06.12.1971

„Manche kommen durch, andere gehen kaputt“

Seit Jahresanfang sind 27 000 Spätaussiedler aus Polen in die Bundesrepublik gekommen, mit 300 000 rechnet das Rote Kreuz insgesamt -- die letzten Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten. Jeder dritte ist unter 15 und spricht polnisch zumeist besser als deutsch, die Älteren haben verklärte Erinnerungen an das alte und falsche Vorstellungen vom neuen Deutschland. Sie sind stärker gefährdet als jede andere Aussiedler-Generation. Eine Psychiaterin: „Sie haben Emigrationsneurosen und geben sich mit unqualifizierten Tätigkeiten zufrieden.“
Sieben Jahre lang sang der Schüler Norbert Ramolla, 13, aus dem Dorf Brese, Bezirk Oppeln, im Musikunterricht die Hymne seiner Heimat: "Jeszcze Polska nie zginela" -- Noch ist Polen nicht verloren.
Im Frühjahr 1971 verlor Polen seinen Sohn Norbert: Er wechselte -- mitsamt der Mutter Erika, 36, dem Vater Alfred, 37, und der Schwester Giesela, 14 -- in den Westen: in die Bundesrepublik Deutschland, nach Braunschweig.
Norbert lebt nun in einer Behelfsunterkunft am Stadtrand, Griegstraße 42a. Dort singt er nach, was der Plattenteller, den sein Vater vom ersten Lohn als VW-Arbeiter kaufte, ihm Tag für Tag vorspielt -- die Hymnen des Heintje: "Mama", "ich bau' dir ein Schloß".
Norbert will sieh, wenn er selber einmal Geld verdient, wenigstens ein Haus bauen. Und schon beim Konjugieren während des Deutschunterrichts iii seiner neuen Braunschweiger Schule wird ihm, so steht's im Schreibheft, Hoffnung gemacht: "Ich werde in einem schönen Haus wohnen, du wirst, er wird, wir werden ..."
Zwanzig Jahre lang schichtete die Arbeiterin Ingrid Solowska, 35, aus einem Dorf bei Königsberg, Steinplatten in einer volkseigenen Fabrik. Sie verdiente 1300 Zloty im Monat, rund 200 Mark nach westdeutscher Währung, und lebte, wie sie sagt, "hinter dem Mond".
Im Herbst 1970 rückte Ingrid Solowska, auf der Suche nach einem anderen Stern, zehn Längengrade gen Westen: in die Bundesrepublik Deutschland, nach Hamburg.
Sie lebt nun in einer Obdachlosenunterkunft. Von dort unternahm sie, gleich nach der Ankunft, einen Bummel ins Vergnügen, Reeperbahn, Große Freiheit, Kleine Freiheit: "Diese Leuchtreklame und die vielen Mädchen, das hab' ich mein Lebtag nicht gesehen."
Ingrid Solowska putzt Büro-Fußböden im Hafen. verdient knapp 800 Mark im Monat und hofft auf die Zukunft: "Wenn ich werd' gesund bleiben, kann ich arbeiten, wenn ich kann arbeiten, kann ich sparen."
Der 13jährige aus Schlesien, der das alte Deutschland nur aus Erzählungen kennt, und die 35jährige aus Ostpreußen, die sich kaum daran erinnern kann, sind von Amts wegen "angelangt am Ziel ihrer Wünsche". So heißt es im Begrüßungstext, der allen Neuankömmlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ausgehändigt wird.
Es sind Spätaussiedler. Spät, ein Vierteljahrhundert nach dem Kriege, haben sie ihre angestammte Heimat verlassen. Die meisten von ihnen kommen aus der Volksrepublik Polen: polnische Staatsbürger, die es nach Deutschland zieht -- oder nach dem, was sie davon in Erinnerung haben.
Sie kommen im Sonderzug (auf den sie jahrelang gewartet haben), mit Kind und Kindeskindern (die mitunter noch im Vorkriegs-Bleyle stecken), nicht selten mit Vieh und Futter (denn von einem Butterberg haben sie nie gehört). Manche von ihnen könnten der versunkenen Welt der Agnes Miegel entstammen ("Im Schoß der waldigen Düne lag meine Seele still").
Sie tragen so deutsche Namen wie Becker und Krüger -- oder so polnische wie Woiczik Josef und Krzikalla Franz, Majarek Maria und Vranski Kitty, Swierczok Günther und Massny Florian (so eine Namensliste der Düsseldorfer Stadtverwaltung). Sie sind zumeist Arbeiter und Kleinbauern, Handwerker und Hausfrauen. Sie kommen aus Ostpommern, Ostbrandenburg, Ostpreußen Schlesien und Oberschlesien.
Der deutsch-polnische Vertrag, den Willy Brandt und Józef Cyrankiewicz am 7. Dezember letzten Jahres unterzeichneten, hat ihnen den Weg nach Westen geebnet. 27 000 sind seitdem in der Bundesrepublik eingetroffen. Das Deutsche Rote Kreuz, das die Obersiedlung organisiert, rechnet für die nächsten Jahre mit insgesamt 300 000 Neubürgern aus Volkspolen.
Sie sind die letzten aus dem Osten: Nachzügler jener durch Deutschlands Krieg und Deutschlands Niederlage bedingten Völkerwanderung, die mit der Massen-Vertreibung von zwölf Millionen Ostdeutschen im Jahre 1945 begann und nun unter dem versöhnlichen Stichwort "Familienzusammenführung" endet.
Die Zeit dazwischen, ein Vierteljahrhundert Nachkriegszeit, hat hingereicht, manche Probleme in ihr Gegenteil zu verkehren: Die Deutschen, die einst von den Polen davongejagt wurden, ziehen ihre Rückkehr in die alte Heimat nicht mehr in Betracht -- ungeachtet wilder Sprüche bei den Vertriebenen-Treffen und ungeachtet polnischer Lamentos über solch "revanchistisches Geheul". Bei einer Repräsentativerhebung Ende 1970 gaben 74 Prozent der befragten Vertriebenen an, sie würden in Westdeutschland bleiben wollen.
Keiner weiß, wieviel Deutsche in Polen leben.
Und umgekehrt: Die Polen, die einst die Reichsdeutschen davonjagten" beklagen jetzt die Abwanderung der Restdeutschen. Die Warschauer Zeitung "Recht und Leben" kritisierte im Juni dieses Jahres die Regelung der deutschpolnischen Familienzusammenführung als "zu großherzig" und schrieb: "Auch heute verlieren wir, was für jede Nation am wertvollsten ist -- unsere Kinder."
Wie riskant es sei, den materiellen Lockungen des Westens zu erliegen, ist gängige Warnung in polnischen Blättern. "Nicht jeder", schrieb etwa die Warschauer "Polityka", "findet die westdeutsche Wirklichkeit in so rosigen Farben vor, wie sie heute auf den Postkarten der Bundesrepublik dargestellt wird."
Viele Auswanderungswillige, behauptet die "Trybuna Opolska", hätten mittlerweile erkannt, "daß sogar eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage ihnen die Heimat niemals ersetzen" könne. Die Kattowitzer Zeitschrift "Poglady" erinnerte "ruhelose Zugvögel" an die Grabsteine der Vorfahren in heimatlicher Erde, an "Denkmäler und steinerne Monumente"; so etwa hätten es auch westdeutsche Vertriebenen-Politiker sagen können.
* Im Durchgangswohnheim Borbeck.
Aber stärker als das Vermächtnis im Osten ist der Drang nach Westen. Bis jetzt liegen den polnischen Behörden 160 000 Anträge auf Aussiedlung vor. Westdeutsche Touristen hörten in Polen Äußerungen wie: "Wenn die bekommen könnten Rausfahrt, möchten sie sich besinnen keine Sekunde, möchten alle rausmachen."
Alle -- wie viele das eigentlich sind, weiß so recht keiner. Denn es ist eine Frage der Definition, wie viele polnische Staatsbürger als Deutsche gelten können, und sie ist keineswegs eindeutig zu beantworten. Inoffiziell beziffert Warschau die Zahl der Landesbewohner von "unbestreitbarer deutscher Volkszugehörigkeit" auf "mehrere zehntausend".
Es sind Pommern und Breslauer, Stettiner, Liegnitzer, Alt-Reichsdeutsche also, die der Vertreibung 1945 -- oft durch Zufall -- entgangen sind. Sie haben erst jahrelang vergeblich auf die Rückkehr der Deutschen und dann jahrelang vergeblich auf die Ausreise zu den Deutschen gewartet.
Aber die Chance. mit dem letzten Treck gen Westen zu ziehen, suchen auch viele wahrzunehmen, die -- unbeschadet früherer und jetziger Staatszugehörigkeit -- zumal in Oberschlesien immer ein Völkchen für sich gewesen sind: Grenzländler, wie sie einst in den Witzen von Antek und Frantek figurierten.
Heute zählen sie für Warschau zu den "Autochthonen" (Ureinwohnern). Im Jahre 1946 lebten laut Volkszählung in den "wiedergewonnenen West- und Nordgebieten" Polens noch 2 075 957 Deutsche; doch von 1950 an tauchten in den Statistiken keine Deutschen mehr auf. Statt dessen waren 1 104 134 Autochthone verzeichnet -- nach polnischer Leseart Mitglieder der ehemaligen polnischen Minderheit im Deutschen Reich, die "den Germanisierungsdrang überdauert und ihr Polentum bewahrt hat.
Das läßt sich nicht in Einklang bringen mit der deutschen Statistik von 1925, wonach die polnische Minderheit in Ostdeutschland nur zwei Prozent der neun Millionen Einwohner umfaßte; dazu kamen fünf Prozent, die sich "zweisprachig" nannten -- also 630 000 Menschen insgesamt.
Als Erklärung für die Zahlen-Diskrepanz (630 000 zu 1104 134) bieten sich die Umstände nach 1945 an: Da damals in den ehemaligen deutschen Ostgebieten das Bekenntnis zum Polentum ("Verifizierung") vor Vertreibung und beruflichem Abstieg schützte, läßt sich vermuten, daß etwa jeder zweite "Autochthone" ein ehemaliger Deutscher ist, der sich der Polonisierung anpaßte. Von ihnen wollen jetzt viele nachholen, was sie 1945 versäumten: nach Restdeutschland überzusiedeln.
Bei den westdeutsch-polnischen Vertragsverhandlungen 1970 sicherte Warschau zu, daß auch "Verifizierte" ziehen könnten, so sie Verwandte im Westen haben ("Familienzusammenführung"). Und obwohl die polnischen Behörden die mit Bonn getroffenen Regelungen im Lande eher zu kaschieren suchten, sprach sich -- auch auf Grund von Verwandtenbriefen und Rundfunksendungen aus dem Westen -- durch Mundpropaganda bald herum, daß es einen Weg westwärts gebe.
Ein Massenabzug der Deutschen gefährdet die polnische Industrie.
Seither werden, zwecks "Familienzusammenführung", Stammbäume nach ausgewanderten Ahnen durchforscht; für gemischte Ehen reicht es hin, wenn ein Partner den "richtigen Geburtsschein" hat (wie es jetzt in Polen heißt). Seither werden, beispielsweise in Breslau, Ausreisepapiere schwarz gehandelt. Seither nennt die polnische Presse Autochthone, die nicht mehr Polen sein wollen, "Einheimische", sprechen einheimische Deutsch-Polen wieder offen deutsch -- was 1945 verboten worden war.
"Wir sind wieder etwas selbstbewußter geworden", erläutert eine Aussiedlerin aus Ostpreußen -- selbstbewußter nach Jahren vergeblicher Hoffnung, in den Westen übersiedeln zu können. Denn obwohl bereits vor Unterzeichnung des Warschauer Vertrages, seit 1955, im Rahmen der "Familienzusammenführung" insgesamt 367 000 polnische Staatsbürger deutscher Herkunft ausreisen durften, standen stets mehr auf der Warteliste, als fahren konnten.
Heute erhalten viele Antragsteller noch immer einen ablehnenden Bescheid -- nach Paragraph 4 des polnischen Paßgesetzes "aus Staatsgründen". Doch die Beamten sind höflicher geworden und geben Anträge nicht mehr wegen eines fehlenden Dokuments kommentarlos zurück. Ein Ausreiseantrag führt auch nicht mehr automatisch zum Verlust des Arbeitsplatzes. Jetzt dürfen auch junge Leute, die in Volkspolen studiert haben, auswandern (sofern sie ihre Stipendien zurückzahlen).
Die Bleibt-doch-hier-Propaganda freilich nimmt zu, besonders in der Wojwodschaft Oppeln, deren eine Million Einwohner zur Hälfte "Einheimische" sind. Ein Massen-Abzug wäre gefährlich für Versorgung und Industrie -- kein Wunder, daß es Anfang des Jahres zu Reibereien und Schlägereien zwischen
Deutschen und Polen kam ("Raus mit den Slazacy, den Schlesiern"); daß Staatspräsident Cyrankiewicz nach Oppeln reiste, um die Einwohner zu beruhigen; daß sich Seim-Abgeordnete mit Ausreisewilligen in Beuthen trafen und sie zum Bleiben bewegen wollten.
Kaum einer läßt sich abhalten. Wer Haus und Hof hat, muß seinen Besitz dem polnischen Staat veräußern, der einen mageren Preis zahlt. Wer die Ausreisegenehmigung ergattert hat, verhökert häufig auch das Mobiliar, um den Reisepaß bezahlen zu können (763 Mark). Mitgenommen werden darf je Familie: ein Motorrad und zwei Fahrräder. ein Klavier, eine Harfe, zwei Kühe, zwei Pferde, drei Schweine, fünf Schafe oder Ziegen oder zehn Stück Federvieh.
Das Gesundheitszeugnis für einen mitreisenden Kanarienvogel kostet zwölf Mark, eine Speditionskiste 125 Mark -- und der private Obolus an den Zöllner ist auch noch fällig. "Man mußte sie alle bestechen", klagt ein Bergmann aus Schlesien, "wenn sie nichts bekommen, wühlen sie alles durcheinander." Ein Bauer, der sich mit zwei Pferden, zwei Kühen und 25 Zentnern Futtergetreide in Ostpreußen auf den Weg machte: "Die ganze Reise von Allenstein hat mich zwölf Liter Sprit gekostet." Es war 95prozentiger.
"Selten habe ich so glückliche Menschen gesprochen."
Und dann kommt der Tag, da die Aussiedler sicher sind, alles habe sich gelohnt: der Tag der Ankunft in Friedland bei Göttingen, Endstation ihrer Sehnsüchte. Mühsal, gewiß, liegt hinter ihnen -- wenn auch kein langer Marsch des Schreckens und der Verzweiflung ä la 1945. Noch auf dem Bahnsteig gibt es Apfelsinen und Pralinen: Süßes vom Roten Kreuz, gereicht von Hostessen mit Häubchen.
Noch auf dem Bahnsteig wird den Ankömmlingen harte deutsche Mark in die Hand gedrückt: die "Begrüßungsgabe der Bundesregierung" -- 100 Mark für Erwachsene, die Hälfte für Jugendliche. Aus der Broschüre "Starthilfen des Arbeitsamtes" lächelt ihnen ein Photo des Bundesarbeitsamtschefs und Heimatvertriebenen Josef Stingl mit mit dem Spruch "Nie jestescie sami -- Sie sind nicht allein" entgegen. Und wer am Dienstag, dem 20. Juli, in Friedland ankam, sah gar den Bundespräsidenten Heinemann ("Selten habe ich so glückliche Menschen gesprochen") am Gleis.
Anerkennung allenthalben: "Wir hatten einen sehr guten Eindruck von der Bundesrepublik", sagt der Musiker Peter Kroll, 51, der beim städtischen Sinfonie-Orchester Oppeln die Posaune blies. "Im ersten Moment habe ich mich gefragt, sind wir nun im Paradies oder ist es nur ein Traum", erinnert sich die Hausfrau Stefanie Skorupa, 38, früher Heydebreck (Oberschlesien), heute Lebach (Saar).
Gutes ist zu vernehmen: lm schleswig-holsteinischen Plön läßt Bäckermeister Gustav Kühn die Kinder von Aussiedlern zu sich kommen: Kaffee und Kuchen. In Düsseldorf bummelt ein Kreisbeirat für Vertriebenen- und Flüchtlingsfragen durch die Altstadt:
* Im Grenzdurchgangslager Friedland.
Bier und Brezel. In Hamburg spenden Soldaten der Heeresoffiziersschule ihren Lohn für Deicharbeiten zum Zwecke der Aussiedler-Erholung: 10 000 Mark.
Zweifel daran, daß es sich in diesem Land zufrieden, wenn nicht gar trefflich leben ließe, kommen in dieser allerersten Phase den Spätaussiedlern kaum. Keine Spur davon, daß ihnen die westdeutsche Gesellschaft "weithin verständnislos, mitunter sogar ablehnend gegenüber" stünde, wie das Düsseldorfer Sozialministerium meint. Immerhin schreibt auch die "Süddeutsche Zeitung", den "meisten von ihnen" werde nach der ersten Umstellung "auf Grund ihres bewährten Fleißes gewiß ein sozialer Aufstieg" beschieden sein wie den Vertriebenen nach dem Kriege.
Der Vergleich ist problematisch. Denn welche Zukunft die Aussiedler in der Bundesrepublik haben, wer sich als Leistungs- und Konsumbürger in die westdeutsche Gesellschaft einfügt und wer nicht, wie lange der Prozeß der sozialen Integration währt, so er zustande kommt -- das läßt sich nur bedingt ablesen aus der Eingliederung der Vertriebenen von 1945.
Damals, als alle von der "Katastrophe" sprachen. war sie auch für alle spürbar: die einen ausgebombt im Ruhrgebiet, die anderen in Ostpreußen von Haus und Hof gejagt -- Nullpunkt für alle oder doch fast für alle. Magermilch und Entnazifizierung gab es für einheimische Hessen wie für eingewiesene Schlesier. und als die Hungerjahre dann vorüber waren, von Demontage nicht mehr geredet wurde, die Arbeit sich wieder bezahlt machte, da wirtschafteten sie alle miteinander wie besessen und wunderten sich noch darüber.
An die Wohlstandsgesellschaft, die sich da formierte, fanden auch die Flüchtlinge aus der DDR und die Aussiedler aus Polen noch relativ leicht Anschluß. die in den fünfziger und Anfang der sechziger Jahre kamen -- obwohl auch dies dem Leiter des Landesnachforschungsdienstes im Bayerischen Roten Kreuz. Josef Zirnbauer ("Die Eingliederung ist im großen und ganzen gelungen"), wie "ein Wunder" vorkommt.
Kluft zwischen Erinnerung und Wirklichkeit.
Nötig hätten die es, die heute aus dem Osten kommen: "Ein Vierteljahrhundert später am Nullpunkt als ihre neue Umwelt" (so die "Zeit") sind die Risiken zumindest der sozialen Eingliederung für sie absehbar größer. Zuviel Zeit ist verstrichen, seit man noch unter Deutschen lebte, zu weit klaffen die Erinnerungen an das alte und die Wirklichkeit des neuen Deutschland auseinander, als daß Sozialdefekte ausbleiben könnten.
Jeder dritte Neuankömmling ist unter 15. Viele von ihnen sprechen besser polnisch als deutsch. "Es sind Kinder", so sieht es das Warschauer Blatt "Recht und Leben". "die polnisch denken und empfinden; die Entscheidung über die Ausreise fassen ihre Eltern für sie" Die Älteren aber, die in Polen nur mühsam die Landessprache erlernten und häufig ihre Kinder als Übersetzer herbeirufen mußten, sind in Jahren der Isolierung und Diskriminierung auf unwirkliche Weise deutscher geworden -- gebunden einerseits an die Vergangenheit, die sie insgeheim lebendig zu halten suchten, andererseits an ein fernes Land am Rhein. das ohne ihr Wissen eben diese Vergangenheit zu bewältigen trachtete. Nicht wenigen von ihnen mußte der Warschauer Ausgleich von 1970 als Verrat erscheinen.
So geriet ausgerechnet die Bonner Regierung, die den Aussiedlungs-Vertrag erwirkte, anfangs bei manchen derer in Verruf, die seit Jahren auf die Aussiedlung gewartet hatten. Einer von ihnen, der Willy Brandts Kniefall zu Warschau im polnischen Fernsehen sah, zum SPIEGEL: "Im ersten Augenblick hab' ich gedacht, ich nehm den Hammer und hau' in den Televisor. Jetzt sind wir verkauft für immer, hab' ich gedacht.
Zur patriotischen Verwirrung kommt die staunende Ratlosigkeit, die viele überkommt in dieser neuen Welt des Reklamerummels und Verkehrsgewühls, der Proteste auf den Straßen und der Nackten am Kiosk. Und der ersten Hochstimmung, willkommen zu sein und umsorgt zu werden, folgt nach gar nicht allzu langer Zeit die ernüchternde Erkenntnis, daß in der Bundesrepublik alles seinen Preis und manches auch gut Weile hat, etwa die Beschaffung einer Wohnung.
Das Land Nordrhein-Westfalen. das gegenwärtig mehr als die Hälfte aller Aussiedler aufnimmt, hat unlängst zentral erheben lassen, wie die während der letzten Jahre ins Land gekommenen Neubürger wohnen -- eine der wenigen Bemühungen, die soziale Konturierung der Aussiedler auszumachen.
Eltern nächtigen auf der Bettcouch, die Kinder auf dem Fußboden.
Die Statistik weist aus, daß lediglich die Gruppe derjenigen, die bis 1966 einreisten, praktisch vollzählig (99,11 Prozent) außerhalb von Notunterkünften untergebracht ist, vor allem im sozialen Wohnungsbau. Von denen, die 1969 kamen, lebt noch ein Viertel in Lagern. Von den 70ern ist es die knappe Hälfte. Wer in diesem Jahr gekommen ist, hat die Chance eins zu neun.
Und es sieht eher so aus, als würden sich die Verhältnisse verschlechtern. Die Bundesregierung hat den Ländern in diesem Jahr 150 Millionen Mark Subventionen für den Aussiedler-Wohnungsbau zugesichert. Damit sollen -- bei gleichem Kosten-Anteil der Länder -- rund 20 000 Wohnungen gebaut werden, eine Rechnung, die Bundeswohnungsbauminister Lauritz Lauritzen vor Monaten im Fernsehen aufmachte.
Der Gesamtverband der mit sozialem Wohnungsbau vornehmlich beauftragten gemeinnützigen Wohnungsbauunternehmen hält dieses Programm, so sein Referent Wolfgang Jüttner, jedoch für "reine Theorie". Die Verbandsrechnung: Der Bau einer familiengerechten Sozialwohnung kostet gegenwärtig im Schnitt bereits 80 000 Mark. Ohne die Finanzierungsbeiträge anderer Institutionen -- wie etwa den Kommunen -- könnten bei einer jährlichen Bausumme von 300 Millionen Mark lediglich 3700 Wohnungen errichtet werden.
Vor allem in den Ballungsräumen eröffnen sich düstere Aussichten. Im März erklärte der Düsseldorfer Stadt-Beigeordnete Dr. Rolf von Bönninghausen: "Angesichts des ohnehin noch vorhandenen Wohnungsdefizits von 8,7 Prozent jährlich erscheint das Problem der Aufnahme von jährlich rund 2400 Aussiedlern kaum lösbar." Im Mai meinte die Delegierte Julia Hennecken des hessischen Landesbeirates für Vertriebenen- und Flüchtlingsfragen zur Wohnungsbeschaffung: "So gut wie unmöglich."
Die Aussiedler kommen also auf die Warteliste. Das heißt: Sie bleiben fürs erste -- so es dem einen oder anderen nicht gelingt, auf dem freien Wohnungsmarkt ein paar Zimmer zu ergattern -- in staatlichen Notunterkünften.
Denn dort sind sie, nach der Verklärung von Friedland, alle angelangt: Zuerst kommt die Einweisung in eines der amtlich so genannten "Durchgangslager" der westdeutschen Bundesländer. Es sind, wie in dem nordrhein-westfälischen Interims-Asyl Massen bei Unna leidlich ausgestattete Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus (Festhalle, Bodelschwingh-Kapelle, Wasch-Automat; Durchschnitts-Aufenthalt: zehn Wochen) oder, wie auf der Hamburger Elbinsel Finkenwerder, unzureichend versorgte Obdachlosen-Unterkünfte (zwei Fürsorgerinnen für 1350 Personen, mit Exkrementen verschmierte Schlafdecken; Durchschnitts-Aufenthalt: ein Jahr).
Dann folgt die behördliche Einweisung in ein Übergangswohnheim in der von den Aussiedlern gewünschten Region. Auch diese Behausungen, zumeist placiert am Rand der Städte, sind in der Regel bestenfalls "gehobene Obdachlosenunterkünfte" (so Referent Walter Harder vom Diakonischen Werk in Düsseldorf).
In der Übergangsunterkunft Hochheim am Main (560 Aussiedler) etwa müssen sich fünf Personen 19 Quadratmeter Wohnraum teilen. Im hessischen Hasselroth ist eine achtköpfige Familie auf 32 Quadratmeter (zwei Zimmer) zusammengepfercht: die Eltern nächtigen auf einer Bettcouch, die Kinder davor auf dem Fußboden.
Und so leicht kommt man aus diesem Milieu nicht wieder heraus: In Düsseldorf (drei Aussiedler-Wohnlager mit 610 Plätzen) beträgt der durchschnittliche Übergangsaufenthalt anderthalb, in Rastatt (350 Plätze) bis zu zwei Jahre, und im Durchgangslager Hamburg-Finkenwerder leben einige Familien schon seit zehn Jahren.
Zwar sind die Gemeinden bestrebt, "die Leute umzuwälzen", wie sich Düsseldorfs Sozialamtschef Heinz Premassing ausdrückt. Doch wächst mit der Dauer des Asyl-Lebens die Gefahr der Asozialisierung. Sie ist am größten dort, wo die Aussiedler von vornherein mit Obdachlosen, also sozial schwachen Familien, zusammengebracht werden -- so am entlegenen Schnitterweg im Essener Stadtteil Borbeck.
"Ich habe in Polen nicht soviel gelitten wie hier."
Als dort die Stadtverwaltung den etablierten Obdachlosen auch noch drohte, sie zugunsten der Neuburger in andere Notunterkünfte umzuquartieren, fielen in der Siedlung -- so notierte die "Neue Ruhr Zeitung" ("NRZ") -- Worte wie "Pollacken" und "polnische Judensau".
Zum Zwist im eigenen Lager kommen die Sticheleien der Original-Essener Anrainer: "Pollackenvolk, Ihr wohnt in der Mau-Mau-Siedlung" -- ein Vokabular, das Essens Stadtjugendpfleger Horst Klein nicht bannen kann, wenn er bei Goodwill-Auftritten gelegentlich am Schnitterweg "Zauberkunststückchen" zeigt.
Die Magie der Wunderrepublik ist dahin, wenn Aussiedler solche Erfahrungen machen. Dann schlagen, wie anders, übertriebene Erwartungen in völlige Desillusionierung um. In dieser Schock-Phase wird vielen offenbar klar, daß ihre soziale Eingliederung eine mühselige, langwierige Sache ist; und manche geraten in Verzweiflung.
"Es ist ein Haß und nichts weiter", zitierte die "NRZ" eine Mutter. Eine andere: "Ich habe in Polen in "Feindesland" in über 20 Jahren nicht so viel gelitten wie hier in knapp zwei Jahren." Nach acht Monaten Lageraufenthalt in der Bundesrepublik philosophierte ein Aussiedler-Ehepaar in einem Brief an den Leiter des Evangelischen Hilfswerks in Friedland: "Es sind ja Menschen und Menschen, die einen, die durchkommen, die anderen, die kaputtgehen. .
Statt Geborgenheit verspüren manche nun Bedrohung: Es artikulieren sich die Ängste derjenigen, die nicht daran glauben "durchzukommen". Es zeichnet sich ab, was diesen Neubürgern bis dahin fremd war: "Regressions-Phobien, Störungen im sozial-kulturellen und sexuellen Bereich, Gefühle der Verlassenheit, Emigrationsneurosen".
So die Psychiatrie-Professorin Isabella Bielicki, die es wissen müßte: Sie ist selber Aussiedlerin und konstatierte, seit anderthalb Jahren in Mainz beheimatet, im vergangenen Jahr in Wiesbaden auf einer Fachtagung: "Es kann passieren, daß sich Aussiedler im Gastland nicht mehr auf die Straße wagen, oft nur noch mit Nachbarn im Wohnheim kommunizieren, verstört reagieren und deutlich Ängste zeigen."
Daß sie "oft nur noch mit dem Nachbarn" sprechen, erklärt sich häufig genug daraus, daß nur der Nachbar sie versteht: Bei weitem nicht jeder der ausgesiedelten Deutschen ist des Deutschen mächtig. Ein Memorandum der Arbeitsgemeinschaft der Landesflüchtlingsverwaltungen setzt "das Sprachproblem" sogar an die "Spitze aller Schwierigkeiten".
Je jünger die Aussiedler sind, desto größer das Problem: Nach einer Statistik des nordrhein-westfälischen Sozialministeriums haben nur die über 40 Jahre alten Aussiedler -- das sind nicht einmal die Hälfte der Neuankömmlinge -- "überwiegend gute Deutschkenntnisse". Die 26- bis 36jährigen sprechen dagegen zu 60 Prozent und die nach 1945 geborenen sogar zu 85 Prozent "schlecht" deutsch.
Für diese Aussiedler, die erst einmal die Sprache ihrer Mütter und Väter erlernen müssen, gibt es im Bundesgebiet 68 Institutionen mit rund 3200 Plätzen -- sogenannte Förderschulen: die einen nach Geschlechtern getrennt, wie im fränkischen Bamberg (20 Mädchen), die anderen gemischt, wie im westfälischen Espelkamp (210 Jungen und Mädchen); die einen nur für Kinder bis 14 Jahre, wie im westfälischen Bünde, die anderen nur für Schüler ab 14, wie im hessischen Hasselroth. Den Förderschulen sind Internate angeschlossen, die, wie auch ein Teil der Schulen selber, Sache der Kirchen sind. Nur in Hessen trägt der Staat sowohl die Hasselrother Schule als auch das Internat.
Der karitative Einfluß der Kirchen rührt aus der Zeit der ersten Aussiedler-Transporte in den fünfziger Jahren. Denn es waren die kirchlichen Organisationen, die, so das Länder-Memorandum, "die Notwendigkeit einer sprachlichen Förderung der mitgebrachten Jugendlichen als erste erkannten".
Warum sich der Staat bei der Lösung der Internatsfrage bis heute zurückhielt, erläutert der nordrhein-westfälische Ministerialrat Guido Zurhausen: "Für uns ist die bisherige Regelung, wenn ich ganz ehrlich bin, billiger."
"Wer aber die Sprache nicht lernt, sackt ab."
Was diese billige Regelung wert ist, deutet ein Mahnbrief des Düsseldorfer Sozialministeriums an das Bonner Familienministerium an: "Es mehren sich in erschreckendem Maße die Fälle, in denen ein unbedingt notwendiger Förderschulbesuch ... entweder überhaupt nicht begonnen oder vorzeitig abgebrochen wird. Das bedeutet eine unvertretbare Verkürzung der Berufs- und Lebenschancen für viele spätausgesiedelte Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik, die damit auch gesellschaftlich absinken."
Von den über 16 Jahre alten Aussiedlern. die von 1966 bis 1968 ohne ausreichende Deutschkenntnisse nach Nordrhein-Westfalen kamen, besuchten nur 51 Prozent eine Förderschule
und davon erreichte lediglich etwas über die Hälfte den Abschluß. Nach Schätzungen des Caritas-Verbandes" der zwei Drittel der Internate betreibt, bleiben von allen Altersklassen "mindestens 30 bis 40 Prozent derer, die es nötig hätten, den Schulen fern" (so Caritas-Sprecherin Gräfin Almeida).
Ministerialrat Georg Sippel, Leiter des Referats für Flüchtlinge, Vertriebene und Aussiedler im hessischen Sozialministerium. resümiert: "Die arbeitsfähigen Jugendlichen gehen oft in Hilfsarbeiter-Jobs, weil sie gleich verdienen wollen. Wer aber die Sprache nicht lernt, sackt auf das Niveau eines Gastarbeiters ab."
Und dieses Risiko sozialer Deklassierung wird selbst dann nicht ausgeschlossen, wenn eine Förderschule absolviert worden ist: Von 75 Aussiedlern im Alter von 14 bis 25 Jahren, die zwischen zwölf Monaten und zwei Jahren in Niedersachsen lebten, war nach einer Erhebung der Landesregierung aus dem Jahre 1969 lediglich jeder fünfte in einem Lehrverhältnis. Fazit der Untersuchung: "Trotz des abgeschlossenen Besuchs einer Förderschule wurden Sprachschwierigkeiten als Grund dafür angegeben, daß die Jugendlichen keine Berufsausbildung erfahren."
Den Förderschulen fehlt es offenbar an geeigneten pädagogischen Konzepten. "In der Frage der Methodik und Didaktik", so das Länder-Memorandum, "auch in der Anwendung moderner Erkenntnisse auf dem Gebiet der Sprachvermittlung, sind die Lehrer weitgehend sich selbst überlassen."
Die Aussiedler ihrerseits müssen für die fragwürdige Hilfe noch bezahlen. Der Internatsbesuch kostet monatlich zwischen 250 Mark (so in der hessischen Staatsschule) und 630 Mark (so der Pauschalsatz in Baden-Württemberg).
Zwar wird der Betrag erst einmal von den Jugendämtern oder von den Sozialämtern vorgeschossen, doch müssen sich die Familien, die über das Sozialfürsorge-Limit hinaus verdienen, an den Kosten beteiligen.
Ein vierköpfiger Aussiedler-Haushalt mit einem Gesamteinkommen von 1230 Mark netto zahlte etwa in Baden-Württemberg für zwei Kinder auf der Förderschule 236 Mark -- offenkundig zuviel für Bürger, die noch einmal von vorn anfangen müssen: Möbel, Miete, Kühlschrank, Kleidung.
Von der Möglichkeit, den Schulgeld-Anteil durch Zuschüsse aus dem Garantiefonds des Bundesjugendplans zu reduzieren (bei der baden-württembergischen Familie auf 54 Mark), erfahren die Neubürger meistens nichts. Und selbst bei den Beamten, die sich um die Aussiedler zu kümmern haben, diagnostizierte der nordrhein-westfälische Ministerialrat Zurhausen "Unkenntnis und Schwerfälligkeit". Der niedersächsische Ministerialrat Wilhelm Kampf: "Anstatt die Möglichkeiten restlos auszuschöpfen, würden die Sachbearbeiter am liebsten von ihren Schreibtischen weglaufen, so kompliziert sind die Berechnungen."
Der nordrhein-westfälische Ministerialrat Romuald Klappa hat denn auch vorgeschlagen, "die Förderung dieses Personenkreises auf eine neue gesetzliche Basis zu stellen und sie ganz aus dem Bereich der Sozialhilfe herauszunehmen". Bundessozialhilfegesetz und Jugendwohlfahrtsgesetz seien "keinesfalls geeignet, eine befriedigende Regelung der Kosten des Förderschulbesuchs zu garantieren".
Eine entsprechende Düsseldorfer Initiative freilich scheiterte. Der Gesetzgeber mochte nicht dem NRW-Argument folgen, "daß die Aussiedler ähnlich wie behinderte Kinder in der Bundesrepublik mit einem gesellschaftlichen Status beginnen, den sie nicht zu vertreten haben" (so Klappa-Kollege Zurhausen).
Daß vor allem junge Aussiedler in der Bundesrepublik mit Status-Verlusten rechnen müssen, bestätigte eine Untersuchung des baden-württembergischen Innenministeriums, das den beruflichen Werdegang von 240 Neubürgern zwischen 15 und 24 Jahren verfolgte: Zum Zeitpunkt der Aussiedlung waren 68 von ihnen in der Lehre oder auf einer Fachschule -- in der Bundesrepublik nur noch 45. Hilfsarbeiter-Status hatten in der alten Heimat 28 Jung-Aussiedler -- in der Bundesrepublik stieg die Zahl auf 58.
Die Bedeutung der beruflichen Eingliederung gemäß Vorbildung und Können -- Voraussetzung für eine bessere Existenzsicherung -- erschließt sich den Aussiedlern in der Anfangszeit nur schwer. "Die Aufklärung stößt auf Verständigungsbarrieren", sagt Ministerialrat Zurhausen, "die wollen zunächst arbeiten, arbeiten, verdienen, verdienen."
Arbeitsplätze für alle, für wenige ein Beruf.
Und Jobs gab es bislang überall: "Das VW-Werk schluckt alles auf", sagt Braunschweigs Flüchtlingsamtschef Walter Günther. "Bayer ist groß", findet sein Leverkusener Kollege Gerhard Samberger.
Der für Aussiedler zuständige hannoversche Ministerialrat Wilhelm Kampf wurde im Sommer von "einem Herrn aus der Wirtschaft" angerufen: "Der wollte ein Haus mit hundert Betten hinstellen -- mit Gemeinschaftsräumen gleich in der Nähe des Ölhafens von Wilhelmshaven." Und ein Dortmunder Hoch-Tiefbau-Boß vertraute der "Frankfurter Rundschau" an: "Ich hol' mir die Jungs aus Polen und schieb'n paar Itaker ab, ich tu' was für Deutschland."
Solche Sprüche klopft wenigstens die Bundesanstalt für Arbeit nicht, die den Aussiedlern ein ganzes Bündel stützender Maßnahmen bietet: volle oder partielle Übernahme von Bewerbungskosten. Reise- und Umzugskosten" Gewährung von Berufsbildungsbeihilfen" Kosten beruflicher Fortbildung, Trennungsbeihilfen.
Eine Arbeitsgruppe der Länderkultusminister soll sicherstellen, daß möglichst alle in Osteuropa erworbenen Bildungs-, Laufbahn- und Berufsbildungsnachweise in der Bundesrepublik anerkannt werden. Der Bundeswirtschaftsminister ist ermächtigt, polnische Facharbeiterbriefe wie entsprechende deutsche Zeugnisse zu werten.
Will sich ein Handwerker aus Polen in Westdeutschland selbständig betätigen, so wird er von der Handelskammer in die Handwerksrolle eingetragen, wenn die in Polen bestandene Meisterprüfung den deutschen Bedingungen entspricht -- bei fünf von sechs Bewerbern ist das der Fall.
Daß trotz dieser Konditionen in Niedersachsen 74 Prozent aller innerhalb von zwei Jahren angekommenen arbeitsfähigen Aussiedler, in Bayern "fast 70 Prozent der in den letzten Jahren eingetroffenen Aussiedler" und in Nordrhein-Westfalen 42,4 Prozent der länger als zwei Jahre zwischen Rhein und Ruhr lebenden Neubürger berufsfremd arbeiten, muß noch kein alarmierendes Zeichen sein:
Denn berufliche Mobilität gilt Soziologen und Pädagogen als zeitgemäßes Erfordernis. Und zwei Drittel der berufsfremd Tätigen hatten sich gar nicht bemüht, im erlernten Beruf unterzukommen -- vor allem, weil in anderen Jobs der "Verdienst jetzt hoher" ist (50 Prozent), weil die alte Arbeit "körperlich zu anstrengend" war (16 Prozent).
"So langsam dämmert einem, daß man nicht alles glauben darf."
"Anlaß zur Sorge" ist dem nordrhein-westfälischen Ministerialrat Klappa aber die Gruppe der Aussiedler, die sich um eine Arbeit im erlernten Beruf bemühte, aber nicht unterkam und sich deshalb als "nicht integriert" einstuft -- jeder dritte der berufsfremd arbeitenden, jeder siebte von allen arbeitsfähigen Aussiedlern (15,8 Prozent der Männer, 12,5 Prozent der Frauen nach einer Aussiedler- Befragung in vier Bundesländern).
Die einen scheiterten, weil sie Sprachschwierigkeiten hatten (18,5 Prozent), die anderen, weil ihre Zeugnisse nicht anerkannt wurden (12,5 Prozent) -- und jeder zweite (54 Prozent der Männer und 46 Prozent der Frauen), weil es am neuen Wohnort keine der Ausbildung adäquate Arbeitsstelle gab.
Ein von den Ländern gebildeter "Sonderausschuß zur Beratung der beruflichen Eingliederung der Spätaussiedler" zog daraus den Schluß, daß "eine bessere Koordination zwischen der Versorgung mit Wohnraum und der Vermittlung im Beruf" nötig sei. Die Behörden-Maßnahmen sollten sich "primär nicht auf die Vermittlung von Arbeit beschränken", sondern müßten "vor allem auf eine berufsgerechte und damit auch gesellschaftliche Eingliederung ausgerichtet sein".
Denn diese gesellschaftliche Eingliederung kommt -- so der ehemalige Vertriebenen-Staatssekretär und heutige Präsident des Katholischen Flüchtlingsrates in Deutschland, Peter Paul Nahm -- "nicht aus der Brieftasche". Jedenfalls nicht nur. Das Gesparte, das beim Fußbodenputzen anfällt, der alte Volkswagen, den man auf Raten ersteht, oder die Pulle Sekt, die nun feiertags fällig ist -- damit läßt sich das "Wohlbefinden" (Nahm) einer sozialen Integration nicht erkaufen.
So zerstiebt manche Illusion, die den letzten Treck aus dem Osten begleitete, in der neuen Heimat. Die Gesellschaft "steht den Aussiedlern und ihren Problemen eben doch so weitgehend verständnislos, mitunter sogar ablehnend gegenüber", wie das Düsseldorfer Sozialministerium meint.
Es kommt für die Aussiedler meist anders, als sie gedacht haben -- etwa für die Familie der Stefanie Skorupa, die "im ersten Moment" nach der Ankunft nicht wußte, ob "wir nun im Paradies sind". Stefanie Skorupa kann sich, nach zehn Monaten Bundesrepublik, nicht mehr im Paradies wähnen: "So langsam dämmert einem, daß man nicht alles glauben darf, was einem versprochen wird, und daß man sich ganz schön abrackern muß."
In Heydebreck besaßen die Skorupas drei Zimmer plus Küche, im saarländischen Übergangslager Lebach bewohnen sie -- zu viert -- das Zimmer 11 (16 Quadratmeter) im Block 10 A. Stefanie Skorupa: "Wir haben doch auch in Polen nicht im Stall gehaust."
In Heydebreck arbeitete Ehemann Karl als Elektrospezialist in einer Kunstdünger-Fabrik, in Saarbrücken mußte er als Hilfsmonteur bei Siemens anfangen -- Karl Skorupa: "Die Technik ist hier so kompliziert."
In der Volksschule Heydebreck war Sohn Bernard" 13, einer der Besten, in der Volksschule Lebach hat er Schwierigkeiten. Bernard Skorupa: "Es ist sehr schwer mit der Sprache."
Das könnten Startschwierigkeiten sein, vorübergehende Beeinträchtigungen. Daß sie nichts bedeuten müssen. zeigt das Beispiel des Aussiedler-Ehepaares am Orte, von dem alle in der Siedlung reden: Er ist Automechaniker, sie Krankenschwester; beide leben seit 14 Jahren in Lebach, haben eine Komfortwohnung" fahren einen Wagen und waren dreimal auf Urlaub in Rimini.
Es könnten aber auch Anzeichen sein von fortwährendem Ungemach. Die Ostpreußin Marta Kalweit, 79, lebt seit drei Jahren in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Mannheimer Aussiedler-Lager -- praktisch isoliert. Sie bekommt keinen Besuch, sie wagt sich nicht mehr weg, es sei denn in die Kirche; sie hat sich abgefunden: "Ich reiße hier den Rest meines Lebens ab."
"Die einen, die durchkommen, die anderen, die kaputtgehen" -- für die meisten Spätaussiedler mag sich diese beklemmende Alternative dereinst auf die bundesdeutsche Normal-Perspektive reduzieren: den Rest des Lebens für eine Wohnung, ein Auto, auch mal Rimini abzureißen. Fürs erste können die Aussiedler auch in der Bundesrepublik nur davon träumen, wie sie es schon in Polen taten.
Manche von ihnen wollten heim ins Reich, reich ins Heim kommt so schnell keiner. Sie haben es schwerer als alle, die vor ihnen kamen. Die ehemalige Warschauer Professorin Bielicki, die es geschafft hat und heute als Kinderärztin und Jugendpsychiaterin praktiziert, sagt es so: "Aussiedeln ist ein Abenteuer -- aber keins für Labile."

DER SPIEGEL 50/1971
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