27.12.1971

POLIZEIFeuer eröffnet

Am 4. Dezember wurde in West-Berlin der 24jährige Anarchist Georg von Rauch erschossen -- von einem Gesinnungsgenossen, von einem Polizisten oder von einem Verfassungsschützer?
West-Berlins Ordnungshüter sind wieder einmal unter Beschuß geraten -- wegen einer Schießerei. Als Polizeipräsident Klaus Hübner, 47, am Dienstag letzter Woche eine Sondersitzung des Sicherheitsausschusses des Abgeordnetenhauses verließ, meinte der CDU-Polizeiexperte Karl-Heinz Schmitz gar: "Er weiß, daß es um seinen Stuhl geht."
Auf Drängen der Oppositionsparteien CDU und FDP hatten Hübner und sein Dienstherr, Innensenator Kurt Neubauer, Licht in eine Affäre bringen sollen, die seit dem 4. Dezember die Halbstadt zunehmend beschäftigt, die regierenden Sozialdemokraten irritiert und außerparlamentarische Linke aufpulvert: Wie ist, an diesem Tage, der ehemalige Student Georg von Rauch bei einem Schußwechsel zwischen Polizisten und bislang Unbekannten zu Tode gekommen?
Was sich am düsteren Spätnachmittag jenes Advents-Samstags an der Ecke Eisenacher und Kleiststraße im City-Bezirk Schöneberg abgespielt hatte, blieb von Anfang an unklar und wurde von Woche zu Woche eher mysteriöser. Es gab nur Versionen: Von der Amtsmutmaßung, Rauch sei Opfer seiner eigenen Freunde geworden, bis hin zu der von der Linksorganisation "Rote Hilfe" und dem SEW-nahen "Extradienst" kolportierten Wendung, Verfassungsschützer hätten bei der Tötung des 24jährigen. aus Versehen oder nicht, mitgewirkt.
Schuld an diesem Wirrwarr, so befanden Berlins Freidemokraten, trage letztlich Hübner-Chef Neubauer, dessen Beamten "durch sporadische Veröffentlichungen von Teilwahrheiten Unsicherheit gesät" hätten. Dabei schienen gerade im Fall Rauch Einsatz wie Informationspolitik der Ordnungshüter auf den ersten Blick ganz plausibel: Am 3. Dezember hatte das Raubdezernat der Berliner Kriminalpolizei nach mehreren ungeklärten Kassenüberfällen eine Großfahndung gegen zehn in der Stadt vermutete Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe eingeleitet, an der sich -- wie bei solchen Aktionen üblich -- auch der Verfassungsschutz beteiligte.
Von einem Tipgeber stammte die Information, die Gruppe plane am 4. Dezember Überfälle auf die Tresore der City-Kaufhäuser. Auf der Fahndungsliste stand neben Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin erstmals auch Georg von Rauch. Der ehemalige Germanistik-Student, Berlins Behörden bis dahin als Demonstrant mit anarchistischem Einschlag und Mitschläger beim Überfall auf einen Illustrierten-Reporter bekannt, sollte nun nach Ermittlungen der Berliner Kripo zum "harten Kern" (Polizei) der Meinhof-Gruppe gestoßen sein.
Am 4. Dezember nachmittags verfolgte ein mit zwei Beamten in Zivil besetzter Kripo-Wagen einen zuvor als gestohlen identifizierten Ford-Transit (Kennzeichen: B-U 1167) und einen gleichfalls gestohlenen roten VW-Variant (Kennzeichen: B-R 5925) quer durch den Stadtteil Schöneberg. Als die beiden Fahrzeuge in der Eisenacher Straße stoppten, versuchten die beiden Polizisten, die vier Insassen festzunehmen.
Einer der Verdächtigen rannte davon, einer der beiden Polizisten hinterher -- vergeblich, wie sich zeigte. Der andere Beamte forderte die drei am Ort gebliebenen auf, sich mit erhobenen Händen an eine Hauswand zu stellen, und tastete sie nach Waffen ab.
Bis dahin -- das bestätigen Zeugen wie Beteiligte -- ist der Hergang des Zwischenfalls geklärt, die Darstellung der Polizei bündig. Doch was dann geschah, wie es dazu kam, daß Georg von Rauch -- der selber keine Waffe, wohl aber zwei Pistolen-Magazine 9 mm und einen Einkaufsbeutel mit Eierpaketen bei sich hatte -- plötzlich, nach einem Schußwechsel, tot auf dem Bürgersteig lag, ließ sich bislang nicht zweifelsfrei rekonstruieren.
Polizisten hatten den Tatort erst eine halbe Stunde nach dem Schußwechsel abgesperrt und nach Hülsen und Projektilen abgesucht. Kriminaltechniker klärten zwar, daß aus mindestens sechs Waffen unterschiedlichen Kalibers und unterschiedlichen Fabrikats gefeuert worden war -- die Todeswaffe aber konnte nicht identifiziert werden. Denn ausgerechnet das tödliche Geschoß war nicht mehr aufzufinden.
Die Obduktion -- der endgültige Bericht steht noch aus -- erbrachte bislang keinen Aufschluß. Die Gerichtsmediziner fanden keinen Schußkanal (aus dem sich das Kaliber hätte ermitteln lassen), weil die Kugel durch ein Auge eingetreten war und nur Weichteile berührt hatte, ehe sie, beim Austritt, die hintere Schädeldecke des Getroffenen zertrümmerte.
Die erste von der Polizei gegebene Darstellung über die Schießerei besagte, der Kriminalobermeister Hans-Joachim Schultz habe mit Waffe im Anschlag (einer Pistole vom Kaliber 7,65 mm) auf der Straße hinter den drei Sistierten auf die über Funk herbeigerufene Verstärkung gewartet, als plötzlich "von beiden Straßenseiten" das Feuer eröffnet worden sei: mit insgesamt etwa zwei Dutzend Einzelschüssen. Dabei sei, so Kripo-Hauptkommissar Hans Deter, Georg von Rauch möglicherweise "durch eigene Tatgenossen erschossen" worden. Auch Schultz, selber durch einen Bauchschuß schwer verletzt, habe geschossen.
Zwei Tage später, am 6. Dezember, mußte die Polizei dann korrigieren, der angeblich schwerverletzte Kriminalobermeister (in Wirklichkeit: Hauptmeister) habe statt eines lebensgefährlichen Bauchschusses lediglich einen Streifschuß in der Leistengegend davongetragen.
Merkwürdig mutete an, daß der leichtverletzte Beamte 72 Stunden gebraucht haben soll, um sich von seinem "Schock" (Kripo) zu erholen, ehe er zum Tathergang befragt wurde; noch merkwürdiger, daß ein wichtiges Beweisstück -- Rauchs durchschossene Brille -- erst mit zehntägiger Verzögerung in der kriminaltechnischen Untersuchungsstelle eintraf, die nun prüfen soll, ob sich aus dem Glasdurchschuß auf die Tatwaffe schließen läßt.
Unklar schließlich blieb auch, ob sich tatsächlich Rauch-Freunde am Tatort aufgehalten und, nach den Schüssen, mit einem BMW das Weite gesucht hatten. Zwar verfolgten Verfassungsschützer davonlaufende Personen, die ihnen verdächtig schienen, verloren aber die Spur, wie später der Sicherheitsausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses hörte.
Zwar durchsuchten MP-armierte und mit kugelsicheren Westen geschützte Polizeitrupps West-Berliner Kommune-Wohnungen. kontrollierten BMW-Fahrer und überprüften mit gefundenen Schlüsseln 200 West-Berliner Mietshauspforten auf der Suche nach "mindestens fünf abgängigen Tätern" (Kripo) -- doch alles bis in die vorige Woche hinein ohne Erfolg.
Dabei war die Polizei nicht nur durch den -- später verletzten -- Kriminalhauptmeister Schultz von der Abteilung 1 (Politische Polizei) am Tatort vertreten. Sie nahm auch akustisch an den Ereignissen teil: Ein Zeuge, der gerade mit seiner Frau von einem Balkon aus den etwa 200 Meter entfernten Schießplatz betrachtet hatte, rief die Funkbetriebszentrale an; was er dem diensttuenden Beamten mitteilte, wurde auf einem Tonband festgehalten (siehe Kasten) -- auch daß "gleich daneben ... einer seinen Wagen" putzt.
Wer da seinen Wagen geputzt hat. konnte die Polizei bislang ebenfalls nicht ermitteln. Um so eifriger kümmerten sich die Rauch-Sympathisanten um die Sache: Die "Rote Hilfe" wieder "Extradienst" behaupteten, die am Tat-Ort anwesenden Verfassungsschutzbeamten hätten mitgeschossen und dabei den Polizisten verletzt, der zuvor Georg von Rauch niedergestreckt habe. Zum Beleg führte ein "Solidaritätskomitee Georg von Rauch" Zeugen an, die bei den Schützen Rufe gehört haben wollten wie: "Mensch, Günter, schießen wir doch nicht auf unsere eigenen Leute."
Innensenator Neubauer, auch für den Verfassungsschutz zuständig bestritt diese Darstellung. Neubauer: "Mitarbeiter und Beamte des Verfassungsschutzes dürfen keine Waffen tragen und haben auch an diesem Tage keine Waffen getragen." Er bestätigte aber, insgesamt vier Verfassungsschützer hätten sich in der Nähe, zwei davon in Sichtweite (40 Meter) des Tatorts aufgehalten, aber nichts Bemerkenswertes festgestellt.
Ohne Befund blieb schließlich auch ein Probeschießen, das West-Berlins Polizeiführung zwölf Tage nach dem Rauch-Zwischenfall mit den 9-mm-Waffen jener Polizeibeamten veranstalten ließ, die sich in der Nähe der Eisenacher Straße und ebenfalls auf Meinhof-Fährte befunden hatten. "Dieses Probeschießen", so rügte der "Tagesspiegel", "hätte, wenn es Routine gewesen wäre, früher geschehen müssen", und es half überdies keine der Fragen zu beantworten, die noch immer ohne Antwort sind.
Auch der Sicherheitsausschuß des Berlin-Parlaments blieb am Dienstag letzter Woche wiederum ohne hinlängliche Aufklärung. Staatsanwaltschaft, Polizeiführung und Verfassungsschutz beteuerten abermals, daß es ihnen bislang nicht gelungen sei, Tathergang und Tathintergrund aufzuhellen.
Bei noch immer dürftigem Erkenntnisstand vertagte sich der Ausschuß auf den 10. Januar. Ausschuß-Mitglied Heinz Kaschke von der FDP resignierend: "Das ist doch alles völlig irrsinnig. Da sieht ja keiner mehr durch."

DER SPIEGEL 53/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 53/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POLIZEI:
Feuer eröffnet

  • Star-Doubles: Helene und Robbie sind ein Paar
  • Einmalige Aufnahmen: Berghütte in den Alpen komplett schneebedeckt
  • Rot und groß: So sah der Superblutmond aus
  • Seemann mit YouTube-Kanal: Mitten durch die Monsterwellen