01.11.1971

PHILOSOPHEN

Der Geheimtip

Ein junger Bielefelder Soziologe, Niklas Luhmann, hat durch eine neue Gesellschaftstheorie Aufsehen und Widerspruch erregt.

Vor zwei Jahren war der Bielefelder Professor Niklas Luhmann, 43, "nur ein Geheimtip für professionelle Soziologen". Nunmehr hält ihn sein Kollege Lepenies für einen der "einflußreichsten und am meisten diskutierten Soziologen der Bundesrepublik".

Sogar Jürgen Habermas, 42, Kronprinz der Kritischen Theorie, einer Gesellschaftslehre des nicht dogmatischen Marxismus, rühmt Luhmann als einen "überraschenden Geist", von dem er hofft. "allemal lernen zu können".

Diese unter deutschen Gelehrten nicht eben üblichen Lobsprüche trug dem Soziologie-Ordinarius seine universale Gesellschaftstheorie ein, die als Theorie der sozialen Systeme zugleich eine Theorie der Theorien sein will -- also eine Theorie, die beansprucht, erklären zu können, wie soziale Theorien, zum Beispiel die marxistische, entstehen und nützen. Insofern versteht Luhmann seine Theorie als universal, als Super-Theorie*.

Dieser universale Anspruch hat bei den Marxisten Widerspruch erzeugt. So fühlte sich insonderheit der Philosoph Habermas. der nach wie vor den Marxismus für die Theorie mit der größten Reichweite hält, zu einer Debatte mit Luhmann herausgefordert. Beide Kon-

* Niklas Luhmann: "Soziologische Aufklärung. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme". Westdeutscher Verlag, Opladen: 268 Seiten: 38 Mark.

trahenten veröffentlichten jetzt einen Diskussions-Band*.

Darin gesteht der linke Habermas sein Erstaunen darüber, daß Luhmanns Theorie, die er. Habermas, als konservativ einschätzt, einen "eigentümlichen Appeal" auf den "Aktionismus von links" ausübt. Es könnten sich sowohl Rechte als Linke, "politische Technokraten" wie "instrumentalistische Revolutionäre" auf sie berufen.

Die Faszination der Systemtheorie für Revolutionäre wie für Reaktionäre besteht darin, daß Luhmann eine neue pragmatische Einheit von Theorie und Praxis lehrt.

Luhmann meint, daß nicht die in Klassen zerfallene Gesellschaft und nicht der Klassenkampf die soziale Evolution vorantreiben. Für ihn ist jedes soziale System eine Antwort auf die Herausforderung der "Weltkomplexität", worunter ein Überraschungsfeld unüberschaubarer und unausschöpfbarer Möglichkeiten zu verstehen ist. Der pragmatische Nutzen jedes sozialen Systems erweist sich daran, ob es eine "erfolgreiche Technik des Umgangs mit Unbekanntem" entwickelt -- was nur dann möglich ist, wenn dieses System einen operablen Ausschnitt aus der Weltkomplexität auswählt.

Die Welt ist für den Bielefelder Soziologen ein Potential unzähliger Zustände und Ereignisse, von denen jedes soziale System nur einen Teil aufnehmen kann. Die Leistung oder Funktion eines sozialen Systems, das heißt eines Systems, das menschliche Handlungen in ihren Wechselwirkungen aufeinander bezieht, besteht darin, die Komplexität der Welt durch Auswahl zu reduzieren, überschaubar, hantierbar zu machen.

Das "Grundproblem aller Praxis -- im täglichen Handeln wie bei der Arbeit an Theorien" liegt laut Luhmann aber nicht nur in der Komplexität der Welt, sondern auch in der immer weiter zunehmenden Eigenkomplexität der sozialen Systeme Deren Komplexitäts-Steigerung kann dazu führen, daß sie ihre Funktion nicht mehr erfüllen und die Welt eher verdunkeln als erhellen.

Ein überkomplex gewordenes Sozialsystem differenziert sich daher, es bildet Teilsysteme, die für ihren Bereich -- zum Beispiel Politik, Wirtschaft, Wissenschaft -- die funktionale Leistung des Gesannsystems erfüllen. Die Funktionalität jedes dieser Teilsysteme muß derart gesichert sein, daß die Ordnung des Gesamtsystems hält: "daß politische Macht anrufbar und entscheidungsfähig ist, daß Geld seinen Wert behält, daß Wahrheiten feststellbar sind, daß Kinder mit Liebe gezeugt und großgezogen werden ..."

Gleichwohl birgt die Differenzierung in Teilsysteme eine Gefahr für die soziale Evolution des Gesamtsystems in

* Jürgen Habermas/Niklas Luhmann: "Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie". Suhrkamp Verlag. Frankfurt; 408 Seiten; 15 Mark.

sich. Denn die Teilsysteme entwerfen "einen zu weiten Horizont von Möglichkeiten". Luhmann: "Was alles kann im Namen ... politischer Demokratie, wirtschaftlicher Profitmaximierung, im interesse hygienischer Lebensführung, Bewahrung des kulturellen Erbes, militärischer Sicherheit gefordert werden."

Luhmanns Systemtheorie zielt auf gesellschaftliche Praxis; sie will eine erfolgreiche Technik für den Umgang mit der Weltkomplexität darstellen. Diesen "fundamentalen Pragmatismus" der Luhmannschen Systemtheorie greift Habermas an. Sie sei, meint er, in Wirklichkeit eine herrschaftsstabilisierende Ideologie. Sie bietet keine inhaltlichen Normen an, nach denen ein soziales System zu erhalten, zu verändern oder umzustürzen ist. Deswegen könne sie als Sozialtechnologie "in spätkapitalistischen, aber auch in bürokratisch-sozialistischen Gesellschaften eine ideologische Funktion übernehmen".

Habermas beanstandet, daß in Luhmanns Gesellschaftstheorie der mündige, diskutierende Mensch nicht vorkommt. Damit verzichte Luhmann auf die Praxis eines freien Konsensus mündiger Bürger zu notwendigen sozialen Veränderungen. Er erklärt nur, wie Gesellschaft sich ändert, nicht aber, wie sie sich ändern soll.

Luhmann seinerseits wirft dem kritischen Soziologen der Frankfurter Schule vor, Kritik sei kein "sinnvolles Ziel" und verführe nur zu vorschnellen Urteilen. Wer als Gesellschaftskritiker versucht, "eine bessere Gesellschaft als möglich nachzuweisen", scheitert an der Komplexität der Welt, weil er das Funktionieren sozialer Systeme vernachlässigt.

Wird aber die Komplexität der sozialen Umwelt mißachtet, dann verfällt Kritik "in eine folgenlose Humanität". Oder sie muß sich selbst wörtlich nehmen und zur "Basis unmittelbarer Aktion" werden, oder: "Systemtheorie wird dazwischengeschaltet."

Habermas wiederum behauptet, die Systemtheorie habe "in einem auf Entpolitisierung einer mobilisierten Bevölkerung angewiesenen politischen System" -- offenbar meint er die Bundesrepublik -- eine "herrschaftslegitimierende Funktion".

Luhmanns Antwort: "Eine Systemtheorie ... mag dadurch, daß ihre Gegner sie als herrschaftsstabilisierende Ideologie bezeichnen, tatsächlich in diesen Ruf kommen und dann in dieser Funktion wirksam werden."


DER SPIEGEL 45/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 45/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PHILOSOPHEN:
Der Geheimtip