13.12.1971

FERNSEHEN/ZENSURSand In die Mühle

Nach Protesten der Arbeitgeber und einiger ARD-Direktoren will Radio Bremen eine Industrie-Reportage nur verstümmelt senden.
Josef A. J. Simons saß vor dem Fernsehgerät und ärgerte sich -- über die "Utopisten" im Dritten WDR-Programm. Denn Simons ist Pressechef der "Landesvereinigung ·der industriellen Arbeitgeberverbände Nordrhein-Westfalens", und auf dem Bildschirm agitierte der Klassenfeind.
"Die Unternehmer", so tonte es kämpferisch aus dem Lautsprecher, "wollen nur Geld scheffeln. Wenn der Laden nicht mehr läuft, wird er dicht gemacht." "Der Dank des Vaterlandes", schimpfte ein Arbeitnehmer, "ist dir gewiß: Ein Tritt in den Arsch, und du kannst gehen." Als ein Gewerkschaftler gar verlangte, "den Profitinteressen Zügel anzulegen", war Simons im Bilde: "Hier ist eine kleine Gruppe von Ideologen am Werk gewesen."
Schlimmer noch: Der Fernsehfilm "Rote Fahnen sieht man besser", so erfuhr der Unternehmer-Vertreter vom WDR, sollte am Dienstag dieser Woche als Radio-Bremen-Beitrag auch im ARD-Programm (ARD, 14. Dezember, 21.00 Uhr) bundesweit zu sehen sein. Simons erhob Protest: Die Koproduktion aus Köln und Bremen, schrieb er an die Aufsichtsgremien der beiden Sender, sei "ein Stück Demagogie" und habe wiederholt "Anlaß zur Kritik gegeben". Simons bat "zu prüfen, ob die Sendung aus den angeführten Gründen abgesetzt werden kann".
Das Zensur-Ansinnen der Arbeitgeber gilt einer TV-Dokumentation, die auch der Hessische Rundfunk kürzlich noch unbeanstandet in seinem Bildungsprogramm ausgestrahlt hatte. Die Hamburger Fernsehreporter Theo Gallehr und Rolf Schübel schildern darin die Schließung des Krefelder "Phrix"-Werkes "aus der Sicht der Entlassenen".
Der rheinische Chemiefaser-Betrieb, eine Unternehmenstochter der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik (BASF) und des US-Konzerns Dow Chemical. hatte in den letzten Jahren wegen einer verfehlten Investitionspolitik Verluste gemacht und war 1970 auf Beschluß der Hauptaktionäre stillgelegt worden. Innerhalb von vier Monaten verloren 2000 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz.
Diese Massen-Entlassung haben Gallehr und Schübel fünf Monate lang beobachtet und zu einem "bewegenden, erschütternden, bedeutenden Film" ("Zeit"-Kritiker Walter Jens) verarbeitet. Das 100-Minuten-Protokoll zeigt, wie materielle und psychische Not das Klassenbewußtsein der Arbeiterschaft schärft.
Als das Fernsehteam im August 1970 in Krefeld einrückte, beklagten die resignierten Arbeiter noch "die Undankbarkeit der Firmenchefs, für die sie sich "quasi doch ein bißchen aufgeopfert" hatten, und fühlten sich als "die Ärmsten der Armen". Sie fluchten über "Abs und Pferdmenges, die Sekt und Kalte Ente saufen", und verspotteten die Legende vom Wirtschaftswunder. Auf einer Abschiedsfeier sangen sie sentimental: "Wer wird denn weinen, wenn wir auseinandergehn ..."
Doch im Laufe der Dreharbeiten, während die Filmemacher von den "Phrix"-Direktoren erfuhren, daß "die Freisetzung keine Probleme schafft", besannen sich die entlassenen "Phrix"-Werker auf eine alte Proletarier-Maxime: die Solidarität. Sie diskutierten über Streik und Mitbestimmung, kritisierten lasche Sozialdemokraten und Gewerkschaftler und applaudierten dem Protestsänger Dieter Süverkrüp, der vor dem Werkstor ein reißerisches Kampflied sang:
Euch bleibt nur eins, Ihr bleibt mal nicht mehr stille. Ihr schmeißt mal Sand in die verdammte Mühle des Kapitals, das Euch zu Geld verrührt. Ihr, hört mal auf, Euch höchst privat zu ducken. Ihr fangt mal an, gemeinsam aufzumucken. Ihr, stellt mal fest, wem hier das Wort gebührt. Wem hier das Wort gebührt, seid Ihr. Wenn Ihr nicht mitmacht, dann läuft nichts, im ganzen Land, nicht nur bei Phrix. Den Herren helfen keine Tricks, wenn Ihr Euch einig seid, läuft nichts.
Dieser Verweigerungsappell erschien dem Bremer TV-Programmdirektor Eckart Heimendahl zwar "etwas agitatorisch, aber grundsätzlich sehr eindrucksvoll". Mit einigen Schnitt-Auflagen wurde das "Phrix"-Protokoll zur Sendung freigegeben.
Doch als die Simons-Beschwerde in den Funkhäusern eintraf und -- wichtiger nach -- die Baden-Württembergischen Metallarbeiter in den Streik traten, wollten die Bremer Senderchefs plötzlich nicht mehr zu ihrem Wort stehen. Mehrere ARD-Programmdirektoren hatten zudem Bedenken, den Film während der Lohnkämpfe zu zeigen.
Intendant Hans Abich ließ sich die "Roten Fahnen" vorführen und befand, der Sang des DKP-Sympathisanten Süverkrüp sei zu entfernen, weil "dieses Lied in seiner politisch-agitatorischen Wirkung untragbar ist".
Diesem schwerwiegenden Eingriff
Gallehr: "Ein neues Symptom für den Rechtsrutsch in der ARD" -- widersetzten sich die Autoren. Erst als Abich andeutete, er könne die Produktion aus dem Programm streichen, fanden sich die Reporter zu einem Kompromiß bereit: Am Film-Schluß sollte nach ihrem Varschlag -- statt der Süverkrüp-Verse -- eine Erklärung abrollen, in der Gallehr und Schübel gegen die Zensur protestieren.
Aber auch gegen eine solche Bekanntmachung ihres "Kleinmuts sträubten sich die Bremer Fernseh-Leiter. Trotz stundenlanger Verhandlungen war Abich mit seinem Dokumentaristen am letzten Freitagabend nach immer nicht einig.

DER SPIEGEL 51/1971
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