20.12.1971

Ernest Borneman über Friedrich Hacker: „Aggression“Warum etwas dagegen tun?

Der in Osterreich lebende Schriftsteller Ernest Borneman, 56, Autor des Wörterbuchs „Sex im Volksmund“ (SPIEGEL 22/1971), hat bei dem psychoanalytisch geschulten Ethnologen Géza Róheim studiert, 1972 erscheint bei Suhrkamp seine „Psychoanalyse des Geldes“.
Professor Dr. med. Friedrich Hacker, geboren 1914 in Wien, seit 1940 in Amerika ansässig, seit 1945 Chef eigener Kliniken in Kalifornien, ist ein ungewöhnlich kluger, vielseitiger und erfolgreicher Mann. Das Thema seines zum Teil in brillanten Aphorismen verfaßten Bestsellers "Aggression" diente dem diesjährigen Psychoanalytischen Kongreß in Wien als Kernpunkt aller Diskussionen.
Wer nun jedoch von Hacker zu erfahren hofft, wie wir mit unseren Aggressionen fertig werden können -- sei es durch Psychotherapie, sei es durch soziale Maßnahmen --, der wird das Buch am Ende enttäuscht niederlegen. Denn es sagt: Viele der menschlichen Aggressionen sind lebensnotwendig. Aber das, was wir als Aggression verdammen, ist stets nur das, was der andere tut.
Ein Psychoanalytiker sollte sich der Tatsache bewußt sein, daß sein Versuch, dem Leser eine Deutung des Wortes "Aggression" aufzuzwingen, die dem Sprachgebrauch in so extremer Form zuwiderläuft, einen unkontrollierten Akt eigener Aggression darstellt. Denn Duden definiert Aggression als "Angriff", "Überfall". Wahrig stimmt mit Duden überein und definiert aggressiv gar als "streitsüchtig".
Wenn Hacker nun den größten Teil der menschlichen Aggression nicht nur als nützlich, sondern gar als lebensnotwendig darstellt, dann verunsichert er seine Leser in solchem Maße, daß der Rest des Buches (und das ist ein "großer und wertvoller Rest) kaum noch als sinnvoll wahrgenommen wird.
Wogegen er sich mit Recht wehrt, ist sowohl die Sherringtonsche Lehre vom Reflex wie die Pawlowsche These vom bedingten Reflex, die beide den Menschen als prinzipiell reaktiv sahen, als eine Maschine, die auf die Umwelt reagiert. Im Einvernehmen mit Freud, aber auch mit Erich von Holst und den Pionieren der Verhaltensforschung sieht Hacker den Menschen deshalb nicht als Ding, das da passiv der Stimuli harrt, sondern als ein biologisches Wesen, das aktiven Energieaufwands bedarf, um sich durchzusetzen.
So weit, so gut. Wenn Hacker nun aber diesen aktiven Energieaufwand "Aggression" tauft, wenn er die positiven, die arterhaltenden Triebe des Menschen in den gleichen Topf mit dessen destruktiven Gewaltmaßnahmen wirft und beide "Aggression" nennt, ermutigt er nicht nur jene, die von der Gewalt profitieren, sondern auch solche, die zu träge und zu gleichgültig sind, um ihr zu widerstehen. Allen gibt er den gleichen Trost: Aggressionen haben ja oft auch positiven Wert; wieso soll man da etwas gegen die negativen Formen tun? Beide sind doch "natürlich"!
Zum Teil aus diesem Wirrwarr der Terminologie, zum andern aber auch aus einer gewissen Furcht, bei den Machthabern unserer Welt anzuecken, entspringt der Defätismus des Buches.
Was Hacker, wenn man eine komplizierte These in wenigen Worten summieren darf, über die Therapie der Aggression zu sagen hat, ist dies: Aggressionen sind notwendige Bestandteile aller uns bekannten Gesellschaftsordnungen. Wenn wir die Aggression abschaffen wollen, müssen wir erst einmal eine Gesellschaftsordnung erfinden, die nicht mehr der Aggression bedarf.
Wie aber bringt man eine solche Ordnung zur Welt, wenn der Prozeß der Geburt (wie Hacker in seinem Gespräch mit Herbert Marcuse andeutet) nicht ohne die Wehen gerade der negativen Gewalt denkbar ist? Dann befinden wir uns nämlich in einem Teufelskreis, aus dem es trotz der vielen klugen Ratschläge, die Hacker uns anbietet, keinen Ausweg gibt.
Der einzige Psychoanalytiker, der je vermeint hat, er könne einen Ausweg aus diesem Circulus vitiosus finden, Wilhelm Reich, wird deshalb prompt auch nur ein einziges Mal, und selbst dort nur beiläufig, von Hacker erwähnt.
Reich meinte, Aggressionen seien Resultate sexueller Frustration. Hacker weist dies zurück, weil es "weder die Universalität und Allgegenwart der Aggressionsäußerungen" erkläre noch "die offensichtliche Bereitwilligkeit des menschlichen Organismus, auf Frustration, aber auch auf viele andere Umweitreize zu reagieren. Die Frustrationshypothese legt den irrigen Schluß nahe, daß man durch Abschaffung von Frustration Aggression überhaupt zum Verschwinden bringen und damit das Paradies auf Erden schaffen könne. Weniger Frustration bedeutet nicht automatisch mehr Freiheit.
Hier also sind wir plötzlich wieder bei Pawlow, hier wird von "automatisch" und von "reagieren" gesprochen. Hacker kann aber nicht, wenn er seine eigenen Thesen vorbringt, den Menschen als aktives biologisches Wesen darstellen und ihn dann wieder zur Maschine werden lassen, wenn er die Thesen anderer Analytiker zurückweist.
Einerlei wie gering die Erfolgswahrscheinlichkeit der Reichschen Thesen sein mag, sie sind die einzigen, die jemals konkret genug waren, um zumindest eine Erprobung ratsam zu machen. Allerdings sollte man dabei nicht verschweigen, daß dieser Versuch den schärfsten Widerstand der psychoanalytischen Bewegung gefunden und zu Reichs Ausschluß während des Luzerner Kongresses von 1934 geführt hat.
Einem solchen Schicksal würde ein kluger, anpassungsfähiger Analytiker wie Hacker sich wohl kaum aussetzen. Wer eigene Kliniken in den Zufluchtsorten der Reichen Kaliforniens besitzt, Professor für Psychiatrie an der medizinischen und der juristischen Fakultät der Universität von Süd-Kalifornien, Präsident der Sigmund-Freud-Gesellschaft und Sachverständiger bei US-Bundesgerichten ist, kann sich kaum zum Sprachrohr einer alternativen Gesellschaftsordnung machen, selbst wenn er an sie glaubte.

DER SPIEGEL 52/1971
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