29.06.1970

RELIGION / SEKTENChristus als Pilz

Die Evangelien sind pure Erfindung; der Gott der Juden und Christen hat nie existiert, sondern ist ein verschlüsseltes Phallus-Symbol. Anhänger einer Sekte, die den Fliegenpilz als Verkörperung Gottes betrachtete, wollten mit diesem groß angelegten Täuschungsmanöver ihre Geheimnisse für spätere Generationen retten.
Das behauptet jedenfalls der renommierte englische Philologe John M. Allegro, 47. Bekannt geworden als einer der Entzifferer der Schriftrollen vom Toten Meer und lange Jahre Dozent für Bibel-Studien an der Universität Manchester, hat er nun mit erstaunlichem wissenschaftlichen Apparat die These aufgestellt, das Christentum sei eine "Pilz-Religion", Christus ein "Pilzheld"*.
Die Inspiration zur Religionskritik kam ihm 1954, als er in Jordanien ein kleines, bis heute nicht veröffentlichtes Dokument der Essener-Sekte studierte. Vor fünf Jahren begann er dann mit der Arbeit am Buch; sein Instrument: die Sprache der Sumerer.
Tafeln mit der Keilschrift dieses Volkes, das im heutigen Irak hauste, sind besonders zahlreich aus den Jahren 2000 bis 1500 vor Christus gefunden worden. Für Allegro ist das Sumerische vor allem deshalb bedeutsam, weil er darin die Wurzel so verschiedener Sprachfamilien wie des Semitischen und des Indogermanischen einschließlich des Griechischen sieht -- für Sprachen also, in deren Umkreis die Bibel entstanden ist.
John M. Allegro: "The Sacred Mushroom and the Cross". Verlag Hodder and Sloughton, London; 349 Seiten; 63 Shilling.
Allegro destillierte aus den sumerischen Antiquitäten den frühen Gottesbegriff des Nahen Ostens: Ein himmlischer Phallus, der den Samen im Orgasmus als Regen zur Erde fallen läßt, erzeugt das Leben. Sinnbild dieses Sex-Gottes in der Natur war -- so Allegro -- der Fliegenpilz (Amanita muscaria); Pilz-Stengel und -Hütchen symbolisierten das männliche und weibliche Geschlechtsorgan.
Der göttlichen Rolle des Fliegenpilzes schien auch die Wirkung zu entsprechen, die sein Genuß hervorrief. Vorsichtig, um nicht an zu viel giftigem Pilz-Fleisch zu sterben, brauten laut Allegro Priester sich einen Trank, der -ähnlich wie LSD -- die Seele befreite, sie zu Gottesmysterien führte und den Leib auch zu Kraftakten übermenschlicher Art befähigte.
Von Juden und anderen Völkern im Laufe der Zeit verfeinert, beherrschten diese Vorstellungen laut Allegro auch noch jene Sekten-Führer, die 116 nach Christus die Rebellion gegen Rom anzettelten. Aus Angst vor Massakern denen auch die Pilz-Kultur zum Opfer fallen könnte, verschlüsselten sie ihr Geheimnis in jener Literatur, die als das Neue Testament bekannt ist.
Der Forscher über die antike Chiffrier-Aktion-"Was als Schabernack begann, wurde zur Falle selbst für jene, die sich als geistige Erben der Mysterien-Religion betrachteten und sich Christen" nannten. Vor allem vergaßen oder entfernten sie aus ihrem Kult und ihrem Gedächtnis das eine oberste Geheimnis, von dem ihr ganzes religiöses und ekstatisches Erleben abhing: Namen und Identität der Quelle ihres Rauschmittels, ihren Himmels-Schlüssel -- den heiligen Pilz."
"Pilz" (und damit Sex-)Andeutungen entdeckte Allegro denn auch fast in jedem Kapitel der Evangelien. Den Namen "Jesus" führte er auf das Sumererwort IA-U-SCHU-A (SCHUSCH) zurück, den "Samen, der rettet, wiederherstellt, heut". Das Wort vom "Kreuztragen" war ihm zufolge nichts als ein Gleichnis für das Kopulieren. Der Name "Petrus" besagte "Pilz". Das Beiwort für Johannes "den Täufer", semitisch: tabbal, bildete ein Wortspiel mit dem sumerischen TAB-BA-R/LI.
Das hieß wiederum Pilz, und für diesen "Sohn Gottes" -- so das Mesopotamervolk -- führte Allegro nicht weniger als sechs sumerische Namen an. Freilich, vier der sechs versah er korrekt mit einem Sternchen -- als Hinweis darauf, daß es sich um eigene Wortschöpfungen handelt. Denn ähnlich wie die Deutschen liebten auch die Sumerer zusammengesetzte Wörter. Allegro stellte nun aus verbürgten sumerischen Einzelwörtern solche Wort-Ungeheuer her -- in der Hoffnung, daß spätere Keilschrift-Funde seine Eingebungen bestätigen könnten.
Die eigenwillige Philo-Logik und Religionsgeschichte des Engländers provozierte die Kritiker. In der "Sunday Times" konstatierte Jesuitenpater Peter Levi: "Man kann beweisen, was man will, wenn man mit Wort-Wurzeln spielt", und im "Sunday Mirror" wetterte ein Theologe, Allegro sei "vom Sex besessen". Botaniker bezweifeln überdies, daß es in Judäa jemals Fliegenpilze gegeben habe. Eine Christen-Gruppe versuchte sogar, das Erscheinen des Buches wegen "Gotteslästerung" zu verhindern.
Ende Mai schließlich erklärten 15 Professoren und Dozenten für Theologie, semitische Sprachen und Bibel-Studien in einem Leserbrief an die "Times", das Werk sei "eher ein phantastischer als philologischer Versuch". Allegro, der ahnungsvoll am 31. März seine Dozentur in Manchester aufgegeben und sich als Privatgelehrter in Ballasalla auf der Insel Man angesiedelt hat, findet dies Scherbengericht "einmalig in den Annalen der akademischen Geschichte".
Denn mit über 100 Seiten Anmerkungen in elf Alt-Sprachen meint der besessene Pilz-Theoretiker seine keineswegs scherzhaft gemeinten Behauptungen belegt zu haben. Er bezweifelt auch nicht, daß sich im Alten Testament Historie spiegle; gleichwohl sieht er in vielen Namen der Könige und Helden Pilz-Anspielungen: Joseph heißt für ihn "Jahwes Penis", David "erigierter Penis".
In seinem Sumererlicht entdeckt Allegro den Kult von Pilz und Penis sogar in Architektur und Malerei: in den alten Tempel-Anlagen des Nahen Ostens und noch in einem französischen Fresko des 13. Jahrhunderts. Die Tempel bilden für ihn einen "Mikrokosmos des Schoßes": Jeder "hatte drei Teile: die Vorhalle, die das untere Ende der Scheide bis zum Jungfernhäutchen symbolisierte, die Halle, also die Scheide selbst, und das innerste Heiligtum, das Allerheiligste, die Gebärmutter". Der Priester stellt -- laut Allegro -- die notwendige Ergänzung zur kosmischen Kopulation: Er ist "als Penis angetan".
Der Atheist Allegro selbst glaubt freilich nicht an den Pilz-Mythos. Als Wissenschaftler fürchtet er vielmehr, daß man sich "mit Drogen ebenso wie mit Religion von Dingen überzeugt, die nicht wahr sein könnten".

DER SPIEGEL 27/1970
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