnen.
Haschischgebrauch und -handel werden neuerdings auch aus ländlichen Gebieten gemeldet, in Bayern allein aus mindestens 63 Landkreisen und kreisfreien Städten. Der Joint kreist in Oberammergau und in dem oberbayrischen Käse-Landkreis Miesbach, aber auch in Olpe, Lüdenscheid und Detmold. Doch nur mehr zwei Drittel der registrierten Rauschgiftdelikte betreffen Haschisch -- bei den übrigen geht es um härtere Drogen.
Und zunehmend sind es Jugendliche und Heranwachsende, die im Zusammenhang mit dem Opiumgesetz polizeibekannt werden. Von 219 Rauschgift-Delinquenten, die im ersten Halbjahr 1970 beispielsweise in Schleswig-Holstein gezählt wurden, waren nur 41 älter als 21 Jahre; zwei waren noch Kinder (unter 14). In West-Berlin stieg der Anteil der Jugendlichen bei Rauschgift-Fällen zwischen 1964 und 1970 von zwei auf 60 Prozent.
Noch vor einem Jahr hatte das baden-württembergische Landeskriminalamt in einem Merkblatt für Rauschgiftsachbearbeiter konstatiert: "Die sogenannten klassischen Rauschgifte wie zum Beispiel Opium, Morphium, Heroin und Kokain stellen für uns zur Zeit keine besonderen Probleme dar." Die Sicherstellung solcher Stoffe habe sich "in Gramm-Grenzen bewegt".
Neuerdings aber sind es Kilogramm-Mengen, die der Polizei in die Hände fallen -- bei Haschisch wird schon längst nach Zentnern und Tonnen gerechnet.
* Sechs Zentner Haschisch wurden in der ersten Hälfte dieses Jahres in Baden-Württemberg beschlagnahmt; 330 Kilogramm fand die Frankfurter Polizei Anfang letzten Monats in einer Luftfrachtsendung nachgemachter Lapislazuli-Steine aus Kabul. Mehr als zehn Zentner (Gegenwert: nahezu 2,5 Millionen Mark) wurden im Dezember letzten Jahres an der deutsch-schweizerischen Grenze sichergestellt -- das waren auf einen Schlag mehr als 10 000 Prozent dessen, was noch im Jahre 1962 insgesamt in der Bundesrepublik beschlagnahmt worden war.
* Drei Kilogramm Rohopium -- neben 180 Kilogramm Haschisch -- fischten Hamburger Zollfahnder am 27. Januar dieses Jahres aus dem Pkw eines iranischen Kaufmanns.
* Zehn Kilogramm LSD fanden Polizisten im hessischen Hanau am 25. Februar 1970; Gegenwert: eine halbe Million Mark. Noch 1968 waren in Baden-Württemberg insgesamt nur "zwei Stück Würfelzucker mit LSD" beschlagnahmt worden, in diesem Jahr sind es bislang schon 4000 LSD-Trips.
* Vier jugendliche Hamburger standen Anfang dieses Jahres vor Gericht, sie hatten bei Apotheken-Einbrüchen Rauschmittel, vor allem Opiate, im Gegenwert von einer halben Million Mark gestohlen. > Mehr als ein Pfund reines Heroin nahm die Frankfurter Polizei Ende letzten Jahres in der Tiefgarage des Hotels "Intercontinental" einem zugereisten Belgier ab, dem Catcher Abel Durvaux, genannt der "Saurier".
* Ende letzten Monats überraschten Polizisten vier junge Männer und ein 16jähriges Mädchen in einer Wohnung in der Frankfurter Innenstadt dabei, als sie "eine größere Menge" Rohopium zu einer Morphinbase aufkochten (es gelang ihnen, einen Teil der Tinktur noch in den Ausguß zu kippen).
Bei allen Meldungen über Beschlagnahmeaktionen und über die Festnahme von Rauschgifthändlern läßt die Kripo keinen Zweifel daran, daß dabei nur die Spitze des Drogenbergs sichtbar werde. Sichergestellt, so die Mutmallung der Polizei, werde allenfalls der zehnte Teil des tatsächlich im Umlauf befindlichen Stoffes, nach Meinung des Stuttgarter Hauptkommissars Pommerening sind es sogar nur etwa drei bis fünf Prozent. Und das West-Berliner Rauschgiftdezernat sieht es noch düsterer: "Die Dunkelziffer beträgt eins zu 300."
"Wir werden nicht abwarten, bis wir in der Bundesrepublik in bezug auf Rauschgiftdelikte zu Zahlen kommen. wie sie Amerika und Schweden aufweisen", mit diesem Kraftwort meldete sich Ende letzten Monats schließlich auch der Bonner Kanzleramtsminister Horst Ehmke in der bundesdeutschen Rauschgiftdiskussion.
Alarmiert durch die Meldungen von Kriminalpolizei, Nervenkliniken und Jugendämtern, hatte Bonn sich zu einer Reihe von Maßnahmen entschlossen, die der gerade erst anrollenden Welle harter Drogen begegnen sollen.
Mitte April rief das Bundesgesundheitsministerium eine Expertenkommission zusammen, die -- unter dem Vorsitz des Direktors der Psychiatrischen Universitätsklinik Frankfurt, Professor Hans-Joachim Bochnik (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 54) -- Umfang und Ursachen der Drogengefährdung klären soll, vor allem unter sozialmedizinischen und sozialpsychologischen Gesichtspunkten.
Nach einer Vorlage des Strobel-Ministeriums will das Bundeskabinett demnächst eine Änderung des Opiumgesetzes verabschieden; danach sollen einerseits der bloße Besitz und die Einnahme geringer Mengen von Haschisch nicht mehr bestraft werden müssen, andererseits soll die Höchststrafe für ·den Handel mit Rauschgiften, darunter auch Haschisch, von bisher drei Jahren auf künftig bis zu zehn Jahren Gefängnis erhöht werden.
Eine Änderung der sogenannten Betäubungsmittel -Verschreibungsverordnung soll bewirken, daß Narkotika wie etwa Morphium oder Polamidon künftig nur noch auf besonderen Rezeptformularen verschrieben werden.
Für das Haushaltsjahr 1971 wurden 1,5 Millionen Mark eingeplant, Titel: "Maßnahmen gegen den Drogen- und Rauschmittelmißbrauch". Und schon jetzt gaben Bonner Behörden mehrere Studien und Umfragen in Auftrag. die Motivation sowie Vorbeugungs- und Rehabilitationsmöglichkeiten im Zusammenhang mit der Rauschgiftwelle unter deutschen Jugendlichen klären sollen.
Den Ergebnissen solcher Untersuchungen freilich griff Kanzleramtsplaner Ehmke in gewohnt unbekümmerter Art vor, als er in einem Interview rundweg erklärte, es sei gewiß, "daß Hasch an andere Betäubungsmittel gewöhnt". Ehmke. "Das wissen wir einfach von den Amerikanern, da brauchen wir gar nichts mehr zu untersuchen."
Gerade dies aber muß, zumindest in solch apodiktischer Form, umstritten bleiben, solange vorurteilsfreie wissenschaftliche Befunde über die Motive für den Griff zur harten Droge noch so dünn gesät sind wie gegenwärtig.
Daß Haschisch nicht im herkömmlichen, also im engeren physiologischen Sinn süchtig macht, gilt nach wie vor als unbestritten "Es gibt fast keine Tendenz zur Dosissteigerung", so formulierte der Hannoveraner Sucht-Experte Professor Hans-Werner Janz, "Entziehungserscheinungen sind ganz selten."
Dessenungeachtet scheint sich nun auch bei liberalen Wissenschaftlern. die teilweise schon für die Legalisierung des Haschisch-Konsums eingetreten sind, die Meinung durchzusetzen, daß selbst dem sanftesten aller Rauschmittel Gefahren innewohnen:
* Bei einem Teil der Haschisch-Konsumenten kommt es zu einer psychischen Abhängigkeit -- in der Weise, ·daß sich der Kiffer (auch wenn der Entzug ihn nicht physisch quälen würde) den Genuß des Haschisch-induzierten Wohlbehagens immer häufiger zu verschaffen sucht.
* Allein der Umstand, daß Haschisch vornehmlich im Untergrund oder in gesellschaftlichen Randgruppen konsumiert und gehandelt wird, drängt vor allem Jugendliche in den Bannkreis der zwielichtigen Rauschgiftszenerie, in der dann auch härtere Drogen (mitunter sogar billiger als Haschisch) feilgeboten und gepriesen werden.
Fest steht aber auch, daß keineswegs jeder, der Haschisch raucht, sich damit schon zwangsläufig auf einer Einbahnstraße zur Sucht befände. Welche sozialen und psychologischen Faktoren, etwa neurotische Tendenzen oder besonders ungünstige Verhältnisse im Elternhaus, im Einzelfall die Neigung zum Drogen-Genuß begünstigen und in welchem Ausmaß Haschisch wirklich als "Einstiegs" oder "Umsteige"-Droge gelten muß -- solche Fragen werden mit beträchtlichem Forschungsaufwand erst noch untersucht werden müssen.
Einen ersten Vorstoß in dieser Richtung unternahm in den letzten neun Monaten Professor Friedrich Bschor mit einer Forschergruppe des Instituts für gerichtliche und soziale Medizin an der West-Berliner Freien Universität. Anders als bei herkömmlichen psychiatrischen Untersuchungen, die sich eher auf eine negative Auslese -- Patienten mit zumeist jahrelanger Drogenabhängigkeit -- stützen, versuchten die Berliner Mediziner, ein möglichst breites Spektrum zu erfassen: Nach einem Schneeball-System wurden insgesamt 237 Personen des West-Berliner Drogen-Underground befragt, von der eben zwölfjährigen Gelegenheits-Kifferin bis hin zum 30jährigen "Junkie", der seit Jahren an der Spritze hängt.
Auch diese bislang umfassendste deutsche Studie, die vorletzte Woche in 700 Exemplaren an West-Berliner Behörden und Experten verteilt wurde, kam für die jüngste Entwicklung der West-Berliner Rauschgift-Szene zu einem eher alarmierenden Ergebnis: "Es sammelt sich, daran besteht nach den Feldbeobachtungen gerade der letzten Monate kein Zweifel, eine immer größere Zahl junger Menschen an, die in ihrer Entwicklung in bestürzender Weise durch chronischen Rauschmittelkonsum beeinträchtigt worden sind oder in absehbarer Zeit zum Kreis der Opiatsüchtigen stoßen."
Die Berliner Studie zeigt freilich auch, wie vielfältig und schwer durchschaubar die Subkultur der Drogenhungrigen ist -- vom bloß neugierigen Wochenend-Konsumenten, der auf Partys gelegentlich das Pfeifchen mitraucht, bis zu den hochgradig süchtigen "kaputten Typen", die (so kürzlich auf "Bonnies Ranch") noch einen Tag vor der geplanten Entlassung aus der Nervenklinik entwichen, weil sie den nächsten "Schuß" nicht mehr erwarten konnten (siehe Kasten Seite 52); von der Primanerin, die zehn Gramm Haschisch absetzt, um ihre eigenen drei nächsten Joints von dem Erlös zu finanzieren, bis zu den skrupellosen Großhändlern. die Opium unters Hasch mischen, um ihre Kunden abhängig zu machen; vom planmäßig dosierenden Intellektuellen, der sich eine Erweiterung seiner Bewußtseinsdimensionen erhofft, bis zu dem labilen "ausgeflippten" Lehrling, der unter seinen neugewonnenen Freunden erstmals "Geborgenheit" erlebt und wahllos alle erreichbaren Rauschmittel in sich hineinpumpt, um in der Gruppe mehr zu gelten.
Noch vor einem Jahrzehnt hatten die Begriffe Rauschgift und Sucht im bürgerlichen Bewußtsein des Westens einheitlich düstere, doch festumrissene Vorstellungen ausgelöst. Zum Reizwort Rauschgift gehörte das exotische Bild des ausgemergelten Orientalen, der versunken an der Opiumpfeife zieht, weltabgewandt und träumerisch.
Die Kehrseite der Rausch-Idylle zeigte das abschreckende Klischee vom morphiumsüchtigen Arzt, dessen Laster im Selbstmord endet, oder vom Kokain schnupfenden Kriegskrüppel, der schließlich. kriminellen Gifthändlern ausgeliefert, dahinsiecht und elend zugrunde geht.
Doch diese triste Szenerie, in Kinostücken tausendfach variiert, hellte sich auf und gewann neue Farben, als um die Mitte der sechziger Jahre Amerikas Hippie-Generation mit Rauschmitteln zu experimentieren begann Die romantischen Blumenkinder aus dem Sonnenland Kalifornien priesen die glückspendende Wirkung von Rauschstoffen, die bis dahin kaum bekannt waren.
Anstelle der einstigen Mode-Droge Kokain und der klassischen Mohn-Gifte Opium, Morphium und Heroin, denen das Odium tödlicher Suchtgefahr anhaftete, propagierten die Hippie-Ideologen den Genuß "bewußtseinserweiternder" Drogen -- der Hanf-Produkte Haschisch und Marihuana sowie der sogenannten Halluzinogene wie etwa die mexikanische Kakteen-Droge Meskalin oder das Kunstprodukt moderner Pharmakologie, LSD-25.
Nicht zu verhängnisvoller Sucht, so behaupteten Drogen-Propheten wie der amerikanische Ex-Professor Timothy Leary, würden all diese Halluzinogene führen, vielmehr seien die überwältigenden Farbvisionen, die unerahnten Sinnesräusche eine Art neuer, abgekürzter Königspfad in psychische Innenwelten, bis hin zu den mystischen Tiefen fernöstlicher Mönchsweisheit.
Dem Reiz der psychedelischen Subkultur, in deren Mittelpunkt vermeintlich gefahrlose Rauscherlebnisse stehen, verfielen in der folgenden Zeit nicht nur Jugendliche, sondern auch Scharen anfänglich skeptischer Intellektueller in Amerika und Europa. Vor allem Haschisch und das in der Wirkung schwächere Marihuana avancierten zum neuen Party-Gift neben Alkohol und Nikotin.
Künstler, Publizisten und sogar viele Mediziner riefen in den letzten Jahren immer wieder dazu auf, die gesetzlichen Verbote des "sogenannten Rauschgiftes" Haschisch ("Zeit"-Feuilletonist Rudolf Walter Leonhardt) aufzuheben. Haschisch, so lautete die Überzeugung der Gesetzeskritiker, sei harmloser und verursache weniger Schäden als etwa das längst eingeführte und von der Gesellschaft gebilligte Rauschmittel Alkohol.
Zur gleichen Zeit aber begann sich die rauschfrohe Hippie-Szene in Amerika schon zu verdüstern. In Verdacht gerieten zunächst die stärkeren Halluzinogene -- LSD, Meskalin und DOM (STP), das wirksamste dieser Mittel. In den USA häuften sich Meldungen, daß LSD-Schlucker aus der Traumwelt des Rausches nicht zurückgekehrt seien oder im psychedelischen Verfolgungswahn Gewalttaten begangen hätten.
In den letzten Monaten wuchs schließlich auch in Amerika der Eindruck, daß die vergleichsweise milden Cannabis-Produkte Marihuana und Haschisch zumindest indirekt den Weg zu stärkeren Rauschmitteln bahnen könnten: Einmal im Bannkreis des Hippie- und Drogenkults, schluckten, schnupften oder spritzten manche Teenager nahezu jede Substanz, die einen Rauschzustand herbeizuführen versprach. Die Tochter eines New Yorker Psychiaters: "Ich nehme all diese bunten Pillen und Hasch, Pot, LSD, Heroin und Speed -- alles, was ich kriegen kann."
Neben den sogenannten "ups", stimulierenden Mitteln wie Preludin
* Der belgische Catcher Abel Durvaux bei seiner Festnahme in der Tiefgarage des Frankfurter Hotels "Intercontinental".
oder Pervitin ("Speed"), und "downs", Beruhigungs- und Schlafmitteln, schluckten und injizierten sich die Jugendlichen auch Tranquilizer wie Valium oder Librium -- die als moderne Glückspillen nervösen Managern, quengeligen Kindern oder frustrierten Grünen Witwen vom Arzt verschrieben werden.
Immer häufiger aber stoppte das "chemische Roulett" (so ein US-Mediziner) beim Heroin -- die schöne neue Welt der Hippie-Subkultur verwandelte sich zurück in die düstere Rauschgift-Szenerie von einst.
Auf der Route über den Atlantik war die Hanf-Woge nach Europa gelangt, zunächst nach England und Skandinavien, dann rollte sie südwärts durch die Bundesrepublik -- gegenwärtig "läuft sie in der Gegend von Rom aus", so schätzt ein deutscher Kriminalbeamter. Denselben Kurs, so scheint es, nimmt nun auch die zweite. gefährlichere Welle der harten Drogen.
Rund 2700 Heroinsüchtige registrierte Anfang dieses Jahres das britische Innenministerium; 1960 hatten die Gesundheitsbeamten nur 98 Süchtige gezählt. In den nächsten zwei Jahren werde das Heer der Heroin-Abhängigen auf 10 000 Süchtige anschwellen, wenn die derzeitige Entwicklung weitergehe, so lauten offizielle Schätzungen aus Großbritannien.
Mindestens 10 000 Rauschgiftsüchtige -- meist Preludin-Konsumenten -- gibt es nach jüngsten Erhebungen in Schweden. Die rauschgierigen Skandinavier lösen meist Preludintabletten in Flüssigkeit auf und injizieren sich die Lösung in die Venen. In den südschwedischen Gefängnissen ist der Anteil der süchtigen Häftlinge während der letzten zweieinhalb Jahre von drei auf 22 Prozent gestiegen.
Nirgendwo in der Welt aber grassiert die Rauschgiftsucht mit solcher Heftigkeit wie in Amerika: Zwar fehlen verläßliche Statistiken, doch ein Bericht der US-Bundesregierung registrierte jüngst etwa 60 000 Heroinsüchtige, die Hälfte davon allein in New York. Experten allerdings halten die offiziellen Schätzungen für weitaus zu niedrig -- sie rechnen gegenwärtig mit fast 500 000 Heroin-Abhängigen.
In New York City starben zwischen 1965 und 1969 insgesamt 2935 Menschen den Heroin-Tod -- mehr als bei Verkehrsunfällen umkamen. Unter den Rauschgiftopfern allein im Jahre 1969 waren 224 Jugendliche, 20 davon jünger als 15 Jahre. 1964 waren in New York nur 38 jugendliche Heroin-Tote gezählt worden.
Vor allem unter den Schülern und Studenten stieg die Anzahl der Süchtigen in letzter Zeit rapide an. Zwölf Jahre alt war das jüngste Heroin-Opfer, gestorben Anfang diese Jahres; zwölfjährig war auch der Schüler Ralph de Jésus, der kürzlich vor einem Rauschgift-Komitee des US-Staates New York seine Erfahrungen schilderte. "Ich begann damit, Heroin zu schnupfen, dann spritzte ich das Zeug unter die Haut, später in die Venen."
Was ihn zum Rauschgiftgenuß getrieben habe, wollten die Interviewer wissen -- "niemand hat mich gedrängt", erklärte de Jesus den erschreckten Fragestellern, "fast alle meine Freunde nehmen Drogen, ich wollte einfach so sein wie die anderen". So schlicht diese Erklärung auch anmuten mag, selbst Fachleute vermochten ihr bislang kaum etwas hinzuzufügen.
Seit die Heroin-Plage aus den New Yorker Slums, wo sie seit jeher unter den Schwarzen und Puertorikanern grassierte, auf die Villenvororte de weißen Mittelklasse, aber auch auf Fabrikhallen und Büro-Hochhäuser übergriff (die Versicherungsgesellschaft "Metropolitan Life" entließ im
* George Silva, 19, starb 30 Minuten nach Injektion einer Überdosis Heroin.
vergangenen Jahr 100 Angestellte wegen Drogen-Gebrauchs am Arbeitsplatz), stimmen die traditionellen Vorstellungen über die Rauschgiftsucht nicht mehr. Nicht Hunger, Schmutz, Krankheit, Armut und Hoffnungslosigkeit sind in erster Linie für die Ausbreitung der Sucht verantwortlich.
"Spritzen ist eben 'in'", "ich war halt neugierig", "es ist ein Experiment" --
so lauten die Erklärungen jugendlicher Süchtiger, die mit ihrer Bereitschaft zu riskanten Rauscherlebnissen einen verschwommenen Protest gegen die unwirtliche Welt der Erwachsenen verbinden. Unbekümmert um Verbote, mit fast demonstrativer Offenheit konsumieren und vertreiben in New York Schüler und Studenten Ha ch und Heroin. LSD und Rauschpillen aller Art.
"Wie Sankt Nikolaus" habe er sich gefühlt, wenn er in die Schulen ging, so berichtete ein jugendlicher Händler -- "alle haben sich um mich gedrängt, manche weinten und schneuzten sich". Ein Lehrer an der Hughes High School schildert: "Wir haben Heroinsüchtige hier, die laufen im Klassenzimmer herum, schlafen auf den Tischen ein oder verlieren das Bewußtsein."
Lehrer, Ärzte und Behörden sind ratlos. Zwar hat Gouverneur Nelson Rockefeller der Rauschgiftsucht unter den New Yorker Jugendlichen den "totalen Krieg" angesagt und einen Drogen-Feldzug planen lassen, der 265 Millionen Dollar kosten soll, Doch alle Versuche, der "Heroin-Pest" ("New York Times") beizukommen. haben sich bislang als erfolglos erwiesen.
Ende letzten Jahres hatte die US-Regierung versucht, den Handel mit der "Einstiegsdroge" Haschisch zu stoppen. Es gelang ihr zwar, den Hasch-Nachschub aus Mexiko vorübergehend zu bremsen, doch das war ein Pyrrhussieg: Er hatte zur Folge, daß Hasch knapp wurde und im Preis anzog, Heroin aber gleichzeitig billiger wurde. Die Heroin-Händler füllten bereitwillig die Lücke.
Eine gleichfalls nachteilige Wirkung zeitigten die Versuche der amerikanischen Polizei, gegen junge Rauschgift-Täter härter vorzugehen. Jugendliche, die schon wegen geringfügiger Delikte verhaftet und später auf Bewährung freigelassen wurden, kehrten als bewunderte Helden in ihre Schulklassen zurück. Dieses "Drehtürverfahren", so rügten New Yorker Pädagogen, trage eher zur Popularisierung des Rauschgifts bei.
Hilflos stehen häufig auch die Ärzte den jugendlichen Suchtopfern gegenüber. Die meisten Heroin-Toten, so ergaben Untersuchungen, starben an einer Überdosis des Rauschgifts. Doch nicht einmal gezielte Aufklärung würde den Gefährdeten nützen -- auf den illegal gehandelten Heroin-Ampullen ist, schon aus Tarnungsgründen, die Konzentration der Giftlösung niemals vermerkt: Die "Ladungen", oft in obskuren Giftküchen hergestellt, können sechs oder sieben. aber auch 20 oder 30 Milligramm Heroin enthalten.
Von vorbeugender Belehrung über die Gefährlichkeit einzelner Drogen halten die New Yorker Experten mittlerweile wenig. Zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, so erklärt ein Gesundheitsbeamter" bestehe eine "Glaubwürdigkeitslücke" -- "die Kinder sind über Marihuana belogen worden, und so glauben sie jetzt auch nicht die Geschichten über Heroin".
Fast vergebens, auch das zeigte sich in New York, blieben die Bemühungen, den organisierten Rauschgiftmarkt zu zerschlagen, der meist von Verbrecher-Syndikaten kontrolliert wird. Obgleich die militante Neger-Partei der "Black Panthers", die ihren Mitgliedern Rauschgift-Genuß untersagt, Steckbriefe von Rauschmittel-Händlern ("Gesucht wegen Mord") verteilt und die Decknamen der Gesuchten preisgibt, konnte gegen die Manager des Heroin-Geschäfts bislang kaum etwas ausgerichtet werden.
Weder Warnungen noch Gesetzesstrenge, weder Hilfsbereitschaft noch Aufklärungsaktionen vermochten bislang die Süchtigen-Bewegung einzudämmen. Es scheint, als hätten alle Abwehrmaßnahmen eine vertrackte Neigung, ins Gegenteil der beabsichtigten Wirkung umzuschlagen.
Aus den Fehlern der anderen möchten nun die bundesdeutschen Rauschgiftbekämpfer lernen -- in der Hoffnung, die hier gerade erst anrollende Woge der harten Drogen noch rechtzeitig eindämmen zu können. Das Bonner Gesundheitsministerium, das den Kampf gegen die Sucht koordinieren soll, hat mit Behörden in den USA. in England, Schweden und Japan Verbindung aufgenommen, um einen Erfahrungsaustausch herbeizuführen.
Offenbar haben die zuständigen Stellen in der Bundesrepublik inzwischen weithin die Einsicht gewonnen, daß mit einem blindwütigen, harten Kurs -- der etwa gelegentlichen Gebrauch von Haschisch drastisch bestrafen und mithin zur Kriminalisierung auch des harmlosen Teils der Rauschgiftszenerie beitragen würde -- wenig auszurichten ist.
"Es ist nicht einfach ein medizinisches Problem", so resümierte jüngst das amerikanische Fachblatt "Medical Economics" in einer Sondernummer über das Drogenproblem den gegenwärtigen Erkenntnisstand, "und es ist auch nicht einfach ein kriminologisches oder gesetzgeberisches oder soziologisches Problem -- sondern es ist all das zusammengenommen und noch mehr."
Als ein im wesentlichen "gesellschaftspolitisches Problem" wertet auch der Rauschgiftexperte des niedersächsischen Sozialministeriums Dr. Hans Heinze die wachsende Drogenneigung westdeutscher Jugendlicher. Aber mit solcher Katalogisierung ist (obwohl etwa die Springer-Presse solches glauben machen möchte) keineswegs gemeint, daß die Drogenwelle unter Jugendlichen mit den politischen Protesten linker Studenten und Schüler gleichzusetzen sei. Linke Aktivisten hatten sich ohnehin schon vor mehr als Jahresfrist gegen das Ausweichen in privatisierende Haschisch-Rauchklubs ausgesprochen, weil dadurch der politische Kampfwille gelähmt werde.
Zwar gewannen auch die West-Berliner Rauschgift-Forscher bei ihrer jüngst abgeschlossenen Feldstudie unter 237 jungen Konsumenten den Eindruck, daß fast stets auch "Kritik an der herrschenden Gesellschaftsordnung" mit genannt wurde, wenn Jugendliche über ihre Motive zum Rauschmittel-Gebrauch befragt wurden. Aber: "Diese Studie hat die verbreitete Meinung nicht bestätigt, wonach es fest artikulierte politische Standpunkte seien, welche junge Menschen heute in großer Zahl zum Rauschmittel-Konsum bringen."
Vielmehr neigen die Experten zu der Ansicht, daß jeweils eine Reihe ganz bestimmter sozialer und psychischer Faktoren den einzelnen Jugendlichen zu gelegentlichem, starkem oder übermäßigem Drogengebrauch prädisponiert -- aber eben ein ganzes Bündel "vielfältiger, schwer zu überblickender Bedingungen" (so die Berliner Studie).
Daß krasse soziale Gegensätze, wie in den Vereinigten Staaten, wo vor allem etwa farbige Jugendliche im Bewußtsein ihrer völlig aussichtslosen Lage in den Rausch flüchten, in einem Land wie der Bundesrepublik kaum zu verzeichnen sind, hatte manchen Experten schon zu der Auffassung verleitet, das "hard drug"-Problem sei eine typisch amerikanische Erscheinung. Aber schon die Entwicklung etwa in Großbritannien oder Schweden hat diese Meinung widerlegt.
Mißglückte, oft überstürzte Ablösung vom Elternhaus, der sich verschärfende Generationenkonflikt, Nachahmungstrieb, Verführung und Neugier, Unkenntnis und Neigung zum Risiko, erst recht zum Verbotenen, allgemeiner Widerwillen gegen die Normen einer Leistungsgesellschaft, schließlich das Streben, von den Altersgenossen durch modekonformes Verhalten anerkannt zu werden -- all das waren häufig wiederkehrende Angaben, als bei der Berliner Umfrage unter Drogenkonsumenten nach den Motiven geforscht wurde.
Fast bei all den Fällen aber, in denen es zu massivem Haschischkonsum oder zu ständigem Gebrauch von Rauschgiften gekommen war, fanden die Forscher außerdem noch schwerwiegende psychische und soziale Störungen, die das "Ausflippen" aus der bürgerlichen Welt begünstigt hatten: Viele Jugendliche waren besonders labil oder neigten zu Psychosen und depressiven Neurosen, mehr als 50 Prozent kamen aus zerrütteten oder unvollständigen Familien.
Wie viele jugendliche Haschkonsumenten es zum gegenwärtigen Zeitpunkt geben mag, konnte auch die Berliner Studie nicht aufzeigen; die Befragten boten keinen repräsentativen Querschnitt der jugendlichen Bevölkerung insgesamt. Ebensowenig besteht Klarheit darüber, welcher Prozentsatz jeweils noch zu den "Probierern", die es nach ein paar Versuchen wieder aufgeben, zu den "Gelegenheitskiffern" oder schon zu denen zählt, die regelmäßig -- dreimal wöchentlich oder mehrmals täglich -- zur Haschpfeife oder zum Joint greifen.
In dieser letzten Gruppe, so die Berliner Studie, kommt es dann freilich "ziemlich regelmäßig" auch zum Gebrauch anderer Rauschmittel, vor allem LSD" und es "können Folgen für die Lebensführung kaum ausbleiben": Zwangsläufig gerate der Gewohnheitshascher "in eine psychische Verfassung, die mit einer Beibehaltung eines kontinuierlichen Lern- oder Arbeitsprogramms nicht in Einklang zu bringen ist". Er "flippt aus" -- und gerät in jenen Teufelskreis wachsender Drogenabhängigkeit und zunehmender Abkapselung gegen die bürgerliche Alltagswelt, die ihn dann um so tiefer in die Drogensubkultur abdrängt.
Dabei kann das Haschisch jedenfalls im pharmakologischem Sinne nicht eindeutig als "Einstiegsdroge" gewertet werden. Vielmehr zeigte sich, daß vor allem Jugendliche "eher einer wahllosen Zufuhr der erreichbaren Rauschmittel zuneigen" (Berliner Studie), je nachdem, wie der illegale Drogenmarkt sie gerade feilbietet oder wie sie in der jeweiligen Gruppe von "drop-outs" gerade in Mode sind.
So berichtete der Hannoveraner Drogenexperte Professor Hans-Werner Janz von einem jungen Hamburger Psychologiestudenten" der mit 18 Jahren "aus dem Elternhaus in die Subkultur flüchtete und dort feststellte, daß der Autoritätsdruck der Gruppe noch härter war als der elterliche": Der nun 22jährige, der inzwischen mehrere Entziehungskuren hinter sich hat, konsumierte -- durchweg per Spritze -- unter anderem Rohopium, Eukodal, Polamidon, Jetrium, Morphium, Dolantin, Ritalin, Preludin, Pervitin, Captagon und den "Schnellmacher" AN 1.
Daß den jugendlichen Rauschgiftsüchtigen, so wie die meisten Nervenheilanstalten in der Bundesrepublik beschaffen sind, mit der klassischen Entziehungskur geholfen werden könnte, glauben mittlerweile auch die Psychiater selbst nicht mehr.
In "Bonnies Ranch" beispielsweise, wo die West-Berliner "Fixer" zur Entziehung landen, rechnen die Klinikärzte mit einer Rückfallquote von nahezu 100 Prozent. Typische Biographien Rauschgiftsüchtiger verdeutlichen den Kardinalmangel (siehe Kasten Seite 46): In einer Gesellschaft, die noch immer weithin Drogensucht nicht als Krankheit, sondern als schuldhaftes Versagen auffaßt und "junkies" rundweg als Asoziale abstempelt, bleibt auch den gerade als geheilt Entlassenen kaum eine andere Wahl, als wieder in den Drogenuntergrund hinabzusteigen -- nirgends sonst werden sie akzeptiert.
Der Versuch, den wachsenden Rauschmittelkonsum, von Haschisch bis Heroin, allein durch Polizeizugriff, also über die Rauschgiftdezernate der Kriminalpolizei, einzudämmen, hat ohnehin nur mehr wenig Aussicht auf Erfolg. Seit Touristen in Millionen-Scharen die Grenzen überqueren und solange die großen Pharmafirmen Aufputschmittel, Beruhigungs- und Schlafmittel ohne genaue Kontrolle in Tonnenquantitäten exportieren, haben Beschlagnahmen der Polizei weithin nur den Rang von Zufallstreffern.
Wirksame Vorbeugung und die Rehabilitation der bereits Süchtigen -- zu diesem Schluß kam auch die West-Berliner Forschergruppe -- werden mithin allenfalls möglich sein, wenn es gelänge, die Drogenszene gleichsam von innen her zu konsolidieren: Wie vordem die Entwicklungshelfer nach Afghanistan und Ekuador, so müßten nun eigens geschulte (und angemessen honorierte) Sozialhelfer zu den Treffpunkten der rauschsüchtigen Subkultur ausschwärmen -- mit dem bescheidenen Ziel, dem einen oder anderen Gesprächspartner "den Rückzug aus der drogenorientierten Randgruppe" zu erleichtern und ihm ein neues, "unter seinen konkreten Verhältnissen realisierbares Lebensziel aufzuzeigen".
In der gleichen Richtung könnten Beratungsstellen und ambulatorische Behandlungszentren tätig werden, bei denen gefährdete und ratsuchende Jugendliche vorsprechen könnten, ohne daß sie gleich Strafverfolgungen zu befürchten hätten.
Zuvor freilich müßte in großangelegten Feldstudien erkundet werden, wie die westdeutsche Drogenszenerie im einzelnen zusammengesetzt und welcher Personenkreis besonders gefährdet ist und daher besonderer Aufmerksamkeit bedarf.
Diese Verbreitung der -- bislang eher dürftigen -- wissenschaftlichen Erfahrungen könnte überdies auch unverdächtige, weil nicht mehr weltanschaulich geprägte Argumente liefern, von denen sich zumindest diejenigen Jugendlichen überzeugen ließen, die noch nicht an der Nadel hängen. "Entscheidend", so resümierte der Hannoveraner Suchtexperte Heinze, "ist die werturteilsfreie Information, wenn wir überhaupt an die Jugendlichen herankommen wollen."
Aufklärung und Rauschgiftwarnung im herkömmlichen Stil, mit einem Totenkopf auf dem Umschlag, wird bei der protestgeladenen, mißtrauischen jungen Generation kaum etwas ausrichten.
Sie verschlug auch nicht bei dem Hamburger Oberschüler, der sich gegenwärtig zu einer Entziehung in den Wahrendorffschen Krankenanstalten in Ilten bei Hannover aufhält.
"Aus Langeweile" hatte er angefangen, Hasch zu rauchen. Dann nahm er, "weil es billiger war", Opium. Und schließlich spritzte er sich das noch stärkere synthetische Rauschmittel Jetrium, weil er es "in seiner euphorisierenden Wirkung als angenehmer empfand".
Zu spät kam dem 17jährigen die Erkenntnis: "Es hat Spaß gemacht, aber der Preis war zu hoch."

DER SPIEGEL 33/1970
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