23.12.2005

Der deutsche Fetisch

Hans-Ulrich Wehler über die Verklärung des Wirtschaftswunders
Wehler, 74, war bis 1996 Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität Bielefeld. Die bislang erschienenen vier Bände seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" (Verlag C. H. Beck) haben für Aufsehen gesorgt. Zurzeit bereitet er die Folge über die Geschichte der Deutschen nach 1949 vor.
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Zwei Jahre dauerte es, bis sich die Hoffnungen erfüllten, die viele in die Währungsreform und Ludwig Erhards Reformpaket im Sommer 1948 gesetzt hatten. Erst der Korea-Krieg löste von Juni 1950 an einen Boom aus, der selbst die kühnsten Erwartungen übertraf. Ganz unerwartet ging er sogar in eine in der deutschen Geschichte beispiellose, langlebige Hochkonjunktur über. Sie hielt dem Trend nach bis zum ersten Ölpreisschock im Jahre 1973 an. Das ist jene Wachstumsphase, die umgangssprachlich alsbald als "deutsches Wirtschaftswunder" firmierte.
Für diesen Begriff gab es gute Gründe: Anfangs erreichten die jährlichen Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts märchenhafte 9,5 Prozent, im Durchschnitt der fünfziger Jahre 8,5 Prozent, seither bis 1973 immer noch 4,8 Prozent. Zum einen lagen sie weit über den Werten für die Zeit der deutschen Industriellen Revolution bis 1913, als jährlich 1,1 Prozent erzielt worden waren. Zum anderen wuchs das Bruttosozialprodukt zunächst doppelt so rasch wie in den USA und in 23 Jahren mehr, als zwischen 1800 und 1945 möglich gewesen war. Die Quote der Investitionen, des Treibstoffs für den Motor der ökonomischen Expansion, kletterte auf fabulöse 25 Prozent des Bruttosozialprodukts, vor allem aber verdoppelte sich das individuelle Realeinkommen schon bis 1960, verdreifachte sich sogar bis 1973; der Privatverbrauch stieg um 300 Prozent.
Nie zuvor sind Deutsche schneller wohlhabend geworden als jene in der Bundesrepublik in dem Vierteljahrhundert nach 1950. Kein Wunder, dass nach zwei verlorenen Kriegen und zwei Inflationsschocks, nach der Vertreibung von 14 Millionen Deutschen, der Zerstörung vieler Städte im Luftkrieg und den Abermillionen Toten diese ganz unvorhersehbare Konjunkturerfahrung verklärt wurde. Nur vor diesem Hintergrund kann man die mystische Überhöhung des "Wirtschaftswunders", wie sie sich in derart exaltierter Form allein in der Bundesrepublik einstellte, angemessen verstehen. Dieser rasche Aufstieg wurde damals tief verinnerlicht. Er drang in das westdeutsche Selbstverständnis und Leistungsbewusstsein ein, ja er übte einen prägenden Einfluss auf das Identitätsgefühl der zweiten Republik aus. Seine Folgewirkung hält bis in die unmittelbare Gegenwart als Fixierung auf einen tiefverankerten Wachstumsfetischismus an, der Züge einer neuen Säkularreligion gewonnen hat.
Obwohl die Legende nur das "deutsche Wirtschaftswunder" kennt, handelt es sich bei jener hochkonjunkturellen Trendperiode tatsächlich um ein gemeineuropäisches Phänomen, wahrscheinlich sogar um ein "Welt-Wirtschaftswunder". Die im Rückblick leicht erkennbare Einmaligkeit dieses explosiven Wachstumsspurts hat eine leidenschaftliche Diskussion über seine Ursachen ausgelöst. Prominente Ökonomen und Wirtschaftshistoriker haben sich daran beteiligt. Vier krass unterschiedene Denkschulen bildeten sich dabei heraus.
Die eine setzt auf die nach dem russischen Konjunkturforscher Nikolai Kondratjew benannten, 50 Jahre währenden "Langen Wellen" mit einer je 22- bis 25-jährigen Aufschwung- und Abschwungphase. Der als autonom geltende Wirtschaftsprozess hat demzufolge die Prosperitätsepoche von 1950 bis 1973 geradezu gesetzmäßig hervorgebracht. Das Dilemma dieser Deutung liegt darin, dass die "Langen Wellen" bisher nicht empirisch überzeugend nachgewiesen werden konnten.
Die zweite Interpretation setzt ganz auf den "Catch up"-Prozess, jene Aufholjagd, während der die europäischen Volkswirtschaften, namentlich auch die deutsche, die überlegene amerikanische Technologie importiert hätten, bis mit der Wahrnehmung aller Wachstumschancen ein Gleichstand, damit aber auch das Ende der Hochkonjunktur erreicht war. Dieses simple Modell leidet an einer bestürzenden Unkenntnis der deutschen Technikgeschichte. Wo es einen amerikanischen Vorsprung gab, ohnehin nur auf wenigen Gebieten, setzte die deutsche Aufholjagd schon um 1900 ein und konnte in den dreißiger Jahren als abgeschlossen gelten. Seither operierten deutsche und amerikanische Unternehmer auf gleicher Augenhöhe. Nach 1949 waren die deutschen Leitsektoren wie chemische und elektrotechnische Industrie, Maschinen- und Automobilbau im Nu wieder globale Spitzenreiter. VW zum Beispiel besaß schon in den frühen fünfziger Jahren das modernste Pkw-Werk der Welt.
Während diese beiden Ansätze im Wettrennen um die Erklärung des "Wirtschaftswunders" entfallen, kommt die dritte Hypothese von der "Rekonstruktion" der deutschen Wirtschaft ungleich näher an die Realität heran. Ihre Denkfiguren sind einleuchtend: Das Potential der deutschen Industrie hatte einen stetig ansteigenden Wachstumstrend ermöglicht, der aber wegen der Kriegseinwirkung abknickte. Da nur maximal 24 Prozent der deutschen Industriekapazität zerstört worden waren, konnte sie erstaunlich schnell wieder aufgebaut werden. Das regenerierte Wachstumspotential, das durch die vorzügliche Qualifikation des "Humankapitals" mit seiner kostenlos zuströmenden Reserve von weit mehr als zehn Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen entscheidend unterstützt wurde, trieb die Entwicklung erneut steil nach oben. Mitte der siebziger Jahre wurde jener Wachstumspfad wieder erreicht, der ohne den Krieg beibehalten worden wäre.
Die vierte Diskussionsströmung setzt dagegen ganz auf den wohltätigen "Strukturbruch" seit 1945/49: auf die radikale Umorientierung der deutschen Wirtschaftspolitik unter dem Einfluss neuer Institutionen und Leitideen. Da gab es das Ordnungsmodell der sozialen Marktwirtschaft, vor allem aber die Öffnung des Weltmarkts, der dank dem Währungssystem von Bretton Woods, dem GATT-Zollabkommen, der Europäischen Zahlungsunion, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und Europäischen Gemeinschaft
eine seit 1914 nicht mehr vorhandene Liberalisierung erlebte. Sie ermöglichte es der deutschen Wirtschaft, den Anteil ihres Exports am Bruttosozialprodukt auf erstaunliche 25 Prozent Anfang der siebziger Jahre zu steigern, den Anteil am Weltexport auf 10 Prozent zu erhöhen. Fraglos war der westdeutsche Erfolg in hohem Maße diesem exportorientierten Wachstum zu verdanken.
Eine einseitige Privilegierung der These von der Rekonstruktion oder vom Strukturbruch erweist sich als erkenntnishemmend statt erkenntnisfördernd. Man sollte die beiden Erklärungsversuche kombinieren. Denn ohne die auf dem Wachstumspotential beruhende Rekonstruktionsleistung hätte der liberalisierte Weltmarkt nicht so effektiv genutzt werden können. Und ohne den in der Tat einem Strukturbruch gleichkommenden Wandel der Wirtschaftspolitik und der internationalen Institutionen hätte sich wiederum die Rekonstruktion nicht in so phantastisch kurzer Zeit als geradezu revolutionärer Umbruch auswirken können. Ihre Folgen übertrafen die Veränderungen durch die Weltwirtschaftskrise seit 1929 und den Zweiten Weltkrieg bei weitem.
In den Jahrzehnten nach 1973 pendelten sich die deutschen Wachstumsraten bei zwei Prozent ein, danach hätten sich die Unternehmer des kaiserdeutschen Reichs die Finger geleckt. Sie unterschritten diesen Wert aber schließlich fast ständig, da ein verkrusteter Arbeitsmarkt, das Fehlen von aussichtsreichen Zukunftsindustrien, die harte Konkurrenz der asiatischen und osteuropäischen Niedriglohnländer und die eklatante Reformunfähigkeit des Landes den Wachstumsmotor schwächten. Erhalten blieb aber die Fixierung auf die ganz und gar einmaligen Wachstumsraten des "Wirtschaftswunders", obwohl es doch den nicht wiederkehrenden Sonderbedingungen der Rekonstruktionsära und des Strukturbruchs im Inneren und auf dem Weltmarkt zu verdanken gewesen war.
Die Erfolgserfahrung der zweieinhalb Jahrzehnte nach 1950 nährte einen starren Wachstumsfetischismus, der an der Wiederholbarkeit eines einzigartigen "Großen Spurts" festhielt. Dass die von Grund auf veränderte Konstellation, die durch das verschärfte Tempo der Globalisierung noch dramatisiert wurde, außerordentlich anstrengende und schmerzhafte Anpassungsleistungen erfordert, um überhaupt die enorme Leistung eines Wachstums um zwei Prozent weiter erbringen zu können, sickerte nur langsam in die Köpfe der Politiker, noch zähflüssiger in die Öffentlichkeit ein. Das nostalgisch verklärte "Wirtschaftswunder" verwandelte sich in die schwere Bürde eines Erfolgs, der eine verzerrte Realitätswahrnehmung und politische Lähmung auslöste. War es damals nicht ständig bergauf gegangen, und hatte man nicht alle Rezessionen und Ölschocks bravourös überwunden? Das Ergebnis dieser beharrlich geleugneten Einmaligkeit des "Wirtschaftswunders" war ein starrer Strukturkonservativismus: Er vertraut blind auf das Fehlurteil, dass sich ein denkwürdiges Unikat beliebig wiederholen lasse.
Aus der Sackgasse, in die diese Chimäre geführt hat, müssen sich Politik und Wählerschaft endlich herausbewegen, um durch die unvermeidbare Fortsetzung der viel zu spärlich initiierten Reformen jene Flexibilität und Leistungsfähigkeit wiederzugewinnen, welche die Bundesrepublik früher einmal insgesamt, nicht nur ihre Exportindustrie ausgezeichnet hat. Die Grundvoraussetzung dafür bleibt freilich der endgültige Abschied von dem gefährlichen Wunschtraum, das Wachstumstempo der fünfziger/sechziger Jahre noch einmal erreichen zu können. Ein derart singulärer Boom kann sich in Deutschland nicht wiederholen. Das aber heißt: Goodbye, ihr Wachstumsraten einer unwiederbringlichen Vergangenheit. Sollten in Zukunft zwei Prozent erreicht und gehalten werden, wäre das eine Leistung, die alle Anerkennung verdient.
Von Hans-Ulrich Wehler

DER SPIEGEL 52/2005
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