27.12.1971

SCHRIFTSTELLERWünsch dir was

Rund 300 000 Mark hat „Der dressierte Mann“ seiner bis vor kurzem völlig erfolglosen Autorin jetzt schon eingebracht -- der kurioseste Bucherfolg der letzten Jahre.
Zehn Jahre habe ich geschrieben", sagt die Autorin. "und dabei immer nur zugesetzt." Jetzt, seit einem Monat, holt sie endlich heraus:
Seitdem Esther Vilar, 36, sich und ihren "Dressierten Mann", eine mehr feuilletonistische als fundierte Retourkutsche auf die Frauen-Emanzipationsliteratur, in Dietmar Schönherrs Fernsehschau "Wünsch dir was" bekannt machen konnte, sind die schmächtige Autorin und ihr schmales Buch zu Bestsellern geworden, wie sie so schnell kaum je zustande kamen.
Bis zur "Wünsch dir was"-Sendung waren, seit Januar 1971, weniger als 30 000 Exemplare des "Dressierten Manns" verkauft worden. Nach dem Tele-Auftritt der Vilar schnellte die Auflage auf nun über 220 000 Stück.
Die Autorin selbst wurde zum Saalfüller: In der vorletzten und der vergangenen Woche drängten sich Hunderte zu Vilar-Lesungen plus Diskussion in Berlin (Hochschule für Musik), München (Deutsches Theater) und Hamburg (Auditorium maximum) der Bestseller wird noch besser weitersellern.
Esther Vilar: "Vielleicht bin ich im nächsten Jahr reich."
Der Vilar-Erfolg ist einer der kuriosesten im Literaturbetrieb der letzten Jahre.
Mit Geld eines amerikanischen Gönners namens Charles Caann hatten Esther Margareta Katzen -- in Argentinien geborene Tochter eines deutschen Emigranten und promovierte Medizinerin -- und ihr Mann, der nur wenig bekannt gewordene deutsche Schriftsteller Klaus Wagn ("Gottesgott"), 1969 in München den "Caann Verlag" gegründet. Dessen einzige Autoren: Klaus Wagn und Esther, die sich Vilar nannte.
Caann brachte die Wagn-Werke "Eine reiche Frau" (Roman) und "Entwurf einer allgemeinen Theorie des Bewußtseins" (92 Seiten) sowie die Vilar-Schriften "Der Summer nach dem Tod von Picasso" (Spiel), "Mann und Puppe" ("Comic-Roman"), "Über die Macht der Dummheit" (Essay, 14 Seiten) und "Die Lust an der Unfreiheit" (Essay, 76 Seiten) das ganze krause Familien-OEuvre, das sich insgesamt einer von Wagn erfundenen "Theorie des Genetivismus" verpflichtet weiß, blieb ohne Erfolg.
Dann verfaßte Frau Vilar -- während eines Aufenthalts in New York, fruchtbar verärgert durch die Lektüre amerikanischer Frauenbefreiungstexte und innerhalb von drei Monaten -- ihren "Dressierten Mann". Wagn, inzwischen von Esther geschieden, aber weiterhin mit ihr verbündet (sie hat einen achtjährigen Sohn), erkannte gleich, daß für dieses Werk Caann "zu klein" war, und bot es größeren Branchenkollegen an. Fritz Molden und der damalige Molden-Manager Olaf Paeschke lehnten ab, Bertelsmann (wo Paeschke heute managt) griff zu. Ein späterer Versuch Wagns, das Buch den Güterslohern wieder zu entwinden, weil sie nicht genug dafür geworben hätten, schlug fehl.
Das kesse, aber leicht wirre Pamphlet fand im Frühjahr 1971 nur wenig kritische Beachtung, meistens negative ("Frankfurter Rundschau": "Party-Geblödel einer Weitgereisten"), und tauchte nur kurz auf einem hinteren Platz der Bestsellerliste auf. Auch mehrere Interviews mit der Autorin in zünftigen Fernseh-Kultursendungen "bewirkten
Erst als der TV-Regisseur Peter Behle die Vilar in einer nächtlichen WDR-Radiosendung diskutieren hörte, bahnte sich der Erfolg an. Behle empfahl die Anti-Suffragette als "Wunsch dir was"-Gag, und als sie Schönherrs Spiel-Familien und der ganzen deutschen Tele-Nation ihre Aphorismen über die Ausbeutung des "hilflosen" Mannes durch die "blöde" Frau mit sanftem, doch entschiedenem Schwung an den Kopf geworfen hatte, da war sie gemacht.
Nun kamen die Reporter und die Photographen und die Hörer- und Leserbriefe -- noch jetzt täglich 60 bis 80 -- und die Bombendrohungen zuhauf. Bertelsmann in Gütersloh konnte nachdrucken und neu werben, und die "Schweizer Theatergastspiele", die schon Ephraim Kishon und Erich von Däniken mit Erfolg auf die Walz schickten, arrangierten die Lese- und Diskussions-Tournee "Begegnung mit Esther Vilar".
Die Begegnungen in Berlin, München und Hamburg wurden streckenweise zum "soziologischen Kabarett" (so ein Münchner Diskutant). Ernste Zeitgenossen vermißten Kritik am Kapitalismus, fragten nach dem anthropologischen Modell oder wo denn das Positive bleibe. Esther Vilar: "Ich habe mein Buch auf phänomenologischer Basis geschrieben
Was sie denn dazu sage, so fragte ein Hamburger die Autorin, "daß immer mehr deutsche Frauen lesbisch würden". Vilar: "Davon weiß ich nichts, offenbar wissen Sie mehr davon." Ein Argentinier erkannte die Autorin als Landsmännin, erklomm das Podium und küßte sie auf die Backe.
Nach dem wundersamen deutschen Vilar-Erfolg -- an den sich die Münchner Journalistin Hannelore Schütz jetzt mit einer "Dressierten Frau" anhängen will -- wird nun ein internationaler angebahnt: Übersetzungen vom "Dressierten Mann" werden bereits in sechs Ländern vorbereitet, auch in der "Women"s Lib"-Bastion USA. Bertelsmann hat nichts davon: Die Nutzung der Auslandsrechte hatten sich Esther Vilar und ihr Wagn selber vorbehalten.
Doch auch Bertelsmann schläft nun nicht mehr: Vom 1. Januar 1972 an, so gab der Verlag bekannt, kostet der Bestseller, der bisher für 14,80 Mark zu haben war, 16 Mark.

DER SPIEGEL 53/1971
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