14.09.1970

GUERILLAS / FLUGZEUG-ENTFÜHRUNGENAllah ist gnädig

Das Flugzeug ist wohl eine Maschine -- indes welch unendlich fein empfindendes Gerät! Ihm danken wir die Entdeckung des wahren Gesichts unserer Erde. Antoine de Saint-Exupery.
Wunderjets, die Kontinente verbinden sollten, schmorten neben Kamelen im Wüstensand. Menschen, die gepflegt durch die Luft fliegen wollten, waren in Todesangst am Boden gefesselt.
Technisches Ingenium, das aus 20 Millionen Einzelteilen ein Flugzeug baut, wurde zum willigen Vehikel politischer Nötigung. Der Nahost-Krieg kam nach Europa.
Innerhalb von 70 Stunden überfielen arabische Guerillas fünf vierstrahlige Düsenmaschinen mit insgesamt 650 Passagieren und 80 Besatzungsmitgliedern. Drei Maschinen wurden als Beute auf die verlassene Briten-Piste Dawson's Field In der vegetationslosen nordjordanischen Wüste geflogen. Umlagert von waffenstarrenden Guerillas, gepeinigt von 40 Grad Hitze und dem Geruch überfließender Toiletten, bangten 300 Fluggäste als Geiseln tagelang ihrer Erlösung -- oder ihrem Ende -- entgegen.
Weitere 127 Frauen und Kinder, die aussteigen durften, gerieten in ihrem Hotel in Amman zwischen die jordanischen Bürgerkriegs-Fronten und mußten Deckung suchen. Cecile Simmen Ofutica aus New York: "Im Flugzeug wären wir vielleicht doch sicherer."
Es waren die Flugzeug-Entführungen Nummer 247 bis 251 der Luftfahrt-Geschichte. Bis dahin hatte es Luftpiraten von herostratischer Besessenheit gegeben und solche mit dem Gehabe von Operettenstars, Kriminelle, Geisteskranke, Flüchtlinge und alleinreisende Polit-Verirrte (siehe Kasten Seite 102). Doch die Flugzeug-Entführung en gros als Kampf mittel auf einem Kriegstheater, das jederzeit zum Weltkonflikt geraten kann -- das hat es bis vorige Woche nicht gegeben.
In Amman schien sich der Vorhang zur letzten Konfrontation zwischen Jordaniens König Hussein und den palästinensischen Guerillas zu heben. In Washington entschied die US-Regierung, neue Phantom-Bomber an. Israel zu liefern. Am Mittwochmittag schloß Präsident Nixons Pressechef Ziegler erstmals eine militärische Intervention der USA in Nahost nicht mehr aus.
Auf den internationalen Flughäfen zogen Regimenter von Polizisten auf. In Berlin, Hannover, Zürich und London wurde Bombenalarm gegeben. Fluggesellschaften filzten ihre Passagiere, Flüge fielen aus. Versicherungen kündigten den Fluggesellschaften die Verträge, weil das Risiko zu groß geworden ist. Regierungen und selbst die Weltregierung, der Uno-Sicherheitsrat, berieten, was zu tun sein.
Niemand wußte es. Eine Welt, die soeben selbstsicher vom Luftflug zum Mondflug vorgestoßen war, sah sich gedemütigt durch eine Handvoll Aktivisten der Gewalt, gegen die es anscheinend kein Mittel gibt -- schon gar nicht Gewalt.
Eine Welt aber auch, die Vietnam, Biafra und Brasilien verkraftet hat, eine Völkergemeinschaft, die unfähig war, den Nahost-Brand zu löschen, rang sich einen etwas schrillen Schreckensschrei ab. Amerikas "New York Times": "Ungeheuerlichkeit der Verbrechen". Der Schweiz "Neue Zürcher": "Einsamer Gipfel krimineller Ruchlosigkeit". Deutschlands "Bild": Nachfolger der "Mordgesellen des Mittelalters". Selbst Ostblock-Staaten und Araber gingen auf Distanz. Beiruts "Daily Star": "Fanatischer Irrsinn".
Die Fanatiker der Luft weckten Fanatismen auf der Erde: In Adliswil bei Zürich schlug eine Schweizerin die Hausfrau Caroline Wipf mit einem Schirm zu Boden. Sie hielt die auf den Bahamas geborene dunkelhäutige Frau Wipf für eine "Sauaraberin".
In Kopenhagen wurde "Der Orientalische Bazar" per Benzinkanister in Brand gesetzt: Der Eigentümer ist ein Jemenit, mit einer Dänin verheiratet.
US-Piloten forderten, die arabischen Staaten sollten als Seuchengebiet boykottiert werden -- die Staaten, die am meisten unter den Guerillas leiden. Die paramilitärische "Jewish Defense League" in New York kün-
* Rekonstruktion im Cockpit einer Boeing 707.
digte Rache an -- notfalls durch Entführung arabischer Verkehrsflugzeuge.
Das erfolgreichste Kidnapping der Luftfahrt-Geschichte hatte am vorletzten Sonntag um 12.20 Uhr über dem Eifeldorf Nattenheim begonnen. Charles D. Woods, Kapitän der Boeing 707 der "Trans World Airlines" (TWA), meldete der Flugsicherung Frankfurt 18 Minuten nach dem Start: "We are hijacked" -- wir sind gekapert. Zwölf Minuten später über Brüssel ist der TWA-Flug Nummer 741 -- rund um die Welt -- endgültig beendet.
Die Luftpiraten, ein Mann mit einem Strumpf über dem Kopf und eine Frau mit einem riesigen, tief in die Stirn gezogenen roten Hut, bewaffnet mit Pistole und Handgranaten, zwingen Woods zum Kurswechsel. 141 Passagiere und zehn Crew-Mitglieder fliegen nun in Richtung auf Jordaniens Hauptstadt Amman.
TWA-Flug 741, neuer Funk-Code-Name "Gaza", antwortet nicht mehr. Die Entführer singen die Internationale.
Genau zur selben Zeit steigt die DC-8 IDD der Swissair, Flug Nummer SR 100, vom Zürcher Flughafen Kloten westwärts Richtung Funkfeuer Hochwald (bei Basel) auf, zum täglichen Direktflug Zürich-New York.
Die DC-8 Ist ausgebucht: 143 Passagiere und zwölf Crew-Mitglieder sind an Bord. Flugkapitän Fritz Schreiber läßt die DC-8 auf 8800 Meter steigen.
Eine halbe Stunde nach dem Start wird auf dem Radar-Schirm In Kloten das Signal für eine Notlage empfangen. Um 13.14 Uhr. -- knapp eine Stunde nach der TWA-Flugzeugentführung -- meldet eine resolute Frauenstimme in schwer verständlichem Englisch aus dem Äther: "Die "Volksfront zur Befreiung Palästinas' (PFLP) teilt mit, daß ihr Kommando, "Rafik Assaf' (Genosse Löwe) ... die DC-8 unter Kontrolle hat ... Neues Rufzeichen des Flugzeugs ist nur noch "Haifa' -- thank you."
Anfragen der Flugverkehrsleitung, die wissen möchte, welchen neuen Kurs "Haifa" -- die eingekurvt ist und wieder Richtung Zürich fliegt -- nehmen will, bleiben unbeantwortet.
Nur die Stimme der Frau ist zu hören. Über Bordlautsprecher spricht sie zu den Passagieren: wir werden Sie retten und danken für Ihre Mitarbeit -- wir wünschen Ihnen eine gute Reise."
In einer Boeing 707 der israelischen Fluggesellschaft El Al, die auf dem Weg von Amsterdam nach New York ist -- Flug Nummer 219 -- und soeben England überfliegt, servieren die Stewardessen zur selben Zeit das Mittagessen.
May Shark, 60, aus New York beobachtet, wie zwei Sitze vor ihr der gut aussehende Mann von etwa 24 Jahren mit dem gut sitzenden grauen Anzug und seine dunkelhäutige Begleiterin mit dem langen schwarzen Haar, rosa Pullover, schwarzem Minirock und blauer Jacke plötzlich aufspringen und laut schreiend zum Bug der Maschine stürmen. May Shark denkt: "Jetzt müssen wir sterben." Dann fängt sie an zu beten.
Das Mädchen hat zwei Handgranaten in den Händen. Der Mann trägt eine Granate bei sich, mit der Rechten zieht er eine Pistole und schlägt damit gegen die Tür der Pilotenkanzel.
Durch einen Sehschlitz erkennt Kapitän Uri Bar Lev die Guerillas, er informiert London und bittet um freien Luftraum.
* In Kairo.
Steward Schlomo Vider hebt die Hände. Der Luftpirat schlägt ihm die Pistole ins Gesicht, im Fallen zieht Vider seinen Angreifer mit zu Boden. Ein Schuß löst sich und reißt einer Stewardeß ein Tablett aus der Hand. Drei weitere Schüsse treffen Schlomo Vider, doch er hält fest.
Ein Mann springt aus seinem Sitz, wirft seinen Gin Tonic zu Boden und greift sich die Handgelenke der Entführerin mit den Handgranaten. Die Boeing 707 geht plötzlich zum Sturzflug über. Der Mann und die Frau werden zu Boden gerissen.
Florence Krasner, 41, sagt zu Sohn Jimmy, 9: "Ich liebe dich, es tut mir leid, daß ich dir kein längeres Leben geben konnte." Zu ihrem Vater Harry, 72, gewendet, sagt sie: "Du mußt weiter beten."
Am Boden vor der Kabine kämpft die Entführerin verbissen. "Ich jage das Flugzeug In die Luft", droht sie. Der Mann antwortet: "Gut, aber dann gehen wir zusammen."
Inzwischen fliegt die El-Al-Boeing wieder ruhig. Flugkapitän Uri Bar Lev dreht zurück nach London, dann stürzt er aus dem Cockpit. Wieder ein Schuß. Die Kugel tötet den Luftpiraten. Eine geschärfte Handgranate kullert durch die Kabine der ersten Klasse. Nach spätestens fünf Sekunden muß sie explodieren. Nichts geschieht.
Mehrere Männer prügeln jetzt auf die Entführerin ein, die sich nicht ergibt. Schließlich wird sie mit Gürteln und Krawatten gebunden. Nicht einmal zehn Minuten hat der Kampf in der Kabine gedauert. Um 14.05 Uhr landet die Boeing auf dem Londoner Flughafen Heathrow.
In der Kabine der ersten Klasse liegt immer noch die geschärfte Handgranate. Ein Mitglied der Crew stürzt als erstes die Gangway hinunter und legt den Blindgänger auf den Rasen.
Die gefesselte Leila Chalid, berühmteste arabische Flugpiratin, wird ins Londoner Polizeigefängnis West Drayton abgeführt.
In Amsterdam unterrichtet in der Zwischenzeit ein Angestellter der El Al den Flugkapitän John Priddy eines Jumbo-Jets der "Pan American World Airways", er habe zwei verdächtige Passagiere mit Pässen des westafrikanischen Staates Senegal, die mit El Al nicht fliegen durften, an Bord des Jumbos kommen sehen.
Priddy geht daraufhin -- noch bevor er zum Pan-Am-Flug Nummer 93 Amsterdam-New York startet -- persönlich zu den Verdächtigen. Er tastet sie ab, durchsucht die Handkoffer und findet nichts.
"Danke, wir wissen diese Information zu schätzen", bedankt er sich bei El Al. Dann, um 15 Uhr, startet der Riesenjet. An Bord sind 150 Passagiere und 18 Besatzungsmitglieder.
Wenige Minuten später -- der Jumbo befindet sich noch im Steigflug -- bittet Priddy um drei Tassen Kaffee, eine Portion schwarz, eine mit Zucker, eine mit Milch.
Als Stewardeß Ruth List mit den Tassen die Cockpit-Tür erreicht, erwartet sie dort einer der Verdächtigen, in den Händen eine Pistole und eine entsicherte Handgranate. Der Entführer legt den Arm um die Stewardeß und benutzt sie als Schutzschild. Ruth List muß die Tür aufschließen lassen. Die Pistole richtet sich auf Flugingenieur Julius Dziuba.
Der zweite Entführer springt von seinem Sitz In der Lounge auf und treibt die Passagiere laut schreiend Im Mittelteil der Maschine zusammen. Nervös fuchtelt er mit seiner Pistole in der Luft herum.
"Meine Damen und Herren", tönt plötzlich die Stimme von Bordkommandant Priddy über den Bordlautsprecher, "hier sind zwei Herren, die in ein befreundetes Land fliegen wollen. Ich erfülle diesen Wunsch."
Bereits fünf Minuten nach dem Start schwenkt der Jumbo-Jet auf Ostkurs. Doch erst um 15.40 Uhr kann der Pan-Am-Kapitän sein neues Flugziel Beirut nach Amsterdam funken.
Der Mann, der den Jumbo und die anderen Jets überfallen ließ, ist Dr. med. Georges Habasch, Chef der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP), ein kultivierter, gebildeter Palästinenser westlichen Zuschnitts, der eher gefaßt als fanatisch wirkt.
Er redet erst, wenn er überlegt hat, und spricht ein ausgezeichnetes Englisch mit nur leichtem arabischen Akzent. Im wilden Araber-Look mit MP und Kopftuch wie Arafat kann man ihn sich nicht vorstellen. Und dennoch personifiziert Habasch eine arabische Tragödie.
Die von den Juden vertriebenen Palästinenser, einst die geistig und zivilisatorisch fortgeschrittensten unter den Arabern, stehen heute fast synonym für arabischen Aberwitz. Ägyptens Nasser hingegen, einst Schrecken des Westens, und Jordaniens Hussein, vom Westen bereits mehrmals abgeschrieben, scheinen die arabische Staatsräson zu verkörpern. Der Widersinn dieser Entwicklung erklärt viele Habasch-Taten -- Taten der Verzweiflung.
"Es ist ein totaler Krieg, den wir führen müssen", erklärte Habasch unlängst. Im Juli 1968 zeigte er erstmals, daß sein totaler Krieg auch der Zivilluftfahrt gilt. Ein PFLP-Trupp kaperte über Rom eine Boeing 707 der israelischen Flugesellschaft El Al und entführte sie nach Algerien. Seither ist kaum eine Fluggesellschaft, kaum ein Flughafen mehr vor den Gefolgsleuten des schnurrbärtigen Guerilla-Führers sicher -- obschon Habasch nur rund 2000 Fedajin befehligt, nach Arafats El-Fatah (7000 Mann) die zweitgrößte palästinensische Guerilla-Organisation.
Flugzeugentführungen, von Arafat bislang strikt abgelehnt, entwickelte Habasch zur Spezialität seiner Truppe. "Mit diesen Aktionen", so rechtfertigte er Anfang des Jahres in seinem Hauptquartier am Stadtrand von Amman gegenüber dem SPIEGEL die Luftpiraterie' "fügen wir dem Feind moralischen und manchmal auch materiellen Schaden zu."
Arafat kämpft nur gegen die Israelis, Habaschs Feind aber ist nicht nur Israel, sondern "Israel plus Zionisten plus Imperialismus plus alle reaktionären Regime" -- mit anderen Worten: Kaum ein Land außerhalb der kommunistischen Sphäre ist nicht sein Feind.
Arafat hat ein politisches Ziel: Palästina zu befreien. Habasch aber hat eine Ideologie: "Der Kampf um Palästina braucht einen Motor, wir haben diesen Motor: den Marxismus-Leninismus." Gern zitiert Habasch ein Le-
* In der Tür einer der Guerillas mit einem Besatzungsmitglied.
nin-Wort: "Es gibt keine revolutionäre Bewegung ohne eine revolutionäre Ideologie."
Der revolutionäre Ideologe Georges Habasch, Sohn griechisch-orthodoxer Eltern, wurde um 1926 in jener palästinensischen Stadt geboren, neben der heute Israels internationaler Flughafen liegt: in Lydda bei Tel Aviv, von den Juden Lod genannt.
1948, als König Abdallah, Husseins Großvater, das seinem Reich einverleibte Ostjerusalem besuchte, rief ihm der junge Habasch zu: "Warum habt Ihr unser Vaterland an die Juden verkauft?" Abdallah gab keine Antwort, ging auf den jungen Palästinenser zu -- und ohrfeigte ihn.
Nach dem Schulabschluß ließ sich Habasch an der Amerikanischen Universität von Beirut einschreiben und studierte Medizin. In Amman und später in Damaskus betrieb er bis 1963 eine kleine Privatklinik.
Er wurde einer der Gründer der PFLP, damals Miliz der nationalistischen Araber-Gruppe "Earaka". Syriens Machthaber verdächtigten ihn, einen Putsch geplant zu haben, und sperrten ihn -- 1968 -- ein.
Acht Monate mußte Habasch hinter syrischen Gittern verbringen. Dann überfielen PFLP-Guerillas einen Polizeiwagen, der Habasch von einem Verhör ins Gefängnis zurückbringen sollte, und befreiten den Gefangenen. Habasch: "Die Wachen wehrten sich nicht."
Habasch kehrte nach Jordanien zurück und rief zum Kampf auf: "Wir wollen einen Vietnamkrieg nicht nur in Palästina, sondern in der ganzen arabischen Welt."
Seinen Rivalen Arafat schimpfte er einen "fetten Bürgerlichen", die El-Fatah, militärisch seiner PFLP weit überlegen, verunglimpfte er als "bourgeoisen Verein und überbürokratisiert dazu".
Arafat wiederum sagt von Habasch: "Ein Weiberheld" -- eine Anspielung auf die Tatsache, daß weibliche Guerillas offenbar lieber bei dem kultivierten, ruhigen Habasch als bei dem lauten Arafat Dienst tun.
Bewußt pflegt der Ex-Mediziner sein Intellektuellen-Image, das besonders viele Studierte in die Reihen der PFLF lockt. Selbst auf Details achtet Habasch: An seiner Tür im Ammaner PFLP-Hauptquartier hängt oft ein Schild mit dem Hinweis: "Kein Zutritt! Ich denke!"
Anders als Arafat, der seine Fedajin von den reaktionären Öl-Regimen in Kuweit und Saudi-Arabien aushalten läßt, bezieht Habasch vornehmlich vom ultralinken Regime im Irak Subsidien. "Wir würden niemals Geld annehmen, das nach amerikanischem Öl stinkt", gelobte er.
Und während Arafats Guerillas nur militärisch ausgebildet werden, müssen Habaschs Kämpfer neben den Schießübungen Marx und Engels, Lenin und Mao pauken. "Politische Bildung ist entscheidend", verkündete der Guerilla-Chef.
Für Habasch und seine Freunde ist der erfolgreiche Befreiungskrieg der Algerier gegen die Franzosen das Beispiel, dem sie folgen möchten. Wie die algerischen Aufständischen beziehen sie ihre moralische Aufrüstung vornehmlich von Gewalt-Ideologen wie dem verstorbenen Psychiater Frantz Fanon.
"Gewalt als reinigende Kraft" preist der in der französischen Kolonie Martinique geborene Neger Fanon den kolonisierten und ausgebeuteten Völkern der Welt. Die Gewalt, so Fanon in seinem Buch "Die Verdammten dieser Erde", befreit den Unterdrückten "von seinem Minderwertigkeitskomplex, von seiner Verzweiflung und Inaktivität; sie macht ihn furchtlos und stellt seine Selbstachtung wieder her."
Die Guerillas zündeten eine Bombe auf einem Jerusalemer Gemüsemarkt und töteten elf Menschen, sie beschossen an der israelisch-libanesischen Grenze einen Schulbus mit Panzergranaten und brachten dabei acht Kinder und drei Erwachsene um, sie entführten an einem Tag vier Verkehrsflugzeuge und setzten über 700 Menschenleben aufs Spiel: Der angeblich befreiende Zweck der Gewalt heiligt jedes Mittel.
"Wir verabschieden uns heute von Camus und schließen uns Fanon und Guevara an", verkündete unlängst der Palästinenser Hisham Sharabi, Geschichtsprofessor in den USA, "was durch Gewalt genommen wird, kann nur durch Gewalt befreit werden."
Doch diesem Kampfruf wollen heute weniger Araber folgen als noch vor einem Jahr. Ägyptens Nasser, der ihn noch 1969 selbst verkündete, schwor ihm Ende Juli 1970 ab: Der Rais nahm, ebenso wie Jordaniens Hussein, den Nahost-Friedensplan des US-Außenministers Rogers an -- und anerkannte damit de facto Israels Existenzrecht.
Die Verhandlungsbereitschaft Nassers traf die Guerillas schwer. Doch Ihre wütenden Proteste ("Nasser ist ein Verräter") verschlimmerten ihre Lage noch: Nasser ließ die beiden von Kairo aus arbeitenden Rundfunksender der Guerillas schließen. "Die palästinensische Revolution macht die gefährlichste Phase ihrer Existenz durch", gestand Habasch vorletzte Woche.
In der Tat: Die generalstabsmäßige Präzision, mit der die PFLP die fünf Düsenflugzeuge überfiel, verdeckt nur unzulänglich ihre aussichtslose Lage.
1774 Fedajin sind nach israelischen Angaben seit dem Ende des Junikrieges gefallen, 3000 sitzen in israelischen Gefängnissen. Kaum einem Kommando gelingt es noch, die israelischen Grenzsicherungen am Jordan zu überwinden. Ein 75 Kilometer langer elektrischer Doppelzaun, ein dazwischen liegendes Minenfeld und ein hochmodernes elektronisches Warnsystem machen jede Guerilla-Aktion zum Himmelfahrtskommando.
Partisanen, die trotz der Grenzsicherungen am Jordan ins besetzte Westjordanien gelangen, treffen auf denkbar ungünstige Operationsbedingungen. Denn die kahlen Höhenzüge westlich des Jordan und die Wüste des Negev bieten -- anders als die Dschungel Vietnams -- kaum natürliche Deckung.
Und anders als die Vietcong, die nach dem Rezept Maos wie die Fische im Wasser unter den Südvietnamesen leben, finden die Fedajin unter den Palästinensern in Westjordanien kaum Helfer.
Denn die Bewohner der besetzten Gebiete fürchten Vergeltungsmaßnahmen der Israelis, haben resigniert oder lehnen gar den politischen Radikalismus, die Alles-oder-Nichts-Doktrin der Partisanen, ab.
"Vielleicht ist der Rogers-Plan ein erster Schritt ...", meinte vorsichtig einer der prominentesten palästinensischen Notabeln Ostjerusalems, Husseins ehemaliger Verteidigungsminister Anwar Nusseiba. Die in Ostjerusalem erscheinende arabische Zeitung "El-Anba" befragte die Araber im westjordanischen Jericho nach ihrer Meinung zu Nassers Politik -- und fand heraus, daß 93 Prozent die Friedfertigkeit des Rais begrüßen.
"Die Begeisterung der Massen für die Fedajin tendiert in Richtung Baisse", erkannte die Bagdader Zeitung "Al-Thaura". Vorletzte Woche gestanden die Freischärler in einem vertraulichen Bericht selbst ein, daß die Guerilla-Gruppen sich von ihrer Basis in den Flüchtlingslagern isoliert hätten.
Nur mit Gewalt können sie offenbar die Opposition innerhalb der Lager noch niederhalten. Im Gazastreifen haben viele PFLP-Guerillas schon seit Monaten Araber liquidiert, die von den Israelis Arbeit annahmen -- jetzt wollen sie auch in anderen Gebieten kompromißlos gegen vermeintliche Feinde der Revolution vorgehen.
Sogar Arafats El-Fatah beschloß, "Revolutionsgerichte" einzurichten. In ihrer Zeitung "El-Fatah" erläuterten die Freischärler: "Der Arm der Revolution reicht weit und wird jeden Verräter, wo immer er sich aufhalten mag, fassen."
Vorletzten Dienstag sollte der Arm der Revolution offenbar auch Jordaniens Hussein fassen: Der König wollte seine Tochter Alia vom Flughafen abholen. Auf der Fahrt dorthin wurde sein Wagen mit einer Panzerfaust beschossen -- das Geschoß explodierte zehn Meter neben dem Auto. An der nächsten Straßenkehre warteten vier Partisanen mit schußbereiten Maschinenpistolen.
Ein Habasch-Sprecher zum SPIEGEL: "Hussein muß weg, dann hat Verräter Nasser keinen Gehilfen mehr."
Ein Beduinenoffizier aus Husseins Leibgarde zum SPIEGEL: "Wir wissen, daß ein geheimes Femegericht der Volksfront den König zum Tode verurteilt hat." Nur wenige Minuten nach dem Attentat eröffneten Regierungs-
* SPIEGEL-Titel 8/1970.
soldaten das Feuer auf die Palästinenser. Nach eigenen Angaben hatten die Guerillas rund 20 Tote.
Härter denn je sind die Gegensätze zwischen zugewanderten Palästinensern und den beduinischen Alteinwohnern Ostjordaniens. "Wir haben die Nase voll von diesen Bastarden", schimpfte ein Uhrenhändler in Ammans Abdallah-Straße. Die Wüstenbewohner werden von den Palästinensern "analphabetische Ziegenhirten und Kameltreiber" gescholten, die jordanischen Beduinen sehen in den Palästinensern "hochnäsige Renegaten, die uns nur Unglück bringen".
"Wir wollen endlich Herr im eigenen Hause sein", hatte Hussein zwei Tage vor dem Attentat den Guerillas gedroht. Doch bislang zögerte der kleine König, seinen Beduinen den Angriff auf das wichtigste Widerstandsnest freizugeben: auf das am südlichen Stadtrand Ammans gelegene Flüchtlingslager Wahdat, Hochburg der Habasch-Kämpfer.
"Wir schießen sie zusammen", meinte letzte Woche ein Artillerie-Offizier. "Mit 50 Panzern walze ich das Lager platt", sagte ein Panzer-Offizier. Die konservativen Beduinen-Offiziere wollen vor allem mit den beiden militantesten Guerilla-Gruppen abrechnen: mit der -- militärisch unbedeutenden -- ultralinken "Demokratischen Volksfront zur Befreiung Palästinas" des Naif Hawatmah (der Ulrike Meinhofs Flucht in den Nahen Osten organisierte) und der Volksfront Habaschs.
Doch Hussein riet zur Mäßigung: "Ihr kennt den Teufel Habasch nicht. Er wird uns Tausende von Frauen und Kindern entgegenschicken. Es macht ihm nichts aus, sie zu opfern."
Georges Habasch ist kein Teufel -- auch wenn er vorletzte Woche gelobte: "Wir werden aus dieser Region eine Hölle machen." Sein Kalkül mag unmoralisch sein, politisch unsinnig schien es nicht. Ein Habasch-Sprecher begründete letzte Woche die Flugzeugentführungen so: "Es geht uns nicht nur um die Befreiung unserer Kameraden. Das Unternehmen Ist eine deutliche Warnung an alle, die den Rogers-Plan unterstützen."
Genau "betrachtet, ist der Guerilla im Cockpit gar nicht viel anders als der Tätertyp Luftpirat schlechthin. Durch vielfache Zwänge gehemmt, muß sich der moderne Herostrat normalerweise damit begnügen, "statt das Universum zu demolieren, die Provinz anzuritzen" (so Schriftsteller Günther Anders). Mit dem Flugzeug aber bietet sich ihm ein kleines Universum an -- leicht zugänglich und leicht verletzlich.
"Ein Luftpirat ist wie ein indianischer Skalpjäger: Wenn die anderen Indianer nicht wüßten, daß er jemand den Skalp abgeschnitten hat, würde er es nicht tun", urteilte John Dailey, Chefpsychologe der amerikanischen Bundesluftfahrtbehörde.
Bei der Entführung des Jumbo-Jets zeigte sich auch, daß die Habasch-Truppe trotz vermeintlich generalstabsmäßiger Planung improvisiert -- wie ein Luftpirat das eben muß. Ein libanesischer Funk-Amateur schnitt auf Band das Gespräch zwischen den Guerillas an Bord und ihrem Chef Abu Chalid im Beiruter Kontrollturm mit, bevor der Jumbo landete.
Kommando an Bord: "Wir müssen dringend runter. Nur noch 45 Minuten Sprit."
Chalid: "Libanesen sagen nein. Piste geht nicht für Jumbo-Jet."
Kommando: "Dann müssen wir in Damaskus runter, Die haben neuen Airport."
Chalid: "Bei Allah, niemals in Damaskus! Mit denen haben wir Schweinereien. Also ... dann sprengt euch mit allen in die Luft." Kommando: "Einverstanden." Chalid: "Wartet noch einen Moment."
Da gab Beirut Landeerlaubnis. Neun Guerillas enterten das Flugzeug. Jeder mit einer Pistole, einer schleppte noch eine Tasche voll Sprengstoff mit. Sie begannen sogleich damit, in der Erste-Klasse-Kabine neun Stangen Dynamit zu verteilen.
Gegen 2.30 Uhr ließ Kapitän Priddy die Maschine auf dem Kairoer Flughafen ausrollen. Als sie stoppte, stürzten die Fluggäste -- wie befohlen barfuß -- panikartig zu den Notausgängen.
Während die Entführer in die Luft schossen, rannten die Passagiere davon. Der letzte war erst 150 Meter von der Maschine entfernt, als die ersten Sprengsätze explodierten. Seit der Landung waren nur drei Minuten vergangen.
Wenige Minuten später war das Riesenflugzeug, das 90 Millionen Mark gekostet hat, nur noch ein Wrack. 1225 Flugstunden hatte der Jumbo hinter sich -- für fast 85 000 Flugstunden war er gebaut worden.
Ein Sprecher der Guerillas: "Wir haben Nasser den Jumbo in sein Haus gesetzt und hochgejagt, damit er begreift, daß wir keine Angst vor ihm haben."
PFLP-Chef Habasch hat das Entführungs-Management an seinen geheimnisumwitterten Stellvertreter, den Arzt Dr. Wadi Haddad, delegiert, der die Einsätze plant. Der Piraten-Kommandant wäre im Juli beinah selbst Opfer eines Anschlags geworden: Gegen Mitternacht schlugen in seinem Appartement in der vierten Etage des Beiruter Kateril-Hauses vier Raketen ein.
Haddad und Leila Chalid -- vorletzten Sonntag erfolglose Piratin auf der El-Al-Boeing -- wurden leicht verletzt. In den Trümmern der Wohnung entdeckten Photoreporter Handskizzen von europäischen Flughäfen und Flugpläne zahlreicher Fluggesellschaften.
Der "Generalstabschef aller Auslandsoperationen der PFLP", so Haddads offizieller Titel, kommandierte die jüngsten Kapereien sogar völlig selbständig -- Chef Habasch war zu den Freunden nach China und Nordkorea geflogen.
Er konnte sich deshalb auch nicht sogleich an jener phantastischen Revue weiden, die letzte Woche in der rostroten Zarka-Wüste rund 25 Kilometer nordöstlich von Amman gespielt wurde: Zwischen flachen Sanddünen in einer Landschaft von atembeklemmender Ode -- oder grandioser Einfachheit -- glitzerten die drei Düsenflugzeuge: totale Technik in totaler Natur.
Auf dem ehemaligen britischen Militärflugplatz Dawason's Field steht kein Gebäude mehr. Die sieben Kilometer lange und 50 Meter breite Rollbahn ist seit einem Monat In der Gewalt der PFLP.
Als erstes der entführten Flugzeuge war die In Frankfurt gestartete TWA-Boeing gelandet. Gegen 18.45 Uhr am vorletzten Sonntag setzte Flugkapitän Woods auf. Als Landeleuchten hatten die Guerillas Teerfackeln aufgestellt. Die Scheinwerfer von Kraftfahrzeugen gaben zusätzliche Orientierungshilfe. Ein Englisch sprechender Guerilla erteilte dem Piloten Anweisungen über Sprechfunk.
Knapp zehn Minuten später, kurz vor sieben Uhr, näherte sich bereits die DC-8 der Swissair dem Rollfeld in der Wüste. Flugkapitän Fritz Schreibers Landung war hart. Riesige rote Sandstaubwolken wirbelten auf. 150 Guerillas feuerten Salven aus ihren sowjetischen Kalaschnikow-Maschinenpistolen in die Luft. Die Passagiere ergriff Panik.
Die Schülerin Caron Candle, 13, sah nur noch den feurig roten Staub und die flammenspeienden Jet-Motoren. Wie viele der Flugzeuginsassen dachte sie, die Maschine brenne. Ängstlich verkroch sie sich hinter ihrem Sitz. Als die DC-8 schließlich stand, stürzte Caron zum Notausgang, hinter ihr die meisten der Jet-Insassen.
Alle rannten in die Wüste. Doch die Freischärler trieben sie mit drohenden Gesten und wildem Schießen wieder in die Maschine zurück.
Bürokratisch verteilten die Entführer rosa Meldekarten. Jeder Fluggast mußte seine Personalien aufschreiben und Fragen beantworten.
Dann kamen Kommandos mit Blitzlichtgeräten und Maschinengewehren an Bord. Sie photographierten und erklärten ihren Gefangenen umständlich die Motive der Entführung und die Ziele der PFLP.
Für die 310 Eingeschlossenen begann nach der ersten Nacht, bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt, der erste qualvolle Tag: Die Hitze stieg bis auf 40 Grad Celsius.
Die Flugzeuge parkten hintereinander. Soweit die Eingepferchten blicken konnten, sahen sie vegetationslose Wüste. In den weißgelben Salzebenen spiegelten sich imaginäre Wasserlachen. Vor den Jets hatten die Entführer ein winziges Zelt aufgebaut, auf dem die rot-grün-weiß-schwarze Flagge der Palästinenser wehte.
Drei Stunden nach der Landung der Jets rückte eine Schwadron der jordanischen Armee mit "Saracen" -- Schützenpanzern, "Ferret"-Spähwagen und gepanzerten Mannschaftswagen an. Die Soldaten kreisten die Stellungen der Fedajin ein.
Volksfront-Offizier Abu Mahir drohte dem jordanischen Armee-General Maschhour Haditha: "Wenn die Truppen nicht zurückweichen, jagen wir die Maschinen in die Luft." Die Dynamit-Stangen seien bereits angebracht.
Ein jordanischer Offizier: "Falls diese Akruti (Hurensöhne) die Maschinen samt Insassen in die Luft jagen, dann kommt hier keiner lebend wieder heraus. Diese Leute sind ein Unglück für unser Land. Unsere Gastfreundschaft ist weltberühmt. Was muß die Welt von uns Arabern denken! Aber wenn hier alles zum guten Ende kommt, werden wir abrechnen."
Doch zunächst zogen sich die Soldaten drei Kilometer zurück und buddelten neue Stellungen.
Am Montagmittag ließ Jordaniens Armee-Chef General Haditha Militär-Lastwagen und Busse zum Abtransport von Geiseln anfahren. Die Fahrzeuge mußten sich durch den rötlichen Sand von der sechs Kilometer entfernten Straße heranwühlen.
Doch nur die Frauen und Kinder der Swissair-Maschine durften die Fahrzeuge besteigen. Die TWA-Reisenden wurden erst noch ausgesucht. Any Porter, 17: "Jeder wurde einzeln aufgerufen. Dann fragten sie nach Namen, Staatsangehörigkeit und Religion." 70 jüdische Frauen und 35 Kinder -- darunter zwei Säuglinge im Alter von drei Monaten -- wurden zurück in die Maschine geschickt.
Das Gros der 116 Entlassenen quartierte sich im "Intercontinental"-Hotel von Amman ein -- in jenem Hotel, in dem Habasch im Juni 35 ausländische Journalisten gefangengehalten hatte.
In der Nacht zum Dienstag jagten die Fedajin den Eingeschlossenen neue Angst ein: Sechs Männer aus der TWA-Boeing mußten das Flugzeug verlassen -- wohin, blieb unklar. Später, als 21 ausgesuchte Gefangene rund 60 aus Amman herbeigekarrten Journalisten vorgeführt wurden, bestritten die Guerillas, daß die sechs entführt worden seien.
Zum Empfang der Presseleute hatten die Fedajin Werbeplakate auf die Flugzeugtüren geklebt. Geiseln und Journalisten durften sich einander nur bis auf etwa 20 Meter nähern. Man sprach mittels elektrischer Handlautsprecher.
"Unser Hauptproblem", erklärte Kapitän Woods den Journalisten, "sind die Frauen und Kinder." Lebensmittel und Wasser gebe es jetzt zwar genug, meinte er und zeigte auf zwei Wasserwagen. "Zum Frühstück erhielten wir sogar gekochte Eier, Käse, Brot, Trauben, Bananen und heißen Tee."
Doch katastrophal, so Woods, seien die sanitären Anlagen. Der Gestank in den Maschinen sei unerträglich. Über den Zustand der Startbahn sagte Woods: "In 15 Minuten bin ich in der Luft, wenn die mich lassen." TWA-Flug-Ingenieur Al Kiburas hatte eine Spange seiner TWA-Uniform gegen ein Abzeichen der PFLP getauscht.
Nach Schluß des Treffens wollte der SPIEGEL vom Fedajin-Kommandeur wissen: "Warum lassen Sie unschuldige Frauen und Kinder in diesen Temperaturen schmoren?" Der in grünen Drillich gehüllte Freischärler antwortete: "Sie sollen schmoren, so wie es unsere Frauen und Kinder seit 25 Jahren In menschenunwürdigen Camps tun. Niemand auf der Welt nahm bislang Kenntnis davon."
"Dies ist ein ausgezeichneter Flugplatz". prahlte ein anderer Freischärler. "Wir werden ihn mit Flugzeugen auffüllen, denn Allah ist uns gnädig."
Nur 55 Stunden nach der Sprengung des Jumbo-Jets in Kairo war Allah wieder gnädig, Habasch konnte weiter auffüllen.
Zwei bewaffnete Fedajin zwangen den Piloten Cyril Goulborn, 50, seit 22 Jahren im Dienst der BOAC, mit vorgehaltener Waffe, vom Kurs des Flugs Nummer 755 Bombay -- London (über Dubai, Bahrein und Beirut) abzudrehen.
Die Entführer waren im Ölscheichtum Bahrein am Persischen Golf zugestiegen. Als sich die vierstrahlige VC 10 gegen 11.20 Uhr in 10 000 Metern Höhe dem Flughafen Beirut näherte, hatten sie bereits das Kommando übernommen.
In Beirut tankte die Maschine 80 000 Liter Kerosin auf. Englands Libanon-Botschafter Alan Edden und der libanesische Minister für Öffentliche Arbeit Pierre Gemayel baten die Guerillas, sie sollten die 30 Frauen und zwölf Kinder unter den 105 Passagieren aussteigen lassen. Antwort: "Entweder wir verschwinden mit allen wieder von hier, oder wir jagen das Flugzeug In die Luft, ebenfalls mit allen Insassen."
Danach schickte die Kommandozentrale als Prisenkommando ein Mädchen mit schwarzen Hosen und braunem Schal an Bord der Maschine. Ihr Code-Name: Mona Saudi. Starten durfte Kapitän Goulborn immer noch nicht: Die Landung auf dem Wüsten-Flughafen sollte erst nachmittags stattfinden.
"Es steht euch aber frei", räumte die ferne Funkbefehlsstelle ein, "auf dem Rollfeld zu warten oder über dem Landegebiet zu kreisen."
Die Piraten im BOAC-Cockpit entschieden: "Wir werden lieber starten und uns die schöne Landschaft des Libanon anschauen, die wir schon so lange nicht mehr gesehen haben." Den Rundflug wollten sich zwei weitere Guerillas nicht entgehen lassen: Ein Mann und eine Frau stiegen noch zu.
Gegen 16 Uhr schwebte die vierstrahlige BOAC-Maschine auf den Wüstenflugplatz ein. Wieder schossen die Fedajin ihre Kalaschnikow-Maschinenpistolen leer. Sie johlten und fielen sich in die Arme.
Mit der außerfahrplanmäßigen Ankunft von Flug Nummer 755 der BOAC hatte sich die Zahl der inhaftierten Geiseln in der Wüste Zarka wieder auf 304 erhöht. Babynahrung und Windeln wurden knapp. Die meisten der 48 Kinder waren verängstigt.
Dann übernahmen Hilfszüge des Roten Kreuzes mit Ärzten und Krankenschwestern die Versorgung der Gefangenen. Eine mobile Kühlanlage wurde angeschleppt. Es gab Whisky und Fruchtsaftgetränke.
Die arabischen Bewacher tauften die VC 10 sofort auf "Leila" um -- den Namen jener 24jährigen Jeanne d'Arc der Guerillas, die zu dieser Zeit noch im Londoner Polizeigefängnis West Drayton saß. Revolutionsritual im Wüstensand.
Die PFLP hatte den Regierungen in London, Bonn, Bern und Jerusalem zunächst ein bis Donnerstag drei Uhr befristetes Ultimatum gestellt: Freilassung aller PFLP-Gefangenen in diesen Ländern.
Zürichs Kantonbehörden entschieden als erste, die drei Luft-Guerillas freizulassen, die wegen eines Feuerüberfalls auf eine El-Al-Maschine in Kloten rechtskräftig verurteilt worden waren. Bayerns Staatsregierung bot die Freilassung der -- noch unverurteilten -- drei Attentäter an, die in München einen El-Al-Passagier getötet und neun Fluggäste verletzt hatten.
Auch die Briten waren bereit, Leila freizugeben -- sie entschlossen sich nur nicht schnell genug. Habasch antwortete mit der Entführung der BOAC-Maschine. Als die Briten sich immer noch nicht eilten, hieß die Antwort von Dawson's Field: "In zwei Tagen werden wir zwei israelische Flugzeuge hierherbringen, wenn sie Leila bis dahin nicht freigelassen haben."
Das "Internationale Komitee vom Roten Kreuz" (IKRK) übernahm Montag die Vermittlung zwischen den Entführern und der Regierung der Schweiz und von Dienstag an auch für die USA, Großbritannien und die Bundesrepublik.
Chefunterhändler André Rochat flog mit einer Sondermaschine der "Balair" nach Amman. Die Guerillas verlängerten ihr Ultimatum um weitere 70 Stunden. In der Schweiz bildeten die betroffenen Mächte einen Krisenstab, zu dem Bonn den Vize-Chef der AA-Rechtsabteilung, Rupprecht von Keller, entsandte. Der Krisenstab blieb in ständigem Funk-Kontakt mit dem IKRK-Unterhändler Rochat. Am Freitagabend durften 68 der in Amman festgehaltenen Passagiere nach Zypern ausreisen.
Einheiten der amerikanischen 6. Flotte näherten sich bis auf 150 Meilen der libanesischen Küste. Flotten-Chef Admiral Kidd verließ sein Flaggschiff, den Leichten Raketenkreuzer "Springfield", der in der Bucht von Gaeta lag. Ein Sprecher der 6. Flotte erklärte, Kidds Abflug habe "keine besondere Bedeutung". Das Schicksal der Geiseln aber blieb zunächst ungewiß, obwohl die Guerillas weitere Fluggäste von Dawson's Field in Hotels der jordanischen Hauptstadt Amman umquartierten.
Ohnmächtig und sinnlos war die Empörung einer Welt, die sich darauf eingelassen hat, legale und illegale Gewalt säuberlich zu trennen. Terror von Staats wegen hinzunehmen, aber den Terror der Guerillas teuflisch zu finden.
Unmenschlich zeigten sich jene, die Härte gegen die Guerilas (und damit gegen die Geiseln) verlangten -- etwa eine Mrs, William Chalmers aus Hove in Sussex. Anfang der Woche sagte sie: "Wir dürfen auf keinen Fall nachgeben." Ende der Woche sah sie's schon anders: "In der Theorie ist alles ganz schön ..." Denn Mrs. Chalmers ist die Frau eines Stewards der am Mittwoch entführten BOAC-Maschine.
Vier hochindustrialisierte, hochgerüstete Staaten mußten sich dem Georges Habasch beugen -- oder sie riskierten das Leben der Geiseln. Sie hatten keine Wahl.
Mit den Habasch-Guerillas aber rechnete ein Guerilla ab: der ultralinke Hawatmah. Verächtlich urteilte er: "Irrsinn, diese Gangstermethoden! Mit solchen Mitteln macht man keine Revolution."

DER SPIEGEL 38/1970
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