18.10.1971

Nackter Po und saftige Hiebe

Von Köhler, Otto

Die "Neue Gerichtszeitung" ist in

jeglicher Hinsicht ein wertvolles Organ der Rechtspflege. Sie besitzt Bürgersinn und schlägt den "Ungeist dieser Zeit", wo sie ihn trifft.

"Verteidigen wir, was wir aufgebaut haben!" drängt die "Gerichtszeitung" und erläutert jedem ihrer Leser, wie er dabei selbst Hand anlegen kann: "Selbstverständlich soll ein 14jähriges Schulmädchen den Hintern versohlt bekommen", fordert "NGZ", und zwar "sachgerecht mit einem dünnen Rohrstöckchen" -- Vorbildhaft ist die "pflichtbewußte Mutter, die ihrer herumstreunenden Tochter mit dem Ausklopfer den Hintern grün und blau klopft".

Bürgersinn bewährt sich vor allem, wenn Eltern den "kriminellen Hot-Pants" entgegentreten. Hei, wie werden da die "Hosenböden der "Heißen" kochend, weil die erbosten Eltern die bereits gespannten Allerwertesten ihrer Töchter mit Rohrstock. Riemen oder Kochlöffel" bearbeiten. Diskussionen um heiße Höschen sind "mit einer striemenreichen Bearbeitung eben jener Kehrseite zu beenden, um die es sich handelt". Und die "Gerichtszeitung" freut sich, daß oft "freundliche Helfer einer Mutter zur Hand" gehen. wenn es gilt, ein "Früchtchen" auf dem Tisch festzuhalten, über dem "das häusliche Strafgericht" vollzogen wird.

Die Leser stehen nicht abseits, ja sie leisten der Redaktion wertvolle Hilfe. Ganze Druckseiten stellt die "NGZ" der freien Aussprache darüber zur Verfügung, ob man den Rohrstock besser "über die strammgezogenen Höschen" oder "auf den nacktgemachten Hintern" zieht. Viele Leser lassen aus einer christlichen Grundhaltung heraus "den Rohrstock tanzen". Maria H., Rheinland: "Ich kann sagen, daß es für Verfehlungen, wozu auch das Schwänzen der hl. Messe oder der hl. Beichte gehört, saftige Hiebe gibt."

Und Erna R. aus Saarbrücken, die zu Kaisers Zeiten zur Schule ging. sehnt sich noch immer nach der "guten preußischen Schulzucht", wobei ihr das "Nacktgemachtwerden". der "Stock auf den blanken Po". eine besonders liebe Erinnerung ist.

Mag es auch in den "NGZ"-Spalten Hiebe für Kinder hageln -- nicht zu kurz kommt trotzdem die Liebe, soweit es sich um Tierliebe handelt. Woche für Woche schildert die "Gerichtszeitung" ein "neues ergreifendes Tierschicksal" ("Kleines Kätzchen als Müll fortgeworfen" "Tierfreunde entlarvten den Hundemörder von Löhne"). Leitmotiv: "Ein Hundeleben, das so grausam enden soll, ist nicht weniger wert als ein Menschenleben." So erschließt sich möglicherweise eine qualitativ völlig neue Lesergemeinde; denn -- das meldete die "NGZ" -- "Tiere wissen: Die "Neue Gerichtszeitung" nimmt sich ihrer an."

Obgleich die übrigen "Gerichtszeitungs"-Leser gute Deutsche sind, kennen sie doch ein fernes Mekka: Südafrika. wo -- wie Berti F. lobt -- im letzten Jahr vom Staat "über 40 000 Züchtigungen vollzogen" wurden. Detailfreudig schildert er über eine ganze Zeitungsseite, wie eine mit einem Farbigen ertappte Einundzwanzigjährige von Justizbeamtinnen der "akkuraten Ausführung der Strafe" unterworfen wird: Eine der Wärterinnen nahm die Peitsche schließlich zur Hand, gleichzeitig fühlte Antje Marie, daß man ihr das Höschen abstreifte, ganz behutsam bis zu den Knien. Ein kurzer Augenblick der Konzentration -- und dann hörte das Mädchen den ersten Pfiff der Peitsche, spürte das glatte Leder auf ihrem nackten Po und zuckte durch den brennenden Schmerz zusammen. Angeregt veröffentlichte in der nächsten Nummer ein "selbständiger Unternehmer" eine Suchanzeige: Endlich einmal eine klare Aussage über ein Land (Südafrika), wo noch menschliche Werte alles wert sind. Harte aber gerechte Sühne durch Prügelstrafe ohne jede billige Phantasie und Pornographie-Theater. Berti F., wie auch andere Leser, Herren und Damen, hätten Sie aufrichtige Lust, über dieses Thema u. a. mit mir persönlich zu diskutieren?

Solche und ähnliche Aussprache suchen auch andere "Gerichtszeitungs"-Leser in der Rubrik "Wo ist der Partner?" Sie "interessieren sich brennend für Erziehungsfragen". wollen "erzieherisch einwirken", sich gegenseitig "in Zucht" nehmen. Ein Junggeselle sucht "charmante Partnerin", um sie "noch etwas zur Ordnung und Sauberkeit" zu erziehen. Ein "hübscher Junge" würde "gerne auch als Zofe dienen", ein anderer möchte eine "Kommandeuse", die "vollkommen das Befehlsvokabular beherrschen" muß.

Neben einem "Denkt an Berlin"-Inserat bietet ein "Harter Hamburger" in "Lederkombination" einem. "ergebenen Kameraden" Aufenthalt in seinem "F.-Keller" (Folterkeller). Ein 39jähriger ("sehr gehorsam und willig") sucht eine Dame "mit viel Energie", die ihm "Bildungslücken schließt".

Ein "Mann eiserner Prinzipien". der "Nietzsche schätzt", will "Frauen" die sich unterordnen können". Einer fragt: "Wo kann ich verschärfte Arreststrafe verbüßen?" und ein Zuchthausdirektor aus Südafrika sucht eine Frau, die versteht, daß "eine Strafanstalt zum Strafen da ist".

Nur Henker und Leute, die sich gern köpfen lassen, haben sich leider noch nicht angeboten. Das ist erstaunlich" denn im redaktionellen Teil fehlt es nicht an Imperativen wie "Dafür die Todesstrafe!" "Runter mit der Rübe!" "Totschlagen!"

Eines aber ist besonders lobenswert. Obwohl manche Anzeigenkunden neben Fachliteratur ("Rohrstock aus zarter Hand") und Utensilien ("Reitgertchen" Ketten, Fesseln usw.") auch "knallharte Sexfilme" anbieten, läßt sich die "Neue Gerichtszeitung" von diesen Inserenten im redaktionellen Teil nicht beeinflussen. In ihrem Kampf gegen "moralische Verwahrlosung" verurteilt sie prinzipiengetreu "Sex und Porno". klagt über eine "verantwortungslose Publizistik", die "die Pornowelle" verharmlost, und verlangt, daß sich die deutsche Polizei weniger schlafmützig zeige gegenüber den "schamlosen Geschäftsmachern".


DER SPIEGEL 43/1971
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