16.11.1970

BERLIN / ATTENTATFern von Frauen

Ekkehard Weil, 21, Hilfspfleger im Nordberliner Virchow-Krankenhaus, legte Pinsel, Farbtöpfe und Sandsack zurecht, steckte sie samt Kleinkaliber-Gewehr und Flugblättern in einen Seesack und zog seinen Trainingsanzug an. Dann schulterte er das Gepäck, bestieg sein Fahrrad und radelte in den West-Berliner Tiergarten. Es war in der Nacht zum 7. November, dem 53. Jahrestag der russischen Oktober-Revolution.
Gegen 23 Uhr stieg Weil am Mozart-Pavillon unweit des Goldfischteichs ab, nahm Mal-Utensilien und Werbematerial aus dem Sack und pinselte in roten wie weißen Lettern sein Programm an die Wand. Er schrieb: "Zerschlagt die rote Korruption" und "Auftakt gegen den Bolschewismus". Dann deponierte er seine Handzettel. Kernsatz: "Widerstand gegen den Ausverkauf Deutschlands." Unterschrift: "Europäische Befreiungsfront."
Nach getaner Arbeit, gegen Mitternacht, robbte der Widerständler, Waffe in der Rechten, Sandsack in der Linken -- durch das Park-Gebüsch zur Südseite der "Straße des 17. Juni", brachte hinter einer Hecke sein Gewehr in Anschlag und beobachtete durch das Zielfernrohr das etwa 100 Meter entfernte, mit Stacheldraht umzäunte sowjetische Ehrenmal.
Weil wartete eine Stunde. Dann, kurz nach ein Uhr, schoß er und traf zweimal: die linke Hand und die Brust des Sowjetsoldaten Iwan Iwanowitsch Schtscherbak, 20, Bauernsohn aus dem Kolchos Kaplinzy in der Ukraine.
Iwan Schtscherbak kam in ein Ost-Berliner Krankenhaus, empfing Genesungswünsche und einen Blumenstrauß des West-Berliner Regierungschefs Klaus Schütz. Frau Weil schrieb an Schtscherbaks Mutter: "Ich drücke Ihnen mein warmes Mitgefühl und unaussprechliches Bedauern über die Verwundung Ihres Sohnes aus und hoffe sehr, daß er bald ohne nachteilige Folgen genesen möge."
Den Scharfschützen holte 42 Stunden nach dem Attentat die Polizei. Vom Echo auf die Schüsse aufgeschreckt, hatte Wells väterlicher Freund, der Orchester-Wart Günter Horn, 50, die Kripo verständigt.
Der Krankenpfleger leugnete nur wenige Stunden. Dann, nach einem Gespräch mit Verteidiger Gerd Joachim Roos, legte er ein Geständnis ab, nannte sich "Überzeugungstäter" und gab zu Protokoll, er habe "nötigenfalls mit dieser Aktion einen in naher Zukunft zu ratifizierenden Vertrag Zwischen der Bundesrepublik und der Sowjet-Union verhindern" wollen.
Weil bestritt jedoch die Existenz von Mittätern, und für diese Behauptung spricht seine Biographie: Wann immer Ekkehard Weil versuchte, sich zu beweisen, geriet er in die Isolierung. Und isoliert blieb er, so scheint es, Zeit seines Lebens -- bis zum 7. November. Ohne familiären Rückhalt -- Weil war noch nicht zwei Jahre alt, als die Ehe seiner Eltern scheiterte -- absolvierte er die Grundschulklassen zwei und fünf zweimal. Seine Mutter und "Onkel" Günter Horn gaben den Jungen in ein Internat und meldeten ihn später im Gymnasium an. Der Versuch mißglückte. Bald schickten ihn die Lehrer zur Hauptschule zurück.
Dort suchte Weil seinem lädierten Selbstbewußtsein durch markige Reden aufzuhelfen, agitierte bei den Jungen für die Wehrpflicht und bei den Mädchen für einen obligatorischen Arbeitsdienst. Wiederum blieb er ohne Echo und war schließlich selbst auf dem Schulhof einsam.
1965 endlich fand er Kontakt -- freilich nur zu einer ebenfalls isolierten Randgruppe. Er schloß sich der radikal-nationalen Mini-Sekte "Gemeinschaft deutscher Jugend Berlin" an, die um jene warb, "die ihr Vaterland lieben und für die die Spaltung unerträglich ist". Lange aber hielt auch diese Bindung nicht: Weil, von dem ehemaligen Unteroffizier Günter Horn beraten, strebte zu höherer Gemeinschaft. Er meldete sich, gerade 17 Jahre alt, zur Bundeswehr, als Freiwilliger für vier Jahre. Berufswunsch: Unteroffizier.
Doch schon als Rekrut beim Panzeraufklärungs-Bataillon 3 zu Lüneburg, im Pionierzug der 4. Kompanie, war er abermals allein. Und auf der Suche nach Anerkennung blieben Weil, der den "Anforderungen nicht gewachsen" war (sein Kompaniechef), abermals nur stramme Bekenntnisse.
Er abonnierte die "Deutsche National-Zeitung", las immer wieder in Hitlers "Mein Kampf" und verlangte von seiner Umgebung vaterländische Gesinnung. Die Kameraden honorierten seine Mühe nicht. Sie nannten ihn "verklemmt" oder "verbissen" und hatten Verständnis, als die Bundeswehr Wells Vierjahresvertrag kündigte und dem Wehrwilligen lediglich gestattete, wie ein Wehrpflichtiger -- 18 Monate lang -- zu dienen.
Heeres-Psychologen hatten erkannt: "Bei Weil, Ekkehard" handelt es sich im ganzen zusammengefaßt um einen versponnenen Eigenbrötler."
Wieder mal gescheitert, noch immer allein, kehrte Weil im Sommer 1968 nach Berlin zurück, begann eine Ausbildung zum Krankenpfleger. In der Kreuzberger Möckernstraße 76 mietete er eine Einzimmerwohnung. Zuweilen fuhr er nachts in den Grunewald und zielte dort mit dem Kleinkaliber-Gewehr auf brennende Kerzenstummel.
In die Wohnung trug Weil, was immer er für national hielt: Porträts von Beethoven und Hitler zum Beispiel, eine Hakenkreuz-Fahne oder Fichtes "Reden an die deutsche Nation". Er hängte zur Erinnerung an die Nürnberger Prozesse einen Galgenstrick In die Stube und heftete seine "10 Gebote" an den Schrank: "Ich darf nicht rauchen" etwa oder "Ich muß mich von Frauen fernhalten" und "Ich muß mich für mein Volk bewahren".
Sein Volk aber nahm Ihn nicht zur Kenntnis. Und so blieb er wohl auch bei seinen Erbauungsfeiern, flackernde Wachskerzen vor selbst modellierter Nietzsche-Büste, sein einziger Gast.
Dennoch ist ungewiß, ob sich Ekkehard Weil, wie er beteuert, In der Nacht zum 7. November tatsächlich allein auf den Weg in den Tiergarten machte. Unklar Ist auch, ob sich hinter der "Europäischen Befreiungsfront" wirklich nur er und nicht vielleicht doch jene Gruppe verbirgt, die Im Mal unter demselben Namen beim Kasseler Treffen durch Schüsse auf Hochspannungsleitungen die Stromversorgung der Konferenzstadt lahmlegen wollte.
Beamte der britischen Besatzungsmacht, in deren Sektor das sowjetische Ehrenmal liegt, hegen Zweifel an der Einzeltäterschaft Ekkehard Wells. Sie erwägen zudem, den Attentäter vor ihr Militärgericht zu stellen. Und dort gilt alliiertes Nachkriegsrecht, wonach für Anschläge gegen Angehörige einer Siegermacht sogar auf Todesstrafe erkannt werden kann.

DER SPIEGEL 47/1970
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