15.06.1970

AFFÄREN / BAADER / MEINHOFBis irgendwohin

Michèle Ray, 31, einst Chanel-Man-Mannequin in Paris und heute Kriegs- und Revolutionsreporterin, traf am Donnerstag vorletzter Woche um 11.00 Uhr auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof ein. Sie war am Airport mit einem Unbekannten verabredet.
Er erkannte die hochgewachsene Französin (1,75 Meter), die im sechsten Monat schwanger ist, mühelos. Sie erkannte ihn am roten Einband eines Lenin-Bandes, den er in der Hand hielt. Er nannte sich "Lothar".
"Lothar", ein dunkelblonder Deutscher herkömmlicher Aufmachung, kein Beatle, führte die Französin zum Taxi. Dann, so Michèle Ray, "ging's bis irgendwohin, Umsteigen in die Metro, dann wieder ins Taxi, dann wieder in die Metro, Nach einer Stunde und 15 Minuten waren wir da".
Da -- irgendwo in West-Berlin, in "einer belebten Gegend, nicht Vorstadt, nicht Zentrum". Mehr meint Michèle Ray nicht wahrgenommen zu haben, ehe sie ein "Backstein-Haus" betrat und in einem -- ebenfalls nicht näher bezeichneten -- Appartement Zeit fand, mit "Lothar" ("unschuldig, bürgerlich aussehend") zu plaudern. Worüber? "Eine wichtige Sache, die die Linke betrifft,"
Mehrmals klingelte das Telephon. Worüber gesprochen wurde, sagt Michèle Ray, "konnte ich nicht verstehen" (sie spricht nicht deutsch). Der Anrufer war, so mutmaßt sie heute, ein Mann, der sich nach geraumer Zeit an der Wohnungstür meldete und als Horst Mahler vorstellte: Deutschlands prominentester Apo-Anwalt, zu diesem Zeitpunkt und noch heute polizeilich gesucht.
Michèle Ray: "Kurz nach Mittag gingen wir, erst Taxi, dann Metro, wie gehabt." Das Trio -- "Lothar", Mahler und die Französin -- betrat eine "moderne Wohnung, einfach eingerichtet, Irgendwo in den oberen Stockwerken eines Hauses irgendwo in West-Berlin" (Michèle Ray), Und so wenig sich die blickscharfe Reporterin an Einzelheiten zu erinnern behauptet, so unumwunden gibt sie zu" daß sie sich im Berliner Untergrund befand. Sie traf zusammen mit
* Andreas Baader, 27, wegen Brandstiftung (Frankfurter Kaufhausbrand) zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, am 14. Mai 1970 in West-Berlin gewaltsam befreit und seitdem flüchtig;
* Gudrun Enßlin, 29, wegen Beteiligung an der Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftung zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und seit 13. Juni 1969 auf freiem Fuß (als sie bei noch schwebendem Verfahren aus der Untersuchungshaft entlassen wurde);
* Ulrike Meinhof, 36, Journalistin, steckbrieflich gesucht im Zusammenhang mit der gewaltsamen Befreiung Baaders in West-Berlin. Während in West-Berlin, Westdeutschland und Westeuropa die Polizei nach Ulrike Meinhof sowie Baader fahndete und abenteuerliche Versionen über den Verbleib der Flüchtigen wie des Anwalts Mahler kursierten, trank Michèle Ray -- so ihre Angaben gegenüber dem SPIEGEL zutreffen -- mit der Extremisten-Gruppe Tee und labte sich an frischen Erdbeeren.
Danach waren Baader ebenso wie Ulrike Meinhof, die nach der Schießerei mit ihm geflüchtet war, am 5. Juni noch in West-Berlin -- drei Wochen nach der Tat, die dem linksextremistischen Untergrund als Signal ("Macht kaputt, was euch kaputt macht"), der "FAZ" als politische Tat von "krimineller Eindeutigkeit" gilt -- und gewiß nicht nur der "FAZ".
Zumindest für diesen dreiwöchigen Zeitraum gilt, was Ulrike Meinhof gegenüber Michèle Ray äußerte: "daß diejenigen, die jetzt angefangen haben, zu arbeiten und solche Aktionen machen zu wollen, natürlich Leute sind, die sich in gar keinem Fall gegenseitig draufgehen lassen".
Die Polizei konnte weder den Befreiten noch die Befreier aufspüren. Sie entdeckte in der Wohnung des Studenten Günter Voigt, 33, ein Waffenlager mit Schalldämpfern für Beretta-Pistolen, wie sie bei der Baader-Aktion verwendet worden waren. Voigt aber, der in der Schweiz verhaftet und inzwischen nach Berlin ausgeliefert wurde, schwieg sich aus.
Die Polizei verhörte Voigts Freundin Angelika von Walter, 24, und entließ sie wieder mangels Tatverdachts. Sie fahndete nach militanten Apo-Mädchen wie der 19jährigen Renate Peter, die Voigt einen Brief ("Komm doch zu mir, wenn Baader in Sicherheit ist") geschrieben hatte, wie der 19jährigen Irene Goergens, die bei Voigt Waffen besorgt haben soll. Beweise für deren Tatbeteiligung fanden sich bislang nicht.
Die Polizei durchsuchte zwei Dutzend Wohnkommunen, nächtliche Autokontrollen wurden verschärft, Druckmatrizen der Underground-Zeitung "Agit 883" beschlagnahmt. Rund 70 Hinweise aus der Bevölkerung halfen den Verfolgern auch nicht weiter.
Und ohne Echo blieb der Steckbrief gegen "Ulrike Meinhof geschiedene Röhl", gesucht wegen "Mordversuchs in Berlin" (Belohnung: 10 000 Mark) -- bis auf eine nächtliche Aktion Unbekannter, die zahlreiche in West-Berlin ausgehängte Exemplare des Such-Papiers mit Teer und Farbe übermalten. Personenbeschreibung: "165 cm groß, schlank, längliches Gesicht" langes mittelbraunes Haar, braune Augen".
Ganz so freilich sah Ulrike Meinhof nicht aus, als sie mit Michèle Ray zusammentraf. Die Französin, beim Betrachten älterer Photos, über ihre Gesprächspartner: "Sie sahen alle völlig anders aus. Sie trugen Perücken, waren aber sonst normal gekleidet." Nach Einzelheiten der Kostümierung befragt, zögert Michèle Ray ("Ich hasse die Polizei auch"), um dann Ulrike Meinhof mit langen, blonden Haaren und Minikleid, Horst Mahler mit Perücke und langen Koteletten zu schildern.
Der Besucherin aus Paris schien es, als lebte der linke Tat-Kreis in einer Atmosphäre ohne spürbare Spannung, als sei er in seinem Aktionsradius weder auf Berliner Unterschlupf noch auf Berliner Gebiet beschränkt gewesen, als habe er keine materiellen Probleme gehabt. Michèle Ray: "Sie hatten Geld, Unterkunft und Freunde,"
Als Feindin kam auch Michèle Ray nicht. Das einstige Mannequin, das sich bis 1960 in den Roben Coco Chanels der Bourgeoisie in eleganten Verrenkungen darbot, hat sich längst zu einer engagierten Linken entwickelt, die sich als Journalistin "darauf spezialisiert hat, zu beschreiben, was hinter der Front geschieht" (so die Londoner "Times").
In Vietnam berichtete sie von Juli 1966 bis Februar 1967 als Reporterin für den "Nouvel Observateur", fuhr mit dem Pkw in ungesichertes Gelände und geriet durch eine Reifenpanne in Vietcong-Gefangenschaft. Nach einem zehnstündigen Bombenangriff der Amerikaner war sie gewiß: "Wenn ich sterben werde, komme ich ins Paradies, denn die Hölle habe ich schon in Vietnam erlebt" (so in "L'Express"). Titel des Ray-Vietnambuches: "Von beiden Ufern der Hölle".
In Bolivien verfolgte sie amerikanische Spuren in der tödlichen Jagd auf Che Guevara und pokerte im Namen und ohne Wissen des Buchverlegers Pauvert mit 400 000 Dollar uni die Guevara-Memoiren um zu verhindern, daß sie in amerikanische Hände gerieten.
Im Mittleren Osten gesellte sie sich zu El-Fatah-Partisanen, unternimmt gelegentlich Reisen an die palästinensische Befreiungsfront und schreibt zur Zeit an einem Buch über den arabisch-israelischen Konfliktherd. Ihre Nahost-Kontakte waren es offenbar auch, die der Meinhof-Gruppe in Berlin Anlaß waren, die Verbindung aufzunehmen -- zumal Ulrike Meinhof und Michèle Ray sich vor Jahren kennengelernt hatten.
"Ich wurde", so die Französin ausweichend, "telephonisch kontaktiert", nicht zu Hause -- "denn mein Telephon wird wohl überwacht", aber eben doch "per Telephon, ja". Sie reagierte zunächst abweisend: "Ich dachte, es sei eine Falle." Und sie war ohnehin "etwas ängstlich, denn ich bin Im sechsten Monat schwanger". (Michèle Ray ist in zweiter Ehe mit dem Exil-Griechen Constantin Costa-Gavras verheiratet, Regisseur des Film-Welterfolges "Z".)
Erst als die Anrufer, die Englisch mit deutschem Akzent sprachen, bei weiteren Telephongesprächen Namen verläßlicher linker Freunde der Französin nannten, ging sie auf den Vorschlag ein, nach Berlin zu reisen: "in einer wichtigen Sache, die die Linke betrifft".
Die Situation war der Französin -- "als deutsches Problem" -- nicht recht durchschaubar. Doch sie begriff die Lage der Baader/Meinhof-Gruppe, die offenbar eine Botschaft hinterlassen wollte, ehe sie verhaftet werden oder aber aus Berlin fliehen konnte. Im Falle der Entdeckung, so meint Michèle Ray, hätten die Untergetauchten "ihre physische Liquidierung nicht ausgeschlossen".
Zu diesem Zeitpunkt gab es über den Verbleib von Baader und Ulrike Meinhof nur Gerüchte. So wiesen für die Münchner "Abendzeitung" die "Spuren im Fall Baader ... nach Italien", wo sich -- so die "Frankfurter Rundschau" -- Baader und Mahler aufgehalten haben sollen. Der Waffen-Student Voigt hatte vor seiner Verhaftung bei dem Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt mit der Bitte um Geld vorgesprochen -- "damit Baader nach Chile entkommen kann", so Dürrenmatt, der die erbetene Gabe verweigerte.
So mutmaßte Ulrike Meinhofs Ex-Ehemann Klaus Rainer Röhl, Herausgeber der Links-Zeitschrift "Konkret" in Hamburg, daß Ulrike nach ihrem Untertauchen "mindestens einmal aus Berlin raus" gewesen sei. Mit Röhl selber suchten Anwälte seiner geschiedenen Frau über gemeinsame Bekannte Kontakt. Der antianarchistische Linkspublizist ("Anarchismus führt zum Faschismus") solle, so forderten sie, auf das nunmehr ihm zugesprochene Sorgerecht für die Zwillinge Bettina und Regina, 7, aus seiner Ehe mit der früheren "Konkret"-Chefredakteurin Meinhof verzichten.
Röhl glaubte, die Kinder bereits bei dem Bremer Schriftsteller Jürgen Holtkamp durch einen "Konkret"-Reporter ausfindig gemacht zu haben -- da waren sie wieder verschwunden. Bei Holtkamp wurden die Kinder, nach einer Personenbeschreibung der Nachbarn, offenbar vom jetzigen Meinhof-Verlobten Peter Homan, 33, wieder abgeholt.
Selbst Im West-Berliner Untergrund herrschte Ungewißheit. Das Extremisten-Blatt "Agit 883" bemängelte, daß die Genossen über die Baader-Entführung "keinen Aktionsbericht geliefert haben". In der darauffolgenden Ausgabe freilich, am 5. Juni, konnte das Blatt einen Aufruf drucken, der anscheinend von den gerügten Genossen kam. "Agit 883": "Dieser Text wurde der 883-Redaktion zugeschickt."
Unter dem Titel "Die Rote Armee aufbauen 1" heißt es in dem Aufruf, "daß jetzt Schluß ist, daß es jetzt losgeht, daß die Befreiung Baaders nur der Anfang ist! Daß ein Ende der Bullenherrschaft abzusehen ist!" Und: "Daß die Baader-Befreiungs-Aktion ... nur die erste dieser Art in der BRD ist."
"Dieser Aufruf", so Michèle Ray, "stammt tatsächlich von der Gruppe; sie haben es mir gesagt." Was die Gruppe sonst noch sagen wollte, gab sie auf Tonband zu Protokoll. Ulrike Meinhof: "Was wir machen und gleichzeitig zeigen wollen, das ist: daß bewaffnete Auseinandersetzungen durchführbar sind," Und: "Daß sie uns nicht kriegen, das gehört sozusagen zum Erfolg der Geschichte" (siehe Kasten Seite 74/75).
Während Ulrike Meinhof die Baader-Befreiung ideologisch begründete, brachte "Lothar" die Besucherin Ray zurück in das erste Versteck, ins "Backstein-Haus". Abends, so die Französin, habe Ihr Anwalt Horst Mahler das fertig besprochene Tonband gebracht,
Am anderen Morgen, am Freitag (5. Juni), traf man sich noch einmal zum Frühstück. Von Ulrike Meinhof erhielt Michèle Ray handschriftliche Notizen zum Lebenslauf und zum Programm. Ulrike Meinhof unter
* Punkt 2: "Waffen -- woher. Wir werden sie uns beschaffen und vorher nicht darüber reden," Punkt 3: "Ideologisch -- wo ... Zu lernen haben wir von den revolutionären Bewegungen der 3. Welt und der Metropolen: vom Vietcong, von der Palästinensischen Befreiungsfront, von den Tupamaras, von den Black Panthers etc."
* Punkt 5: "Name: "Die Rote Armee aufbauen' -- also kein Name sondern ein Satz: Er beinhaltet, was wir tun. Er beinhaltet zugleich, was zu tun jetzt notwendig ist," Bei diesem Morgenkaffee, unmittelbar vor der Rückkehr nach Paris, erfuhr Michèle Ray auch, was die Gruppe als nächstes zu tun für notwendig hielt: Berlin verlassen, zu den arabischen Guerrilleros, Zwischenziel Beirut. Nach Ankunft sollte die Französin in Paris Bescheid bekommen. Aus West-Berlin herauszukommen erschien der Gruppe offenbar unproblematisch. Ein Untergrund-Genosse: "Sie brauchten sich doch nur eine S-Bahnkarte zu kaufen." Denn: Wer vom S-Bahnhof Zoo (West-Berlin) zum S-Bahnhof Friedrichstraße (Ost-Berlin) fährt, hat keine westliche Kontrolle zu passieren.
Und tatsächlich: Letzte Woche meldeten deutsche Korrespondenten die Ankunft von Ulrike Meinhof, Gudrun Enßlin, Andreas Baader und horst Mahler in Beirut: mit der planmäßigen Linienmaschine der DDR-Luftfahrtgesellschaft "Interflug" am Montag. 8. Juni. Die Maschine startet um 9.20 in (Ost-)Berlin-Schönefeld, legt eine technische Zwischenlandung in Dubrovnik ein und fliegt dann in die libanesische Hauptstadt weiter.
Als die "Interflug"-Linienmaschine um 15.30 Uhr Ortszeit auf dem Flughafen Beirut International landete, entstiegen der Maschine 14 als Studenten deklarierte Passagiere, Vier von ihnen wollten in die jordanische Hauptstadt Amman weiterfliegen -- was normalerweise auf dem Flughafen eine Transit-Prozedur ohne Paßkontrolle bedeutet hätte.
Doch der Weiterflug fand nicht statt. In Amman war wenige Stunden zuvor der Bürgerkrieg ausgebrochen. Palästinensische Freischärler und königstreue Truppen feuerten aufeinander, der Flughafen Amman war geschlossen. Die nach Amman gebuchten "Studenten" aus Deutschland mußten die Reise in Beirut unterbrechen, den Transitraum des Flughafens verlassen und dabei die libanesische Paßkontrolle passieren.
Dabei konnten drei von ihnen nur West-Berliner Personalausweise vorzeigen, Der libanesische Paßbeamte erkannte die Papiere nicht als Reisedokumente an und empfahl den dreien zu tun, was in solchen Fällen üblich ist: sich an ihre diplomatische Vertretung in Beirut mit der Bitte um Ersatzpässe zu wenden.
In den Räumen der "Deutschen Interessenvertretung bei der Französischen Botschaft", wie Bonns Restbotschaft seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Westdeutschland und dem Libanon heißt, war um diese Zeit bereits Feierabend. Ein Beamter des Bereitschaftsdienstes nahm den Telephonhörer ab, als sich ein Jordanier -- offenbar ein Reisebegleiter der Gruppe -- meldete und die Paßschwierigkeiten schilderte.
Der Beamte wünschte zu wissen, wieso denn die West-Berliner ohne gültige Pässe eingereist seien, Daraufhin meldete sich eine Frauenstimme und sprach Ausreden ins Telephon: Man habe nichts gewußt, sei falsch informiert worden. Routinemäßig empfahl der Beamte daraufhin, den dreien einen Laisser-passer für eine Nacht zu geben, und den Landsleuten, sie sollten am nächsten Morgen zwecks Ausstellung neuer Pässe in der Interessenvertretung in der Rue Hamra erscheinen.
Die Deutschen nächtigten Im Hotel "Strand", kamen aber am nächsten Morgen nicht zum vereinbarten Termin -- für Paßlose im Ausland höchst ungewöhnlich. Als sie auch bis Mittag nicht eingetroffen waren, schöpften die Beamten erstmals Verdacht. Missionschef Dr. Newack, laut diplomatischem Formal Botschaftsrat der französischen Botschaft, entsandte zwei Beamte zum Vizechef der Fremdenpolisei, Sie ließen sich die arabisch aufgezeichneten Namen der deutschen Gruppe phonetisch ins Deutsche übertragen, stießen dabei auf "Mahler" und "Grashof" und kombinierten: "Mahler" und "Meinhof".
Später konnten die Westdeutschen an Hand der Interflug-Passagierliste feststellen, daß von den in Frage kommenden nur der Name von Mahler korrekt verzeichnet war, Die Deutschen erklärten den Libanesen, bei den Weiterreisenden handle es sich mutmaßlich um Personen, die in Deutschland gerichtlich gesucht würden. Daraufhin setzte die Fremdenpolizei die drei ohne Reisepaß im Hotel "Strand" fest und schaffte sie anschließend wieder in den Transitraum des Flughafens. Um 17.30 Uhr sollten sie dort erstmals vernommen werden,
Telephonisch meldeten die Deutschen in Beirut nach Bonn, daß drei Flüchtlinge im Libanon zu haben seien, falls rechtzeitig ein Fahndungsersuchen von Interpol eintreffe; der Flughafen Amman war noch geschlossen. Ebenfalls telephonisch ersuchten die Deutschen den Sicherheitschef des Libanon, Staatssekretär Salamé, er möge die Reisenden so lange festhalten lassen, bis das Interpol-Fahndungsersuchen eingetroffen sei -- ein Ansinnen, das im Libanon normalerweise erfüllt wird, selbst wenn der Verhaftete wochenlang auf den Haftbefehl warten muß.
Diesmal jedoch lehnte der Sicherheitschef ab und ließ wissen, er werde die drei in einem Fahrzeug der Sicherheitspolizei an die syrische Grenze schaffen lassen; offenbar hatte der Begleit-Jordanier inzwischen sein Kommando -- wahrscheinlich die maoistische Hawatmah-Gruppe -- alarmiert. Aktionen gegen Freunde der palästinensischen Guerrilleros aber konnte sich der Libanon zu dieser Zeit nicht leisten.
Die deutschen Beamten in Beirut, vom libanesischen Sicherheitsdienst abgewiesen, versuchten es noch auf andere Weise: über den amtierenden Generalstaatsanwalt des Libanon, Kamel el Qadi. Der erließ tatsächlich vorläufig Grenzsperre gegen Mahler, Baader und Ulrike Meinhof. Als eine deutsche Reisegruppe gegen 19 Uhr an der libanesischen Grenzstation Masnaa eintraf, lag der Haftbefehl auf dem Tisch des Grenzkommandanten. Gegen 21 Uhr ging auch das Fahndungsersuchen von Interpol ein.
Doch. der Grenzkommandant begriff: "Wir haben schon genug trouble in diesem Land. Wir wollen nicht noch trouble mit diesen Leuten haben" ("We do not like to have additional trouble with these bastards"). Gegen 23 Uhr passierten die Reisenden die libanesisch-syrische Grenze. Um 23.40 Uhr zog Interpol Beirut hinter ihnen den Vorhang: mit der Falschmeldung, die Gesuchten hätten die Grenze bereits um 18 Uhr überschritten, so daß das Ersuchen leider zu spät komme. Ein "883"-Genosse in Berlin: "Unwahrscheinlich dufte, wie die die Leute im Libanon gefoppt haben."
Für Ulrike Meinhof, die des "Mordversuchs in Berlin" verdächtigt wird, wäre der Gang in die Wüste die Abkehr von einer Welt, für die sie offenbar nur noch Schüsse übrig hat. Für Horst Mahler, der "Beihilfe zur Gefangenenbefreiung und zum Mordversuch" verdächtig, wäre es möglicherweise die Abwendung von der Legalität, deren Grenzen er als Anwalt in Berlin mehr und mehr als beengend empfunden hatte.
Mahler hat stets für die Sache der Apo nicht nur juristisch plädiert, sondern die linke Bewegung in vorderster Linie forciert. Mahler marschierte mit Hut und Regenschirm Vietnam-Demonstranten voran, Mahler beschwor die Links-Individualisten zu straffer, schlagkräftiger Organisation der Bewegung, Mahler verwandelte Gerichtssäle in Tribunale des Klassenkampfs -- so gegen Großverleger Axel Springer.
Mahler befindet sich nach Auskunft seines Sozius Klaus Eschen offiziell "in Urlaub" -- und zwar seit dem Tage, da Baader befreit wurde. Mitte Juni aber, so Mahler-Sozius Hans-Christian Ströbele, werde der Anwalt vom Urlaub zurück sein. Als die Polizei in der Mahler-Praxis eine Haussuchung vornahm, wurden der Personalausweis Baaders und der Reisepaß Gudrun Enßlins gefunden. Der "Tagesspiegel": "Es bleibt abzuwarten, ob wirklich belastendes Material ... gegen Mahler vorliegt."
Seit Dienstagabend letzter Woche jedenfalls ist Horst Mahler, wenn der Verdacht der deutschen Beamten in Beirut zutrifft, mit Ulrike Meinhof, Gudrun Enßlin, Andreas Baader dort, wo es laut Ulrike Meinhof etwas zu lernen gibt: bei den arabischen Guerrilleros, die über ein "Sozialistisches Palästina-Komitee" in West-Berlin mit dem Untergrund der Inselstadt Verbindung zu halten scheinen.
In diesem Komitee sitzen Vertreter der "Demokratischen Volksfront für die Befreiung Palästinas" (FPDLP) ebenso wie Vertreter der israelischen sozialistischen Studentengruppe "Matzpen" und West-Berliner Genossen. Einer von ihnen, der ehemalige Kommunarde Dieter Kunzelmann, hält sich schon seit geraumer Zeit bei der El-Fatah auf.
In einem "Brief aus Amman" ließ er "Agit 883" wissen: "Wenn wir endlich gelernt haben, die faschistische Ideologie "Zionismus' zu begreifen, werden wir nicht mehr zögern, unseren simplen Philosemitismus zu ersetzen durch eindeutige Solidarität mit El-Fatah, die im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich von gestern und heute und seine Folgen aufgenommen hat." In einer anderen Botschaft, die -- wie der Anti-Zionismus-Artikel -- mit "D." gezeichnet ist, heißt es: "Ich habe begriffen, daß Revolution bewaffneter Kampf heißt, und auf diesen gilt es sich vorzubereiten durch Praxis."

DER SPIEGEL 25/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 25/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN / BAADER / MEINHOF:
Bis irgendwohin

Video 00:54

Ägypten Archäologen finden Katzen-Mumien

  • Video "Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert" Video 01:24
    Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Gleichstellung haben wir trotzdem nicht" Video 02:06
    100 Jahre Frauenwahlrecht: "Gleichstellung haben wir trotzdem nicht"
  • Video "Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker" Video 01:03
    Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker
  • Video "Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette" Video 01:18
    Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette
  • Video "Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe" Video 02:10
    Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe
  • Video "Wir drehen eine Runde: Lada Vesta SW Cross" Video 06:21
    Wir drehen eine Runde: Lada Vesta SW Cross
  • Video "Schach-Videoanalyse: Carlsen hatte die Qual der Wahl" Video 03:35
    Schach-Videoanalyse: "Carlsen hatte die Qual der Wahl"
  • Video "Projekt Jeder hilft Jedem: Wie 17 Flüchtlinge den Deutschen danken wollen" Video 02:51
    Projekt "Jeder hilft Jedem": Wie 17 Flüchtlinge den Deutschen danken wollen
  • Video "Filmstarts der Woche: Auf den Mond geschossen" Video 08:58
    Filmstarts der Woche: Auf den Mond geschossen
  • Video "Eklat bei Trumps Pressekonferenz: Wurde das Eklat-Video manipuliert?" Video 01:51
    Eklat bei Trumps Pressekonferenz: Wurde das Eklat-Video manipuliert?
  • Video "Schach WM 2018: Man spürt die Kampfeslust" Video 04:06
    Schach WM 2018: "Man spürt die Kampfeslust"
  • Video "Suchoi Su-57: Video zeigt Russlands neuen Tarnkappenjet" Video 00:57
    Suchoi Su-57: Video zeigt Russlands neuen Tarnkappenjet
  • Video "Mit Hand und Fuß: Chinese löst drei Zauberwürfel gleichzeitig" Video 01:14
    Mit Hand und Fuß: Chinese löst drei Zauberwürfel gleichzeitig
  • Video "US-Präsident gegen CNN-Reporter: Ist Trump zu aggressiv - oder Acosta?" Video 04:03
    US-Präsident gegen CNN-Reporter: Ist Trump zu aggressiv - oder Acosta?
  • Video "Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien" Video 00:54
    Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien