08.11.1971

„Rettet Angela vor dem Justizmord!“

Im Gefängnis von San Rafael, Kalifornien, wartet Angela Davis, 27, Kommunistin, Philosophin, auf ihren Prozeß, der mit der Todesstrafe enden könnte. Des Mordes und der erpresserischen Entführung angeklagt, klagt sie selbst das amerikanische System an: daß es die Justiz benutze, um politisch Andersdenkende auszulöschen, daß es die Schwarzen wie in Konzentrationslagern gefangen halte. Ihre Freunde in aller Welt behaupten, Amerika sei durch staatlichen Terror und gesellschaftliche Repression ein faschisierter oder schon faschistischer Staat geworden.
Kurz vor drei Uhr nachts wurde die Gefangene aus dem Schlaf geweckt. Wärterinnen zerrten sie über die Korridore des "Women's House of Detention" an New Yorks Greenwich Avenue. Im Gefängnishof wartete ein vergitterter Transportwagen, der sich unverzüglich in Bewegung setzte. Zehn andere Wagen begleiteten ihn.
Um Verfolger abzuschütteln, trennte sich der Konvoi wenige Minuten nach der Abfahrt. Die Wagen rasten in verschiedenen Richtungen davon, drei liefen die drei großen zivilen Flughäfen in der Umgebung New Yorks an.
Der Wagen, in dem die Gefangene saß -- eine schmale, große, braunhäutige junge Frau -, aber fuhr in scharfem Tempo zum Luftwaffenstützpunkt McGuire in New Jersey, etwa 120 Kilometer von New York entfernt.
Neun Polizeibeamte und zwei Anstaltswärterinnen nahmen die Gefangene in Empfang und stießen sie in ein Flugzeug, das sie zum Luftwaffenstützpunkt Hamilton in Kalifornien brachte. Eine schwerbewaffnete Auto-Eskorte begleitete sie ins Marin-County-Gefängnis von San Rafael, einem OEuvre des großen Architekten Frank Lloyd Wright.
Es war "einer der geheimsten, am stärksten gesicherten Häftlingstransporte, die jemals in den Vereinigten Staaten geplant wurden" ("Time"). Angela Yvonne Davis, die dritte Frau, die jemals auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA gestanden hat, war dort angekommen, wo sie seit nunmehr elf Monaten auf ihren Prozeß wartet. Sie ist vor einer Grand Jury der erpresserischen Entführung, des Mordes und des Komplotts zur Ausführung dieser Verbrechen angeklagt. Wird sie schuldig gesprochen, erwartet sie die Gaskammer.
Amerikas Strafverfolger hatten Anlaß. ihre menschliche Beute unter Sicherheitsvorkehrungen zu verschieben und zu verwahren, als sei sie das Gold von Fort Knox, immens kostbar, weil immens gefährlich.
Denn der Fall Angela Davis ist heute schon -- noch bevor der Prozeß begonnen hat oder der Beginn "im Dickicht des amerikanischen Verfahrensrechts auch nur abzusehen ist -- eine Cause célèbre des Jahrhunderts, aber nicht im Sinne herkömmlicher Kriminaljustiz und nicht nur in den USA.
"Rettet Angela vor dem Justizmord!" -- dieser Ruf weckte in den letzten Monaten weltweite Solidarität. In Amerika entstanden über 200 "Komitees für die Befreiung von Angela Davis". Box-Champion Cassius Clay kämpft ebenso für die Verhaftete wie der
Burgerrechts-Prediger Ralph Abernathy und die
Leinwand-Barbarella Jane Fonda.
In Deutschland West traten über 20 000 Wissenschaftler, Studenten, Journalisten und Politiker für sie ein -- Philosoph Bloch wie Frühschöppner Höfer und Juso-Chef Voigt. Berlins Freie Universität lud die Verhaftete demonstrativ zu Gastvorlesungen ein. Ende Oktober warb Angelas Schwester Fania bei Teach-ins in der Bundesrepublik neue Helfer.
Aus Deutschland Ost schickten Zehntausende von Bürgern aufmunternde Briefe an die Gefangene. "Sei tapfer, wir helfen Dir alle. Deine Hannelore". schrieb eine Schülerin aus dem sächsischen Grimma.
In der Sowjet-Union mahnen Plakate "Rettet Angela Davis!". Sie zeigen die Bürgerrechtlerin in Handschellen, die Krallen eines Rassisten mit Ku-Klux-Klan-Kapuze greifen an ihren Hals.
In Paris zogen 20 000 Jugendliche mit Davis-Transparenten durch die Arbeiterviertel. Und selbst auf Ceylon protestierten 2500 Frauen per Sit-in vor der amerikanischen Botschaft gegen das Davis-Verfahren.
Denn Angela Yvonne Davis, Marcuse-Schülerin und Mitglied der amerikanischen KP, ist eine Symbolfigur, eine radikale und eine schöne noch dazu. Sie setzte revolutionäre Theorie in die Praxis um, sie focht in der Hochburg des Kapitalismus gegen den Kapitalismus -- ein Beispiel radikalen, wahrscheinlich vergeblichen, in jedem Fall aber wohl lauteren Widerstands.
Doch ungewöhnliche Solidarität für eine ungewöhnliche junge Frau, die von einem gnadenlosen System für die Gaskammer bestimmt scheint -- das ist nur die persönlich-subjektive Seite des Falles Angela Davis.
Etwas Unerhörtes kommt hinzu: Eine Schwarze, Kommunistin, Philosophin, Bürgerin eines Landes, in dem Schwarze, Kommunisten und Philosophen nicht eben viel gelten, zwingt Amerikas Amerika-Kritiker zu einer Gewissenserforschung neuer Dimension.
1968, als Robert Kennedy verblutete, quälte sich Arthur Schlesinger mit der Einsicht: "Wir sind das erschreckendste Volk dieses Planeten." Er meinte: das gewalttätigste, selbstgerechteste. 1969. als das Massaker von My Lai ans Licht kam, wurden viele Amerikaner gewahr, daß -- unglaublich! -- Amerikaner Kriegsverbrechen begehen konnten. 1971, als die Vietnam-Papiere in der "New York Times" erschienen, wurde beweisbar, daß US-Regierungen einen Krieg provoziert hatten, zu dem sie angeblich provoziert worden waren.
Doch die Eskalation der niederdrückenden Erkenntnisse über Amerika scheint nicht beendet. Was bislang nur von Ultralinken behauptet und deshalb leichthin abgetan worden war, verdient seit Angela Davis zumindest ernsthafte Diskussion: ob das große Amerika, Heimstatt der Menschenrechte, Unabhängigkeits-Charten und Freiheitsschwüre. andersartige und andersdenkende Bürger so systematisch unterdrückt, wie es bislang nur faschistische Regime getan haben: ob Strafgerechtigkeit made in USA heißt, einen Menschen auszulöschen, wenn dieser das politische System in Frage stellt; ob, in einem Wort, Amerika in den Faschismus treibt.
So hat die Angela-Davis-Story drei Aspekte: das Leben der Angeklagten Angela Davis, die Anklage der Angeklagten Angela Davis gegen die USA und die Anklage der USA gegen Angela Davis.
Auf den ersten Blick scheint bei Angela Davis nichts zusammenzupassen: eine weitgereiste gebildete Amerikanerin aus dem Mittelstand, die von der Polizei durch die Gettos gehetzt wird; eine Hair-Schönheit, deren Bild in höchster Auflage auf den Steckbriefen ei-scheint; eine schwarze Radikale, die sich anders als die meisten ihrer militanten Mitkämpfer der tantigen Kommunistischen Partei der USA anschließt; eine akademische Büchernärrin. die durch menschliche Wärme und Ausstrahlung alle fasziniert, die sie kennen.
Auf Angela Davis haften keine Klischees. Sie ist, was ihr nachgesagt wird: radikal und behutsam, emotionell und abwägend, intellektuell und mitfühlend. Und sie ist alles immer ganz.
Ihre Freunde sprechen nur in Superlativen über sie. Ihr Lehrer, Herbert Marcuse, 73, Altvater des Weltjugendprotests, findet sie "ungeheuer faszinierend", lobt ihre "phantastische Wärme" und ihre "unglaubliche Ausstrahlung".
Studenten des Revelle College der University of California in San Diego haben die kühle Sachlichkeit in Erinnerung, mit der sie in den vergangenen Jahren vor gefährlichen und rückwirkenden Exzessen warnte, aber auch die Hartnäckigkeit, mit der sie auf vernünftige Forderungen drängte.
Schlüsselpunkt ist ihre Intelligenz. "Sie ist schön", räumt eine weiße Professorenfrau ein. "aber sie lebt erst richtig, wenn sie spricht und sich bewegt." Marcuse hat dafür eine Erklärung: "Ihr Intellekt ist etwas so Natürliches geworden. Was sie sagt und was sie tut, ist der menschliche, beinahe körperliche Ausdruck der Intelligenz." Ihre Sprache war immer etwas differenzierter als die anderer radikaler Schwarzer, etwa Eldridge Cleavers, Rap Browns oder Bobby Seales. Ihre Handlungen waren immer etwas überlegter.
Daß sie schließlich wie Brown und Gleaver auf der Suchliste des FBI landete, daß sie heute wie einst Bobby Seale und Huey Newton in Untersuchungshaft sitzt, ist nicht Folge der nahezu unausweichlichen Automatik von Unterdrückung, Haß und Auflehnung, die viele der im Getto aufgewachsenen intelligenten Schwarzen erfaßte. Angela Davis hat sich ihnen in freier Entscheidung zugesellt. Sie gehört zu ihnen, weil sie es wollte.
Eine Führerpersönlichkeit ist sie nach dem Urteil Marcuses "schon deswegen, weil es unter den Schwarzen hier ja doch nur sehr wenige gibt, die die Erziehung hatten wie sie und das Wissen, das sie hat". Eine weiße Beobachterin beschreibt ihre Ausstrahlungskraft als "geradezu hypnotisch".
"Aus der Erfahrung des Südens entsprang mein Engagement."
So brauchte sie nur zwei Minuten, um einen deutschen Professor in San Diego aus seiner prinzipiellen Neutralität gegenüber allen inneramerikanischen Angelegenheiten zu reißen. "Ich weiß auch nicht warum -- plötzlich spendete ich für den Verteidigungsfonds der Black Panthers", berichtet der Akademiker, "das war gegen alle meine Grundsätze, aber nach dem Gespräch mit Angela erschien es mir ganz natürlich."
Ihre politischen Anschauungen, ihre Persönlichkeit. Schönheit, Wissen und ihre Intelligenz erscheinen allen Freunden als untrennbare Einheit.
Sie hatte ein paar Freunde, vor allem Schwarze, aber es waren immer politische Freunde. Sie sprach selten über ihre Familie. "Wissen Sie, so extrovertiert war sie nicht, sie war in dieser Hinsicht eher scheu", sagt Marcuse.
Ihren tiefsten und -- wie Marcuse es "in gewagter Interpretation" nennt -- "beinahe romantischen" Ausdruck fand die Verbindung von privatem und politischem Leben in ihrer (platonischen) Beziehung zu George Jackson, der am 21. August dieses Jahres im Zuchthaus San Quentin erschossen wurde. "Sie hat ihn geliebt, das hat sie ja selbst gesagt, und zwar in einer Weise, die für gehemmtere Weiße unmöglich ist", so Marcuse.
Angela Davis ist also keine kalte Analytikerin, kein Polit-Apparatschik. "Es gibt bei ihr nichts, was nicht irgendwie von innen kommt", glaubt Marcuse, doch er fügt hinzu: "Sie war emotionell, aber nicht in dem Sinne, daß sie ihre politische Intelligenz aufgab, sich impulsiv gehen ließ. Das nie." Wer also ist Angela Davis?
Sie stammt aus dem Süden der Vereinigten Staaten, aus Birmingham (Alabama) -- der "existentiellen Erfahrung des Südens", so glaubt die Revolutionärin heute, "entsprang mein politisches Engagement".
Dabei waren ihre existentiellen Erfahrungen zunächst sehr andere als die der meisten farbigen Amerikaner, ob sie nun in den Südstaaten oder im Norden leben. Nicht das Elend eines schwarzen Slum, nicht Hunger, Unwissenheit und Gewalt prägten ihre ersten Lebensjahre. Anders als die anderen Führer der militanten schwarzen Linken in den USA, wuchs das Mädchen, am 26. Januar 1944 geboren, in gutbürgerlicher Geborgenheit auf.
Vater B. Frank Davis, Tankstellenbesitzer, war ursprünglich Lehrer gewesen, die Mutter besaß den Magistergrad der Universität von New York und unterrichtete an einer Schule in Birmingham.
Als Angela zwei war, erhielt sie ihre erste Klavierstunde; zu ihrem sechsten Geburtstag schenkten ihr die Eltern ein Wurlitzer-Klavier; mit zehn war sie Mitglied einer schwarzen Pfadfinderinnengruppe. In der -- rein schwarzen Volks- und Oberschule gehörte sie stets zu den Klassenbesten.
Daß ihre heile Welt dennoch nicht sicher war, erfuhr Angela Davis spätestens mit zwölf Jahren: Sie versuchte, an ihrer Schule gemischtrassische Studiengruppen zu organisieren: Polizisten sprengten die Kinderversammlungen. Jahre später bekam der Stadtteil, in dem die Davis wohnen, den Beinamen "Dynamit-Hügel", wegen der vielen Bombenattentate, die weiße Rassisten dort gegen schwarze Bürgerrechtler verübten.
Vier Freundinnen durch Bomben getötet.
Als sie 15 war, reiste Angela nach New York -- als Stipendiatin der Elisabeth Irwin High School, einer progressiven Privatschule in Greenwich Village, die auch begabte schwarze Kinder fördert. Dort entdeckte die Musterschülerin, wie wenig sie an ihrer schwarzen Schule im Süden gelernt hatte -- und wählte trotzig Französisch als Hauptfach, obgleich sie noch kaum eine Silbe verstand. Dennoch bestand sie ihre Abschlußprüfung mit Auszeichnung.
In New York hatte das schwarze Bürgermädchen wohl auch den ersten, wenngleich nur mittelbaren Kontakt zum Kommunismus. Sie wohnte bei der Familie eines weißen Ex-Geistlichen, der während der Ära des Kommunistenjägers McCarthy als Kommunist verdächtigt worden war und sein Amt verloren hatte.
Angela Davis verließ ihre Gastfamilie, als sie ein Stipendium für die renommierte Brandeis-Universität in Waltham (Massachusetts) bekam, wo sie französische Literatur studierte. Doch weniger Fragen der Form und der Ästhetik bewegten sie, als vielmehr das Bild einer absurd erscheinenden Wirklichkeit, wie es etwa der französische Nouveau-Roman-Autor Alain Robbe-Grillet zeichnet. Seine Werke, so Angela Davis in einer wissenschaftlichen Untersuchung, dokumentierten vor allem die "überwältigende Notwendigkeit, die gegenwärtige Gsellschaft ... zu erfahren und zu verstehen".
Die Gesellschaft, in der sie lebte, zu erfahren und zu verstehen, versuchte die Amerikanerin auch, als sie 1962 für ein Jahr an die Sorbonne nach Paris ging. Sie marschierte mit Straßendemonstranten gegen den Algerienkrieg, der damals in seine Endphase trieb. Die Wasserwerfer und Schlagstöcke der Pariser Polizei lehrten sie, so sagte sie später, "daß die Unterdrückung ein universelles Phänomen ist, das immer auftaucht, wenn ein Volk für Freiheit und Gerechtigkeit kämpft".
Noch etwas verstand sie damals: daß die "aggressive Position der Algerier" ein Beispiel sein könnte für die Richtung, welche die amerikanische Bürgerrechtsbewegung einschlagen müßte, "wenn wir wirklich etwas verändern wollten".
Die Notwendigkeit einer Veränderung mochte ihr, nach ihrer Rückkehr in die Staaten, drängender, wenn auch vielleicht aussichtsloser erschienen sein. Denn in ihrem persönlichen Erfahrungsbereich spürte Angela Davis Gewalt und Repression nun härter als früher: Bei einem Bombenanschlag weißer Fanatiker auf eine Negerkirche in Birmingham kamen vier frühere Freundinnen ums Leben.
Während einer Autofahrt von der Universität nach Birmingham wurde Angelas Vater von einer Polizeistreife angehalten,
durchsucht, um 50 Dollar erleichtert und im Gefängnis festgehalten -- wegen einer einzigen Flasche Schnaps, die er nach Birmingham mitnehmen wollte, wo Alkohol verboten war. "Sie glaubte, wir Neger würden eines Tages alle ins KZ kommen", resümierte Vater Davis die Reaktion seiner Tochter.
Zweifellos war zu jenem Zeitpunkt Angela Davis' Sensibilität für die Nöte jener, die in der angeblich freien amerikanischen Gesellschaft unterdrückt werden, bereits geschärft durch die Vorlesungen des marxistischen Philosophieprofessors Herbert Marcuse, der vorübergehend an der Brandeis-Universität lehrte. Zentrales Thema seiner Vorlesungen: Formen und Mechanismen der Repression in kapitalistischen Demokratien und die Notwendigkeit der Befreiung durch Akte individueller Verweigerung.
1965 erwarb die Marcuse-Hörerin, mit der Auszeichnung "magna cum laude", ihren Bachelor-of-Arts-Grad. Sie hätte nun Französisch-Lehrerin werden können -- doch sie entschloß sich, noch Philosophie und Soziologie zu studieren, und ging, von Marcuse empfohlen, an das Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. "Es kommt darauf an, die Welt zu verändern."
Sie lernte, wie sich Soziologie-Professor Oskar Negt erinnert, "bemerkenswert rasch" Deutsch, studierte Hegel und die Existentialisten und lieferte eine ausgezeichnete Seminararbeit über den "Begriff des Interesses in Kants "Kritik der Urteilskraft". Sie arbeitete vor allem bei Theodor Adorno, hörte Max Horkheimer und Jürgen Habermas.
"Das Bewußtsein, daß dialektisches Denken wesentlich in der Sensibilisierung gesellschaftlicher Erfahrungen besteht", war, so vermutet Negt, eine der entscheidenden Erkenntnisse ihrer Frankfurter Studien.
Sie selbst urteilte, daß sie in Deutschland vor allem "eine grundlegende Tatsache begriffen" habe: "Marx hatte mit der elften These über Feuerbach recht, daß die Philosophen als Philosophen die Welt immer nur interpretiert haben, daß es jedoch darauf ankommt, sie zu verändern." Sie schloß sich dem Frankfurter SDS an, der damals erste Versuche unternahm, das Bewußtsein bundesdeutscher Bürger für die Änderung der
* 1964 in Birmingham, Alabama.
bestehenden Herrschaftsformen zu mobilisieren.
Dann erschien ihr die politische Arbeit zu Hause wichtiger. 1967 kehrte sie in die USA zurück und bereitete sich bei Herbert Marcuse, der inzwischen an der Universität von Kalifornien in San Diego lehrte, auf ihre Doktorarbeit vor -- "Kants Analyse der Rolle der Gewalt in der Französischen Revolution".
Zugleich aber folgte die Kant-Kennerin -- von ihrem Doktorvater gepriesen als intelligenteste Studentin, die er je unterrichtete -- dem "moralischen Imperativ" (Marcuse), den die Ideen von Freiheit und Gerechtigkeit philosophisch beinhalteten: Sie wollte nach diesen Ideen eine Situation der Unterdrückung analysieren -- die Situation der Schwarzen in Amerika.
"Der Grund dafür, daß wir gewaltsam gezwungen werden, unser Dasein auf der untersten Stufe der amerikanischen Gesellschaft zu fristen", so folgerte Angela Davis, "hängt mit dem Wesen des Kapitalismus zusammen." Und: "Der Ursprung des amerikanischen Kapitalismus (ist) unmittelbar mit der Ausbeutung der Sklavenarbeit verbunden."
"Johnson ist Hitlers uneheliches Kind."
Für die Befreiung der schwarzen Amerikaner sei mithin die Zerstörung des amerikanischen Systems unerläßlich -- jenes Systems, das immer schon als kapitalistisch verdammt oder gepriesen wurde, neuerdings aber auch das Etikett "faschistisch" erhielt.
So sagte der ehemalige Panther-Funktionär Eldridge Cleaver 1970 im algerischen Exil in einem SPIEGEL-Gespräch: "Wenn wir ruhig blieben und die Faschisierung der US-Gesellschaft ohne Widerstand hinnähmen, das wäre Selbstmord."
Reinhard Lettau, in Kalifornien lebender Literat und Professor, sah bereits so viele Indizien für den herannahenden Faschismus in Amerika, daß er ihm typisch erscheinende Zeitungsmeldungen zu einer Buch-Collage montierte. Titel: "Täglicher Faschismus. Amerikanische Evidenz aus sechs Monaten."
Und der militante Farbige H. Rap Brown, Ende Oktober bei einer Schießerei mit der New Yorker Polizei schwer verletzt, nannte gar den damaligen Präsidenten Johnson "Hitlers uneheliches Kind", den FBI-Chef J. Edgar Hoover "seine Halbschwester",
Auf den ersten Blick erscheint es absurd oder zumindest terminologisch unzulässig, die USA mit den totalitären Bewegungen der Hitler- und Mussolini-Zeit zu vergleichen.
Und Amerikas Linke sehen als Beweis für "fascism" auch gar nicht so sehr die Neonazis im Wortsinn an: Die "American Nazi Party" ist -- im Gegensatz zur italienischen Neofaschistenpartei MSI oder zur bundesdeutschen NPD -- eine bedeutungslose Sekte von allenfalls 200 Polit-Irren.
Herbert Marcuse meint denn auch, der Faschismus in "den USA werde "anders aussehen als der deutsche, und zwar in dem Grad, in dem die amerikanische Gesellschaft sich von der deutschen des Jahres 1933 unterscheidet".
Dem deutschen Schriftsteller Martin Walser ("Eiche und Angora") fiel es zwar schwer, sich vorzustellen, daß ein Staat wie die USA. der im Weltkrieg ein faschistisches System besiegte, "jetzt schon selbst faschistisch zu werden beginnt". Gleichwohl entdeckte er in den USA faschistische Züge. Walser im Oktober in einer Münchner Rede für Angela Davis:
Das ist nicht mehr der Faschismus, der seine Taten unter Fahnen und Fanfaren, sondern seufzend vollbringt. Sozusagen widerwillig wendet er Gewalt an. Es tut ihm is so leid, daß er brutal werden muß ... Der neue Faschismus in den USA verlangt von den Leuten nicht viel mehr, als daß sie zuschauen und alle paar Jahre mal mit dem Kopf nicken. Den Rest besorgt er selbst mit Hilfe seiner vom Kopfnicken legalisierten Gewalt. Ein charismatischer Führer, Merkmal vieler Faschismen, ist laut Marcuse in den USA gar nicht nötig. Und auf Abschaffung der Wahlen oder ein Verbot der Parteien könnten Amerikas Herrschende verzichten: Der US-Faschismus habe gute Aussicht, "mit demokratischer Rückendeckung" an die Macht zu gelangen.
Was da an die Macht gelangen kann, wird inhaltlich nicht definiert, nicht abgegrenzt gegen Termini, von denen jeder, wenn auch keiner erschöpfend, eine Eigenschaft des historischen Faschismus beschreibt: Diktatur. Polizeistaat, Totalitarismus, Terror. Als schieres Schimpfwort -- Ulbricht titulierte Adenauer. Chruschtschow Mao "Faschist" -- wird der schillernde Begriff auf Amerika aber auch nicht angewendet.
Die Linken subsumieren unter "Faschismus" offenbar schlechthin alle antidemokratischen, antiliberalen und rassistischen Züge, die es in den USA gibt. Der US-Faschismus, mahnte etwa das "Studentische Komitee für Gewaltlosigkeit", "wird keine Sturmtruppen, Hakenkreuze und Braunhemden haben. Der Faschismus in den Vereinigten Staaten wird sich in dem Ruf nach 'Gesetz und Ordnung' realisieren".
Ein faschisierter oder gar schon faschistischer Staat, dessen Brutalität nur noch von seiner Heuchelei übertroffen wird -- so malen die radikalen Linken Amerika. Es gibt Tatsachen genug, die nicht in dieses Bild passen.
Zu diesen Tatsachen gehört, daß Widerspruch gegen das System in den Vereinigten Staaten nicht nur möglich ist, sondern auch Wesentliches bewirken kann: Der Druck der öffentlichen Meinung erzwang 1968/69 den entscheidenden Kurswechsel in der Vietnam-Politik und bewog Lyndon Johnson, sich nicht mehr zur Wiederwahl zu stellen.
Zu diesen Tatsachen gehört ferner: Der US-Regierung könnte es, selbst wenn sie es ernsthaft versuchte, wohl nicht gelingen, Parlament und Justiz, Presse und Intellektuelle gleichzuschalten. Der Prozeß um die Pentagon-Papiere, in dem der Supreme Court gegen die Regierung entschied, bewies, daß die Justiz sich durchaus zutraut, die Staatsgewalt in die Schranken zu weisen.
Daß Amerika besonders gute Chancen habe, ein faschistischer, ein totalitärer Staat, eine Diktatur zu werden, wird man daher verneinen müssen. Daß in Amerika aber faschistoide Tendenzen wirken, daß oft Unterdrückung praktiziert wird, wo der Idee nach Freiheit herrscht, ist unbestreitbar.
Der verunsicherte Staat wehrt sich durch Druck.
Angela Davis selbst differenziert: "Faschistische Methoden sollten nie mit Faschismus verwechselt werden ... Gegen reinen, ausgereiften Faschismus führt man einen defensiven Kampf ... Aber so weit sind wir hier noch nicht ... Deshalb müssen wir die legalen Kanäle benutzen, die uns offenstehen."
Faschistisch mutet heute in den USA nicht nur die Haltung weißer Rassisten an, die in den Farbigen nach wie vor Untermenschen sehen. Faschistoide Zuge sind auch im staatlichen Bereich manifest: Die US-Regierung, Law-and-Order-Abgeordnete und rechte Richter > verketzern Andersdenkende, vor allem linke Demonstranten, und schaffen damit ein Klima militanter Intoleranz;
* erweitern die polizeilichen Vollmachten, rechtfertigen brutale Obergriffe der bewaffneten Staatsmacht; > halten den Kampf gegen Kriminelle für wichtiger als die Beseitigung sozialer Brandherde und das Bemühen um soziale Gerechtigkeit.
Schon dem Glauben an das Recht des Stärkeren, Tüchtigeren, der Ideologie des Erfolgs, dem Mythos des Geldverdienens, der Gewißheit des Segens für die Gerechten haftet etwas totalitär Erbarmungsloses gegenüber jenen an. die schwach, erfolglos, arm oder ungerecht sind. Das in der Unabhängigkeitserklärung verkündete, von den Naturrechtlern geheiligte "Streben nach Glück" stellt sich für weite Schichten als profaner Zwangskampf ums Überleben dar.
Und jene gefährliche Schicht patriotischer, ehrlicher, rechter Saubermänner, die in Deutschland einst die Nazis wählten, weil diese im gepeinigten Vaterland Ordnung zu schaffen versprachen, ist im "Middle America" reichlich vorhanden. 1968 trieb der Wunsch nach "Law and Order" dem rassistischen Ex-Gouverneur von Alabama, George Wallace, knapp 10 Millionen Wähler zu. Kolumnist Joseph Alsop hält den inzwischen wieder zum Gouverneur gewählten Wallace für den Führer der "ersten erfolgreichen faschistischen Bewegung" der USA.
Sie wird zumindest atmosphärisch begünstigt durch die tiefe Ratlosigkeit
* Oben: Richter Hoffman läßt den Angeklagten Seale an den Stuhl fesseln und ihm den Mund Verkleben; unten: erschossener Student an der Kent State University, festgenommener Student in San Francisco.
jener Amerikaner, die weder zum geistig wenig anspruchsvollen Kleinbürgertum noch zu den immer kritischen Intellektuellen zählen. Sie haben -- aufgeklärt und bildungswillig, aber doch relativ selbstsicher -- bis weit in die Nachkriegszeit geglaubt. daß eine freie Gesellschaft schon durch liberale Erziehung, "common sense" und Rechtlichkeit garantiert sei, daß Amerika mit sich selbst fertig werde und der Welt gültige, wenn auch nicht immer makellose Vorbilder bieten könne. Diese Schicht ist heute in ihrem ehemals gesicherten Selbstverständnis erschüttert und beginnt zu resignieren.
Denn in den letzten Amtsjahren Präsident Johnsons erlebte Amerika explodierende Gettos, Massenmärsche gegen den Vietnamkrieg, Revolten an den Hochschulen. Gegen die radikale Opposition wußte sich der verunsicherte Staatsapparat nur mit zunehmendem Druck zu wehren. Im August 1968, während des Parteikonvents der Demokraten, knüppelten Chicagos Polizisten Hunderte von Protestlern nieder, die gegen Krieg und Rassismus aufbegehrten. Dem Krawall folgten Verhaftungen, Polit- Prozesse.
Vor den Gerichten sahen Amerikas verwirrte Bürger einen ganz neuen Angeklagten-Typus. Er wollte sich nicht so sehr verteidigen, wie vielmehr die Justiz lächerlich machen, die Gesellschaft anklagen -- eine Gesellschaft, die er ablehnt und die ihn nicht begreift. Gerichte. Polizei und Gefängnisse, so argumentierten damals die Angeklagten und so behaupten heute die Solidaritätskomitees für Angela Davis, würden benutzt, um gesellschaftliche Spannungen zu kanalisieren oder zu unterdrücken.
In der Tat ist das -- ohnehin antiquierte -- amerikanische Strafverfahren kaum imstande, den Handlungen politischer Überzeugungstäter auch nur annähernd gerecht zu werden.
So werden in Amerika politische Aufrührer mangels politischer Strafnormen gelegentlich unter dem Vorwand eines kriminellen Delikts verurteilt -- und zwar exzessiv. Lee Otis Johnson zum Beispiel, Organisator des Studentischen Komitees für Gewaltlosigkeit in Houston und Black-Power-Sprecher, wurde festgenommen, weil er angeblich einen Marihuana-Joint verkauft hatte. Eine aus Weißen bestehende Jury verurteilte ihn zu 30 Jahren Gefängnis.
Im Prozeß gegen die Rädelsführer der Chicago-Proteste gab sich Richter Julius Hoffman, 74, als Apo-Feind und somit als Partei zu erkennen. Angeklagter Bobby Seale, 33, andererseits, Chef der militanten Black Panther Party, schmähte den Richter wiederholt "Rassist" und "Faschisten-Schwein".
Hoffmans Revanche: Er ließ den Schwarzen auf einen Stuhl fesseln und ihm den Mund mit Pflaster zukleben. Schließlich verurteilte der Greis den Panther wegen Mißachtung des Gerichts zu vier Jahren Gefängnis.
Zweifellos hat der Panther-Kampf das Selbstbewußtsein der schwarzen Amerikaner gestärkt. Andererseits aber hat eben dieser Kampf auch den Bür-
* Oben: Bauarbeiter; unten: Mitchell, Nixon, Hoover.
gerwunsch nach Unterdrückung der Radikalen noch verstärkt.
Seit 1968, vor allem aber seit Präsident Nixons Amtsantritt 1969, gehen die Cops meist rücksichtslos gegen militante Schwarze vor. So wurden nach Angaben des Justizministeriums innerhalb von zwei Jahren bei Feuergefechten elf Panther und zehn Polizisten getötet, 50 Cops verletzt, 469 Panther festgenommen. Die schwarze Truppe selbst beklagte 30 "ermordete Kameraden".
Justizminister Mitchell, die Graue Eminenz im Weißen Haus, verlangt von Polizei und Behörden scharfes Durchgreifen gegen Rebellen. Unter Berufung auf "Law and Order" und gestärkt durch außenpolitische Teilerfolge, begegnet die rechte Regierung ihren linksradikalen Gegnern mit größerer Härte.
Washington (wie einige Einzelstaaten) erweiterte Polizeivollmachten, verfeinerte Überwachungsmechanismen:
* Mitchell-Männer hören ohne gerichtliche Erlaubnis die Telephonate mutmaßlicher Aufrührer ab.
* In der Hauptstadt Washington dürfen Polizisten ohne anzuklopfen in Privatwohnungen eindringen ("No knock"-Gesetz).
* West Virginia verabschiedete ein Gesetz, das Polizei-Offiziere im voraus von jeder Schuld freispricht, wenn sie beim Unruhen-Einsatz Zivilisten töten.
Es paßt in dieses Bild, daß die US-Regierenden das Vorgehen von Ordnungshütern meist rechtfertigen, gegenüber kriminellen Soldaten Milde walten lassen. Die Nationalgardisten beispielsweise, die im Mai 1970 an der Kent State University vier Demonstranten erschossen, gingen straffrei aus. Der My-Lai-Kiiler Oberleutnant Calley, des Mordes an 22 Zivilisten für schuldig befunden, brauchte nicht ins Zuchthaus, sondern erhielt bequemen Hausarrest. Dann wurde die Strafe von lebenslänglich auf 20 Jahre reduziert.
Nachsichtig gegen Uniformierte, hart gegen Oppositionelle, gleichgültig gegenüber den Nöten der rassischen Minderheiten -- so marschiert US-Amerika nach rechts. In Philadelphia, Amerikas viertgrößter Stadt, wurde letzte Woche sogar der ultrarechte Ex-Polizeipräsident Rizzo ("Ich bin Amerikas schärfster Cop") zum Bürgermeister gewählt.
Herbert Marcuse sieht eine "Austrocknung des Rechtsstaats". Darunter leiden vor allem die Farbigen. Hunderttausende zwingt das System in einen ausweglosen Kreislauf von Armut und Asozialität. Seit 1968, ergab eine Untersuchung der National Urban Coalition, hat sich die Situation in den Gettos der Großstädte verschlechtert: "Arbeitslosigkeit und Herainsucht sind weiter gestiegen."
"Wir haben Hunderttausende ihrer Freiheit beraubt."
Aufbauend auf dem Report der von Johnson berufenen Kommission, die 1968 das Land in zwei ungleiche und getrennte Gesellschaften, eine weiße und eine schwarze, zerfallen sah, kommt der neue Bericht zu dem Schluß: "Diese Entwicklung setzt sich fort."
Die soziale Benachteiligung der Neger wird zur Repression, sobald sie in die Räder der Justizmaschinerie geraten. Vor allem das Kautions-System macht die amerikanische Rechtspraxis zur Klassenjustiz. Während die Wohlhabenden sich mit hohen Summen von der Untersuchungshaft freikaufen, harren die Armen -- und das heißt zumeist: Schwarzen -- in überfüllten Gefängnissen auf ihren Prozeß.
"Über Jahre haben wir Hunderttausende von Menschen, die niemals wegen eines Verbrechens verurteilt wurden, ihrer Freiheit beraubt, weil sie arm waren", schreibt der Ex-Justizminister Ramsey Clark in seinem Buch "Crime in America". Denn "die Reichen, die Gangster, die mit Beziehungen -- sie alle konnten eine Kaution stellen". Die Untersuchungshäftlinge, die im Sommer 1970 in dem berüchtigten, "The tombs" (Die Gräber) genannten New Yorker Gefängnis eine Revolte anzettelten, waren zu 85 Prozent Schwarze. 4000 Dollar für ein Richteramt in Texas.
Während ihrer Wartezeit sehen schwarze Untersuchungshäftlinge oft monatelang keinen Anwalt. Hinzu kommen zermürbende Schikanen. Ein junger Schwarzer des "Holmsburgh Prison" in Philadelphia wurde innerhalb von zwei Jahren siebzigmal zum Gerichtsgebäude transportiert -- ohne daß je sein Prozeß begann.
Die Annahme, daß jeder Angeklagte in den USA ein Recht auf ein unparteiisches und sorgfältig vorbereitetes Verfahren habe, ist "wenig mehr als ein noch immer gefeierter Mythos" (so die "Washington Post").
Der Druck des Terminkalenders verschärft die Diskriminierung noch. So entscheiden bei Blitzprozessen -- Hauptverhandlungen von zwei Minuten Dauer sind keine Seltenheit -- oft Äußerlichkeiten über das Strafmaß. Eine Analyse von 800 Urteilen in Detroit zeigte, daß schwarze Angeklagte und Angeklagte in Arbeitsmontur schärfere Strafen erhielten als Beschuldigte, die in Hemd und Schlips erschienen waren.
Besonders parteiisch urteilen rassistische Richter in den Südstaaten. Beispiel: Zwischen 1960 und 1964 wurden in Florida 46 von 84 Schwarzen wegen Vergewaltigung weißer Frauen zum Tode verurteilt -- aber nur 6 von 125 Weißen.
Unter den Geschworenen sind -- zumal im Süden -- nur selten Neger. Die Auswahl der Jury-Mitglieder am Ort des jeweiligen Verfahrens bietet genug Möglichkeiten einer Manipulation zuungunsten schwarzer Angeklagter.
Der politische Einfluß auf die Justiz ist ohnehin unübersehbar. Denn viele amerikanische Richter werden von Politikern ernannt und zahlen häufig für ihre Würde mit barer Münze an die jeweils regierende Partei. 4000 Dollar ist der übliche Satz in Texas. In New York überweisen Richter bei der unteren Strafkammer normalerweise ein Jahresgehalt.
Politischer Einfluß kann später auch die Dauer des Gefängnisaufenthalts bestimmen. In Kalifornien beispielsweise setzen die Gerichte keine festen Haftzeiten fest, sondern sie stellen mit einem gleitenden Strafmaß die Haftdauer in das Ermessen der Behörden. Damit erhält der Begnadigungsausschuß "eine totale, willkürliche, despotische Macht über das Schicksal und die Freiheit der Häftlinge" (so die Zeitschrift "The Atlantic").
"Weißes Eis" und "Nigger-Eis".
Bis auf einen pensionierten Zahnarzt sind alle Mitglieder dieses Ausschusses ehemalige Strafvollzugsbeamte, die von dem erzkonservativen Gouverneur Ronald Reagan ernannt wurden. Militante schwarze Zuchthäusler finden keine Gnade.
Brutalität, Entmenschlichung und Rassenhaß kennzeichnen den Gefängnis-Alltag. Die Schlagstöcke der Aufseher heißen "Niggersticks", im Sommer verteilen die Wärter "weißes Eis" an weiße und "Nigger-Eis" an schwarze Häftlinge.
Die Neger, stellte Angela Davis fest. "haben engere Bekanntschaft mit den amerikanischen Gefängnissen und Zuchthäusern als jede andere Bevölkerungsgruppe". Im Staat New York sind zwei Drittel aller Häftlinge Schwarze oder Braune, in Kalifornien fast die Hälfte.
Fast alle Aufseher aber sind Weiße. Die einen arbeiten im Gefängnis, weil sie keinen anderen Beruf finden; andere, namentlich Militärs im Ruhestand, wollen durch diese Tätigkeit noch etwas dazuverdienen. Nur wenige lieben diesen -- miserabel bezahlten -- Job, der ihnen Macht gibt.
Nach dem Motto "Teile und herrsche" spielen sadistische Wächter weiße gegen schwarze Häftlinge aus. Ein Insasse des kalifornischen Soledad-Gefängnisses beschreibt es so:
Die Beamten hatten aufgehört, das Essen zu servieren. Sie ließen das von weißen Gefangenen erledigen, die sofort anfingen, unsere Rationen zu vergiften, Indem sie sie mit Reinigungsmitteln, Glassplittern, Spucke, Urin und Kot vermischten. Die Wärter standen daneben und lachten.
Fast alle Wärter haben Angst vor den Häftlingen. Und ihre Angst schlägt oft in Haß um -- vor allem auf die Schwarzen.
"Alle Wärter sind Faschisten."
Amerikas schwarze Rebellen wiederum vergleichen die US-Strafanstalten mit den KZ Hitler-Deutschlands. "Herzliche Grüße aus Dachau" schickte etwa der Gefangene George Jackson an seine Freunde. Alle Wärter, schrieb er, "sind erklärte Faschisten".
Die Häftlinge begehrten gegen dieses System auf:
* Am 21. August kamen im Zuchthaus San Quentin der Davis-Freund und "Panther" George Jackson sowie fünf andere Männer gewaltsam ums Leben. Jacksons Freunde behaupten: "Es war Mord."
* Am 13. September endete in Attica im Staat New York eine der blutigsten Häftlings-Revolten der US-Geschichte mit dem Tod von 30 Gefangenen und zehn Geiseln. Nixon-Vize Agnew rechtfertigte das Massaker. Als Ärzte der Behauptung der Gefängnisbehörden widersprachen, die rebellierenden Gefangenen hätten den Geiseln die Kehlen durchgeschnitten, entgegnete Gefängnisbeamter Fosen: "Es interessiert mich nicht, was die Ärzte sagen. Wir haben Augenzeugen."
Amerikas Justizbehörden reagieren auf die Radikalisierung der Häftlinge mit wachsendem Druck. So tauchte nach der Attica-Rebellion die Idee auf für politische Aufrührer ein Sondergefängnis mit maximalen Sicherheits-Einrichtungen zu schaffen -- das "Maxi-Maxi". Gefängnis-Experte John Dunne, Senator im Staat New York: "Das wäre eine moderne Teufelsinsel ... Wir hätten dann wahrscheinlich ein schwarzes Konzentrationslager."
Was die schwarzen Sträflinge erfahren und erleiden, weckt oder schärft ihr politisches Bewußtsein. Erst der unentrinnbare Entscheidungszwang des Gefängnisses brachte Männer wie den 1965 ermordeten "Black Muslim"-Führer Malcolm X oder den Bestseller-Autor ("Seele auf Eis") und einstigen Panther-Sprecher Eldridge Cleaver dazu, sich ganz mit der Sache der radikalen Schwarzen zu identifizieren.
Auch die Philosophie- Doktorandin Angela Davis nahm nach ihrer Rückkehr in die USA Verbindung zu den Black Panthers auf. Sie trat später freilich in den Che-Lumumba-Club ein, ein schwarzes Kollektiv innerhalb der Kommunistischen Partei. Denn anders als die Panther, glaubte Angela, "daß wir Schwarzen eine selbstmörderische Richtung einschlagen, wenn wir das kapitalistische System allein zerstören wollen". Als Bündnispartner erschienen ihr die weißen Arbeiter -- die freilich in der KP kaum vertreten sind.
Wenige Monate nach ihrem Partei-Eintritt erhielt Angela Davis eine Stelle als "acting assistant professor", als Dozentin für Philosophie, an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Noch vor ihrer ersten Vorlesung war sie wieder gefeuert -- die 24 in ihrer Mehrheit von Kaliforniens rechtem Gouverneur Reagan bestellten Universitäts-Regenten machten die Berufung rückgängig, als das FBI sie über die KP-Zugehörigkeit der Dozentin aufklärte.
Unterstützt von Fakultät und Studenten, zog Angela Davis vor Gericht -- sie mußte wieder eingestellt werden. Entlassung wegen politischer Überzeugung. entschieden die Richter, sei verfassungswidrig: ein Beispiel dafür, daß keineswegs alle US-Gerichte rassistische Repression üben.
Fortan waren die Vorlesungen der umkämpften Lehrerin -- Themen: "Wiederkehrende philosophische Themen in der schwarzen Literatur", "Dialektischer Materialismus", "Kant und der Idealismus", "Existentialismus und Phänomenologie" -- ständig überfüllt. Alle ihre Worte wurden auf Tonband mitgeschnitten und von Fakultätsangehörigen kontrolliert -- doch kommunistische Indoktrination war ihr nicht nachzuweisen.
In ihrer ersten Vorlesung über die historische Gestalt des schwarzen Sklaven Frederick Douglass beschrieb sie, wie Douglass seinem Sklavenhalter den Gehorsam verweigerte. "Widerstand, Verweigerung, Trotz", so Angela Davis, seien "intregierende Bestandteile der Reise in die Freiheit". Und sie folgerte:
* Oben: die Entführer im Gerichtsgebäude; Mitte:
Entführer mit Richter Haley; unten: Opfer der Entführung, Beamte.
"Ich glaube, wir können von der Erfahrung der Sklaven lernen."
Im Juni 1970 weigerten sich die Universitäts-Regenten, den Vertrag von Angela Davis zu verlängern -- mit der Begründung, daß sie ihre Doktorarbeit noch nicht abgeschlossen habe und zudem "aufrührerische Reden" außerhalb der Universität halte.
Tatsächlich forderte Angela Davis, während die Universitätsmächtigen gegen ihre weitere Anstellung votierten, auf den Stufen des Rathauses von Los Angeles die Freilassung jener drei schwarzen Gefangenen im kalifornischen Soledad-Gefängnis, die angeblich einen weißen Aufseher ermordet hatten.
Einer der drei "Soledad Brothers" war George Jackson, 29. Mit 18 Jahren hatte er bei einem Tankstellen-Überfall 70 Dollar erbeutet, ein Gericht verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe zwischen einem Jahr und lebenslänglich. In den elf Jahren seiner Haft entwickelte er sich zu einem unversöhnlichen Revolutionär. Angela Davis gehörte einem Unterstützungs-Komitee an, das die Verteidigung der Soledad Brothers zu organisieren versuchte, und lernte Jacksons Familie kennen.
Georges jüngerer Bruder Jonathan ("Jon"), 17, wurde eine Art Leibwächter für Angela Davis. Denn sie erhielt Drohungen per Brief und Telephon. Ob sie ihm auch Schußwaffen gab, steht dahin. Am 7. August 1970 schlich sich Jan bewaffnet in das Gerichtsgebäude von San Rafael bei San Francisco ein und kidnappte fünf Geiseln, darunter den Richter Harald Haley. "Wir sind Revolutionäre!" rief er. "Laßt die Soledad-Brüder bis 12.30 Uhr frei." Minuten später eröffneten Polizisten das Feuer; lon Jackson, zwei Komplicen und Richter Haley starben im Kugelhagel.
Angela Davis war nach Jons Tod untergetaucht. Amerikas Polizei veranstaltete eine ihrer aufwendigsten Fahndungen. Nach zwei Monaten wurde sie in einem New Yorker Motelzimmer verhaftet.
Jons vier Schußwaffen, ermittelte das Bundeskriminalamt FBI, waren von Angela Davis gekauft worden, eine davon nur zwei Tage vor dem Coup. Springers "Bild am Sonntag": "Schwarze Dozentin schuld am Blutbad."
Angela Davis beteuert, Jan habe ohne ihr Wissen gehandelt. Doch Staatsanwalt Albert Harns sieht "hinreichenden Grund zu der Annahme, daß Miß Davis sich mit Jonathan Jackson verschwor, um Richter Haley sowie andere Personen zu entführen und somit die Freilassung der Soledad Brothers zu erreichen".
Zwar befand sich Angela Davis bei dem Kidnap-Versuch nicht am Tatort. Doch nach kalifornischem Recht ist jemand, der eine Straftat vorbereiten hilft, genauso schuldig wie jener, der das Verbrechen vor Ort ausführt.
Daß Richter Haley möglicherweise nicht durch Schüsse der Entführer, sondern durch Kugeln von Cops ums Leben kam, spielt nach Ansicht kalifornischen Strafrechtler keine Rolle. Denn aus früheren Entscheidungen des Obersten Gerichts von Kalifornien gehe hervor, daß der gewaltsame Tod einer Geisel, ob durch die Kidnapper oder durch verfolgende Beamte, jedenfalls aus einem Verbrechen resultiere. Daher seien die Entführer des Mordes schuldig.
Amerikas Richter, so hat Angela Davis auf einer Apo-Versammlung im Sommer 1970 angeblich erklärt, müßten "zu Tode revolutioniert" werden. Die Justiz im Reagan Staat, erbittert über Richter Haleys Tod, wird derartige Äußerungen gewiß gegen die Klassenkämpferin verwenden. Einzelhaft in einer Zelle ohne Fenster.
Ein sechsköpfiges Anwälte-Kollektiv, geführt von dem Schwarzen Howard Moore, vertritt sie. Es erreichte, daß die Angeklagte das Recht erhielt, sich auch selbst zu verteidigen. Auf das Drängen der Anwälte hin verlegte Richter Richard Arnason vorigen Dienstag den Prozeß von San Rafael nach San Jose, 80 Kilometer südlich von San Francisco: In San Rafael -- dem Schauplatz der Haley-Entführung und dem Wohnort weißer, meist gegen Angela Davis voreingenommener Bürger -- wäre "wahrscheinlich kein faires Verfahren möglich gewesen".
im Gefängnis zu San Rafael wird Angela Davis in strenger Einzelhaft gehalten. Sie darf nur 30 Minuten pro Wache an die frische Luft. Ihre fensterlose Zelle mißt drei mal drei Meter.
Allmorgendlich begibt sich die Angeklagte in einen Arbeitsraum. Dort spricht sie mit ihren Angehörigen. Und dort bereitet sie mit ihren Advokaten die Verteidigung vor.
Anwalt Moore argwöhnt, die Gespräche in jenem Aufenthaltsraum würden dauernd abgehört.
Anwalt Michael Tigar glaubt sogar: "Angela Davis schwebt in höchster Lebensgefahr, solange sie im Gefängis sitzt. Wir müssen damit rechnen, daß sie ... ermordet wird."

DER SPIEGEL 46/1971
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