06.07.1970

REITEN / DRESSURFurchtbar bergab

Die Verschwörer sammelten sich in einem Pferdestall. In der zu einem Feinschmecker-Lokal ausgebauten Stallung bei Aachen gründeten sie eine Notgemeinschaft zur Rettung der bundesdeutschen Dressurreiterei.
"Es war furchtbar, mit offenen Augen anzusehen", schnarrte Generalmajor a. D. Horst Niemack, der Anführer des Reiter-Aufstandes, "wie es bergab geht." Unmittelbar darauf, am vorletzten Wochenende, büßten die Deutschen ihre Weltmeistertitel in der Mannschafts- und Einzelwertung an die Sowjet-Union ein.
Für die deutsche Dressur-Equipe war es die erste Niederlage seit 1964. Die deutsche Mannschaft hatte bei den Olympischen Spielen in Tokio und 1968 in Mexico City Gold erritten, dazu zwei Europameisterschaften und die Weltmeisterschaft 1966. Vor vier Jahren sammelten die deutschen Spitzenreiter außerdem in der Einzelwertung alle drei Medaillen ein.
Aber die Deutschen gerieten durch ihre Reiter-Renaissance in ein Dilemma: Um die drei Equipen-Plätze, die fast mit Sicherheit Goldmedaillen verbürgten, rangelte wenigstens ein halbes Dutzend medaillenverdächtiger Reiterinnen und Reiter. Ihre Aufstellung hing vor allem von einem ausgebildeten Pferd ab. So kletterten die Preise. Für Dux, den Wallach des Münsteraner Mannschafts-Olympiasiegers und Rechtsanwaltes Dr. Reiner Klimke, bot ein Interessent 150 000 Mark.
Ein Pferd muß bis zur internationalen Reife vier bis fünf Jahre die hohe Dressurschule durchlaufen. Ihre besten Leistungen vollbringen die meisten erst mit 12 bis 14 Jahren. Zur Zeit gibt es weniger als 50 international einsatzfähige Dressurpferde.
Vor der Olympiade in Mexiko bot die geschiedene Verlegersgattin Rosemarie Springer -- die inzwischen ihr Pferd Kassim an die DDR abgab -- dem Buchhändler Harry Boldt aus Iserlohn (Gold- und Silbermedaille 1964) das aussichtsreiche Pferd Lenard an. Als die Olympia-Dritte von 1956, Liselott Linsenhoff, davon erfuhr, warf sie der Rivalin vor: "Du willst mich wohl aus der Mannschaft bringen." Lenard blieb im Springer-Stall. Liselott Linsenhoff erritt Mannschafts-Gold.
Neben ihren Pferden pflegten einige der ehrgeizigen Herrenreiter gute Beziehungen zu Funktionären und Dressurrichtern. Wohlhabende Reitersleute sorgten etwa bei Turnieren für Unterkunft und Aufenthalt der deutschen Richter. Dem mehrmaligen Medaillengewinner und Versandkaufmann Josef Neckermann warfen Neider vor, daß er richtenden und reitenden Freunden Empfänge bereite und sie zu Weihnachten mit Sektkisten erfreue.
Eine Schlüsselposition hatte sich der pensionierte General Niemack ausgebaut: als Ausbildungsleiter für die Dressur und Vorsitzender der Richter-Vereinigung. Nach der Weltmeisterschaft 1966 dankte ihm der Sieger Neckermann überschwenglich mit einem Handkuß. Vor der Mexiko-Olympiade setzte sich Equipenchef Niemack auch für den Einsatz Liselott Linsenhoffs anstelle von Boldt ein. Kritiker warfen Niemack Parteinahme vor. 1968 gab er sein Amt auf. Als neuer Befehlshaber der deutschen Dressur-Schwadron schwang sich der Zwei-Sterne-General der Luftwaffe Albert Stecken in den Sattel. Doch die Kernspaltung der deutschen Dressurelite vermochte er nicht aufzuhalten, Schon in Mexiko hatten sich Frau Linsenhoff und Neckermann überworfen, als sie gleichzeitig auf dem Dressur-Viereck trainieren wollten. Auch der Stuttgarter Nachwuchsreiter Wolfgang Haug zerstritt sich mit Necker mann, beliefert ihn gleichwohl weiter mit Schweinehälften eigener Schlachtung.
Haug hoffte, in Aachen bei der Weltmeisterschaft für Deutschland zu reiten. Gleichzeitig qualifizierte die Flüsterpropaganda unter Reiterfreunden Neckermanns Pferd Mariano, 15, als zu alt ab. Neckermann ritt dennoch. Er wurde Vierter.
Nun spannten die Neckermann-Gegner Niemack wieder ein und gründeten in Aachen die "Aktionsgemeinschaft Dressursport", weil der Dressur "keine ausreichende und sachgerechte Beachtung geschenkt" werde. Neckermann sparten sie aus. "Ich würde auch ablehnen", rügte er. Verbandspräsident Dieter Graf Landsberg-Velen empörte sich über die Verschwörung: "Das fördert die Spaltung," Dressur-Funktionär Kurt Capellmann wehrte die Niemack-Attacke mit dem Vorwurf ab, der General wolle nachholen, was er als Verantwortlicher jahrelang versäumt habe. Olympiasieger Klimke ("Der Starke ist am mächtigsten allein") lehnte die Mitgliedschaft ab: "Ich möchte vermitteln."
Der ehrgeizige Neckermann sieht sich neuerdings auch fachfremden Kritikern ausgesetzt. Besorgte Aktionäre forderten: "Er soll sich weniger um die Dressur und mehr um seine Firma kümmern."

DER SPIEGEL 28/1970
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