18.10.1971

MUSIKSchöneres Gestern

Die modische Begeisterung der Jugend für Gefühl und Romantik hat jetzt auch dem Chansonsänger Reinhard Mey zu Konzert- und Plattenerfolgen verholfen.
Das deutsche Show-Business nahm jahrelang kaum Notiz von ihm oder spottete bestenfalls: "Der Mey ist ein Spinner."
Die Spötter haben sich getäuscht: Seit die gefühlvollen "Love Stories" die Kino- und Verlegerkassen füllen, finden die lyrischen Gesänge des Berliner Chanson-Autors Reinhard Mey, 28, immer mehr Zuhörer.
Wenn der kleine, hagere Sänger seine Gitarre zum "Frühling in der Großstadt" zupft, wenn er die "Liebe zwischen Asphalt und Wolken" verklärt und von einem schöneren "Gestern" träumt, strömen junge Leute zu Tausenden in die ausverkauften Musikhallen -- in Wien beispielsweise über 2000.
Von den fünf bislang erschienenen Mey-Langspielplatten rotieren rund 420 000 Exemplare auf bundesdeutschen, österreichischen und schweizerischen Plattentellern. Allein die LP "Reinhard Mey live" konnte die Stuttgarter Plattenfirma "Intercord" 250 000mal verkaufen. Die ARD will den "neuen Star der siebziger Jahre" (so Meys Münchner Konzert-Promoter Hans R. Beierlein) demnächst in zwei Fernsehshows vorstellen. Verblüfft registrierten Branchen- Blätter: "Der Mey ist gekommen."
Lange schien es freilich, als würde die Karriere des Liedermachers im kommerziellen Abseits enden. Denn der Beamtensohn aus dem West-Berliner Villen-Vorort Frohnau tingelte fast zehn Jahre durch Studenten-Pinten. Keller-Kneipen und Provinz-Turnhallen -- ohne nennenswerte Resonanz.
Er spielte gemeinsam mit seinen Schulkameraden vom Französischen Gymnasium in Berlin, den Brettl-Künstlern "Schobert" Schulz und Christian Pechner, sang die Sauf- und Hurenballaden von Francois Villon, vertonte Gedichte des Münchner Lyrikers Georg von der Vring (1889 bis 1968) und ließ sich von der vitalen Vulgär-Poesie des französischen Chanson -Autors Georges Brassens zu eigenen Kompositionen inspirieren.
In Deutschland, wo die gallische Kunst des Chansons nie sonderlich geschätzt wurde, fühlte sich das Publikum von den Liedern des frankophilen Sängers nicht animiert. Daran änderte sich auch nichts, als Mey 1968 den Pariser "Grand Prix de la Chanson" gewann und durch gelegentliche Funk- und Fernseh-Engagements zu bescheidener Popularität gelangte.
Die Mehrheit der Popmusik-Anhänger begeisterte sich für den aggressiven Rock oder allenfalls für die ruppigen Klassenkampf-Gesänge von Franz Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp. Mit den unpolitischen Songs, den bukolischen Stimmungsbildern dieses "Barden der Innerlichkeit" (Fach-Zeitschrift "Fono forum") konnten sie nichts anfangen.
Denn Mey sang und singt am liebsten beschauliche Lieder "aus meinem Tagebuch" (Platten-Titel), vom stillen Liebesglück mit seiner französischen Frau Christine, von skurrilen Kleinbürgertypen, versoffenen Bohemiens und rauchigen Vorstadt-Destillen: He, Freunde, reißt ein Bierfaß auf, ich geb" eins aus, macht einen drauf -- sie ist zu mir zurückgekommen. Vergessen ist, was gestern war bis auf ein Büschel graues Haar -- sie ist zu mir zurückgekommen. He, Schankwirt, her mit Schnaps und Bier für meine Freunde, die mit mir die Auferstehung feiern wollen.
Bisweilen bereichert er sein auf etwa 80 Lieder angewachsenes Repertoire um einige mild-sozialkritische Tone und polemisiert in schlichten, unsentimentalen Versen gegen skrupellose Spielzeug-Fabrikanten ("Panzerfaust und Zimmerflak hat der Nikolaus im Sack"), die barbarische "Diplomatenjagd" oder macht sich über spießige Zimmer-Wirtinnen lustig ("Trilogie auf Frau Pohl"). Mey: "Ich will für ein bißchen Toleranz werben. Von der großen Politik habe ich keine Ahnung."
So biedermeierlich dieses Weltbild auch sein mag -- mit seiner idyllischen Lebensphilosophie vom einfachen Leben könnte der romantische Liedersänger durchaus zum Idol einer schwärmerischen, zu Gefühlsseligkeit und Innerlichkeitskult neigenden Jugend werden. Die deutschen Show-Bosse jedenfalls haben sich darauf eingestellt.
Mey-Promoter Beierlein, der seinen Schützling jetzt zum zweitenmal auf eine Deutschland-Tournee geschickt hat, will den Sänger im kommenden Frühjahr um jeden Preis als Vertreter Deutschlands zum Song- Festival der Eurovision nach Monte Carlo schicken. Dafür ließ er in seinem Firmen-Blatt "Musik telegramm" deutsche Musikjournalisten votieren und den früheren Eurovisions-Sieger Udo Jürgens trommeln: "Mey, Mey und nochmals Mey."
Außerdem will Beierlein den Sänger einem größeren Platten-Konzern zuführen. Für eine Million Mark, so ließ er verbreiten, sei er bereit, den Chanson-Interpreten an einen finanzstarken Bewerber zu vermitteln.

DER SPIEGEL 43/1971
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