29.11.1971

NPDRaus aus dem Mief

NPD-Führer Adolf von Thadden resignierte. Mit einem Abtritt entzog er sich den heftigen Fehden nationaldemokratischer Parteigruppen, deren Anhänger einander als „Halunken“ und „Ehrabschneider“ beschimpfen.
Im Sommer 1968 warnte NPD-Chef Adolf von Thadden seine badenwürttembergische Gefolgschaft eindringlich vor einem Kameraden: Der Tuttlinger Rechtsanwalt Martin Mußgnug, 32, der damals für den NPD-Landesvorsitz kandidierte, sei "als motorischer Verbandsführer nicht prädestiniert".
Am Sonnabend vorletzter Woche jedoch, beim NPD-Bundesparteitag im niedersächsischen Holzminden, schlug Adolf von Thadden just jenen Mann als seinen Nachfolger vor, den er einst selber für unfähig gehalten hatte. 259 der 462 Delegierten befolgten, was ihr Führer empfahl, und machten den Tuttlinger zum neuen Bundesvorsitzer.
Der unerwartete Aufstieg Mußgnugs ("Ich bin dazu gekommen wie eine Jungfrau zum Kind") markiert den Niedergang einer Partei, deren Wahlerfolge vor ein paar Jahren noch einen Siegeszug "neuer Nazis" ("Daily Express") anzuzeigen schienen. Nach einer Serie von Niederlagen in neun Landtagswahlen und dem Verlust von rund 7000 Parteigenossen binnen eines Jahres (heutiger Stand: etwa 20 000 Mitglieder) ist die NPD so zerstritten, daß Thadden am Vorabend des Totensonntags aus dem "Zustand der faktischen Nichtmehrführbarkeit" die Konsequenz zog, nicht wieder für den Vorsitz zu kandidieren -- eine Entscheidung. die den Parteitag, so ein Delegierter, "wie ein Keulenschlag" traf.
Denn der pommersche Edelmann war als Vorsitzender der Deutschen Reichspartei (DRP) und später als Spitzenmann der NPD für Gegner wie Gefolge jahrelang eine Art Vaterfigur der westdeutschen Rechten. Als der Star seinen Rückzug begründet hatte, versuchten Delegierte denn auch, mit Blumen und Tränen. Unterschriftensammlungen und Sprechchoren ("Wir wollen Thadden") ein Comeback zu erzwingen -- vergebens: Ihnen blieb schließlich, nachdem auch drei weitere Kandidaturen zurückgezogen waren, nur noch die Wahl zwischen
* dem überraschend aufgestellten Thadden-Mann Mußgnug, der ein paar Stunden vor seiner Nominierung unter dem Eindruck der Abtrittserklärung Thaddens über das Saalmikrophon schon das "Ende der NPD" verkündet hatte, und
* Thaddens Kontrahenten, dem bayrischen Landesführer und stellvertretenden Bundesvorsitzenden Siegfried Pöhlmann, 48, dessen Wahl wahrscheinlich eine Abspaltung der Thadden-Anhänger bewirkt hätte. Mit Mußgnug und Pöhlmann streiten in der NPD zugleich zwei Fraktionen um die Macht und über die Zukunft der Partei -- die beide Gruppen auf ganz verschiedene Art bewältigen wollen. Die verfeindeten Flügel befehden einander seit Monaten mit Ausschlußverfahren und Verbalinjurien; sie schimpfen sich "Halunken" und "Schweine", "Erpresser und "Lügner". "Ehrabschneider" und "perfide Elemente".
Hinter dem blonden, blauäugigen und 1,83 Meter großen Mußgnug steht die von ehemaligen NSDAP- und DRP-Mitgliedern beherrschte hannoversche NPD-Spitze (Parteijargon: "Syndikat") samt ihren -- auf rechte Weise -- gemäßigten Anhängern. Die alten Kameraden, durch jahrzehntelangen Umgang mit Gerichten gewitzt. ziehen es vor, auf behutsame Art -- lieber am Stammtisch als auf der Straße, lieber mit Broschüren als mit Sprechchören -- Wähler zu umwerben und sich stets rasch zu distanzieren, wann immer andere Mitglieder mit militanten Aktionen die Gefahr eines Parteiverbots verstärken oder NPD-Sympathisanten verschrecken könnten.
Der flexible Münchner Siegfried Pöhlmann hingegen, von Parteigenossen "Gummi-Siegfried" genannt, tritt seit über einem Jahr als Sprecher einer Gruppe vorwiegend jüngerer Mitglieder auf, die sich, von Wahlniederlagen frustriert, zu einer Art "Apo von rechts" (Thadden) entwickelt hat.
Die zuweilen mit Bundeswehr-Tarnjacken und Stahlhelmen ausstaffierten Jungen stürmen "raus aus dem Mief der dunklen Wirtshausstuben -- raus auf die Straße" (Flugblatt-Text), verfolgen national-sozialistische Ideen ("den deutschen Arbeiter ansprechen") und sind kaum noch bereit. Rücksicht auf Verfassungsnormen zu nehmen. In den Augen dieser Nationaldemokraten sind die traditionalistischen Thaddisten "liberalkonservative Scheißer" und "bürgerlich schlappe Gartenlauben-Patrioten".
Der Einfluß des Thadden-"Syndikats" auf die "Polit-Gangster" ("Süddeutsche Zeitung") innerhalb der Pöhlmannschen Hausmacht schwindet von Monat zu Monat. In Nordrhein-Westfalen, dem Landesverband des mit Thadden verfeindeten Politologen und Pöhlmann-Freundes Udo Walendy, 44, spürte die Polizei letztes Jahr 35 NPD-Mitglieder auf, die Trommelrevolver, Kleinkalibergewehre, Karabiner und eine Maschinenpistole gehortet hatten und mit Schießübungen auf Brandt-Bilder die "Ausschaltung" politischer Gegner probten.
Andere NRW-Nationalisten mit NPD-Parteibuch suchten, mit Messern und stählernen Schleuderkugeln bewaffnet, die Privatwohnung des Ministerpräsidenten Heinz Kühn auf, um Pinsel-Parolen ("roter Verräter") anzubringen, und schossen Kleinkaliber-Kugeln auf ein Bonner DKP-Büro.
In Pöhlmanns Bayern hantierten Nationaldemokraten mit geschmuggelten Waffen und skandierten -- bei einer Kundgebung der "Aktion Widerstand" in Würzburg -- "Scheel und Brandt an die Wand". Pöhlmann selber -- so Thadden -- empfahl seinen Nationaldemokraten, den Bayerischen Rundfunk (Parteimund: "Rotfunk") zu stürmen, und äußerte öffentliche "Genugtuung", als sein Münchner Anhänger Viktor Rüdiger Gislo, 22, im September auf Willy Brandt einschlug.
Monatelang verstanden es Pöhlmann und Walendy, Vorsitzende der beiden stärksten NPD-Landesverbände. die Versuche Thaddens abzuwehren, militante Mitglieder (und nebenbei auch ein paar persönliche Gegner) auszuschließen -- obwohl Thadden damit gedroht hatte, "nicht mehr zur Wahl zu stehen", wenn nicht "eine radikale Säuberung der Partei von jenen Kräften" erfolge, "von denen zu erwarten ist, daß sie auch künftig dafür sorgen, daß die Partei nicht wählbar bleibt".
Die Säuberung unterblieb. Dem Vorsitzenden wurde so lange "Rausschmiß-Mentalität" (Walendy) und "Hexenverfolgung" (Pöhlmann) vorgeworfen, bis er es auf dem "Vulkan irrationaler Unvernunft", den er selber in seinen Reden angeheizt hatte, nicht mehr aushielt. Thadden nach seiner Flucht: "In einer Partei, die sich in der Lage der NPD befindet, muß der Vorsitzende unerläßlich die innere Sicherheit haben, nach außen alles vertreten, verteidigen oder auch glaubhaft entschuldigen zu können, was in dieser Partei vorgeht ... Diese Sicherheit, aus der sicheren Übereinstimmung mit der Mehrheit der Partei, ist nicht mehr vorhanden."
Ob es dem Verlegenheitskandidaten Mußgnug gelingt, die Partei wieder auf Vordermann zu bringen, ist fraglich. In seinem eigenen Landesverband, dem er seit zweieinhalb Jahren vorsteht, hat es der Tuttlinger Anwalt bislang nicht vermocht, Ordnung zu schaffen.
Die zwölfköpfige baden-württembergische NPD-Fraktion -- letzte in deutschen Landen -- ist so zerstritten wie keine andere bundesrepublikanische Parlamentariergruppe: Ein Abgeordneter kehrte ihr den Rücken, weil er Fraktionskollegen auf dem Weg "von der NPD zur NSDAP" wähnte; ein anderer ist nur noch deshalb Parteigenosse, weil er bei Gericht eine einstweilige Verfügung gegen seinen Ausschluß erwirken konnte; ein dritter wurde wegen Passivität (Mußgnug: "Den interessierten nur seine Diäten") gefeuert; ein vierter warf seinem Landesvorsitzenden öffentlich vor, Landtags-Reisekosten falsch abgerechnet zu haben; Mußgnug selber sah sich schon 1968 genötigt, wegen "parteischädigenden Verhaltens" den Vize-Vorsitz der Fraktion niederzulegen.
Nach seiner Wahl in Holzminden gab sich Mußgnug, der einst als Funktionär des verbotenen "Bundes Nationaler Studenten" wirkte und letztes Jahr in Ulm bei einer internationalen Veranstaltung eine DDR-Flagge einholte, genauso gesetzestreu wie sein Vorgänger von Thadden. Mußgnugs Programm: "Ich lehne alle Aktionen ab, die dem einzelnen vielleicht Spaß machen können, aber nicht geeignet sind, im Rahmen der parlamentarischen Demokratie zum Tragen zu kommen."
Und wenn das nicht zum Tragen kommt, dann kommt vielleicht doch der Führer wieder. Mußgnug zum SPIEGEL: "Ich glaube durchaus, daß Herr von Thadden zurückkehren wird. In welcher Form, das weiß ich nicht."

DER SPIEGEL 49/1971
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