23.12.2005

TSUNAMIDas Hotel der Geister

30 Kilometer Strand und Palmen, 6500 Zimmer mit Meeresblick: Touristen suchten in Khao Lak in Thailand das Paradies, Einheimische eine bessere Zukunft. Dann kam die Flut. Für die Überlebenden ist die Katastrophe gegenwärtig - und der Grund, ein neues Leben zu beginnen. Von Ralf Hoppe
Der Indische Ozean schlägt in langen Wellen an den Strand. Das erste Licht des Tages ist fahl, schattenlos, Lufttemperatur 27 Grad Celsius, schon jetzt, morgens um halb sieben. Tum hat ihre schwarzen Pumps ausgezogen. Sie stapft barfuß durch den Sand, späht hinter die glattgescheuerten Felsen, schaut nach unter den Palmen und im Wurzelwerk der Kasuarina-Bäume - aber da liegt weder Treibmüll noch Papier, keine Kippen, keine Dosen, der Sand ist geharkt, vorn wenigstens.
Gut. Die neuen Gärtner sind offenbar zuverlässig.
Tum wendet sich wieder Richtung Hotel, sie hat es jetzt eilig. Auf 1130, bei den Schweden, stimmt wieder was mit der Toilette nicht, literweise kommt das Spülwasser hochgegulpt. Sie muss den Klempner rufen. Dann das blubbernde Geräusch beim Pool, Tum muss jemanden finden, der sich mit Pumpen auskennt. Und die Gäste von 2219 müssen umquartiert werden, sie haben sich gestern beschwert, die Bauarbeiter von nebenan fangen früh an mit ihren Presslufthämmern.
An der Außendusche spült Tum sich den Sand von den Füßen. Sie schlüpft in ihre Schuhe, setzt ein Lächeln auf, streicht den schwarzen, kurzen Rock glatt, und so beginnt sie ihren Tag - einen normalen Arbeitstag in diesem ziemlich unnormalen Hotel.
Tum ist der Front Office Manager, und ihr Hotel ist das "Palm Beach Resort" in Khao Lak, Thailand, zum zweiten Mal eröffnet vor wenigen Tagen. Das Personal: 20 Kellner, Köche, Gärtner, dazu 8 bis 10 Zimmermädchen, 4 weitere Damen für die Rezeption, die aussehen, als wären sie zwölf, dazu drei Dutzend Bauarbeiter in Badelatschen, die überall schweißen, streichen, klopfen. Und dann die vier Gäste.
Das Palm Beach Resort: Hotel der Toten, sagen manche, die hier arbeiten. Nein, sagen andere, das Hotel der Überlebenden, think positive.
Fast ein Jahr hat es gedauert bis zur Wiedereröffnung. Mr Warakorn Songsang, der Besitzer, hatte alles verloren, seine Familie, seine beiden Hotels, er wusste erst nicht, ob er einen Neuanfang wagen wollte. Dann die zähen Verhandlungen mit den Banken. Dann die langwierigen Aufräumarbeiten, die Neubauten, Gehwege, Palmen, Pumpen, Computer, Toiletten, alles Mögliche ging schief, als laste ein Fluch auf dem Hotel.
Als vor einer knappen Woche die ersten Gäste anreisten und ihre nach frischer Farbe riechenden Bungalows bezogen, kamen sie fast genau zwölf Monate nach dem Weltbeben, dem Tag, an welchem der Tsunami den unteren, strandnahen Teil des Hotels in ein Trümmerfeld verwandelte, die Traumsiedlung Khao Lak zerlegte - und nebenbei auch das Leben von Tum, die eigentlich Partumtip Srideang heißt, 36
Jahre alt ist und Marketing-School-Absolventin aus Bangkok. Eine kleine Frau, stämmig, energisch. Glattes, kurzes Haar, viel Make-up, müde Augen.
Fürchtet sie sich vor dem nahenden 26. Dezember?
Nein, sagt sie. Zuckt die Achseln. Oder vielleicht doch, ein wenig.
Das Problem, flüstert sie, sind die Geister.
Kurz vor Weihnachten wird es voller werden. Und für den 26. Dezember sind sie fast ausgebucht. Sie brauchen mehr Weihnachtsschmuck. Trinkwasser brauchen sie auch. Und ein oder zwei Torten, falls jemand von den Gästen Geburtstag hat. Sie muss auch noch die Schichten für den Weihnachtsmann-Dienst einteilen. Tum selbst wird ebenfalls hier sein am Jahrestag des Todes, erstens muss sie arbeiten, außerdem, was soll sie sonst machen? Das Hotel ist alles, was ihr blieb.
Tums Geliebter, ihr Boyfriend, kam in der Flutwelle um, er ist jetzt ein Geist, der sie immer wieder heimsucht, manchmal wochenlang nicht, dann wieder jede Nacht, er kennt sich hier aus, sie hatten sich schließlich im Palm Beach Resort kennen gelernt. Vielleicht kommt er, um sie zu warnen, vielleicht aber auch, um sie zu den Toten zu holen, Tum weiß es nicht, Geister sind unberechenbar. Sie weiß nur, dass er hier ist. Und die anderen Toten auch.
Sie setzt sich an den Schreibtisch, greift zum Telefon.
Am selben Tag, da Tum den Klempner anruft und tiefgefrorene Torten ordert, stehen Guido Platzer und Anja Hensel vor Umzugskartons, in einer Dreizimmerwohnung im vorweihnachtlichen Wien, 11. Bezirk, im Osten der Stadt, Dachgeschoss. Anja reicht an, Guido packt ein. Die Tüte mit den Schuhen. Den Laptop. Draußen ein kalter, klarer Tag. Die Sonne flutet durch die großen Fenster. Viel ist es nicht. Platzer hat aussortiert, zum Beispiel die karierten Hemden, die er schon lange nicht mehr trägt. Nur das Wichtigste nimmt er mit in sein neues Leben, Ski-Ausrüstung, Laufschuhe, eine Filmdose mit Sand aus Thailand, der erste gemeinsame Urlaub mit Anja.
Guido Platzer verstaut die Filmdose und verpackt sein Leben, er verlässt Wien, seine Stadt, die er immer noch großartig findet, aber egal, er zieht in ein rotes Klinkerhaus am Stadtrand von Hildesheim. Seine Freundin Anja lebt dort und kann nicht weg, also bringt er das Opfer, leichten Herzens. Natürlich, gewarnt hat man ihn. Deutschland, steif und trocken, und dann auch noch mitten in die Provinz. Und wenn es ein Fehler ist? Platzer ist 36 Jahre alt, Beziehungen zerbrechen, die Liebe löst sich auf, es wäre nicht zum ersten Mal.
Aber er ist sich sicher, ganz sicher - seit dem 26. Dezember 2004, als er und Anja Hensel im Palm Beach Resort von Khao Lak um ihr Leben kämpften. Sie hatten Bungalow 1130, dasselbe Häuschen, in dem inzwischen, auf der anderen Seite des Erdballs, der Klempner das Badezimmer überschwemmt hat.
Das Leben ist kostbar, sagt Guido Platzer, das lernt man auf die harte Tour, wenn man dem Tod so nahe kommt.
Khao Lak, sagt Anja Hensel, wird man nicht mehr los.
Wenn die Touristen Khao Lak sagen, meinen sie eine Reihe von Dörfern längs der Nationalstraße 4, die Thailand in Nord-Süd-Richtung durchzieht. Ein Küstenstreifen, 30 Kilometer, mit Dörfern, deren Namen sich kein Tourist merken kann: Bang Laong, Bang Niang, Khuk Kak, Laem Pakarang, Pak Weep, Bang Sak - bis nach Ban Namkem im Norden, was so viel bedeutet wie Salzwasserdorf, eine Fischersiedlung.
Es ist die Heimat von Maem. Sie heißt mit vollem Namen Uraiwan Klaewkla, 25 Jahre, und das Palm Beach war ihr Arbeitsplatz, bis der Tsunami kam und sie ein neues Leben anfing.
Vor der Flut war Ban Namkem eine labyrinthische Siedlung, wuchernd, ärmlich,
mit Schlupfwinkeln, in denen sich die illegalen Burmesen versteckten, mit Bordellen, Spielsalons, einem stinkenden See in der Mitte. 14 000 Menschen lebten hier, jetzt sind es höchstens ein Drittel. Ban Namkem war in eine flache Lagunenlandschaft hineingewachsen, tödlich nah am Meer - jetzt ist es eine Ruinenlandschaft. Maem wohnt seitdem in einem Containerdorf, mit anderen Flüchtlingen, etwas abseits von Ban Namkem.
Aber Maem will ihr altes Haus wiederaufbauen, zusammen mit ihrem Mann, direkt an der Ban Namkem Road, es stinkt nach Müll, Bauschutt, Hundescheiße. Kleine gelbe Hunde wälzen sich im kalkigen Sand. Maem liebt dieses Dorf.
Das Haus, das sie bauen, eigentlich nur ein mit Wellblech überdachter Raum, kostet sie und ihren Mann 150 000 Baht, etwa 3000 Euro. Das Geld mussten sie sich leihen. Darum hat ihr Mann gleich zwei Jobs, er ist Truckfahrer, darum steht Maem jeden Morgen um halb sechs auf.
Als Erstes kocht sie eine Kanne Ovomaltine, sie haben aus einer Schweizer Hilfslieferung ein paar Kanister abgestaubt. Sie trinkt selbst eine Tasse, lässt den Rest stehen für ihren Mann und ihre Eltern, dann fährt sie auf den Markt nach Jian Jan, um Ware zu kaufen: Fischsauce, Nudeln, Zahncreme, Süßigkeiten, Seife. Um acht ist sie wieder zu Hause. Sie sortiert die Ware ein und öffnet ihren Shop, den sie im vorderen Teil ihres Wohncontainers eingerichtet hat. Eine kleine Flasche Shampoo kauft sie für 15 Baht, verkauft sie für 25. Sie ist jetzt Unternehmerin.
Maem hat ein neues Leben begonnen, wie auch Tum, ihre ehemalige Chefin, wie auch Guido Platzer und Anja Hensel - die alle eine Art heimlichen Club bilden, ohne Satzung, aber mit Erinnerungen, die sie an diesen Ort binden, die Überlebenden vom Palm Beach.
Das Hotel, eingeschnitten in einen Hügel, mittlerer Komfort, mittlere Preise, war vor dem Tsunami das typische Durchschnittshotel. Eines von mehr als 80 Hotels, 6500 Zimmer, 13 000 Betten, beinahe zu 100 Prozent belegt am Vorabend der Sintflut: Khao Lak war das Versprechen einer paradiesischen Welt.
Khao Lak war der Gegenentwurf zu Phuket und Patong, Stadt der grellen Huren und gefälschten Rolex-Chronometer. In Khao Lak sah man Elefanten am Straßenrand. Durch die Lobbys der Hotels flogen manchmal zahme Nashornvögel, und in den Massagesalons wurde man tatsächlich massiert. Khao Lak war das bessere Thailand, und die hierher kamen, waren die besseren Menschen, die idealen Touristen, auf der Suche nach dem Glück. Hier, an einem der schönsten Strände der Welt, war das Leben leicht wie eine Brise, hier war man sicher vor Stress, Hektik, Kälte. Khao Lak boomte, immer mehr kamen. Nach dem Tsunami waren 5395 Tote und 2817 Vermisste in ganz Thailand zu beklagen, etwa 4300 davon starben in Khao Lak.
Am Morgen des zweiten Weihnachtstages 2004, um 7.58 Uhr Sumatra-Zeit, riss der Meeresboden vor Sumatra auf wie ein Reißverschluss. In Sekundenbruchteilen wurden Millionen Tonnen Gestein gegeneinander gepresst, verschoben, Spalten klafften, Schlammlawinen rollten, ein Donnerschlag ging durch das Meer, ein Seebeben, ein Weltbeben.
Der Strand von Khao Lak steigt gleichmäßig an, im flachen Winkel. Ein Riff im Meer, eine Felswand unter Wasser hätten die Welle gebremst. Aber die Unterwasserwelt von Khao Lak bot keine solchen Hindernisse, sie war ideal für die Welle.
Tum, die Managerin, befand sich am Morgen des 26. Dezember 2004 an der Rezeption ihres Hotels. Sie spielte ein Buchhaltungsprogramm auf. Tum hatte gerade ihren neuen Job angetreten - zwei Monate zuvor war sie vom Palm Beach Resort zum "Green Diamond" gewechselt. Das Green Diamond war zwar bescheidener in der Ausstattung, aber aufstrebend, und ihr
Chef fragte sie in allem um Rat. Die Bungalows standen auf kleinen Stelzen auf einem großen Strandabschnitt. Damit, hatte Tum ihrem neuen Chef erklärt, müsse man vor allem werben: kinderfreundlicher Strand, weil flach.
Tum horchte auf. Ein Geräusch, erst ein Rauschen, dann ein Dröhnen. Tum ging zum Fenster und sah eine Wand auf sich zurollen, aus Wasser, graubraun, malmend.
Im ersten Moment, sagt Tum heute, dachte ich an meinen Freund. Ich wollte, dass er da ist, dass er mir hilft. Ich war fast wütend, dass er mich nicht beschützt. Aber er war ja im Hafen, ich wusste es ja, er arbeitete an einem Boot.
Ich denke an ihn, sagt Tum, täglich.
Tum schleuderte ihre Schuhe ab, rannte zum Ausgang, sprang auf ihr Honda-Moped. Sie trat den Kickstarter, das Wasser jetzt nur noch wenige Meter hinter ihr, Tum sah ihren Chef, lenkte auf ihn zu, er sprang auf, während der Fahrt, die kleine Maschine schlingerte, drohte zu rutschen, aber Tum gab Gas, duckte sich weit über den Lenker, weg, nur weg.
Tum fuhr einen Hügel hinauf. Ihr Chef schrie, weinte und wollte zurück zum Strand. Tum hielt ihn fest, sie wusste, es würde tödlich sein.
Tum begann noch am selben Tag, nach ihrem Freund zu suchen. Zwei Tage darauf erfuhr sie von seinem Tod. Sie identifizierte seine Leiche, sie organisierte und bezahlte die Verbrennungszeremonie. Er war ein freundlicher Mann, sagt sie, wir wären glücklich geworden. Sie schreibt seinen Namen auf ein Blatt Papier: Kitnanon Panwan.
Nach kurzem Zögern greift sie abermals zu dem Papier, schreibt sorgsam vor den Namen: Mr - für Mister.
Maem, das Zimmermädchen aus dem Fischerdorf, fegte im Haus 1105, Typ Deluxe Garden Bungalow, als die Welle kam. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und zwei Falangs, Touristen, stürzten herein. Sie knallten die Tür hinter sich zu. Maem wunderte sich, die beiden hielten sich an den Händen und sahen erschrocken aus. Ein großer Mann, er sagte etwas zu seiner Frau in der fremden Sprache, es klang laut und nervös. Maem lächelte unsicher. Kurz darauf zersplitterte die gläserne Terrassentür. Es war Maems Glück, dass die Flut das Dach des Bungalows abriss. Als das Wasser sie emportrug, konnte sie einen Dachbalken packen und auf den Giebel klettern.
Maem war bis auf Kratzer unverletzt. Sie hielt sich am Dach fest, bis die Flut abzog, watete aus dem zertrümmerten Palm Beach Resort, kletterte einen Hügel hinauf. Maem half dann und an den folgenden Tagen ihren verwundeten Landsleuten, den blutenden Touristen, sie tröstete, verpflasterte, sie besorgte Trinkwasser, beruhigte schreiende Kinder.
In extremen Stresssituationen konfiguriert sich das menschliche Gedächtnis neu. Die erlebten Details werden undeutlich, ein allgemeines Angstgefühl überwiegt. Maem hat bis heute denselben Traum, anfangs jede Nacht: Das Wasser ist hinter ihr, sie rennt, Treppen, Wege, sie springt auf Tische, sie will fliegen, aber es geht nicht. Maem hat seitdem keinen Fuß ins Meer gesetzt.
Guido Platzer und Anja Hensel erlebten die dramatischsten Momente ihres Lebens gemeinsam. Seit jenem Tag haben sie immer wieder die Ereignisse durchgesprochen - sich gegenseitig Psychiaterdienste geleistet und so auch die Erinnerung immer tiefer und detaillierter eingebrannt.
Sie bereiteten sich an jenem Morgen für den Strand vor. Beide waren nackt, rieben sich mit Sonnenöl ein, Guido hatte den Rucksack bereits gepackt, Handtücher, ein Mankell-Krimi, "Die Hunde von Riga".
Anja Hensel, 33 Jahre jung, dunkelblond, Angestellte einer Software-Firma in Hannover, und Guido Platzer, 35, aus Wien, Philips-Manager, waren nach Thailand gekommen, weil sie herausfinden wollten, ob ihre Liebe für ein ganzes Leben reichen würde. Seit einem Jahr waren sie schon zusammen, lebten in entfernten Städten, sahen sich nur am Wochenende.
Wir waren schon auch romantisch, sagt Anja Hensel, aber auch skeptisch.
Man hat halt gescheiterte Beziehungen hinter sich, ist ja logisch, sagt Guido Platzer.
In Bungalow 1130 griff Guido Platzer nach seiner Badehose, Anja Hensel nach dem neuen lachsfarbenen Rock, als sie ein seltsames Geräusch hörten. Es klang wie ein Putzwagen, der den Berg herunterscheppert. Anja Hensel spähte hinaus, sah eine Schlammwalze, Wasserwalze, 20 Meter entfernt, grauschwarz, das Meer kam sie holen.
Vor dem Meer hatte ich immer Angst, sagt Anja. Ich bin zwar sportlich, aber Tauchen war zum Beispiel völlig ausgeschlossen. Schon bei der Vorstellung, mein Gesicht unter Wasser zu haben, werde ich panisch.
Der Ansturm des Wassers drückte die gläserne Terrassentür aus den Angeln. Anjas Schrei gefror in der Luft, sie drehte sich um zu ihrem Freund. Guido stand am Fernseher, die schwarze Badehose noch in der Hand, bis zu den Hüften schon im Wasser, und der Pegel stieg rasend schnell.
Sie habe augenblicklich, sagt Anja Hensel heute, mit ihrem Leben abgeschlossen. Und sie dachte noch: Schade, sehr schade um unsere Liebe.
Das Wasser spülte Anja Hensel vor sich her, durch eine Tür hindurch, in das anliegende Badezimmer. Sie konnte zwar nichts sehen, drückte sich aber nach oben ab, spürte plötzlich einen scharfen Schmerz in der Brust.
Der ganze Bungalow war mit Wasser voll gelaufen. Auch Guido schaffte es, ins anliegende Badezimmer zu gelangen. Hier konnte er erstmals Luft schnappen, in einem schmalen Spalt, zehn Zentimeter, doch er musste den Kopf zurücklegen, um zu atmen, die Lippen streiften bereits die Zimmerdecke, das Wasser stieg.
Aber Anja lebte, sie war neben ihm. Platzer, Sporttaucher, Skifahrer, Langstreckenläufer, dreimal die Woche im Kraftraum, blieb besonnen und hatte Reserven. Er wusste, dass sie einen Ausweg finden mussten. Das Fenster.
Platzer tauchte zum Badezimmerfenster, trotz der vollkommenen Dunkelheit, die die beiden umschloss, das schlammigschwarze Wasser stand draußen höher als das Fenster, fast bis zu den Bungalow-Dächern. Guido Platzer schaffte es, das Fenster aus der Verankerung zu hebeln. Er bekam Anja zu fassen, schob sie vor sich durch die Fensteröffnung, so schwammen sie nach oben und kletterten auf das Dach des Bungalows. In Anjas Brust steckt ein Holzsplitter, bleistiftdick und zentimetertief. Guidos linker Knöchel war zerschmettert, der Knochen ragte heraus, weiß und glänzend, Wade und Fuß sahen zerhackt aus. Das Blut pulste in eiligen Stößen.
Sie saßen auf dem Dach. Hörten Schreie. Trümmer trieben auf dem Wasser, entwurzelte Bäume, Leichen. Dann: ein Krachen. Ein Baumstamm, die Äste scharfkantig abgebrochen, wurde hochgehebelt, schlug aufs Dach, ein Aststrunk, scharf wie
ein Fahrtenmesser, zerschlitzte seine Schulter, zwölf Zentimeter lang, drei Zentimeter tief. Kein Schmerzempfinden.
Wir müssen weg hier, sagte Anja, zur Straße. Dort stoppte sie einen Wagen, ein Thailänder raste mit den beiden nach Patong, ins Krankenhaus.
Die Straße nach Patong war die immanente Grenze von Khao Lak, das Paradies war in Wahrheit eine Doppelwelt: links Whirlpools, rechts Wellblech. Auf der Meeresseite der Nationalstraße 4 ragten die Hotels auf, Festungen des Müßiggangs, manche fünfsternig wie das noble "Le Meridien", die meisten im mittleren Segment wie das Palm Beach. Auf der anderen Seite, am Saum des Dschungels und der Kautschukplantagen, standen die Hütten und Häuser der Thailänder - die morgens unauffällig in die Hotels schwärmten, um Blumen zu gießen und Currys zu kochen. Die soziale Trennlinie zwischen diesen Welten wurde von beiden Seiten bereitwillig akzeptiert. Die Thailänder genierten sich ihrer Armut und wollten nicht wirklich, dass die Falangs ihnen ins Wohnzimmer starren. Den Urlaubern wiederum genügte es, gelegentlich an einer Bude eine scharfe Suppe zu essen und so das authentische Thailand zu kosten. Mehr musste nicht sein. Schließlich wollte man braun werden und sich nicht den Magen verderben.
Der Tsunami an jenem Tag mischte alles auf. Er entwurzelte Palmen, zersplitterte Möbel, trug Dächer ab und verwirbelte die sozialen Grenzen, die Toten und Überlebenden aller Länder. Alle waren plötzlich gleich auf dieser Straße.
Tum, die Managerin, Maem, das Zimmermädchen, Guido Platzer und Anja Hensel, die Touristen aus Europa, hatten überlebt. Für sie alle begann eine Zeit der Panikattacken, der Träume und Geister. Und dazwischen, unwirklich und flackernd, das Gefühl von Dankbarkeit.
Tum, die Managerin, hatte ihren Freund verloren, ihr Arbeitsplatz, das Green Diamond, war verwüstet. Sie verbrachte die ersten zwei Tage und Nächte bei einer Freundin, jede Nacht träumte sie von Geistern, die zu ihr ins Zimmer traten und sich auf sie legten, und immer musste sie die Toten von sich wegschieben und erklären, dass sie lieber allein im Bett schlafen wolle. Und bald fuhr auch ihr toter Freund in den Träumen vor, er fuhr den roten Nissan, den sie gemeinsam gekauft hatten, er winkte ihr zu.
Um nicht verrückt zu werden vor Einsamkeit und Trauer, machte Tum sich am übernächsten Tag auf zum Palm Beach. Sie übernahm es, in den folgenden Wochen die Hotelsafes hinter der Rezeption zu bewachen, denn inzwischen gingen Plünderer um. Dank Tum blieben die Safes unversehrt, bis sie unter Polizeiaufsicht geöffnet wurden - so dass nach einem halben Jahr Anja Hensel tatsächlich ihre eingelagerten Travellerschecks zurückbekam. Später wurde das Palm Beach zur Notunterkunft für Helfer.
In den folgenden Monaten wurde Khao Lak aufgeräumt, aufgebaut. Die Touristen waren ausgeflogen. An ihrer Stelle kamen die "Freunde von Salem" aus Deutschland. Eine Studentenabordnung aus Singapur. Die Freimaurerloge aus Australien. Rotarier aus Italien und Frankreich.
Das "Rajaprajanugroh"-Waisenhaus wurde gebaut, für 660 Kinder, von denen viele nachts schweißgebadet aufwachen und nach ihren Eltern schreien. Im Palm Beach rief der Besitzer seine Belegschaft zusammen: Er habe seine Frau, seine beiden Töchter, seinen Sohn verloren, sagte er - aber er wolle dennoch weitermachen. Tum setzte er als Managerin ein. Die Mönche kamen ins Hotel, um die aufgebrachten Geister der Toten mit Gesängen zu beruhigen. Die Straße wurde neu asphaltiert. Khao Lak wollte wieder sein, was es gewesen war, das bessere Thailand.
Aber es gelingt nicht.
Etwa 20 Prozent der Hotels sind wieder aufgebaut. Deren Auslastung, bis auf die zwei Hochsaisonwochen um Weihnachten, liegt oft nur bei zehn Prozent. Die Tourismusunternehmer von Khao Lak beschweren sich: Für Patong wurde geworben, für Khao Lak nicht, die Tourism Authority of Thailand gesteht bedrückt ihr Versäumnis ein. Unlängst gab es zwei Tsunami-Alarme in Khao Lak, die Sirenen jaulten, die Menschen stürmten in Panik die Berge hinauf. Der Direktor des Tsunami-Warnzentrums entschuldigte sich später, ein Techniker habe den falschen Knopf gedrückt. Es war nicht der Knopf, sagen manche, es waren die Geister, sie haben Khao Lak verzaubert.
Für die Überlebenden ist es gleichfalls, als hätte man in ihrem Leben einen unbekannten Knopf gedrückt. Tum und ihr Freund wollten eine gemeinsame Zukunft; Tum hat diesen Traum begraben, sie macht weiter, immer weiter, wie unter Schock.
Anja Hensel und Guido Platzer fuhren nach Khao Lak, um herauszufinden, ob sie sich ihrer Liebe sicher sein könnten. Sie fanden es heraus: nicht in einer milden Tropennacht am Strand, sondern in einem Badezimmer, das mit stinkendem Wasser voll lief. Aber sie fanden unter Lebensgefahr eine Klarheit und Sicherheit, die ihnen zuvor fehlte. Es habe ihm nichts ausgemacht, erzählt Guido Platzer heute, seine Karriere bei Philips aufzugeben. Sie müssten jetzt glücklich werden, das seien sie dem Schicksal schuldig. Ich glaube, ich habe gelernt, was wichtig ist im Leben.
Und das wäre?
Das Leben selbst ist wichtig, sagt er.
Die physischen Wunden sind verheilt bei den beiden, die gelegentlichen Panikattacken und Depressionen abgeklungen. Im nächsten Jahr wollen sie nach Khao Lak reisen, ins Palm Beach Resort, sie wollen die Patenschaft für ein Kind aus Khao Lak übernehmen.
Maem, das Zimmermädchen, kündigte. Der Tsunami habe sie gelehrt, sagt sie, dass alle Menschen gleich seien, ob Touristen oder Einheimische. Maem hatte zwar als Zimmermädchen gearbeitet, aber sie hegte stets den Wunsch, ein eigenes Business anzufangen, obwohl sie wenig Kapital hat, obwohl sie Angst hat, es könnte schief gehen, weil die Geister eifersüchtig sein können. Man muss die Geister respektieren, sagt Maem, sie sind gefährlich.
Sind sie auch allmächtig?
Sie lässt sich den Ausdruck übersetzen. Denkt nach. Nein, sagt sie, das nicht.
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 52/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TSUNAMI:
Das Hotel der Geister

Video 01:12

Dashcam-Video Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch

  • Video "Anklage eines Fahrlehrers: Zur Unselbstständigkeit erzogen" Video 04:22
    Anklage eines Fahrlehrers: "Zur Unselbstständigkeit erzogen"
  • Video "Streit um Grenzmauer: Das muss gestoppt werden" Video 02:27
    Streit um Grenzmauer: "Das muss gestoppt werden"
  • Video "Endlich verständlich: Wann kann in den USA der Notstand ausgerufen werden?" Video 01:46
    Endlich verständlich: Wann kann in den USA der Notstand ausgerufen werden?
  • Video "Feuerwehreinsätze in Berlin: Alarm rund um die Uhr" Video 48:27
    Feuerwehreinsätze in Berlin: Alarm rund um die Uhr
  • Video "Twitter-Beef zwischen Kevin Kühnert und Herrn Wang: Arroganter Politikerschnösel!" Video 02:21
    Twitter-Beef zwischen Kevin Kühnert und Herrn Wang: "Arroganter Politikerschnösel!"
  • Video "Wladimir Putin: Malheur beim Judo" Video 00:44
    Wladimir Putin: Malheur beim Judo
  • Video "Amateurvideo: Kreuzfahrtschiff rammt Anleger" Video 01:17
    Amateurvideo: Kreuzfahrtschiff rammt Anleger
  • Video "Grenze USA-Mexiko: Lebensgefährliche Flucht" Video 01:47
    Grenze USA-Mexiko: Lebensgefährliche Flucht
  • Video "Airbus  A380: Scheitern eines Giganten" Video 02:33
    Airbus A380: Scheitern eines Giganten
  • Video "Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen" Video 01:14
    Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen
  • Video "Syrerin heiratet Deutschen: Wenn Liebe Grenzen überwindet" Video 05:09
    Syrerin heiratet Deutschen: Wenn Liebe Grenzen überwindet
  • Video "Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen" Video 01:14
    Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen
  • Video "Hohe Durchfallquote: Woran Fahrschüler scheitern" Video 02:25
    Hohe Durchfallquote: Woran Fahrschüler scheitern
  • Video "Auftragsflaute: Airbus stellt Produktion des A380 ein" Video 00:35
    Auftragsflaute: Airbus stellt Produktion des A380 ein
  • Video "Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch" Video 01:12
    Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch