23.12.2005

„Groteskes Stück“

Ein Jahr nach dem Tsunami wissen viele Hilfsorganisationen immer noch nicht, wie sie die Spendenmillionen verwenden sollen.
Das Gelände der ehemaligen Graf-Yorck-Kaserne liegt abgeschieden vor den Toren Soests, und es bietet reichlich Stauraum - um Sachen abzulegen, die niemand wirklich braucht. In Halle 45 beispielsweise sind etwa 3000 Pakete gestapelt. Zwischen den Paletten hockt ein riesiger roter Plüschelefant, in den Kartons stecken Videorecorder oder Spiegelreflexkameras.
Die gebrauchten Sachen sollten eigentlich zugunsten der Opfer des Tsunami per Ebay versteigert werden. Doch das Internet-Auktionshaus und die Deutsche Post stießen mit ihrer Aktion "Wir wollen helfen" an die Grenzen des logistisch Machbaren. 250 000 Pakete von hilfswilligen Spendern trudelten ein - einen Teil davon verschenkten die Firmen dann etwa an den Kreisverband Soest des Deutschen Roten Kreuzes. Der will sie nun als "Füllmaterial" auf Lastwagen packen, die mit Hilfsgütern nach Weißrussland fahren. Sicher braucht dort jemand einen Plüschelefanten.
Dass eine überbordene Spendenbereitschaft auch zur Belastung werden kann, mussten kurz nach dem Tsunami vor einem Jahr nicht nur die Amateurhelfer von Ebay und Post feststellen. Auch Vertreter professioneller Hilfsorganisationen wie der Caritas sprechen auf Veranstaltungen zum Jahrestag des Seebebens nun vom "Spenden-Tsunami", der manche einfach überrollt habe. "Es ist sehr viel Gutes mit den Spenden gemacht worden, aber es ist auch Geld verschleudert worden", sagt Thomas Gebauer, Geschäftsführer von Medico International.
Aufgeschreckt von den apokalyptisch anmutenden Bildern, spendeten Bundesbürger Hilfsgüter und Geld wie noch nie. So kam die Rekordsumme von 670 Millionen Euro zusammen - und damit mehr Geld, als manche Helfertruppe sinnvoll ausgeben konnte (siehe Grafik).
Die "Aktion Deutschland hilft", ein Zusammenschluss mehrerer Hilfsorganisationen, hat noch rund 80 Millionen Euro Tsunami-Spenden in Reserve, das Deutsche Rote Kreuz parkte etwa 30 Millionen auf Tagesgeldkonten.
Die Spendenflut stellte besonders kleine Hilfsorganisationen vor ein ungewohntes Problem: Wohin mit dem ganzen Geld? Vielen sei es darum gegangen, den Spendern schnell Ergebnisse präsentieren zu können, sagt Heinz Peters, Tsunami-Koordinator der Deutschen Welthungerhilfe. "Wir hatten anfangs einen Kampf um besonders prestigeträchtige Projekte", bilanziert auch ein Helfer von Terre des Hommes. Kein Wunder, bei der Arbeit in Sri Lanka stießen seine Kollegen auf Mitarbeiter von etwa tausend anderen Hilfsorganisationen.
Um in dem Wettkampf bestehen zu können, widmeten sich viele Organisationen zunächst den Fischern, deren Häuser und Boote die Flutwelle zerschmettert hatte. So wurden in Indien vorschnell Hunderte Katamarane angeschafft - die für den Fischfang viel zu instabil sind. In manchen Fischergemeinden gebe es jetzt so viele Boote, dass die Überfischung der Küstengewässer und ein Überangebot auf den Märkten drohe, sagt Gebauer.
Einheimische in Sri Lanka klagen zudem über Häuser, die hastig ohne Baugenehmigung errichtet wurden - und nun wieder abgerissen werden müssen. Staunend ste-
hen sie auch vor Bergen gebrauchter Wintermäntel, die in dem Tropenland keiner tragen mag.
Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, glaubt, dass die Bundesregierung den Wettkampf unter den Helfern noch verschlimmert habe. Es sei ein "groteskes Tollhausstück" gewesen, dass der Kanzler blitzschnell 500 Millionen Euro zusagte und Deutschland mit Abstand an die Spitze der Geberländer setzte: Japan spendierte 378 Millionen Euro, die USA 265 Millionen.
Viel klüger wäre es, wenn der Staat die Höhe des privaten Spendenaufkommens künftig abwarten und sich dann antizyklisch verhalten würde, glaubt Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbands. So ließe sich mangelnde private Spendenbereitschaft - wie nach dem Erdbeben in Pakistan - besser ausgleichen. Bisher kamen für die Menschen im Himalaja vergleichsweise bescheidene 50 Millionen Euro zusammen. Die Hilfsorganisationen dürfen jedoch ihre Tsunami-Gelder nicht nach Pakistan umleiten, denn die Spenden wurden meist ausdrücklich für Opfer des Seebebens gesammelt und sind damit zweckgebunden.
Den Schritt, den die Ärzte ohne Grenzen machten, wollten viele nicht mitgehen. Als die Mediziner 110 Millionen Euro aus aller Welt für die Nothilfe im Tsunami-Gebiet auf ihren Konten hatten, baten sie ihre Spender, die Zweckbindung aufzuheben. Die meisten stimmten zu - die Ärzte haben nun fast 80 Millionen Euro für die Arbeit in nicht so populären Krisengebieten übrig. GUIDO KLEINHUBBERT
* Am 3. Januar auf Sat.1.
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 52/2005
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