06.07.1970

KRIMINALITÄT / BERLINUnbezahlte Rechnung

Im Kino "Filmkunst 66" an der Ecke Bleibtreu- und Niebuhrstraße in Charlottenburg hatte der Hauptfilm gerade begonnen: Per Motorrad gingen die "Easy Rider" Peter Fonda und Dennis Hopper auf Todes-Tour nach New Orleans.
Dem Kino gegenüber, vor den Schaufenstern des Trödel-Basars "Berliner Leierkasten", amüsierten sich Passanten über den Löwen, der dort -- ausgestopft und zähnebleckend -nebst einem mumifizierten Krokodil und Krimskrams feilgeboten wird.
Nebenan, im Nationalitäten-Restaurant "Bukarest" (Spezialität: Mititei vom Holzkohlengrill für fünf Mark), versammelten sich zu dieser Stunde, um 21 Uhr des letzten Juni-samstags, etwa 30 überwiegend jüngere Herren, die -- obschon wegen der Schwüle des Sommerabends transpirierend -- die Jacketts nicht ablegten. Ihre Aktentaschen behielten sie in Griffnähe.
Die Gesellschaft ließ Tische zusammenrücken und rumänische Spezialitäten auffahren, als -- vom Lokal aus sichtbar -- draußen auf der Straße eine andere Gruppe korrekt gekleideter Herren, acht oder zehn Männer mit dunklen Haaren und dunklem Teint, einem Mercedes und einem Volkswagen entstieg. Und Sekunden später glich die sonst so stille Bleibtreustraße abseits des Kurfürstendamms der Szenerie eines Gangster-Films aus dem Chicago der zwanziger Jahre.
Fünf Minuten lang knatterten MP-Salven über das Pflaster, Revolverschüsse krachten, Schützen wie Beschossene gingen hinter geparkten Autos In Deckung. Erst als sich das Sirenengeheul der Polizeiwagen dem Kampfplatz näherte, brach der Gefechtslärm ab. Die Kombattanten nahmen reißaus, soweit sie noch laufen konnten. Zurück blieben: ein Toter, drei Verwundete, sieben zerschossene Autos, eine Maschinen-Pistole vom Weltkrieg-2-Typ "Walther P 40", ein spanischer "Astra"-Colt "Chiefs' Special 38", eine italienische "Bernadelli"-Pistole Kaliber 7,65 und, im Restaurant "Bukarest", eine unbezahlte Rechnung.
Ambulanzwagen brachten die drei jeweils durch mehrere Schußwunden Verletzten ins Westend- und Albrecht-Achilles-Krankenhaus. Die Polizei registrierte die Personalien: Mohammed Shakeri, 34, Mahmoud Rahimian, 27, und Mehdi Sharify, 26, allesamt Untertanen seiner Majestät, des Schah-in-Schah Resa Pahlewi' Teheran.
Der Tote (Kopfsteckschuß) kam unterdessen ins Leichenschauhaus, wo ihm die anstaltsübliche Behandlung widerfuhr: Er wurde vorschriftsmäßig entkleidet' gewaschen, gewogen und vermessen, dann am Unterschenkel mit der Leichennummer versehen, danach auf einem Solnhofener Marmortisch obduziert und schließlich in einer Zinkwanne mit roter Plastikplane bei plus vier Grad im Gemeinschaftskühlraum deponiert.
Ihn zweifelsfrei zu identifizieren. gelang der Polizei zunächst nicht. Iranische Studenten jedoch, die schon in einem der Verletzten einen jener "Jubelperser" wiederentdeckt haben wollen, die beim Schah-Besuch in Berlin am 2. Juni 1967 mit Gebrüll und Holzlatten über Anti-Schah-Demonstranten herfielen, sind sicher, daß es sich bei dem unbekannten Toten um den 22jährigen Bruder All des verletzten Mohammed Shakeri handelt.
Über die Gründe für die erste Straßenschlacht mit Schußwaffen nach dem Krieg in West-Berlin aber und über die beteiligten Gruppen gab es für die Kripo von Anfang an keinen Zweifel: Was sich in der Bleibtreustraße abgespielt hatte, war für sie der bislang letzte Akt des Bandenkrieges einer deutschen und einer persischen Gangster-Organisation in West-Berlin um "die Märkte des Verbrechens" ("Der Abend"), um Glücksspiel und Hehlerei, um Rauschgift- und Waffenhandel, um Erpressung und -- vor allem -- um Prostitution.
"Die deutsche Bande', so ein Polizeisprecher, "beschäftigt sich hauptsächlich mit Zuhälterei." Sie tat sich zudem -- ohne daß Ihr die Polizei, die gerade auf bei Bandendelikten schwer beschaffbare Zeugenaussagen angewiesen ist, bislang etwas anhaben konnte -- bei Raufereien hervor, zwang Lokal-Besitzern gegen Geld Bierzapfer und Rausschmeißer als "Beschützer" auf und verhökerte Diebesgut. Die Perser-Bande erzielte Gewinn vor allem aus "Rauschgifthandel und Glücksspiel" (Polizeisprecher). Sie kontrollierte illegale Spielhöllen und setzte beispielsweise Haschisch, das sie für 100 bis 200 Mark je Kilo aus dem Orient bezog, für 2000 bis 3000 Mark je Kilo an Berliner Einzelhändler ab.
Beide Banden tolerierten einander, bis die Perser im Mai ihren deutschen Kollegen ins Geschäft zu pfuschen begannen. Sie versuchten, den Deutschen die Kontrolle der lukrativen Dirnen-Standplätze in der West-Berliner City abzujagen. Ein Mann aus der Branche: "Es ging um den besten Strich."
Und der ist ein gutes Geschäft in der Insel-Weltstadt West-Berlin, In der Vergnügungs- und Konferenz-Tourismus blühen wie kaum anderswo in Deutschland, in einer Stadt, die sogar verkehrsamtlich für sich wirbt: "In Berlin verlaufen Konferenzen ganz anders. Auch danach ... alles läuft besser ... am Tage. Am Abend. In der Nacht."
Wer in Berlins Nächten nicht gern allein bleibt, sei er nun Mauer-Pilger, Besucher der Grünen Woche, Teilnehmer am Kongreß der Kybernetiker oder Delegierter beim Treffen des "Klubs langer Menschen", findet zwischen Bülow-Bogen und Halensee-Brücke ein reichhaltiges, differenziertes Angebot.
Ihm stehen rund um die Uhr -- denn West-Berlin hat keine Polizeistunde -- etwa 4500 Etablissements offen, vom exklusiven Schlemmer-Lokal an der Gedächtniskirche bis zur Bouletten-Bude am Bahnhof Zoo, vom Striptease in Charlottenburg bis zum Ringelpietz in der Hasenheide, vom Homosexuellen-Treff in Schöneberg bis zum Bordell in Wilmersdorf.
Dort, in Deutschlands immer noch größter Stadt, findet der tatendurstige Tourist pro Kopf der Bevölkerung mehr Dirnen und Strichjungen als irgendwo sonst, in keiner anderen deutschen Stadt werden auf Straßen und Parkplätzen, in Stundenhotels und Luxus-Appartements so hohe Umsätze erzielt wie in West-Berlin:
Mehr als 4000 Prostituierte beiderlei Geschlechts erwirtschaften Monat um Monat an die zwei Millionen Mark. Die Damen, die sommers wie winters auf der "Straße des 17. Juni" angesichts der Siegessäule ihre Freier ködern, sind -- Autorücksitz, zwei Minuten -- bereits für 20 Mark zu haben. Auf den Neckermann-Parkplätzen gilt derselbe Tarif.
Massage-Salons, die regelmäßig unter der Rubrik "Gesundheit/Kosmetik" in Springers "BZ" inserieren, leisten Spezialdienste für 40 bis 70 Mark pro Behandlung. Wenigstens 100 Mark muß ein Kunde aufwenden, der sich in komfortablerer Umgebung zu entspannen wünscht, wie sie einige Hotels oder Westend-Villen bieten.
Noch höhere Ansprüche kosten noch mehr. Gepflegte Call-Girls mit tadelloser Figur und gehobener Allgemeinbildung verlangen bis zu 300 Mark.
Besonders einträglich für die Gewerbetreibenden ist freilich nach wie vor das Kudamm-Revier. Denn dort, auf dem Bummel-Platz aller Berlin-Besucher, findet sich allabendlich reichlich Kundschaft. "Der Strich", ein "Führer durch 40 Städte" (Dülk Verlag, Berlin), empfiehlt denn auch ausdrücklich die Kurfürstendamm-Gegend mit dem Hinweis, dort sei "zwischen 23 Uhr und 5 Uhr ... die Geschäftszeit der hübschesten und jüngsten Prostituierten Berlins" -- sichere Pfründe für die Zuhälter, die den Dirnen monatlich schätzungsweise 500 000 bis 600 000 Mark abkassieren.
Für West-Berlins Kripo, die bereits im März eine Sonderkommission für die Aufklärung von Banden-Delikten gebildet hatte, war es darum nicht weiter verwunderlich, als ihr vor Wochen schon zu Ohren kam, daß sich die persischen Rauschgift-Händler mit der deutschen Zuhälter-Gang über die Kontrollrechte speziell im einträglichen Kudamm-Revier zu streiten begannen. Die Polizei erfuhr, wenngleich ohne Details, daß sich der mutmaßliche Chef der Deutschen, Klaus Speer, 27, Gelegenheitsboxer in der Schöneberger Fuggerstraße, um ein Ende des Zwists bemühte: Speer machte den Persern ein Verhandlungsangebot.
Jedoch, das erste Friedens-Meeting, am Mittwoch vorletzter Woche, schlug fehl. An die 40 Ganoven beider Banden gingen in der Bar "Apollo 11" an der Potsdamer Straße mit Messern aufeinander los.
Auf das zweite Treffen, das er nach der Apollo-Pleite mit zwei Delegierten der Perser für Sonnabend, den 27. Juni, 21.45 Uhr, im Restaurant "Bukarest" vereinbart hatte, bereitete sich Speer besser vor. Er flog nach Frankfurt und besorgte dort Verstärkung.
Die deutsche Truppe, nun an die 30 Mann stark, setzte sich zu Tisch und speiste -- Revolver im Schulterhalfter, Maschinenpistolen in der Aktentasche -- à la carte. Pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt erschienen auch die beiden persischen Parlamentäre -- freilich nicht allein. Hinter den zwei Emissären sprang die ganze Perser-Mannschaft aus den Autos, die Deutschen rannten auf die Straße, und die Schießerei begann.
Wer den ersten Schuß abgab, konnte die Kripo bislang nicht klären. Deutsche Teilnehmer (die Polizei faßte inzwischen drei von ihnen) beteuerten "Wir fühlten uns bedroht und haben uns verteidigt." Die drei verwundeten Perser und drei ihrer inzwischen festgenommenen Freunde hingegen behaupten: "Die Deutschen haben zuerst geschossen."
Der Deutsche Klaus Speer ließ die Polizei kurz nach der Schießerei lediglich per Anruf beim Revier 128 wissen: "Es sollte nicht sein." Dann ging er wieder in Deckung -- und nicht nur vor der Staatsgewalt.
Zuträger aus der Unterwelt berichteten den Kriminalbeamten, daß die deutschen Schützen mehr als den Richter die Blutrache der Perser fürchten, und zwei Mitglieder der Speer-Gang stellten sich bereits freiwillig der Polizei, darunter Bruder Kurt des mutmaßlichen Bandenchefs. "Die sind", so Hauptkommissar Karl Schwichtenberg von der Mord-Kommission nicht ohne Befriedigung, "ganz schön nervös geworden."

DER SPIEGEL 28/1970
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