27.07.1970

SCHRIFTSTELLER JARRYGeliebter Irrsinn

Ein Gast fiel ganz besonders auf: Der Kerl mit den "mehlig gepuderten Backen, mit Augen wie aus schwarzem Lack und knallrot geschminkten Lippen war gekleidet wie der traditionelle dumme August aus dem Zirkus".
Die "absonderliche Erscheinung", an der alles "absurd gekünstelt" war, trank bei Tische "zwei große Wassergläser voll Absinth, ungemischt". Nach dem Bankett bestieg "dieser Clown" einen Stuhl, kündete in seiner "zerhackten, bizarren" Sprechweise den Tod eines der Gäste an und richtete zugleich eine großkalibrige Pistole auf ihn. Daß er einen gewissen "Ruf als Schütze" hatte, vermehrte noch die Panik der Gesellschaft.
So schilderte, nach einer von mehreren Zeugen verbürgten Begebenheit, Frankreichs Nobel-Dichter André Gide 1925 (in dem Roman "Die Falschmünzer") den wohl kurlosesten Kauz unter seinen Schriftsteller-Kollegen -- den Verfasser des genialischen Grotesk-Klassikers "König Ubu" und Erfinder einer eigenen Privat-Wissenschaft, der "Pataphysik", Alfred Jarry (1872 bis 1907).
Als Gide an Jarry erinnerte, war der schon fast vergessen. Denn zu Nachruhm und -wirkung kam der zu seinen Lebzeiten wohl berühmteste Exzentriker der exzentrischen Belle-Epoque-Bohème erst mit langfristigem Verzögerungseffekt: In Frankreich begann seine Wiederentdeckung erst 50 Jahre
* Alfred Jarry: "Heldentaten und Lehren des Dr. Faustroll (Pataphysiker). Neowissenschaftlicher Roman". 138 Seiten; 19,80 Mark. -- "Le Surmale / Der Supermann". 88 Seiten; 18 Mark; beide Gerhardt Verlag, Berlin.
** Alfred Jarry: "König Ubu. Ubu Hahnrei. Ubu in Ketten". Hanser Verlag, München; 160 Seiten; 7,80 Mark.
*** Alfred Jarry: "Ansichten Über das Theater", Verlag Die Arche, Zürich; 48 Seiten; 2,80 Mark.
nach seinem Tode mit einer berühmt gewordenen Aufführung des "Ubu roi" durch Jean Vilar im Pariser "Théâtre National Populaire" (TNP); in Deutschland wurde Jarrys Hauptstück erstmalig 1959 aufgeführt.
Jedoch, seit sich unter Literaten die Meinung durchgesetzt hat, daß Jarry nicht nur als Ahn und Anreger von Surrealismus und Dada zu gelten habe, sondern wohl gar als Großvater des absurden Theaters und des Pop-Romans herhalten könne, schreitet die Popularisierung des Vielfach-Vorbildes munter fort:
* Der Berliner Gerhardt Verlag hat im vergangenen Jahr mit der Herausgabe einer (so Verlegerin Renate Gerhardt) "Gesamtausgabe in sehr vielen Einzelbänden" begonnen. Nach "Faustroll"* und "Supermann"* soll dort noch in diesem Herbst Jarrys "Messalina"-Roman erscheinen.
* Der Hanser Verlag edierte erstmals den "König Ubu" zusammen mit Jarrys kaum minder bedeutenden Fortsetzungs-Ubuaden in einem Band**.
* Der Zürcher Arche Verlag, der sich schon vor zehn Jahren für Jarry einsetzte, brachte jetzt eine kleine Auswahl aus seinen Schriften zum Theater auf den Buchmarkt**. Auf dem Theater hatte Jarrys Karriere als Bürgerschreck einst begonnen. Der Durchbruch des 23jährigen Jung-Literaten, der bis dahin zwar schon zu einigen Dichter-Preisen, aber kaum zu populärerem Ruhm gekommen war, fand mit einem aufbereiteten und angereicherten Schülerulk statt, in dem Jarry und seine Klassenkameraden acht Jahre zuvor auf dem Lyzeum in Rennes ihren Physiklehrer karikiert hatten.
Dieser Professor Hébert, ein glückloser, ungeschickter, fettleibiger Magister, wurde für Jarry später zum Vorbild des Père Ubu, der inzwischen als Ur-Typ des feigen Spießers, des rasenden Kleinbürgers und machtversessenen Massenmörders in die Bühnengeschichte einging.
Der Skandal begann mit dem ersten Wort der Aufführung. Der Darsteller des Übu, den die Regie auf die abgehackte, manierierte Redeweise und die stilisierten, eckigen Gesten des Verfassers trainiert hatte, trat an die Rampe und dröhnte. "Merdre", einen nur wenig verfremdeten und damals überaus anstößigen Vulgärausdruck (im Deutschen abwechselnd mit "Scheißdre" oder "Schreiße" übersetzt).
Der Tumult, der losbrach, war gewaltig: Das literarische Tout Paris, das sich zusammen mit ahnungslosen Abonnenten im Saal drängte, pfiff und klatschte; es gab Boxkämpfe und Ohrfeigen zwischen Jarry-Fans und -Feinden; das tobende Parkett stand auf den Sitzen und beruhigte sich erst nach einer Viertelstunde, als die Schauspieler die Scheinwerfer drehten und nun ihrerseits das hellerleuchtete Publikum anstarrten.
"König Übu", diese genialisch großmäulige Groteske aus dem Geist von Jarrys Lieblingsdichtern Rabelais ("Gargantua") und Christian Dietrich Grabbe ("Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung"), halb Théâtre Cochon, halb Grand Guignol, Endzeit-Satire und Theater-Parodie in einem, dieses kraftstrotzend-unflätige Sauf-, Rauf-, Rülps- und Schimpf-Stück war, obwohl nur dieses eine Mal aufgeführt und dann sofort aus dem Repertoire gestrichen, der Höhepunkt der Saison, eine unvergleichliche Sensation, über die von den Zeitungen noch wochenlang diskutiert wurde.
Heute, nach Tuli Kupferbergs "Ficknam" und Arrabals erotischen Phantasien, nach dem Orgien- und Mysterien-Theater der urinseligen Blut-und-Hoden-Aktionisten Nitsch und Muehl, erscheint "König Ubu" kaum mehr als schockierend: Die Kasperliade vom anarchischen Dickwanst, der, jovial und grausam, komisch und mörderisch zugleich, sich zum Diktator von Polen aufschwingt und dort ein gräßliches Schreckensregiment installiert, wäre inzwischen sicher auch dem Abonnentenpublikum in der Provinz zuzumuten; doch es gibt kaum je "Ubu"-Aufführungen.
Für Jarry war Vater Übu mehr als eine Theaterfigur -- das auf der Bühne mit den Schrullen des Autors ausgestattete Monstrum veränderte nachhaltig sein Leben.
Jarry nämlich lebte seinem literarischen Geschöpf nach, er stilisierte sich ä la Übu: Mit diesem Namen unterzeichnete er seine Briefe, er redete von sich in König Ubus zeremoniellem Pluralis majestatis, "im Stile der Monarchen, Prälaten und Polizeipräfekten", wie er sagte, und seine armselige Mansarde nannte er pompös "Notre Grande Chasublerie", weil ein Nachbar Meßgewänder (chasubles) schneiderte.
Seine Sprechweise wurde immer mehr zu einem knatternden Stakkato aus falschen Betonungen: "Wenn ein Nußknacker reden könnte", schrieb Freund und Bewunderer André Gide, "würde er es nicht anders tun." Dazu schminkte sich Jarry zumeist eine leblose Maske an und versuchte die zackigen Bewegungen einer Marionette nachzuahmen: "Dieser gipsgesichtige Kobold", so Gide, "spielte eine ... Rolle, die keine menschlichen Merkmale aufwies."
Überdies war Jarry, dessen Marotten nicht nur belacht, sondern auch häufig kopiert wurden, ein gargantuesker Trinker, der fast ständig in einem Absinth-Rausch, später im Äther-Rausch lebte. Sein Alkoholismus freilich hatte nichts Lebfroh-Genießerisches; er war eine Form von Selbstzerstörung.
Dabei galt ein Spezialinteresse Jarrys sportlichen und technischen Leistungen. Er selbst ging zumeist im Drell des Radrennfahrers mit in die Socken geknüllten Hosen. Er radelte und ruderte mit sportlichem Einsatz, war Angler, Fechter und Pistolenschutze.
Auch in seinen Romanen finden bizarre Sport-Taten und sonderbare Rekorde statt: Im "Supermann" tritt ein Rennfahrer-Quintett auf einem Fünfsitzer ("gewöhnliches Rennmodell 1920, ohne Führungsstange" Reifen 15 Millimeter, Radentwicklung siebenundfünfzig Meter vierunddreißig") zu einem Zehntausendmeilenrennen gegen einen Expreßzug an, um die Überlegenheit der menschlichen Energie gegenüber maschineller Kraft im Großversuch zu demonstrieren. Und die Quintuplett-Radler, genährt nur mit einer hochexplosiven Strychnin-Alkohol-Mischung, gewinnen in knapp fünf Tagen die Konkurrenz.
Andre Marcueil, der Supermann in Jarrys im Jahre 1820 spielenden Zukunftsroman, ist der Held dieser neuen Zeit: "Der Liebesakt"" so formuliert er etwa, "ist ein Akt ohne Bedeutung, da man ihn unendlich fortsetzen kann." Und er demonstriert das den ungläubigen Zeitgenossen, indem er den bisherigen Weltrekord des legendären, von Theophrast, Plinius und Rabelais gerühmten Inders ("Mit Hilfe eines gewissen Kräutleins konnte er siebzigmal") auf 82 Akte schraubt. "Das war", so muß er sich dann freilich von der so sehr verwöhnten Dame sagen lassen, "überhaupt nicht amüsant."
Das für den milden Irrsinn seiner Einfälle und die Vexier-Logik seiner Argumentationen aufschlußreichste Buch ist Jarrys "neowissenschaftlicher Roman" vom Dr. Faustroll, einem typisch ubuesken Fabelwesen (sein Name ist zusammengesetzt aus "Faust" und "Rolle" oder "Faust" und "Troll"):
"Doktor Faustroll wurde 1898 in Tscherkessien geboren, und zwar im Alter von dreiundsechzig Jahren ... ein Mann von durchschnittlicher Größe, d. h. um ganz wahrheitsgetreu zu sein, von ( 8 x 1010 + 109 + 4 x 106 + 5 X 106) Atom-Durchmessern ... ein unbehaartes Gesicht, abgesehen von einem seegrünen Schnurrbart ... die Augen, zwei Kapseln voll einfacher Schreibtinte, wie Danziger Goldwasser angesetzt, mit goldenen Spermatozoen darin."
Zusammen mit dem Gerichtsvollzieher Panmuffel, der ihn seiner Mietschulden wegen pfänden will, unternimmt Faustroll in einem zwölf Meter langen Bett aus Gaze" "das die Form eines länglichen Siebes hat", eine Schiffsreise, und zwar, nach typischer Jarry-Logik, "nicht auf dem Wasser, sondern auf dem festen Lande".
Diese trockene Bootspartie führt durch eine Welt aus Literatur- und Kunstwerken des Symbolismus -- Anlaß für literarische Parodien und Polemiken, für bizarre Räsonnements und Bildungserlebnisse sonderbarster Art.
Die Lehre Faustrolis, die scheinwissenschaftliche Infinitesimalrechnungen ("Von der Oberfläche Gottes") und bildungsschwere Philosophaselei ("Vom musikalischen Strahl"), präzise Science-fiction-Erfindungen ("Maschine zur Erforschung der Zeit") und linguistische Blödeleien ("Von einigen sinnfälligen Bedeutungen des Wortes Haha") mit bauchrednerischem Ernst zusammenhält, ist die 'Pataphysik" "mit vorausgehendem Apostroph".
Diese "Wissenschaft imaginärer Lösungen" bestimmt die Denk-" Betrachtungs- und Lebensweise Jarrys und seiner Figuren; sie ist gleichwohl kaum erklärlich darzustellen.
Die 'Pataphysik "soll die Gesetze untersuchen, durch die die Ausnahmen bestimmt werden" (denn es gibt eigentlich nur Ausnahmen auf der Welt, und die Regel etwa ist nur eine Ausnahme von ·der Ausnahme); die 'Pataphysik ist "die Wissenschaft von dem, was zur Metaphysik hinzu kommt, und die sich genau so weit über diese erhebt, wie jene über die Physik", kurzum: in allem, das es auf der Welt gibt, West 'Pataphysik.
In Paris hat sich 1949 ein "Collegium pataphysicum" zur Erforschung und Verbreitung der geheimnisvollen Lehre gegründet. Die Leitung der illustren Loge hat "Seine Magnifizenz der Vize-Kurator", andere Würdenträger heißen "Generalaufseher", "Transzendente Satrapen" und "Regenten". Zu den Bekennern der pataphysischen Lehren, die regelmäßig "Cahiers" herausgeben und zum Ruhm des Meisters eine große "Expojarrysition" besorgten, zählten Eugène Ionesco und Jacques Prévert, Boris Vian und René Clair, Joan Miró und Max Ernst.
Freilich, auch die gelehrten 'Pataphysik-Lehrer haben bislang nichts anderes geben können als stilreinjarryeske Interpretationen, etwa: "Ontologisch geht die 'Pataphysik dem Sein voraus" und "Die Menschen sind pataphysische Verhärtungen". Die 'Pataphysik zu erklären, so hat Seine Magnifizenz der Vize-Kurator denn auch dekretiert, sei "nicht nur sinnlos, sondern pataphysisch".
Eins immerhin haben die Exegeten geleistet: Sie haben einen pataphysischen Kalender mit ubuesken Monatsnamen und Zählweisen in die Welt gesetzt, der als Jahr Null Jarrys Geburtsjahr annimmt. Den feierlichen Gründungstag des Collegiums im Jahre "LXXVI. E. P. (vulgo 1949)" nannten die ehrwürdigen Herren, gut pataphysisch, den "1. Enthirnungstag".

DER SPIEGEL 31/1970
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