29.06.1970

INDONESIEN / BILANZÖl im Sockel

"Ich bin Indonesien", behauptete Achmed Sukarno, Gründer und erster Präsident der sechstgrößten Nation der Welt, von sich selbst.
Er wollte mehr sein. Er gehörte fast 20 Jahre lang zu den Großen der Dritten Welt -- mit Nehru, Nasser und Kwame Nkrumah pochte er vor den Vereinten Nationen auf Mitsprache der Afro-Asiaten in der Weltpolitik.
Als sieh seine Großmachtträume nicht erfüllten, strebte Sukarno gar nach einem Bündnis mit den Chinesen Mao Tse-tungs: "Zusammen sind wir bald eine Milliarde Menschen, das mächtigste Bündnis der Welt."
Am Montag vergangener Woche setzten die Indonesier ihren "Bung (Bruder) Karno" bei. Sukarno-Nachfolger General Suharto befahl eine siebentägige Staatstrauer, die freilich eher einem Dankfest ähnelte.
Der studierte Architekt Sukarno war durch die Welt gereist und hatte in seiner Hauptstadt prächtige Bauten errichtet, aber Indonesien -- 121 Millionen Menschen, 13 877 Inseln -- an den Rand der Katastrophe geführt. Für Wirtschaftsfragen dünkte sich der achtfache Dr. h. c. und Lenin-Preisträger zu fein: "Das ist etwas für Buchhalter-Seelen."
Sukarnos Buchhaltung stimmte nicht: Milliarden-Schulden im Ostblock wie im Westen, galoppierende Geldentwertung daheim (Inflationsrate 1965: 650 Prozent) sowie die ungeklärte Nachfolge-Frage für den kränkelnden, selbsternannten "Präsidenten auf Lebenszeit" hatten Indonesien 1965 in den Bürgerkrieg gestürzt.
Indonesiens KP, die mächtigste der nichtkommunistischen Welt, und Indonesiens Armee, beide von Sukarno verwöhnt, griffen nach der Macht. Die Armee siegte. Mindestens 200 000, vielleicht aber eine Million Indonesier -- meist Kommunisten -- wurden umgebracht. General Suharto, Mitstreiter Sukarnos im Kampf um die Unabhängigkeit und traditionsbewußter Kleinbauernsohn aus Zentral-Java, rettete, was vom Mythos Sukarnos verblieben war. Er stellte den starrköpfig-senilen Chef Sukarno unter Hausarrest, um dessen Tod ohne Bruch in der Kontinuität der Staatsführung abzuwarten.
Heute hat Indonesien ein Regime, das -- wie viele Staaten der Dritten Welt -- seine politische Gewaltherrschaft mit wirtschaftlichem Fortschritt zu rechtfertigen sucht und deshalb, da beide Größen unbestreitbar sind, vergleichsweise schwer zu beurteilen ist.
Noch heute, fast fünf Jahre nach Sukarnos Entmachtung, müssen die drei Millionen Mitglieder der seit 1966 verbotenen KP und die fast 18 Millionen Mitglieder der früher KP-gelenkten Gewerkschaften für Sukarnos Sünden büßen.
Suharto gründete eine Geheimpolizei, die mit seinen Vertrauensleuten besetzt und mit unbegrenzten Vollmachten ausgestattet Ist -- die Kopkamtib, Behörde für die Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung.
Kopkamtib-Kommandos setzten 4000 Militärs fest, die angeblich für die Kommunisten gearbeitet haben. Selbst in den eigenen Reihen enttarnte die Kopkamtib verkappte Kommunisten.
*Der Stern ist das Symbol der fünf indonesischen Staatsprinzipien.
Die Kopkamtib befindet, wer in die mehr als 300 Konzentrationslager Indonesiens gesperrt wird und ob er zur Kategorie A (Putschführer), B (KP-Funktionäre, denen die Mittäterschaft nicht nachgewiesen werden kann) oder C (Mitläufer und Verdächtige) gehört.
Heute sitzen laut Suharto nur noch 58 000 politische Gefangene im Kopkamtib-Gewahrsam -- den wenigsten wurde ein Prozeß vor den Sonder-Militärgerichten gemacht. SPIEGEL-Redakteur Karl Robert Pfeffer durfte, unangekündigt, ein Konzentrations-Lager seiner Wahl besuchen,
Die 1200 Gefangenen des Lagers Tangerang in West-Java beliefern. Djakartas Luxus-"Hotel Indonesia" der amerikanischen Inter-Continental-Gruppe täglich mit frischen Papayas und Fisch, Der im Lager angebaute philippinische "Wunderreis" füllt amerikanische und europäische Mägen -- und bringt der Armee wertvolle Devisen ein. Dafür lehren die Bewacher ihre C-Gefangenen moderne Anbau-Methoden, die Federvieh-Zucht mit Hilfe von Brutkästen und den Umgang mit Statistiken.
"Die waren froh, daß sie bei uns Schutz fanden", brüstete sich der Lagerkommandant, "in der Freiheit wären sie von ihren Nachbarn massakriert worden. Wir brauchen nicht einmal den Wachtturm zu besetzen."
Nicht viele Gefangene haben es so relativ gut wie die Tangerang Sträflinge. Auf der Insel Buru -- 2000 Kilometer östlich -- müssen sie Urwald roden und von dem leben, was sie dem Neuland abtrotzen können. "Je härter die arbeiten, desto mehr haben sie zu essen", höhnte ein Bewacher.
In strenger Einzelhaft und ohne Arbeit warten die Prominenten der PKI und Schmeichler Sukarnos, wie etwa der ehemalige Außenminister Subandrio, auf ihren Prozeß. Wer den Blutrausch nach dem Putsch überlebte, muß jetzt mit dem Exekutionskommando rechnen. 150 Generale und höchste Beamte der "Alten Ordnung" wurden an geheimen Orten füsiliert.
Mit dem Tod des abgehalfterten "Mr. Indonesia" schwand die letzte Gefahr für jene Generäle, die aus dem chaotischen Erbe Sukarnos einen stabilen, wenn auch noch keineswegs demokratischen Staat machen wollen.
In unscheinbaren Büros der vom Schmuck der Sukarno-Zeit gesäuberten Hauptstadt korrigieren Technokraten und stets Zivil tragende Offiziere die Vergangenheit "vergeudeter Entwicklungshilfe und ungenutzter Bodenschätze" ("The Financial Times").
Ein erstes "Wirtschaftswunder" ("Far Eastern Economic Review") gelang Ihnen im vergangenen Jahr: Sie drückten die Inflationsrate auf 25 Prozent, erstickten trotz freiem Wechselkurs den Schwarzmarkt für die Rupia und verzeichneten einen Run ausländischer Investoren, speziell japanischen Kapitals, in die von Sukarno verstaatlichte Wirtschaft.
Denn Suharto bewies Kreditwürdigkeit: Er garantierte Schutz vor neuerlicher Enteignung und gab sogar -- wie jetzt Im April an die Briten -- ehemalige Tee-, Kautschuk- und Kaffee-Plantagen an die ursprünglichen Besitzer zurück -- mit einer Einschränkung: si. Prozent des Kapitals behält Indonesien.
Mit ausländischem Know-how und Devisen will der stets lächelnde Javaner die immensen Bodenschätze Indonesiens erschließen, um die jährlich steigenden Staatsschulden später einmal tilgen zu können.
Erst jetzt, 25 Jahre nach der Unabhängigkeit, wird ein einheitliches Nachrichtennetz installiert, damit die 6044 bewohnten Inseln wirklich von Djakarta kontrolliert werden können.
Das Pro-Kopf-Einkommen Indonesiens zählt mit 360 Mark jährlich zu den niedrigsten Asiens. In absehbarer Zeit aber könnte die Inselrepublik zu den reicheren Nationen gehören -- denn das Inselreich hofft auf einen Erdöl-Boom: Wenn in 20 bis 50 Jahren -- so schätzen Experten -- die Quellen in Texas und am Persischen Golf versiegen, könnten die schwefelarmen Vorräte Im Küstensockel von Sumatra bis Borneo einen großen Teil des Welt-Ölbedarfs decken.
Ein bescheidener Fünf-Jahres-Plan soll das Land so lange vor dem Kommunismus schützen, bis das Volk an dem -- von Sukarno nie genutzten -- Reichtum teilhaben kann. Bis 1974 will Suharto jedem Indonesier genügend Nahrung und Kleidung geben (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 97).
In seiner Freizeit arbeitet der Kleinbauernsohn Suharto selber auf den Reisfeldern; häufig kontrolliert er, wieviel Geld seine an Korruption gewöhnten Beamten vergeuden oder was in ihren Taschen hängen bleibt.
Per Kleinwagen oder in öffentlichen Transportmitteln fährt Suharto über Land, schläft unter freiem Himmel und entrichtet unerkannt die üblichen illegalen Wegezölle an die unterbezahlten (Monatslohn 30 Mark) Dorfpolizisten.
Im Dorf Linggar inspizierte Suharto, als Inspektor aus Djakarta getarnt, Lagerhäuser mit 45 000 Sack importiertem Saatgut und Kunstdünger. Die Dächer tropften, ein Großteil des Lagerguts war schon vermodert. Das Schweigegeld wies der Inspektor ab, fuhr nach Djakarta und stellte die zuständigen Minister zur Rede, die gerade den Tag der Luftwaffe feierten.
Denn Suharto spart mit Geld und Würden. Selten steigen noch Mig-Jäger oder Antonow-Transporter der indonesischen Luftwaffe auf. Mehr als die Hälfte der Maschinen wurde ausgeschlachtet, um wenige flugfähig zu halten. Für neue Maschinen fehlt Geld.
Die Botschaften der Ostblock-Länder in Djakarta, einst mit Militär- und Wirtschaftsberatern überbesetzt, arbeiten nur noch mit Notmannschaften. Projekte der Sowjets -- wie der Supermarkt auf der Prachtstraße Djalal Thamrin oder eine Eisenhütte im Westen Javas -- gerieten in Vergessenheit. "Kredit ist tot", soll Außenminister Adam Malik bei seinem Februar-Besuch in Moskau gesagt worden sein, denn Indonesien gehöre "nicht zu den sozialistischen oder fortschrittlichen Staaten, deren wirtschaftliche Schwierigkeiten brüderliches Verständnis verdienen".
Der General in Djakarta steuert eine vorsichtige Neutralitätspolitik. Als seine Generäle Waffen und Soldaten zum Schutz der Neutralität Kambodschas gegenüber dem Vietcong entsenden wollten, vereitelte er in letzter Minute den Geheimplan. Eine bedeutend billigere Geste schien Ihm die Konferenz zwölf asiatischer und pazifischer Nationen, die letzen Monat -- ergebnislos -- in Djakarta tagte.
Auch seine Kontakte zu den USA hält Suharto betont sachlich. Im Mai wurde er in Washington wegen der US-Intervention in Kambodscha vorstellig, lehnte eine Ehrendoktor-Würde ab und beschränkte sich dann auf reine Wirtschaftsverhandlungen.
Was der javanische Magier Sukarno nicht mit Bluff und Erpressung erreichte, verfolgt der javanische Normalbürger Suharto ebenso bedeutsam wie zielstrebig: einen unabhängigen Kurs zwischen den Weltmächten.
Ein 68 Meter hoher Obelisk mit vergoldeter Flammenspitze -- ein Monument verblendeter nationaler Größe Sukarnos -- mahnt vor dem Amtssitz des Präsidenten zu weiterer Bescheidenheit. Der Volksmund taufte das Denkmal: Sukarnos letzte Erektion.

DER SPIEGEL 27/1970
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