15.11.1971

BRASILIEN

Durch die Wildnis

Als "Heldenepos" feiert Brasiliens Militärregime den Bau der ersten Straße mitten durch Amazonien. Für die Ureinwohner der Wildnis, die Indios, kann die Begegnung mit dem 20. Jahrhundert tödlich enden.

Bei Santarém in Brasiliens Amazonas-Urwald stürmten Indios das Lager eines Straßenbautrupps: Mit scharfen Urwaldgräsern rasierten sie den Fremdlingen Haupthaar und Bärte.

Denn Bärte scheinen den bartlosen Indios ein Symbol weißer Überlegenheit; die Rasur sollte die Eindringlinge entmachten -- vergebens. Die Eingeborenen können den Einbruch des weißen Mannes in ihr Stammland nicht mehr aufhalten.

Kilometer für Kilometer schneiden Männer mit Macheten und Motorsägen, schaufeln Caterpillars, walzen Planierraupen eine Rollbahn durch die Amazonas-Wildnis: die "Transamazonica", eine Straße, die in drei Jahren schon vom Atlantik quer durch den Kontinent bis an die peruanische Grenze und später bis zum Pazifik führen soll.

Sie soll das Rückgrat eines Straßennetzes bilden, mit dem Brasilien jetzt das größte noch unberührte Gebiet Lateinamerikas, das Amazonasbecken, erschließen will: ein Gebiet, das mit rund fünf Millionen Quadratkilometern allein 59 Prozent der Fläche des Landes ausmacht und 20mal größer ist als die Bundesrepublik, so groß wie ganz Europa ohne die Sowjet-Union. Als "größtes Heldenepos des brasilianischen Volkes" pries Brasiliens Präsidenten-General Emilio Garrastazu Medici das Super-Unternehmen. Zur "vielleicht entscheidenden Schlacht um die Unabhängigkeit Brasiliens" stilisierte es Transportminister Mario Andreazza. Und der französische "L'Express" spekulierte schon, die Transamazônica könnte Brasiliens "Eintrittskarte in den Klub der Großen sein".

In der Tat birgt der Boden Amazoniens noch kaum zu übersehende Reichtümer, die Brasilien zu einem wohlhabenden Land machen könnten. Auf acht Milliarden Tonnen werden allein die Eisenerzvorkommen in diesem Gebiet geschätzt: mithin das größte Erzlager der Erde. Auch nur schätzen lassen sich vorerst die Mengen der übrigen dort festgestellten Mineralien: Mangan, Bauxit, Zinn, Blei, Nickel. Kupfer, Uran, Kohle, Öl, Gold und Diamanten.

Doch bislang wurden diese Schätze kaum genutzt. Nur für kurze Zeit ließ etwa der Kautschuk-Boom gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts manche Amazonas-Siedlungen aufblühen. So besaß tief im Urwald der einstige Sklavenhandelsplatz Manaus noch vor London und Paris elektrisches Licht und die ersten Straßenbahnen Lateinamerikas. Im Opernhaus von Manaus tanzte die Pawlowa. Die Mailänder Oper ihrerseits kam nach Brasilien, nur um im Urwalddorf Itaituba aufzutreten.

Aber ebenso schnell verfielen die Gummi-Metropolen wieder, nachdem die Briten in Malakka wirtschaftliche Kautschukplantagen angelegt hatten. Und selbst Brasiliens Industrie im Süden des Landes bezieht Kautschuk heute aus Asien -- vor allem wegen der schlechten Verkehrsverbindungen zum eigenen Norden.

Erst Präsident Juscelino Kubitschek begann vor einem Jahrzehnt, das bis dahin fast nur an den Küsten und im Süden besiedelte Land mit seinem Norden und Westen zu verbinden: Als neuen Mittelpunkt ließ er im Buschland Zentralbrasiliens die Hauptstadt Brasilia erstehen und baute von dort aus die erste Süd-Nord-Fernstraße im Innern des Landes bis nach Belém an der Amazonasmündung.

Die heute in Brasilia regierenden Generäle wollen die Werke Kubitscheks noch übertrumpfen. Angespornt von einer rasch expandierenden Wirtschaft -- Brasiliens Bruttosozialprodukt wird in diesem Jahr voraussichtlich um zehn bis elf Prozent wachsen -, beschloß das Regime den Kraftakt der Amazonas-Erschließung.

"Wir müssen unser eigenes Land besetzen, bevor es zu spät ist", argumentiert der Koordinator des Bundesstaates Pernambuco, Luis Augusto Fernandes. und spielt dabei auf angebliche Interessen der anderen Amazonas-Anrainer-Staaten oder der USA an: Der nationalistische Appeal des Amazonas-Projektes kommt dem Regime zudem gelegen, um die Brasilianer von der Unterdrückung im Lande abzulenken.

Bis 1974 sollen 13 000 Kilometer Straßen durch die grüne Wildnis geschlagen sein. Das "Programm der Nationalen Integration" sieht zunächst den Bau eines Straßenkreuzes vor: die ostwestliche Transamazônica, die von den Küstenstädten Recife und Joao Pessoa bis zum westlichsten Ort Brasiliens, Cruzeiro do Sul, etwa 5000 Kilometer lang sein wird, und senkrecht dazu eine 1648 Kilometer lange Nord-Süd-Achse zwischen Santarém am Amazonas und Cuiabá, der Hauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso (siehe Karte).

Daneben sind bereits zwei weitere Straßen im Bau: eine Verbindung zwischen Porto Velho und Manaus und eine Diagonale von der Hauptstadt Brasilia nach Manaus.

Nach kaum dreimonatiger Planung im September vorigen Jahres begonnen, sollen annähernd 3000 Kilometer des Straßenbauprogramms schon bis Anfang 1972 fertiggestellt sein.

Elftausend Arbeiter -- Monatslohn kaum 100 Mark -- schlagen 40 Meter breite Schneisen durch dichten, sumpfigen Urwald und bauen aus gefällten Bäumen Brücken über zahllose Wasserläufe. Auf Flüssen, die breiter als 100 Meter sind, wird ein Fährverkehr mit Flößen eingerichtet.

In weltabgeschiedene Siedlungen zieht plötzlich das Flair einer Goldgräberstadt ein: Im Dörfchen Altamira am Rio Xingú, wo es bislang noch nicht einmal Elektrizität gab, stellte der Besitzer des Bordells "Blaue Donau" beim Anrücken der Straßenbauer 20 weitere Damen ein. Madame Zizi, Nachtklub-Besitzerin aus Belém, läßt auf den frisch erschlossenen Strichen weibliche Hilfstruppen anrollen.

Zahlreiche Plagen wie Schlangen, Ameisen, Blutfliegen und andere Insekten machen die Arbeit im weit über 30 Grad heißen Urwald zur Qual. Vergebens suchen die Männer Moskitos abzuwehren, indem sie sich Dieselöl ins Gesicht schmieren.

Während der Regenzeit mit bis zu 60 Zentimeter Niederschlag im Monat versinken die Maschinen im Schlamm, verwandeln sich die neuen, nicht asphaltierten Wege in unpassierbare Sümpfe und schwellen 60 Meter breite Flüsse auf über 200 Meter an.

Malaria- und Ruhrepidemien erinnern die Straßenbauer an die Tausenden von Toten früherer Pioniertrupps, die zu Beginn des Jahrhunderts die Urwaldeisenbahn Madeira-Mamoré bauten oder im Zweiten Weltkrieg Kautschuk für die Alliierten sammelten.

Trotz solcher Gefahren präsentiert die Regierung ihr Amazonas-Abenteuer jetzt auch als Rettung für die verelendeten Massen des brasilianischen Nordostens. Von den 30 Millionen Menschen in diesem von chronischer Dürre heimgesuchten und von wenigen Grundbesitzern beherrschten Landesteil ist etwa ein Viertel ständig von Arbeitslosigkeit und Hungertod bedroht.

Das Integrationsprogramm propagiert daher die Umsiedlung der Landlosen in das -- mit weniger als einem Einwohner pro Quadratkilometer unterbevölkerte Amazonien. Entlang den neuen Straßen will die Regierung einen zehn Kilometer breiten Streifen zu jeder Seite besiedeln und dort 100 000 ausgesuchten Bauern je 100 Hektar, eine Holzhütte, Saatgut und Darlehen bis zu 8000 Mark zuteilen. Alle 100 Kilometer sind an der Transamazônica größere Siedlungen, sogenannte Agrovilas, geplant, die jeweils mit Schulen, Krankenhäusern, Banken und Kirchen ausgestattet sein sollen.

Doch diese Siedlungen am Rand der Urwaldstraße könnten, so warnte sogar ein Freund des Militärregimes, der ehemalige Wirtschaftsplaner Roberto Campos, ein "Rosenkranz des Elends" werden. Und der Ex-Gouverneur Joao Agripino schimpfte, die Transamazônica diene nur dazu, das "Elend mit der Armut" zu verbinden.

Das Schicksal der meisten Siedler, die sich an der von Kubitschek gebauten Straße Brasilia-Belém niedergelassen haben, scheint ihm recht zu geben: Von Malaria, Tuberkulose und Wurmkrankheiten bedroht, trotzen sie ihrer Scholle nur eine kärgliche Existenz ab.

Denn 80 bis 90 Prozent des Bodens in Amazonien sind minderwertig. "Ohne extreme Kosten und Pflege", so der US-Spezialist für tropische Landwirtschaft, William C. Paddock, "kann dort nichts länger als ein paar Jahre angebaut werden." Wird der Urwald gerodet und nicht durch Neuanpflanzungen ersetzt, droht der Tropen-Regen obendrein die dünne fruchtbare Schicht fortzuwaschen: Der Urwald könnte wie der Nordosten zu Ödland versteppen.

Die 1,5 Milliarden Mark, die Brasilien für die Erschließung aufwenden will, werden darum für die nötigen Investitionen bei weitem nicht ausreichen. Die verelendeten Zuwanderer aus dem Nordosten. zumeist an ein Nomadenleben gewöhnt, dürften zudem kaum die erforderlichen landwirtschaftlichen Spezialkenntnisse besitzen.

Nicht so sehr landsuchenden Kleinsiedlern, so scheint es, wird die Transamazônica einen zukunftsträchtigen Weg eröffnen als vielmehr Investoren, die Farmen oder Bergbau in großem Stil betreiben können. Mit der Aussicht auf 50prozentige Ersparnis der Körperschaftsteuer lockt die "Superintendantur zur Entwicklung Amazoniens" Unternehmer, in Amazonien zu investieren.

Und trotz aller großen Worte der Brasilianer gegen eine Überfremdung Amazoniens -- die kapitalkräftigen Nordamerikaner sind schon an der Erschließung der Schatzkammer beteiligt. "Die brasilianische Regierung", so höhnte darum der Senator Jose Ermírio de Moraes aus Pernambuco" "baut eine Straße für die U. 5. Steel."

Ab 1975 will die U. 5. Steel gemeinsam mit der brasilianischen Companhia Vale do Rio Doce 30 Millionen Tonnen Eisenerz in Amazonien fördern. Schon jetzt baut die Firma Icomi, an der die US-Gesellschaft Bethlehem Steel beteiligt ist, im Amapá-Territorium jährlich 800 000 Tonnen Manganerz für den amerikanischen Markt ab. Der US-Konzern Deltec richtete in fruchtbaren Gebieten Viehfarmen ein.

Die amerikanische National Space-Administration und die Goodyear Aerospace erkunden mit der brasilianischen Cruzeiro do Sul das Amazonas-Becken aus der Luft. Die Photos werden in der US-Panama-Kanalzone ausgewertet -- erst dann erhält Brasilien Kopien.

Für Brasiliens Ureinwohner freilich, die Indios im Amazonas-Becken, kann der Zusammenprall mit dem 20. Jahrhundert tödlich sein. 29 Stämme, rund 8000 Indios, leben in den Gebieten. durch die künftig die Trassen der Transamazônica und der Straße Cuiabá--Santarém führen.

Etwa 15 dieser Stämme hatten bislang noch nie Kontakt mit der Zivilisation. Gegen Krankheiten der Weißen wie Tbc, Masern oder Grippe besitzen sie keine Abwehrkräfte.

Zehn Jahre hatte der berühmteste Indio-Mentor Marschall Rondon einst darauf verwandt, das Vertrauen der Bororo-Indianer zu gewinnen. Zwei Jahre lassen sich die Hüter des Indianerreservats Xingú-Nationalpark, Orlando und Claudio Villas Boas, Zeit, um einen Stamm mit kleinen Geschenken zu pazifizieren. Die Straßenbauer dagegen schickten erst dann Expeditionen zu den Indios aus, als die Bulldozer bereits durch den Urwald dröhnten.

Die Emissäre brachten den Indios die Nachricht, daß sie aus einem Gebiet von 90 Kilometern beiderseits der neuen Straßen ausgesiedelt werden sollen -- obwohl ihnen die Verfassung das Gebiet garantiert, in dem sie leben.

Sogar mitten durch den Xingú-Park schneidet ein Teilstück der Verbindung Brasilia-Manaus. Die nördliche Hälfte des Parks wurde zur Besiedlung freigegeben. Verstört verließen die dort ansässigen Txukarramae-Indianer -- Stammeskennzeichen: Holzscheiben in der Unterlippe -- Dorf und Familie.

In einem Protest an die Regierung prophezeiten 200 brasilianische Wissenschaftler, daß in spätestens zwei Jahren kein eigenständiger Indianerstamm mehr existieren werde. Und das Rote Kreuz schätzt, daß die noch verbliebenen 80000 Ureinwohner Brasiliens in 20 bis 30 Jahren ausgestorben sind.


DER SPIEGEL 47/1971
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