13.12.1971

Leonid Breschnew -- kann man ihm trauen?

Ein lebensfroher Apparatschik aus der Provinz hat sich an die Spitze der UdSSR gesetzt -- nach einem Aufstieg, der für die neue Klasse exemplarisch ist. Vorsichtig betreibt er die Reform der Sowjetgesellschaft, die Öffnung nach Westen, den Rückzug auf haltbare Grenzen: ein Politiker mit Einsicht in das Notwendige und Mögliche.
Wenn Musik erklingt, steigt ihm das Wasser in die Augen, und ist es die "Internationale", dann weint Leonid Iljitsch Breschnew richtige Tränen.
Aber er kann auch explodieren: Auf hartnäckige Prager Reformkommunisten soll er im August 1968 im Kreml mit den Fäusten losgegangen sein. Er sucht auch sonst die Berührung: Er klopft jedermann auf die Schulter. umarmt gern Genossen und küßt sie ab.
Wenn ihm irgendwo jemand zuwinkt, winkt er, sich selbst die Hand gebend, mit erhobenen Armen wie ein Champion zurück. Er möchte geliebt werden: ein Russe -- aber nicht nur das.
Er mag schnelle Autos. nennt einen Rolls-Royce Silvercloud sein eigen und bekam jüngst von Renault in Paris einen 165 Stundenkilometer schnellen 16 TS dazu. Breschnew entzückt: "Kann man damit 110 fahren?" Und, früher schon: "Wenn ich hinter dem Steuerrad sitze, habe ich das Gefühl, daß nichts passieren kann."
Er trägt Maßanzuge und tanzt gern und gut. Frauen gegenüber gibt er sich galant. Der ersten DDR-Dame, Lotte Ulbricht. schenkte er einen Handkuß. Madame Pompidou lobte ihren Tischherrn Breschnew: "Sie sind sehr unterhaltsam. Es ist sehr angenehm, neben Ihnen am Tisch zu sitzen." Darauf Breschnew artig: "Danke, ich war der Jüngste in der Familie, und so mußte ich immer nett zu Damen sein.
Breschnew sieht Breschnew gern im Spiegel. kämmt sich oft, streicht sich ständig mit beiden Händen das Haar zurecht. Auf offiziellen Photos läßt er ·die beiden senkrechten Falten um den Mund wegretuschieren.
Breschnew, der diesen Sonntag 65 wird, sieht männlich aus, mit willensstarkem Kinn, blauen Augen und buschigen Augenbrauen: "Stalins Schnurrbart. -- auf höherem Niveau", so ein Moskauer Witz. Er hat eine angenehme Baßstimme und redet neuerdings oft frei, sogar ohne Spickzettel.
Im Laufe seines Aufstiegs änderte er die Betonung seines Familiennamens: von der zweiten auf die erste Silbe, ohne 0-Laut -- das klingt für russische Ohren etwas vornehmer. Er legte sich eine randlose Gelehrtenbrille zu und benutzt eine Zigarettenspitze aus Bernstein: ein Mensch, der genießt -- aber nicht nur.
Leonid Breschnew, der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union, ist formell Chef von rund 300 000 Apparatschiks, die in Behörden, Fabriken und Kolchosen die Sowjet-Union lenken -- in Wahrheit ist er viel mehr.
In den letzten Monaten hat sich dieser Mann deutlich an die Spitze jener aus Premier Kossygin, Staatsoberhaupt Podgorny und ihm selbst bestehenden Troika gesetzt, die bis dahin kollektiv die Sowjet-Union zu führen hatte.
Leonid Breschnew ist heute der eigentliche Herrscher über 130 Millionen Russen und knapp ebenso viele Nichtrussen innerhalb des sowjetischen Staatsverbands. Sein Wort gilt zudem bei rund 100 Millionen Block-Bürgern außerhalb der UdSSR. Er kommandiert über drei Millionen Soldaten, 1510 Interkontinentalraketen, 20 Atom-U-Boote und eine schimmernde Hochseeflotte auf allen Weltmeeren. Seine Garnisonen stehen in Polen, Ungarn, der DDR und der CSSR, seine 16000 Militärberater in Ägypten.
Breschnews Stimme gab 1968 den Ausschlag. als das Moskauer Politbüro beschloß, den Prager Reformkommunismus mit Panzermacht auszuräumen. Er ist der Erfinder einer nach ihm benannten Doktrin zur Beschränkung der Souveränität sozialistischer Staaten: ein Mann der Macht mithin -- aber auch das nicht nur.
Denn derselbe Mann, dessen Prag-Schlag 1968 im Westen neue Bolschewisten-Angst weckte, verfolgt drei Jahre später eine konsequente Politik des Ausgleichs mit dem Westen, deren letzte Folgen vor allem für ihn selbst und sein Land noch kaum absehbar sind.
Vom "Ende der Nachkriegszeit -- zum gegenseitigen Vorteil" sprach Breschnew am vorigen Dienstag in Warschau. Der Moskauer und Warschauer Vertrag, das Berlin-Abkommen der vier Mächte und das innerdeutsche Berlin-Papier bereiteten den Weg für eine Entspannung und -- womöglich -- Truppenreduzierung in Mitteleuropa. Wie immer die Konzessionen der einen oder anderen Seite im einzelnen bewertet werden mögen: Daß Breschnew nichts gegeben habe, läßt sich höchstens in der "Welt" behaupten. Ohne Brandt, aber auch ohne Breschnew kein Erfurt, kein Kassel, kein Berlin-Abkommen. Und ohne Breschnew auch kein Friedens-Nobelpreis.
"Es ist wirklich zweifelhaft, ob Willy Brandt den Nobelpreis für seine Ostpolitik gewonnen hätte, wenn Breschnew nicht seinerseits eine "Westpolitik' entwickelt hätte", folgerte das US-Magazin "Newsweek".
Bevor er in Willy Brandt einen Verhandlungspartner fand, war Breschnew in seiner Westpolitik nicht weiter gegangen als bis zur Staatsgrenze der DDR. Dieser Staat war nach seinem Geschmack: ein technisch entwickeltes, relativ modernes Ostblock-Land, in dem die Apparatschiks das Sagen haben.
Anfang Oktober 1969 gab Breschnew ausgerechnet von Ost-Berlin aus, zum Gründungstag der DDR, als erster Kreml-Politiker ein deutliches Signal an die eben gewählte sozial-liberale Koalition in Westdeutschland:
Wir sind gegen die Spaltung Europas in sich gegenüberstehende Militärblöcke und für die kollektive europäische Sicherheit ... Selbstverständlich würden wir eine Wende zum Realismus in der Politik der Bundesrepublik begrüßen und wären bereit, darauf entsprechend zu reagieren. Das war noch unverbindlich. Damit es recht verstanden wurde, ließ Breschnew seinen Intimus, das Politbüro-Mitglied Kirilenko, am 5. Februar 1970 in Paris versichern:
Der Sowjet-Union liegt es fern, die in der Führung der BRD eingetretenen Wandlungen zu ignorieren.
Das war für die Sowjet-Union nicht einfach, denn jede Annäherung an Westdeutschland mußte auf das Mißtrauen der DDR stoßen: Ulbricht wünschte für seinen Staat Abgrenzung vom Westen und forderte völkerrechtliche Anerkennung durch Bonn -- darauf bestand Moskau nun nicht mehr.
Zur Unterzeichnung der westdeutschsowjetischen Vertragsurkunden am 12. August im Kreml drängte sich der bis dahin unbeteiligte Breschnew in letzter Minute zwischen die Partner Brandt und Kossygin und krönte auf den Photos die geschichtsträchtige Szene mit seinem selbstbewußten, leicht verkniffenen Antlitz. Er zog Brandt in den Sitzungssaal des Politbüros, um ihn näher kennenzulernen.
Bis dahin hatte Moskau Ost-Berlins Anspruch vertreten, erster Entspannungsschritt in Europa müsse die -- selbst von der sozial-liberalen Regierung verweigerte -- Anerkennung der DDR sein. Im Moskauer Vertrag aber vereinbarte Breschnew Entspannung, ohne "daß die DDR anerkannt war.
Als Freund Ulbricht daraufhin im November zu einem Ostblock-Gipfel in Budapest nicht erschien, reiste Breschnew mit seinen Führungsgenossen spontan nach Ost-Berlin und stellte Ulbricht.
Die Wachstumsraten sinken.
Auch West-Berlin lag für Moskau nun nicht mehr auf dem Territorium der DDR: Vor dem 24. Parteitag der KPdSU sprach Breschnew für eine "Lösung, die auch die Interessen der West-Berliner berücksichtigt". Gleich darauf mußte Ulbricht -- offenbar mit brüderlicher Hilfe der Sowjetpartei -- sogar auf seinen Posten verzichten.
Im Juni kam Breschnew zum SED-Parteitag, lobte "realistisch denkende Kreise im Westen, die sich für die Festigung des europäischen Friedens einsetzen", pries den Gewaltverzichtvertrag und versprach der DDR nur noch "gebührende Berücksichtigung" ihrer "legitimen Interessen und souveränen Rechte. Im September kontrahierte Moskau mit den Westmächten über die Zugangswege nach Berlin -- für die es Jahre zuvor der DDR die Souveränität zugesprochen hatte.
Auf der Rückreise von Frankreich nahm der Kreml-Chef am 30. Oktober zwei Tage Aufenthalt in Ost-Berlin, um den Deutschen-Ost die Zukunft zu erläutern. SED-Chef Honecker nannte das "brüderlichen Meinungsaustausch", Breschnew nannte es nur "Verhandlungen". Vorige Woche sorgte wahrscheinlich Breschnews Apparat -- angesichts der Nato-Konferenz unter Zeitdruck -- dafür, daß Ost-Berlins ins Stocken geratene Gespräche mit West-Berlin wieder in Gang kamen.
Wer ist nun der Mann, der den Prager Reformkommunismus liquidierte, aber mit einem Sozialdemokraten auf der Krim intim wurde, der eine berüchtigte Doktrin verfaßte, aber die DDR auf Ausgleichskurs zwang, der die bis dahin verteufelten Westdeutschen unversehens (wie es vielen schien) karessierte? Ist er ein Stalin mit Tarnkappe oder ein verhandlungsfähiger Vernunft-Bolschewik? Kann man ihm trauen?
Mit den Einschränkungen, denen der Grundsatz von Treu und Glauben zwischen Staaten -- allen Staaten -- unterliegt, kann die Antwort nur heißen: Die von Breschnew verfolgte Entspannungspolitik ist im Augenblick motiviert und schlüssig. Und: Leonid Breschnew, der Russe, der Lebemann, der Machtmensch, der Diplomat. ist trotz allem Anschein kein Mann mit mehreren Gesichtern, sondern aus einem Guß: meist ruhig, offenbar selbstbewußt, deutlich ehrgeizig, nüchtern und geschickt -- modern. Frankreichs "Le Figaro" schätzte ihn treffend ein: mehr "Manager-Direktor als Diktator".
Breschnew hat bei aller Emotionalität durchaus Sinn für Macht und Machterhaltung, aber unter den Bedingungen einer gewandelten Welt. Er ist kein Ideologe wie der Melancholiker Lenin. kein Terrorist wie der Phlegmatiker Stalin, kein Irrwisch wie der Choleriker Chruschtschow. Sanguiniker Breschnew ist vor allem ein Realist, der ziemlich sicher weiß, was man machen kann und was nicht.
Er setzt -- tut Nixon es nicht? -- seine Soldaten ein, wenn die Existenz seines Herrschaftssystems auf dem Spiele steht. Aus demselben Grund kann er auch das Steuer herumwerfen, Kompromisse schließen, Konzessionen machen und den Rückzug antreten. Viele Gründe zwingen ihn dazu -- aber bislang haben sich sowjetische Parteichefs solchen Erwägungen entzogen.
Alle Macht in einer Hand.
Breschnews Reich, an Fläche das größte der Erde, produziert etwa ebensoviel Rohstahl und Kühlschränke wie die USA und mehr Zement, aber nur ein Viertel der Kunststoffe, ein Fünftel der Personenautos und ein Zehntel der Computer.
Seine Bürger sind wohlgenährte, gesunde, disziplinierte Menschen, die in Frieden gut leben möchten. Noch haben sie den niedrigsten Lebensstandard, die rückständigste Gesellschafts- und Staatsverfassung aller Industriestaaten. Breschnews Untertanen können nicht produzieren und kaufen, nicht lesen und schreiben, was sie wollen, sie können nicht wählen, wen sie wollen, und nicht reisen, wohin sie wollen. Von der Umwelt isoliert, von Partei, Polizei und Zensur bevormundet, werden sie noch heute in Patriotismus. Pflichtmoral und Prüderie gedrillt.
Über die Produktion bestimmt die Bürokratie und nicht der Produzent, und der hat weniger materielles Interesse an einer Produktionssteigerung, weil
* Oben: Getreide-Dreschen in Kasachstan. Unten: Wasserkraftwerk an der Wolga.
der Staat den Mehrwert abschöpft -- vorwiegend für las, was man auch in der Sowjet-Union Sicherheit nennt.
So ist die Arbeitsproduktivität nur halb so hoch wie in den USA, die Wachstumsraten sinken, und der Ausstoß wichtiger Güter sinkt absolut.
Die Russen, freundliche, geduldige Menschen, reagieren nicht mit Rebellion, sondern mit Unlust. Leonid Breschnew weiß das und will es ändern. Auf dem 24. Parteitag der KPdSU am 30. März dieses Jahres verkündete er: Die Partei geht auch davon aus, daß die Hebung des Wohlstands der Werktätigen immer mehr zu einem dringlichen Erfordernis unserer wirtschaftlichen Entwicklung selbst, zu einer wichtigen ökonomischen Voraussetzung des raschen Wachstums der Produktion wird
Die moderne Produktion stellt nicht nur an die Maschinen, an die Technik rasch wachsende Forderungen, sondern auch vor allem an die Arbeitenden selbst Fachkenntnisse, hohes berufliches Ausbildungsniveau und allgemeine Kultur des Menschen werden zur unerläßlichen Voraussetzung für die erfolgreiche Tätigkeit immer breiterer Schichten von Werktätigen. All dies hängt jedoch wesentlich vorn Lebensstandard ab, davon, wie vollständig die materiellen und geistigen Bedürfnisse befriedigt werden können. Solche Konzessionen an "die Wünsche des Volkes sind für die Sowjetpartei ungewöhnlich. Sie beweisen die -- bislang bestrittene -- Fähigkeit des Regimes, auf die Stimmungen von Konsumenten, seien sie Intellektuelle oder Arbeiter, zu reagieren. Die meuternden Journalisten und Parteifunktionäre in der Tschechoslowakei, die streikenden Arbeiter und demonstrierenden Hausfrauen in Polen waren ein Alarmzeichen auch für die Sowjet-Union: Die Regierung muß reformieren.
Breschnew ist bei allem Modernismus konservativ genug, Veränderungen nur als Anpassung an die äußerste Notwendigkeit zu wollen, unter sicherer Kontrolle und zur Bewahrung des Status quo der Machtverhältnisse -- das heißt: unter der absoluten Führung der Partei. Ihr Chef bestimmt das Tempo.
Möglicherweise teilt Breschnew heute schon manche Vorstellungen der Reformer von Prag -- aber er paßt auf, daß er die Entwicklung in der Hand behält. Er sieht wahrscheinlich, daß die Supermacht Sowjet-Union sich in der Innenpolitik wie nach außen realistische Ziele setzen und -- mit China im Rücken -- auf haltbare Positionen zurückziehen muß.
Für eine solche Politik der Anpassung ist Leonid Iljitsch Breschnew der rechte Mann -- er ist mitnichten, was ihm Antikommunisten anhängen wollen: ein neuer Stalin. Dieser Eindruck entstand, seit Breschnew als dominierende Figur auf der Sowjet-Bühne auftrat.
Mit dem Vorstoß eines Führers, der sowohl die Partei als auch den Staatsapparat in seiner Person vereinigt, hat der Sowjetstaat immer wieder -- und vor allem in Krisenzeiten -- sein System gefestigt. So ist "die UdSSR wie wenige Staaten im 20. Jahrhundert stabil geblieben -- außer den USA und England hat kaum ein anderes großes Land 54 Jahre mit unverändertem politischem System überstanden.
Für den Weg zur Alleinherrschaft, wie sie unter Lenin bestand, brauchte Stalin 17 Jahre, er ließ dazu zwei Drittel der Mitglieder des Zentralkomitees erschießen. Gleich nach Stalins Tod war Malenkow "Partei- und Regierungs-Chef -- für eine Woche, dann mußte er das Parteiamt an Chruschtschow abgeben. Der bewältigte den Machtkampf bis zur Vereinigung der Ämter des Parteichefs und des Premiers in fünf Jahren; er ließ zehn Mann, fast alles Geheimpolizisten, darunter deren Chef Berija, erschießen und sieben Opponenten im Politbüro absetzen.
Breschnew ließ niemanden erschießen. Er brauchte sechs Jahre bis zur Position eines Parteichefs, der zugleich die Regierungsgeschäfte bestimmt.
Langer Marsch durch die Büros.
Er nimmt heute regelmäßig an Sitzungen des Ministerrats teil (was Stalin und Chruschtschow nicht taten, solange sie nur Parteichefs waren). Das Außenministerium berichtet neuerdings unmittelbar dem Politbüro, wo wichtige außenpolitische Fragen auch ohne den Ministerrat entschieden werden.
Breschnew zeigte seine neue außenpolitische Kompetenz beim Rendezvous mit Willy Brandt in Oreanda im September und dem Besuch in Paris im Oktober, wo man den Parteioberen mit allen Ehren eines Staatschefs empfing.
"Breschnew gewinnt Spaß an der Außenpolitik", berichtete Brandts Unterhändler Egon Bahr. "Seine erste Aktion war der Moskauer Vertrag. Die Öffnung zur Bundesrepublik ist mit seinem Namen verbunden." Willy Brandt beobachtete "bei Breschnew die "Neugier eines nun auch nicht mehr ganz jungen Mannes gegenüber den Problemen und Persönlichkeiten eines Landes und eines Teils der Welt, mit der er bisher wenig zu tun gehabt hat".
Aber Breschnew war für den Sprung in die große Politik, in die Verhandlungen mit der kapitalistischen Außenwelt gut vorbereitet: In einer verschlungenen Partei-Karriere hat er gelernt, mit Menschen umzugehen, Gelegenheiten auszunutzen und Macht zu gebrauchen. Sein langer Marsch durch die Parteibüros bis in den Kreml hat ihn Fähigkeiten erwerben und Erfahrungen sammeln lassen, die ihm in der Weltdiplomatie zugute kommen -- den Blick für das Machbare und die Bereitschaft zu Kontakten und wechselnden Koalitionen, das heißt, die Orientierung am Grundgesetz einer sich etablierenden Klasse: Beziehungen sind alles.
Leonid Breschnew repräsentiert eine neu aufgestiegene soziale Schicht seines Landes -- die Sowjetbourgeoisie.
Er vertritt jene Funktionäre, Ingenieure, Akademiker und Offiziere, die heute den Sowjetstaat tragen -- aufgewachsen unter dem Kommunismus. ausgebildet auf Sowjetschulen, die Ersatz "für das verjagte alte Bürgertum zu liefern hatten, aufgestiegen in Positionen, aus denen die alte Garde der Revolutionäre hinausgesäubert wurde.
Die neue Klasse "hat sich von dem Proletariat, aus dem sie kam, emanzipiert. Sie hat die Revolution an China abgetreten -- und sie fürchtet die Chinesen. Sie ist stolz auf ihr großes Vaterland, das .sie für die beste aller Welten hält; sie ist durch wohldosierte, gezielte Privilegien an diese Gesellschaft gebunden. Sie will Ruhe, Ordnung und Frieden -- die Bewahrung dessen, was sie sich errungen hat. Und fortschreitend will diese Klasse der Mittelmäßigkeit noch mehr materielle Vorteile, mehr Rechte, mehr Freiheiten für sich selbst.
Während Lenin Sohn eines geadelten Beamten war, Stalin einen Schuster zum Vater hatte und Chruschtschow den Leibeigenen eines deutschen Gutsbesitzers, hat Leonid Breschnew (wie auch Kossygin) eine lupenreine proletarische Vergangenheit: Vater Ilja Breschnew war Metallarbeiter in Dnjeprodserschinsk, und der Sohn war es auch.
Dort, in der Ukraine, wurde der Russe Leonid geboren und wuchs er auf. Die Fabriken und Gruben von Dnjeprodserschinsk und der Nachbarstadt Dnjepropetrowsk, am Dnjepr, haben Breschnew geprägt. Dort begann er seine, für Erfolgs-Apparatschiks exemplarische, Karriere, von dort holte er sich später seine Vertrauten und Berater.
Leichte Karriere in der Armee.
Er begann als Agronom; 1931 jedoch bot die Industrie, die gerade mit dem ersten Fünfjahresplan angekurbelt wurde, Aussichten auf eine "Karriere. So ging Breschnew als Arbeiter in das Metallurgie-Werk von Dnjeprodserschinsk, trat in die Partei ein und studierte nebenher in Abendkursen am Metallurgie-Institut. Ehrenamtlich betätigte er sich an seiner Ingenieurschule als Parteiorganisator.
Mit deren Patent wurde er Ingenieur in seinem Werk. absolvierte zwischendurch den Militärdienst und "leitete dann ein Technikum in seiner Fabrik. Dabei sammelte er die ersten Freunde. die ebenso ehrgeizig waren wie er selbst und ihm später nutzen konnten.
Im Mai 1937 -- es war die Zeit der großen Säuberungen -- wurde der Posten des Vize-Bürgermeisters am Ort frei. Der energische Ingenieur Breschnew bewarb sich -- mit Erfolg. Ein Jahr später konnte er das Verwaltungsamt mit einem Parteiposten in der Nachbarstadt tauschen: Er wurde Abteilungsleiter des Gebietsparteikomitees von Dnjepropetrowsk. Nun war er in der Laufbahn, die nach oben trägt.
Sein Chef, der Erste Gebietsparteisekretär Korottschenko, hatte den Platz des Genossen Pramnek eingenommen, der liquidiert worden war. Karat-
* Käuferschlange in Moskau.
tschenko wurde bald Premier der Ukraine -- und Aufsteiger Breschnew wurde Gebietsparteisekretär. Er blieb es bis Kriegsbeginn 1941.
Nun machte Breschnew Karriere, wo es im Krieg am leichtesten ist: in der Armee. Breschnew hatte die Empfehlung seines früheren Landesparteichefs Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, der nun gleichfalls -- als politischer Kommissar -- zur Armee ging. Breschnew diente als Politruk, bald im Range eines Generalmajors, der 18. Armee der Nordkaukasischen Front. Armee-Befehlshaber war der heutige Verteidigungsminister Gretschko.
Breschnews Kriegstaten sind erst in letzter Zeit durch die Erinnerungen von Kombattanten bekannt geworden. Der Brigadekommissar Breschnew, so heißt es da, stellte im August 1942 zur Verteidigung des Städtchens Tuapse im Kaukasus -- wo ·die Deutschen ihre "Indische Legion" einsetzten -- eine besondere Stoßeinheit aus 500 Parteimitgliedern und Jung-Genossen ("Komsomolzen') auf.
Breschnew, so erinnert sich der Augenzeuge Lukjanow, "war mit einer Gruppe von Politleitern eingetroffen, um der Brigade in den schwersten Stunden Mut zuzusprechen. Er setzte durch, daß die Truppenführung eine Abteilung 'Katjuschas' (Stalinorgeln) und Artillerie dorthin entsandte, welche die Faschisten zwangen, sich von unseren Stellungen abzusetzen. Er verweilte zwei Tage bei unserer Brigade, unterhielt sich mit den Soldaten, ermunterte sie ... Die Soldaten glaubten dem Brigade-Kommissar, weil er sich vor den Kugeln nicht fürchtete. Seine Geistesgegenwart übertrug sich auf die anderen ..." Militärchef Gretschko lieferte die Reminiszenz, wie der Kommissar 1943 im Schwarzen Meer mit einem Küstenboot auf eine Mine lief:
L. I. Breschnew wurde von einer gewaltigen Explosion ins Meer geschleudert und verlor das Bewußtsein. Dank des Muts und der Hilfsbereitschaft der Matrosen wurde das Leben von L. I. Breschnew gerettet.
Der Davongekommene nahm an der Eroberung Ungarns, Polens und der Tschechoslowakei teil: im Mai 1945 marschierte er mit den Sowjettruppen in Prag ein, damals noch als Befreier.
Breschnew ist heute der einzige Mann in der Parteiführung, der drei Kriegsorden trägt: zwei Rotbannerorden und einen Orden des Roten Sterns (zu deutsch: zweimal das EK I und ein Deutsches Kreuz in Gold).
Vermutlich schwankte Breschnew nach dem Ende des Krieges, ob er nicht Soldat bleiben sollte. Er wurde Politchef des Transkarpatischen Wehrkreises. Bald aber zeigte sich, daß die Armee nicht mehr soviel galt wie im Krieg. Untrügliches Zeichen: Marschall Schukow wurde vom Ersten zum einfachen Vize-Kriegsminister zurückgesetzt, dann entlassen.
Im August 1946 wird Breschnew Gebietsparteichef in Saporoschje, eine Autostunde vom geliebten Dnjepropetrowsk entfernt. Er bewährt sich als politischer Leiter beim Wiederaufbau des Stahlwerks "Saporoschstal". Ein Jahr darauf ist. er wieder in Dnjepropetrowsk, denn Chruschtschow wird wieder Ukraine-Parteichef. Breschnew bewährt sich beim Aufbau des Dnjepr-Kraftwerks "Dnjeproges", Stolz der Sowjet-Union in den dreißiger Jahren.
Stalin wird auf den Parteisekretär aufmerksam und erteilt ihm einen Bewährungsauftrag: Breschnew muß 1950 neue Erfahrungen im Umgang mit Nichtrussen sammeln -- als Parteichef in Bessarabien (Moldau-Republik). .Der Ex-Landvermesser bringt die dort lebenden Rumänen in die Kolchosen zurück.
Er macht das so gut, daß Stalin ihn auf Chruschtschows Fürsprache nach Moskau holt und auf dem 19. Parteitag 1952 zum ZK-Sekretär und Kandidaten des Politbüros (damals: "Präsidium des ZK") ernennt. In einem der wenigen neu gebauten Funktionärs-Silos, Haus 26 am Kutusow-Prospekt, bezieht Breschnew eine Dreizimmerwohnung.
Die Marine rettet ihn zum zweitenmal.
Fünf Monate später ist Gönner Stalin tot. Breschnew verliert seinen Posten im Politbüro und ZK-Sekretariat. Er rettet sich auf einen Warteposten, der ihn in Moskau und damit dem Zentrum der Macht nahebleiben läßt: Er wird Chef-Politruk der Sowjet-Marine.
Nach einem Jahr stabilisieren sich die Machtverhältnisse in Moskau. Chruschtschow, inzwischen Chef der KPdSU, braucht Erfolge und erinnert sich der landwirtschaftlichen Erfahrungen Breschnews. Er schickt ihn nach Kasachstan, wo er Chruschtschows großtönendes Programm der Neulandgewinnung verwirklichen soll.
In der mittelasiatischen Unionsrepublik Kasachstan waren bis dahin alle Parteichefs gescheitert. Doch Breschnew hat Glück mit dem Wetter: Er erreicht eine Rekordernte. Zum 20. Parteitag 1956 kehrt er mit dem Ruf eines Erfolgsmenschen und ausgezeichnet mit dem Lenin-Orden in die Sowjet-Hauptstadt zurück. Am 15. Februar 1956 abends, am zweiten Tag des 20. Parteikongresses, spricht Breschnew vor 1430 Delegierten als zehnter Diskussionsredner im Programm (Redner Nr. 12: der chinesische Gastdelegierte Tschou En-iai).
Er gibt stolz bekannt, 18 Millionen Hektar Neuland seien gewonnen worden, davon 15,3 Millionen in den letzten zwei Jahren -- unter seiner Führung. Inkognito besuchte Breschnew den Vatikan.
Er wird wieder ins ZK gewählt, er wird wieder ZK-Sekretär und kommt auch wieder als Kandidat ins Präsidium.
Von den elf Vollmitgliedern und sechs Kandidaten dieses Präsidiums und von den acht ZK-Sekretären, die der Entstalinisierungs-Parteitag 1956 wählte, gehören heute nur noch zwei diesen Spitzengremien an: der Königsmacher der Partei, Michail Suslow, 69. und Breschnew.
·Bei der Ausschaltung aller denkbaren Konkurrenten mußte Breschnew nun vor allem gegen einen Mann den Kampf aufnehmen, der ihm hinderlich werden konnte: Frol Romanowitsch Koslow. der Kronprinz der Partei. Koslow war zwei Jahre jünger als Breschnew, aber fünf Jahre länger Mitglied der Partei.
Breschnew stieg 1957 zum Vollmitglied des Präsidiums auf. Dennoch stand er die folgenden sechs Jahre im Schatten seines Rivalen Koslow: Als der auf dem 22. Parteitag 1961 Vize-Parteichef wurde, war Breschnew bereits auf den aussichtslosen Posten des formalen Staatsoberhaupts abgeschoben, eine Repräsentativ-Funktion ohne Einfluß.
Doch Breschnew nutzte das Abstellgleis. Er bezog eine neue Wohnung im alten Haus am Kutusow-Prospekt -- er erhielt jetzt fünf Zimmer. Und er reiste.
Kaum ein sowjetischer Parteifunktionär reiste soviel wie Breschnew. Selbst Chruschtschow nicht, dem die "Reiselust bei seinem Sturz vorgeworfen wurde. Als erstes fuhr Staatschef Breschnew in die DDR, zur Beerdigung von Wilhelm Pieck. Dann besuchte er Guinea, Ghana, Marokko, wobei seine Iljuschin etwas vom Kurs abwich und beinahe von französischen Düsenjägern abgeschossen worden wäre.
Er reiste nach Ungarn, in die Tschechoslowakei, nach Finnland, in den Sudan (mit 56 Mann Begleitung), nach Indien (mit 31 Mann und Ehefrau Wiktorija), Jugoslawien (mit Chruschtschow-Schwiegersohn Adschubej, mit Wiktorija und Tochter Galina, die zu großen Garderobe-Aufwand trieb und seither nicht mehr mitgenommen wurde).
Er reiste wieder in die Tschechoslowakei, nach Afghanistan und -- im November 1963 -- in den Iran, von wo aus er Jacqueline Kennedy nach dem Attentat auf den US-Präsidenten ein Beileidstelegramm schickte: "Ich ·bin tief erschüttert und entsetzt." Er reiste noch einmal in die Tschechoslowakei und verlängerte, am 10. Dezember 1963, den Freundschaftspakt um fünf Jahre. Er fuhr zur Beisetzung des KP-Chefs Togliatti nach Italien und besuchte inkognito den Vatikan, um sich die Sixtinische Kapelle anzusehen. Er besuchte Bulgarien und, als letztes seiner Amtszeit als Staatsoberhaupt, die DDR.
Breschnew behauptete kürzlich, auch in China gewesen zu sein -- wovon offiziell nichts bekanntgeworden ist. Nach Amerika jedenfalls kam er nie. Chruschtschow (nach der Kondolation zur Ermordung Kennedys) zum US-Botschafter in Moskau: "Schade, daß ich Breschnew nicht zur Beerdigung schicken kann. Mir läge daran, daß er Amerika kennenlernt." Offenbar ahnte Chruschtschow, wer einmal an seine Stelle treten würde.
Als Staatschef hatte Breschnew genügend Muße, seine Kontakte zu alten Kameraden zu pflegen -- in der Armee und in der Flotte, aus Kasachstan und vor allem aus der schönen Zeit in Dnjepropetrowsk. Einer half dem anderen beim Aufstieg.
Breschnew konnte nicht wie Chruschtschow und Kossygin mit seinem Schwiegersohn Politik machen. Tochter Galina hat einen Hang zu Leuten vom Zirkus. Ihre kleine Tochter lebt -- ohne ihre Mutter -- in Breschnews Haushalt. (Galina wollte zum Film; seit sechs Jahren arbeitet sie bei der Presseagentur "Nowosti" und möchte am Institut für Journalismus' promovieren.)
Zwei weitere Enkelkinder, Leonid und Andrej, hat Sohn Jurij, 29, Breschnew beschert. Jurij hat, wie der Vater, Metallurgie studiert und war 1960 bis 1963 der Handelsvertretung in Stockholm attachiert, hielt sich dann in England und Japan auf. Wegen Trunklust wurde er lange Zeit nicht mehr ins Ausland geschickt; heute ist er Leiter der staatlichen Handelsorganisation "Promssyrjo-Import", die Edelstähle einführt, und durfte vorletzte Woche die VÖSt in Linz besuchen.
Vater Breschnew ist häuslich. Noch heute lebt er in "der -- von Geheimpolizisten mit Funksprechgeräten und von motorisierten Milizionären gesicherten -- Wohnung am Kutusow-Prospekt. zusammen mit Ehefrau Wiktorija Petrowna ("Ohne sie bin ich nichts") und seiner "Mutter, 85.
"Die ist, berichtet der Parteichef, noch gut zu Fuß, liest Zeitungen, sieht fern und strickt. Und paßt auf die beiden Hunde auf: eine Dogge und einen kleinen sibirischen Hund namens "Sobol" (Zobel). Ein Zimmer dient Breschnew als Büro, ein Raum ist das gemeinsame Wohnzimmer, einer das Schlafzimmer der Eheleute Breschnew. und je ein Zimmer haben Großmutter und Enkelkind für sich.
Breschnew besitzt noch eine noble Datscha 30 "Kilometer westlich Moskau in einem Sperrgebiet hinter grünem Bretterzaun: einen Bungalow mit modernem Flachdach und Swimming-pool. Und oft zieht es ihn in die Wälder um Sawidowo zur Jagd. Er behauptet, einmal an einem Tag sechs Wildschweine geschossen zu haben, und er schwärmt von der Zeit in Kasachstan, als er auf Bärenpirsch ging. Früher trieb er viel und planmäßig Sport: Er lief Ski und Schlittschuh, radelte und holte sich sogar ein Diplom als Amateur-Fallschirmspringer.
Er schläft schlecht ein, raucht zuviel und hat sich deshalb ein französisches Zigarettenetui angeschafft mit einer Sperre und einer Art eingebautem Wecker, der sich so einstellen läßt, daß der Apparat etwa nur alle 45 Minuten eine Zigarette spendet. Dann kommt Breschnew auf 17 Zigaretten am Tag.
Vor drei Jahren hatte er einen leichten Schlaganfall, der ohne Folgen blieb; Breschnew leidet an Magengeschwüren und Kreislaufbeschwerden, fühlt sich aber nach eigenem Befund "kerngesund". Durch Diät hat er kürzlich 15 Pfund abgenommen. In Moskau spricht man von der Dnjepr-Mafia.
Um 8.45 Uhr verläßt Breschnew seine Wohnung und fährt mit einer Eskorte von zwei Polizeiwagen in das Jugendstil-Gebäude des Zentralkomitees am Staraja Ploschtschad Nr. 4, hinter dem Kaufhaus "Gum".
Im ZK-Büro bleibt er bis 22.30 Uhr, dort ißt er auch. Er hat ein zweites Büro im Kreml: im ersten Stock des Senatspalastes innerhalb eines Bezirks der Burg, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich und durch Sichtblenden abgeschirmt ist,
Der ganze Dienstag jeder Woche ist mit einer Sitzung des ZK-Sekretariats ausgefüllt, mittwochs tagt im Kreml der Ministerrat, am Donnerstag tritt (im Kreml) das Politbüro zusammen. Spätabends liest Breschnew zu Hause noch Akten oder berät mit Vertrauten.
Breschnews Freunde sind keine einflußreichen Verwandten, sondern Männer. die er auf seinem Weg nach oben aufgelesen hat. Von seinen Anhängern unter den 240 ZK-Mitgliedern stammen so viele aus Dnjepropetrowsk oder Dnjeprodserschinsk, daß man in Moskau von der "Dnjepr-Mafia" spricht: insgesamt zwölf Genossen, darunter die Politbüro- Mitglieder Kirilenko und Schtscherbizki sowie drei Vizepremiers der Sowjet-Union.
Sein engster Alliierter ist Nikolai Anissimowitsch Schtschelokow, 61. Er wohnt einen Stock über Breschnew. Ihn lernte Breschnew während seines Studiums kennen, er war Bürgermeister von Dnjepropetrowsk, als Breschnew dort Parteisekretär war.
Beziehungen zu allen Winkeln des Partei-Apparats.
Als Breschnew nach Bessarabien ging, tauchte dort Schtschelokow ein Jahr später als Vize-Premier auf. Er blieb dort, zuletzt als Vize-Parteichef. Vor fünf Jahren kam er nach Moskau und wurde Minister für öffentliche Ordnung. Der Name enthielt herausfordernd das Wort, nach dem sich die zaristische Geheimpolizei nannte: "Ochrana". Seit drei Jahren heißt das Ministerium wie die Geheimpolizei am Ende der Stalinzeit: MWD.
Für Breschnew arbeitete ferner der Genosse Pawel Nikitowitsch Alferow, 1906 wie Breschnew in Dnjeprodserschinsk geboren. Er war erst Hilfsarbeiter in Breschnews Werk, trat ein Jahr früher als Breschnew in die Partei ein und schloß sein Studium ein Jahr vor Breschnew ab. Er war im selben Werk wie Breschnew dann Schichtmeister und Abteilungsleiter und begann mit ihm am selben Ort seine Parteikarriere.
Nach dem Krieg ging er nach Moskau: 1946 war er Abteilungsleiter in der Kaderverwaltung des ZK -- und zu dieser Zeit wechselte Breschnew aus dem Truppendienst in den Parteidienst zurück. Er ist offensichtlich der Mann, der Breschnews Personalakte stets zuoberst legte. Denn er wurde später Vizechef der Parteikontrollkommission -- und verwaltete so immer die "Kader"- Akten der Partei.
Während die Dnjepr-Mafia sich mit gegenseitiger Hilfestellung nach oben hangelte, sammelte Breschnew zusätzliche Verbündete. Mit Beziehungen in allen Winkeln des Parteiapparats ausgestattet, trat er an, auf die letzten Sprossen zur Spitze zu klettern. Wieder half ihm dabei seine Fortune: Am 10. April 1963 erkrankte Konkurrent Koslow unheilbar (er starb am 30. Januar 1965). Am 21. Juni wurde Breschnew -- zum drittenmal -- ZK-Sekretär, zusammen mit dem Ukrainer Podgorny. Ein Jahr später gab Breschnew den Posten des Staatschefs an Mikojan ab.
Im ZK-Sekretariat, der obersten Partei-Administration, konnte Breschnew sich durch geschickte Kader-Politik zunächst den Partei-Apparat unterwerfen und dann mit Hilfe des Apparats die Macht erobern. Er brauchte dazu, da er sich in erster Linie auf Organisation und Taktik verstand, tüchtige Berater -- Fachleute für die große Politik. Er hatte sich längst einen Stab herangezogen, auf den er sich nun stützen konnte. Die meisten seiner Experten stammten wiederum aus der alten Heimat am Dnjepr (siehe Kasten Seite 94).
Nur ein Mann tauchte in Breschnews Vorzimmer auf, der nicht vom Dnjepr stammt: der außenpolitische Experte Andrej Michajlowitsch Alexandrow. Seinem Einfluß ist wohl der Wandel in Breschnews Meinung über Westdeutschland zuzuschreiben -- nachdem der Russe sich zunächst lange Zeit nur in Ostdeutschland wohl gefühlt hatte.
Dort, in der DDR, hielt sich Breschnew auch -- unverdächtig -- auf, als sich in Moskau die Apparatschiks zusammenschlossen, um Nikita Chruschtschow zu stürzen -- einen alten Mann, der sich unbeliebt gemacht hatte, weil er Stalin zu tief stürzte, Reformen zu ungestüm vorantrieb, in Kuba und Berlin außenpolitische Mißerfolge einhandelte, zu plötzlich die Annäherung an Westdeutschland betrieb -- und durch dauerndes Umorganisieren den Parteiapparat verärgerte.
Drei Männer kamen als Chruschtschows Nachfolger in Frage: der Wirtschaftsfachmann Kossygin, der Partei-Denker Suslow und Breschnew. Gewinnen konnte nur, wer von allen drei Machtsäulen -- Partei, Regierungsapparat, Armee -- akzeptiert wurde. Der Ingenieur Kossygin war bereits 1939 -- 13 Jahre vor Breschnew -- ins ZK gekommen, aber er hatte kaum Kontakte zum Parteiapparat -- er hatte nie ein Parteiamt. war nur 1938 einige Monate lang im Leningrader Gebietsparteikomitee Abteilungsleiter für Industrie und Transport gewesen. Auch mit der Armee hatte er nichts zu tun gehabt, die Evakuierung Leningrads 1941 /43 leitete Kossygin als Zivilist.
Der hochangesehene Parteimann Suslow wiederum hatte weder zur Armee noch zum Verwaltungsapparat je Beziehungen gehabt. Im Krieg war er Politruk, aber ohne militärischen Rang. ohne Kampforden -- ein Funktionär.
Breschnew aber hatte 17 Jahre lang Parteifunktionen ausgeübt, zehn Jahre Verwaltungs- und Wirtschaftsfunktionen, und sieben Jahre hatte er der Armee gedient.
Er kannte Rußlands nichtrussische Brudervölker. Er kam -- wie Lenin, Stalin, Chruschtschow -- aus der Provinz und hatte so die Funktionäre vom Lande mit ihrer Abneigung gegen die Zentrale hinter sich. Er hatte überall Freunde und Fürsprecher.
Apparatschiks, Manager und Militärs, das ganze Volk wünschte vor allem eines -- Ruhe: Keine Revolution nach der Art Lenins und Trotzkis mehr, keinen Terror wie unter Stalin, aber auch nicht mehr -- wie unter Chruschtschow -- die aufregende Vielgeschäftigkeit der Experimente und Programme, Kompetenzstreitigkeiten und Versetzungen.
Bei seiner Rückkehr aus der DDR am 11. Oktober 1964 empfing ZK-Sekretär Suslow, die graue Eminenz der KPdSU, Breschnew auf dem Moskauer Flughafen. Breschnew war bereit, sich am Sturz seines Förderers, der ihm nun im Wege stand, zu beteiligen: Breschnew war es, der Chruschtschow per Tele-
* Mit Titos Ehefrau Jovanka.
phon aus dem Urlaub am Schwarzen Meer vors Moskauer Politbüro zitierte.
Der von Breschnews Arroganz in Wut versetzte Chruschtschow soll unflätig reagiert haben. Nach Belgrader Informationen nahm Breschnew Chruschtschows Antworten auf Tonband und spielte sie dem ZK vor, was auch zögernde Genossen von der Notwendigkeit einer Entlassung des Partei- und Regierungschefs überzeugt haben soll.
Die Minister kehrten aus der Provinz zurück.
Aber die ZK-Genossen waren vorsichtig geworden. Nach den Erfahrungen mit Stalin und Chruschtschow beschlossen sie -- unter Berufung auf Paragraph 28 des Parteistatuts, der die "Kollektivität der Führung" zum "obersten Prinzip" erklärt -- die Macht über den Partei- und den Regierungsapparat nicht mehr in einer Hand zu vereinen, sondern zwischen Breschnew als Erstem Sekretär des ZK und Kossygin als Ministerpräsident zu teilen, eine vernünftige Lösung. Denn Breschnew war der liberalste unter den konservativen Partei-Apparatschiks, Kossygin der konservativste unter den verhältnismäßig liberalen Regierungs- und Wirtschaftsfunktionären. Das Duo mußte gut zusammenarbeiten. Und in der Tat hat die UdSSR seither, seit sieben Jahren, ihre stabilste Führung.
Nach dem Machtwechsel gab es keine Nacht der langen Messer, nur Chruschtschows Schwiegersohn Adschubej sowie der närrische ZK-Sekretär für Landwirtschaftsfragen, Poljakow -- er hatte für Freiluft-Viehställe geworben -- verloren ihre Posten.
Die Aufteilung der Parteiorganisation in eine Arbeiter- und eine Bauernpartei wurde rückgängig gemacht, die Sekretäre erhielten ihre alten Schreibtische zurück, die Generale der konventionellen Streitkräfte wieder ihren angestammten Sitz im ZK. Alle Minister, die durch Chruschtschows Dezentralisierung in die Provinz versetzt und in alle Winde zerstreut waren, kehrten in ihre Moskauer Ministerien zurück.
Den Bauern wurde das Leben erleichtert durch Garantien für ihre Privatgärten, Mindestlöhne (in bar), Aufnahme in die Sozialversicherung. Den Arbeitern und Direktoren wurden wie immer Reformen versprochen. Die Intellektuellen wurden gemaßregelt -- aber nicht zu sehr. Großangelegte Kampagnen gegen innere Feinde mochte niemand mehr mitmachen, alle Disziplin-Parolen verliefen im Sande, es blieb alles so, wie es war -- wie es der herrschenden Bürokratie behagte.
"Breschnew ist politisch erledigt."
Ganz unauffällig, ein Jahr nach seinem Amtsantritt, nahm Breschnew den Machtkampf wieder auf, der ihn ganz allein an die Spitze bringen sollte: Er entmachtete das junge Polit-Genie Schelepin, schickte Mikolan in Pension, schob Podgorny auf den Posten des Staatsoberhaupts ab und ersetzte den Geheimpolizeichef Semitschastny durch den ZK-Sekretär Andropow. Es gelang Breschnew sogar. schrittweise sieben Minister oder deren Vize aus dem Kossygin-Kabinett gegen Parteifunktionäre seines Vertrauens auszutauschen.
Auf dem 23. Parteitag 1966 tat Breschnew seinen ersten Schritt zur Alleinmacht: Er ließ sich auf Antrag des (inzwischen abgesetzten) Moskauer Stadt-Parteichefs Jegorytschew den Titel Stalins verleihen -- Generalsekretär.
Er nutzte jede Gelegenheit zu Gesprächen mit Männern der großen Politik und meldete dadurch Kompetenz in der Außenpolitik an. Immer bereit, den Gesichtskreis zu erweitern, reiste Breschnew, wo ihm Zeit blieb, wie er es als Staatschef getan hatte. Als Parteichef brachte er bisher (in sieben Jahren) 47 Auslandstourneen hinter sich. Mit einer Ausnahme -- Frankreich 1971 -- führten sie alle in sozialistische Bruderstaaten. Damit war dargetan, daß seine Genossen die Zuständigkeit des Parteichefs auf Länder beschränkt sehen wollten, in denen Kommunisten an der Macht sind. ·Die Außenpolitik gegenüber nichtkommunistischen Ländern sollte nicht seine Sache sein.
Genossen versuchten, den Drang des ZK-Generals nach oben zu bremsen. Im Juni 1966 warnte die "Prawda": "Der Parteisekretär ist kein Führer, ihm ist nicht das Recht verliehen worden zu kommandieren ... Wer die Kollektivität der Führung bedroht, wird von der Partei zu Recht bestraft."
Zwei Jahre darauf bereiteten die tschechoslowakischen Genossen dem gesamten Ostblock eine Krise, die den Generalsekretär Breschnew vom Podest stürzen konnte: Sie reformierten ihre Parteidiktatur in einem Tempo, das nicht mehr kontrollierbar war.
Breschnew schien anfangs den Prager Liberalkommunismus zu tolerieren: "Eto wasche djelo", das ist eure Sache, versicherte er bei einem Blitzbesuch in Prag Ende Dezember 1967. Noch im Juni bot er im Kreml einer tschechoslowakischen Parlamentsdelegation unter Führung von Josef Smrkovský an. der UdSSR unterstellte Interventionsgelüste durch einen internationalen Gerichtshof überprüfen zu lassen. Niemals habe die Sowjet-Union auf die innere Politik ihrer Nachbarn Einfluß nehmen wollen, sie habe das 1956 in Polen nicht getan -- "warum sollte sie es jetzt tun?'
Seit der Politruk Breschnew im Krieg dort eingerückt war, lagen ihm die tschechoslowakischen Angelegenheiten besonders am Herzen.
Doch ukrainische Parteisekretäre und konservative Militärs -- Breschnews Lobby -- gaben Alarm: Der Prager Liberalkommunismus drohe auf die benachbarte Sowjet-Ukraine und andere Ostblockstaaten überzugreifen. Jetzt war der Prager Kurs nicht mehr nur die eigene Sache der Prager Genossen allein. Bei der Abstimmung im Politbüro votierten Breschnew und fünf Mann für und fünf Mitglieder gegen eine Intervention.
Die nach Moskau zitierten Prager Führer erlebten eine zur Hälfte betrunkene Kremlführung und einen schreienden, fluchenden Breschnew, der den Belastungen offensichtlich nicht gewachsen war. Er hörte nur seinen alten Waffengefährten Svoboda an -- gegen Dubcek soll er tätlich geworden sein.
Am 12. November lieferte Breschnew die ideologische Rechtfertigung für den Überfall auf Prag nach, Auf dem polnischen Parteitag-wo Breschnew dem bereits wackelnden Gomulka half -- erklärte er: Wenn in einem sozialistischen Land Gefahr für die Sicherheit der ganzen sozialistischen Gemeinschaft entsteht, dann wird dies nicht nur zu einem Problem für das Volk dieses Landes, sondern auch zu einem gemeinsamen Problem, zu einem Gegenstand der Sorge aller sozialistischen Länder. Begreiflicherweise stellt militärische Hilfe für ein Bruderland zur Unterbindung einer für die sozialistische Ordnung entstandenen Gefahr eine erzwungene, außerordentliche Maßnahme dar. Sie kann nur ... durch Handlungen ausgelöst werden, die eine Gefahr für die gemeinsamen Interessen des sozialistischen Lagers darstellen. Damit hatte Breschnew nur an eine Doktrin erinnert, die schon fast fünfzig Jahre früher von der Kommunistischen Internationale aufgestellt worden war und an die sich Lenin, Stalin und Chruschtschow hielten: Sowjetisches Staatsinteresse geht dem Interesse jedes anderen Staates vor -- besonders eines Bruderstaats.
Da offenbar geworden war, daß dem Sowjetchef gegen die Gefahren eines demokratischen Kommunismus nichts Besseres als der Einsatz von Panzern einfiel, prophezeiten Prager Ostexperten bereits: "Breschnew ist politisch erledigt" (SPIEGEL 21/1969).
Der Gewaltakt schien die Chance für eine Reformation des Kommunismus zerschlagen zu haben und auch Kossygins Programm für einen langsamen Wandel der Sowjetgesellschaft: durch ein europäisches Sicherheitssystem Rußland die Öffnung nach Westen zu ermöglichen, um den Rüstungsetat einzuschränken und so die Volkswohlfahrt zu steigern -- und schließlich, auf lange Sicht, womöglich das Sowjetsystem zu reformieren.
Um die Jahreswende 1968/69 zog sich Kossygin in Klausur zurück, arbeitete seine Konzeption neu aus und legte sie dem Politbüro vor. Offensichtlich fand sich eine Mehrheit für Kossygin.
Während Kossygin noch aus der Öffentlichkeit verschwunden war, empfing Breschnew ein Warnsignal: Ein Leutnant Iljin aus Leningrad schoß am 22. Januar 1969 hinter dem Borowizki-Tor des Kreml auf eine Staatskarosse, in der er Breschnew glaubte. Der Kosmonaut Beregowoi wurde getroffen.
Das Funktionärsorgan "Parteileben', dessen Leitartikel das Politbüro kontrolliert, aber richtete unmittelbar danach, am 6. Februar 1969, an Breschnew die Warnung: "Der Parteiführer ist kein Alleinherrscher, er ist ein Vertrauensmann der Parteimassen, führt ihren Willen aus und ist ihnen zur Rechenschaft verpflichtet." Die "Komsomolskaja prawda" pries als höchste Tugend des Funktionärs die "Unterordnung unter das Kollektiv". Die Gewerkschaftszeitung "Trud" kritisierte einen Führer, der sich "für unfehlbar hält, Berater bremst und versäumt, für sie Interesse und Rücksicht zu zeigen".
Anfang Februar 1969 konnte Kossygin wieder sein Konzept einer europäischen Sicherheitskonferenz mit dem Ziel einer schließlichen Auflösung der Militärblöcke propagieren. Die angesagte Berlin-Krise fand nicht statt. Sowjetbotschafter Zarapkin bot in Bonn Gewaltverzichts-Verhandlungen und Passierschein-Gespräche an.
Gleich darauf bestätigte das Ussuri-Gefecht mit den Chinesen die Richtigkeit des Kossygin-Programms. Rußland nach Westen zu entlasten. Eine sofort nach Budapest einberufene Gipfelkonferenz des Ostblocks sprach sich "gegen die Teilung der Welt in Militärblöcke" aus. Breschnew sagte nur noch: China. Im September weckte das Resultat der westdeutschen Wahlen in Moskau die Hoffnung. eine sowjetische Politik der Annäherung an den Westen hätte auch Aussichten auf Erfolg.
Da erwies sich der Generalsekretär als Politiker er wechselte den Kurs. Breschnew tat, was seine Vorgänger in solcher Situation getan hatten: Lenin 1921 mit dem menschewistischen Programm der "Neuen Ökonomischen Politik". Stalin mit Trotzkis "Militarisierung der Volkswirtschaft", Chruschtschow mit Malenkows Gulasch-Kommunismus und Mikojans Entstalinisierung -- Breschnew übernahm das Programm seiner Gegenspieler und setzte sich an die Spitze der neuen Politbüro-Mehrheit.
Breschnew ließ das eigene Bild vergrößern.
Er tat es vorsichtig, um seine angestammten Alliierten im Parteiapparat und unter der Generalität nicht zu verschrecken. Nach jedem Schritt vorwärts tat er einen halben zurück.
Er wandelte sich möglichst unauffällig vom Falken eines scharfen Kurses zur Taube -- und handelte dafür außenpolitische Kompetenz ein. Aber Kossygins Motiv für eine West-Annäherung -- ein Konsum-Kommunismus, der den Einfluß der Rüstungslobby und des Parteiapparats zugunsten der Betriebsdirektoren und Wirtschaftsfachleute schwächen mußte -- übernahm Breschnew nur zögernd.
Mitte Dezember 1969 hielt er eine geheime Rede über "die drohende Wirtschaftskrise -- und empfahl die Stimulantien der Stalinzeit: Ehre statt mehr Lohn für die Bestarbeiter und unbezahlte Sonderschichten ("Subbotniki"). Alt-Aktivist Stachanow tauchte wieder auf.
Im März 1970 wurde der nach den Statuten fällige Parteitag verschoben, weil der Konflikt zwischen Konservativen und Reformfreunden noch nicht entschieden war.
Im Mai meldete Breschnew seinen Anspruch an, an den Regierungsgeschäften beteiligt zu werden: Er erschien plötzlich auf einer Kabinettssit-
* Im Kreml, Oktober 1969; v. r.: Husák, Svoboda.
zung -- das hatte bisher kein Parteichef gewagt, der nicht zugleich Premier war.
Breschnew trieb Personenkult. Er ließ unter den elf bis dahin gleich großen Bildern der Politbüro-Mitglieder -- alphabetisch geordnet, beginnend mit "B" wie Breschnew -- sein eigenes Konterfei vergrößern und in die Mitte rücken. Er ließ zwei Bände seiner gesammelten Reden und Aufsätze herausgeben. Chruschtschow hatte es auf sechs Bände gebracht (Lenin: 52, Stalin: 13).
Und dann sah Breschnew, daß Kossygins Pakt mit Bonn tatsächlich zustande kam. Offensichtlich war er mit diesem Erfolg endgültig für den Kossygin-Kurs gewonnen, aber er forderte einen Preis: Von nun an wollte er Nummer 1 sein. Offensichtlich konzedierten ihm die Politbürokraten diesen Handel: Ein Breschnew, der den neuen Kurs vor aller Welt mit seiner eigenen Person verband, konnte der Sache Kossygins nur nützen. So hatte Kossygin, der stille, traurige, pflichttreue Beamte sich stets verhalten: Anders als Breschnew kennt er keinen Ehrgeiz.
Kalender verlegten Breschnews Geburtstag schon vom 19. auf den 31. Dezember -- das ist in der UdSSR ein Feiertag. Am 31. Dezember 1970 hielt Breschnew zur Feier des Tages eine Fernseh-Ansprache an sein Volk -- als erster Parteichef in der Geschichte des Sowjetstaats.
Der Rüstungsetat wurde eingefroren.
Wieder bremsten Genossen. Parteiorgan "Kommunist": "Der Führer muß wissen, daß das ihm erwiesene Vertrauen ein Vorschuß ist." Breschnew lebte vom Kredit und verkündete am 14. Februar dieses Jahres eigenmächtig. ohne ZK-Beschluß, den neuen Fünfjahresplan für die Sowjetwirtschaft, über den sich die Führungsgruppen nicht einigen konnten. In Breschnews Entwurf stand: Zum erstenmal sollte die Konsumgüterproduktion ein wenig stärker wachsen als die Rüstungsindustrie.
Im März trat der 24. Parteitag endlich zusammen. Das Sowjetfernsehen übertrug nur Breschnew live und wiederholte ihn, wenn Kossygin sprach. Breschnewisten priesen ihren Meister: Der aserbeidschanische Parteichef Aljjew, ein ehemaliger Geheimpolizist, schenkte seinem Vorgesetzten "ungeteilte Liebe und Respekt". Der Stahlarbeiter Proskurin aus der Breschnew. Station Saporoschje konnte nach der "wunderbaren" Ansprache des Parteichefs seine "tiefe Erregung kaum ausdrücken". Parteisekretäre aus der Provinz zählten dankbar auf, wie oft der Generalsekretär sie schon besucht habe.
Aber zum erstenmal war der Anteil der Parteifunktionäre unter den Parteitagsdelegierten unter das Quorum für eine absolute Mehrheit gesunken: auf 45 Prozent. Breschnew sagte ihnen, was vielen der Apparatschiks und Militärs nicht gefallen konnte: In Zukunft sollte die Konsumgüterindustrie stärker gefördert werden als die Rüstungsindustrie, Diplomatische Entlastung an der Westfront sollte die Umstellung erlauben:
Wir verhandeln mit den USA über eine Einschränkung der strategischen Rüstungen. Der günstige Abschluß dieser Verhandlungen würde es ermöglichen, einen neuen Turnus des Raketenwettrüstens zu vermeiden und bedeutende Mittel für Aufbauzwecke freizustellen ... Wir bestätigen die von den Teilnehmerländern des Warschauer Pakts bekundete Bereitschaft zur gleichzeitigen Annullierung dieses Vertrages und des Nordatlantikpakts oder -- als erster Schritt -- zur Auflösung ihrer militärischen Organisationen. Wir sind für die Auflösung dar ausländischen Militärstützpunkte. Wir treten für die Einschränkung der Streitkräfte und Rüstungen in den Gegenden ein, wo die militärische Konfrontation besonders gefährlich ist, vor allem in Mitteleuropa. Nach dem Parteitag verlor Breschnew keine Zeit, sein Butter-statt-Kanonen-Programm zu verwirklichen. Im Mai gab er in Tiflis sein Signal zu Verhandlungen mit der Nato und billigte der Sozialdemokratie die Qualität eines Bündnispartners auf dem Weg zum Sozialismus zu. Im September badete er mit Brandt, dann reiste er nach Paris. Im November ließ er sich von einer ZK-Vollversammlung seine Außen- und Wirtschaftspolitik bestätigen.
Jetzt endlich wurde der Fünfjahresplan, dessen erstes Jahr schon fast abgelaufen war, genehmigt -- mit einer Überraschung: Die Konsumgüterpro-
* Im Oktober in Paris.
duktion soll noch ein Prozent mehr steigen, und der Wehretat wurde nicht erhöht. Er fror offiziell auf 17,9 Milliarden Rubel -- so hoch wie im Vorjahr -- ein; da der Staatshaushalt gewachsen ist, sind die Rüstungslasten anteilmäßig sogar gesunken.
Das hatte es in der Geschichte des Sowjetstaats noch nicht gegeben. Premier Kossygin war so begeistert, daß der sonst so Nüchterne unsolide wurde und -- ähnlich Chruschtschow -- versprach, in fünf Jahren werde die Sowjet-Union mehr produzieren als die USA heute.
Leonid Breschnew' Rußlands neuer Reformer. ist gegen Feinde im eigenen Haus nicht gefeit. Breschnews frühere Verbündete, die Falken der Sowjet-Union -- die Apparatschiks, die Marschälle, die DDR-Lobby -, können sich wieder sammeln: gegen ihn. Dem Kurs auf den Konsum-Kommunismus war unter Malenkow und Chruschtschow keine lange Zeit beschieden. Seit Stalins Tod wurde bisher für alle Sowjetführer unter anderem die Politik der Annäherung an die Deutschen zum Stolperdraht für ihren Sturz: für Berija 1953, Malenkow 1955, Chruschtschow 1964.
Allerdings: Nur unter Breschnew kam der vertraglich gesicherte politische Ausgleich mit den Deutschen zustande. Mit dem Fünfjahresplan sowie einer Statutenänderung, die den nächsten Parteitag (mit Neuwahl von Politbüro und Generalsekretär) erst 1976 stattfinden läßt, hofft
Breschnew bis an seine Pensionierungsgrenze im Amt zu bleiben: Er ist dann 70 Jahre.
Breschnews Probleme ("in einem so großen Land wie dem unseren"): "Wenn die Leute im Süden schon Sommerkleider haben wollen, muß man den Leuten im Norden noch Pelzstiefel liefern. Es gibt kleine und große Dinge, die Industrie, die Landwirtschaft. Es gibt Freude und Traurigkeit. Das dringt alles bis zu uns, und man muß sich damit beschäftigen, diskutieren und Lösungen finden."
Doch Breschnew liebt die Beschäftigung mit vielen Problemen. "Auch die Außenpolitik erfordert sehr viel Arbeit", bemerkt Rußlands Generalsekretär. "Wir möchten, daß Friede im Universum herrscht. Aber es haben nicht alle die gleiche Konzeption wie wir."

DER SPIEGEL 51/1971
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